ZWÖLFTES KAPITEL
Die Schreckenssteppe

Ich hatte Wache. Mein Magen schmerzte und lag mir wie Blei im Bauch. Den ganzen Tag waren Punkte weit oben am Himmel umhergehuscht. Jetzt waren wieder zwei dort und flogen Streife. Die ständige Anwesenheit der Unterworfenen verhieß nichts Gutes. In der Nähe zogen zwei Rochenpaare durch die Nachmittagsluft. Sie kreisten in den Aufwinden hinauf, zogen in langen Bögen wieder herunter, verhöhnten die Unterworfenen und versuchten sie über die Feldgrenze zu locken. Sie konnten Außenseiter nicht leiden. Diese hier sogar noch weniger als alle anderen, denn diese hätten sie zermalmt, wäre nicht Darling gewesen - und sie war ebenfalls eine Außenseiterin. Auf der anderen Seite des Baches zogen einige Wanderbäume entlang. Die toten Menhire glänzten; normalerweise wirkten sie eher stumpf. Auf der Steppe braute sich etwas zusammen. Etwas, dessen Bedeutung kein Außenseiter ganz zu erfassen vermochte. Ein großer Schatten zog über die Wüste. Weit oben schwebte ein Windwal und forderte die Unterworfenen heraus. Ab und zu war ein kaum vernehmbares tiefes Brüllen zu hören. Ich hatte noch nie einen von ihnen reden hören. Das tun sie nur, wenn sie zornig sind. In den Korallen säuselte und wisperte eine Brise. Altvater Baum sang einen Chor für den Windwal.
Hinter mir sprach ein Menhir. »Bald kommen eure Feinde.« Ich erschauerte. Seine Worte erinnerten mich an einen Albtraum, der mich in letzter Zeit heimgesucht hat. Hinterher fallen mir die Einzelheiten nicht mehr ein, aber ich weiß, daß er voller Schrecken gewesen ist. Ich lehnte es ab, mich von dem verschlagenen Stein durcheinanderbringen zu lassen. Jedenfalls nicht allzusehr.
Was sind sie? Woher sind sie gekommen? Warum unterscheiden sie sich von anderen Steinen? Und was das angeht, warum ist die Steppe als solche so lachhaft anders? Warum so kriegerisch? Wir werden hier nur geduldet und stehen im Bündnis gegen einen übermächtigen Feind. Wenn die Lady vernichtet wäre, würde man schon sehen, wie sich unsere Freundschaft entwickelt.
»Wie bald?«
»Wenn sie bereit sind.«
»Genial, alter Felsen. Wirklich erleuchtend.« Mein Sarkasmus blieb nicht unbemerkt, lediglich unkommentiert. Die Menhire haben eine eigene Auffassung von Sarkasmus und scharfen Zungen. »Fünf Heere«, sagte die Stimme. »Sie werden nicht lange warten.« Ich zeigte zum Himmel hinauf. »Die Unterworfenen tummeln sich nach Belieben. Ohne daß

ihnen Einhalt geboten wird.«
»Sie haben niemanden herausgefordert.« Richtig. Aber eine schwache Entschuldigung. Verbündete sollten auch Verbündete sein. Zudem erachten Windwale und Rochen das bloße Erscheinen über oder auf der Ebene als ausreichende Herausforderung. Mir kam der Gedanke, daß die Unterworfenen sie vielleicht bestochen hatten. »Das nicht.« Der Menhir war vorgerückt. Sein Schatten fiel auf meine Fußspitzen. Endlich sah ich zu ihm auf. Dieser hier war nur drei Meter hoch. Ein richtiger Winzling. Er hatte meine Gedanken erraten. Verdammt. Er fuhr fort, mir zu sagen, was ich bereits wußte. »Aus einer Position der Stärke heraus zu handeln, ist nicht immer möglich. Gebt acht. Man hat die Völker aufgefordert, eure Duldung auf der Steppe zu überdenken.«
Ah ja. Dieser gesprächige Klotz war also ein Bote. Die Eingeborenen bekamen es mit der Angst zu tun. Einige dachten, daß sie sich Ärger ersparen könnten, wenn sie uns vor die Tür setzten.
»Ja.«
Der Ausdruck »Völker« beschreibt das Parlament der Spezies, das hier die Entscheidungen trifft, nicht so recht, aber mir fällt keine bessere Bezeichnung ein. Wenn man den Menhiren Glauben schenken kann - und sie lügen nur durch Auslassung oder durch indirekte Andeutungen -, dann leben mehr als vierzig intelligente Spezies auf der Schreckenssteppe. Von diesen kenne ich die Menhire, die Wanderbäume, die Windwale und die Rochen, eine Handvoll Menschen (die sich in Primitive und in Eremiten aufteilen), zwei verschiedene Echsenarten, einen bussardähnlichen Vogel, eine weiße Riesenfledermaus und ein ausgesprochen seltenes Vieh, das wie ein umgekehrt zusammengesetzter Kamelzentaur aussieht. Damit meine ich, daß die menschliche Hälfte das Hinterteil bildet. Die Kreatur läuft mit dem Körperteil voran, den die meisten als ihren Hintern ansehen würden. Zweifellos bin ich auch schon anderen begegnet, ohne sie zu erkennen. Goblin sagt, daß es auch noch einen kleinen Felsenaffen gibt, der mitten in den großen Korallenriffen lebt. Er behauptet, daß er wie eine Kleinausgabe von Einauge aussieht. Goblin kann man aber nicht trauen, sofern es um Einauge geht. »Ich habe den Auftrag, eine Warnung zu erteilen«, sagte der Menhir. »Fremde sind auf der Steppe.«
Ich fragte nach. Als er nicht antwortete, drehte ich mich gereizt um. Er war weg. »Verflixter Stein…«
Am Eingang zum Loch standen Tracker und seine Töle und beobachteten die Unterworfenen.
Ich hatte erfahren, daß Darling Tracker einer gründlichen Befragung unterzogen hatte. Ich war nicht dabei gewesen. Sie zeigte sich zufrieden. Ich hatte eine Auseinandersetzung mit Elmo. Elmo mochte Tracker. »Der erinnert mich an

Raven«, sagte er. »Von Ravens Sorte könnten wir ein paar hundert gebrauchen.«
»Mich erinnert er auch an Raven. Und das gefällt mir eben nicht.« Aber was nützt schon ein Streit? Man kann eben nicht jeden mögen. Darling glaubt, daß er in Ