ACHTUNDFÜNFZIGSTES KAPITEL
Das Ende des
Spiels
Dann entdeckte ich Raven.
»Dieser verdammte Idiot.«
Humpelnd stützte er sich auf Case. In der Hand hielt er ein
blankgezogenes Schwert. Seine Miene war starr.
Das bedeutete Ärger. Sein Schritt war nicht so schwächlich, wie er
es vortäuschte. Man brauchte kein Genie zu sein, um zu erkennen,
was er vorhatte. In seiner einfachen Denkweise machte er Darling
gegenüber alles wieder gut, indem er ihre große Gegnerin
besiegte.
Das Zittern kehrte zurück, aber diesmal nicht aus Angst. Wenn nicht
jemand irgendetwas tat, stand ich genau zwischen den Fronten. Genau
dort, wo ich eine Entscheidung treffen und handeln mußte, und
nichts, was ich tat, würde irgendjemanden glücklich machen. Ich
versuchte mich abzulenken, in dem ich den Verband der Lady
überprüfte. Schatten fielen auf uns. Ich sah auf in Schweigers
kalte Augen, in Darlings barmherzigeres Gesicht. Schweiger warf
einen verstohlenen Blick in Ravens Richtung. Auch er stand zwischen
den Fronten.
Die Lady krallte sich in meinen Arm. »Heb mich hoch«, sagte sie.
Das tat ich. Sie war so schwach wie ein Kätzchen. Ich mußte sie
stützen. »Noch nicht«, sagte sie zu Darling, als ob Darling sie
hören konnte. »Noch ist er nicht besiegt.«
Mittlerweile hatten sie dem Dominator einen Arm und ein Bein
abgehackt. Sie flogen auf den Scheiterhaufen. Tracker klammerte
sich fest, damit sie am Nacken des Dominators sägen konnten. Goblin
und Einauge hielten sich in der Nähe auf, warteten auf den Kopf und
waren zur rasenden Flucht bereit. Einige Gardisten pflanzten den
Sohn des Baumes ein. Über der Szene schwebten Windwale und Rochen.
Mit Unterstützung der Unterworfenen trieben weitere Truppen Köter
Krötenkiller und die Stammeskrieger durch die Wälder. Raven kam
näher. Und ich war immer noch nicht näher an meinem Entschluß, auf
wessen Seite ich stand.
Dieser Hurensohn von Dominator war zäh. Er tötete ein gutes Dutzend
Männer, bevor sie ihn auseinanderhackten. Und dann war er noch
nicht einmal tot. Wie beim Hinker lebte auch sein Kopf weiter.
Nun kam Goblins und Einauges Auftritt. Goblin schnappte sich den
noch lebenden Kopf, ließ sich nieder und klemmte ihn zwischen die
Knie. Einauge hämmerte einen sechs Zoll
langen Silbernagel durch die Stirn in
das Gehirn. Die Lippen des Dominators formten
fortwährend Flüche.
Der Nagel würde seine verkommene Seele fesseln. Der Kopf würde ins
Feuer wandern. Sobald es heruntergebrannt war, würde der Nagel
herausgeholt und in den Stamm des Sohnes des Baumes geschlagen
werden. Was bedeutete, daß ein finsterer Geist eine Million Jahre
lang gefangen sein würde.
Gardisten brachten auch Teile des Hinkers zum Feuer. Allerdings
fanden sie seinen Kopf nicht wieder. Die feuchten Wände des
Grabens, aus dem der Drache sich erhoben hatte, waren darüber
zusammengebrochen.
Goblin und Einauge legten Feuer an den Scheiterhaufen. Die Flammen
sprangen empor, als freuten sie sich über ihre Aufgabe. Der Bolzen
des Hinkers hatte die Lady zwischen der linken Brust und dem linken
Schlüsselbein getroffen und war zehn Zentimeter neben dem Herzen
eingedrungen. Ich gestehe einen gewissen Stolz, ihn unter so
furchtbaren Umständen herausgezogen zu haben, ohne sie dabei
umzubringen. Allerdings hätte ich ihren linken Arm fixieren sollen.
Diesen Arm hob sie jetzt und griff nach Darling. Schweiger und ich
wurden davon überrascht. Aber nur einen Augenblick lang. Die Lady
zog Darling zu sich. Sie hatte keine Kraft mehr, also muß Darling
in gewisser Weise zugelassen haben, daß sie sie heranzog. Dann
flüsterte sie: »Der Ritus ist vollständig. Ich nenne deinen wahren
Namen, Tonie Fisk.« Darling schrie stumm auf.
Das Nullfeld begann nachzulassen.
Schweigers Miene verdüsterte sich. Eine scheinbare Ewigkeit blieb
er unter sichtlichen Qualen stehen, hin- und hergerissen zwischen
einem Schwur, einer Liebe, einem Haß, vielleicht auch der
Vorstellung von einer Hingabe an eine höhere Pflicht. Tränen zogen
ihre Spuren über seine Wangen. Mir wurde ein alter Wunsch erfüllt,
und dabei hätte ich fast selbst geweint.
Er sprach. »Das Ritual ist vollendet.« Es fiel ihm schwer, die
Worte zu bilden. »Ich nenne deinen wahren Namen, Dorotea Senjak.
Ich nenne deinen wahren Namen, Dorotea Senjak.« Ich dachte schon,
daß er ohnmächtig zusammensinken würde. Aber das tat er nicht. Die
Frauen dagegen schon.
Raven kam immer näher. Also hatte ich noch weitere Probleme über
all dem Kummer. Schweiger und ich starrten einander an. Ich
vermute, daß meine Miene genauso gequält aussah wie seine. Dann
nickte er unter Tränen. Zwischen uns war Frieden. Wir knieten
nieder und lösten die Frauen voneinander. Er machte ein besorgtes
Gesicht, als ich nach Darlings Hals tastete. »Sie wird sich wieder
erholen«, sagte ich zu ihm. Das traf auch auf die Lady zu, aber das
war ihm gleich.
Immer noch frage ich mich, wieviel jede
der beiden Frauen in diesem Augenblick erwartet
hatte. Wieviel sie dem Schicksal überantworteten. Dies war ihr Ende
als Mächte in der Welt. Darling hatte kein Nullfeld mehr. Die Lady
hatte keine Magie. Sie hatten sich gegenseitig neutralisiert.
Ich hörte Schreie. Teppiche regneten herab. All diese Unterworfenen
waren von der Lady unterworfen worden, und nach den Geschehnissen
auf der Steppe hatte sie sichergestellt, daß ihr Schicksal auch zu
dem ihrigen wurde. Also löste sich ihre Macht nun auf, und sie
waren bald darauf tot.
Auf diesem Schlachtfeld gab es nicht mehr viel Magie. Auch Tracker
war erledigt; der Dominator hatte ihn zu Tode zerfleischt. Ich
glaube, er starb glücklich. Aber noch war es nicht zu Ende. Nein.
Da war noch Raven. Zwanzig Meter von mir entfernt ließ er Case los
und kam wie ein Rachegott näher. Sein Blick war auf die Lady
gerichtet, obwohl man an seinem Gang schon sehen konnte, daß er
eine Schau abzog, daß er eine Tat begehen wollte, durch die er
Darling zurückgewinnen konnte.
Nun, Croaker? Kannst du das zulassen?
Die Hand der Lady erbebte in meiner. Ihr Puls war schwach, aber
noch vorhanden. Vielleicht…
Vielleicht bluffte er nur.
Ich nahm meinen Bogen und den Pfeil auf, den ich aus dem Hinker
gezogen hatte. »Bleib stehen, Raven.«
Er tat nichts dergleichen. Ich glaube, er hörte mich gar nicht. O
verdammt. Wenn er nicht stehenblieb… Es spitzte sich allmählich zu.
»Raven!« Ich spannte den Bogen.
Er blieb stehen. Er starrte mich an, als ob er sein Gedächtnis
durchstöbern müßte, wer ich eigentlich war.
Das gesamte Schlachtfeld erstarrte. Aller Augen waren auf uns
gerichtet. Schweiger setzte Darling wieder ab, nahm ein Schwert auf
und stellte sicher, daß er sich zwischen ihr und möglichen
Gefahrenquellen befand. Fast war es erheiternd, wie wir wie
Zwillinge Frauen beschützten, deren Herzen wir niemals gewinnen
konnten. Einauge und Goblin schoben sich langsam in unsere
Richtung. Ich wußte nicht, auf wessen Seite sie standen. Das war
mir auch egal, sie sollten sich bloß nicht einmischen. Das hier
durfte nur zwischen Raven und Croaker ausgetragen werden. Verdammt.
Verdammt. Verdammt. Warum konnte er sich nicht einfach
zurückziehen? »Es ist vorbei, Raven. Es wird kein weiteres Töten
mehr geben.« Ich glaube, meine Stimme wurde immer höher. »Hast du
gehört? Wir haben verloren und gewonnen.«
Er sah Schweiger und Darling an, nicht
mich. Und tat einen weiteren Schritt.
»Willst du denn unbedingt als nächster
sterben?« Verdammt, niemand hatte ihn jemals
bluffen können. Konnte ich es? Vielleicht mußte ich das. Einauge
blieb in einem vorsichtigen Abstand von drei Metern stehen. »Was
machst du da eigentlich, Croaker?«
Ich begann zu zittern. Am ganzen Leib, nur nicht in den Händen und
den Armen, obwohl mir allmählich die Schultern von der Anstrengung
schmerzten, den Pfeil auf der gespannten Sehne zu halten. »Was ist
mit Elmo?« fragte ich. Vor lauter Gefühlen schnürte sich mir die
Kehle zu. »Was ist mit dem Leutnant?«
»Vorbei«, erwiderte er und sagte mir damit, was ich in meinem
Herzen schon gewußt hatte. »Tot. Warum nimmst du nicht den Bogen
herunter?« »Wenn er das Schwert fallen läßt.« Elmo war seit mehr
Jahren, als ich zählen mochte, mein bester Freund gewesen. Tränen
stiegen auf und verschleierten mir den Blick. »Sie sind tot. Also
geht der Befehl auf mich über, nicht wahr? An den ranghöchsten
überlebenden Offizier? Oder? Mein erster Befehl lautet, daß wir
jetzt Frieden haben. Und zwar ab sofort. Sie hat das möglich
gemacht. Sie hat sich dafür aufgegeben.
Niemand rührt sie jetzt noch an. Nicht, solange ich lebe.«
»Dann werden wir das eben ändern«, sagte Raven. Er setzte sich in
Bewegung. »Verdammter halsstarriger Idiot!« kreischte Einauge. Er
stürzte auf Raven zu. Hinter mir hörte ich Goblin heranhetzen. Zu
spät. Beide kamen zu spät. Raven hatte noch viel mehr Feuer in
sich, als irgendjemand vermutet hätte. Und er war mehr als nur ein
bißchen verrückt. »Nein!« schrie ich auf und schoß.
Der Pfeil traf Raven in die Hüfte. In eben jene Seite, die er die
ganze Zeit als verkrüppelt ausgegeben hatte.
Während er noch stolpernd zu Boden ging, zeigte sein Gesicht
Erstaunen. Da lag er, sein Schwert anderthalb Meter von ihm
entfernt. Er blickte zu mir auf und konnte es nicht fassen, daß ich
letzten Endes doch nicht geblufft hatte. Ich konnte es selbst kaum
glauben.
Case schrie auf und wollte mich anspringen. Ich sah ihn kaum an,
als ich ihm mit dem Bogen eins über den Schädel zog. Er wich
taumelnd zurück und kümmerte sich dann um Raven.
Wieder herrschten Schweigen und Reglosigkeit. Alle sahen mich an.
Ich schlang mir den Bogen über die Schulter. »Flick ihn wieder
zusammen, Einauge.« Ich humpelte zur Lady, kniete nieder, hob sie
auf. Für jemanden, der so furchterregend gewesen war, kam sie mir
unglaublich leicht und zerbrechlich vor. Ich folgte Schweiger zu
den Überresten der Stadt. Die Baracken brannten immer noch. Wir
beide machten schon einen seltsamen Eindruck, wie wir die Frauen
durch die Landschaft schleppten. »Heute abend trifft sich die
Schar«, warf ich über die Schulter zu unseren Überlebenden zurück.
»Ihr werdet alle erscheinen.«
Ich hätte nicht für möglich gehalten,
wozu ich noch fähig war. Ich trug sie den ganzen Weg
zum Blauen Schniedel. Und nicht einen Augenblick lang schmerzte
mich mein Knöchel, bis ich
sie absetzte.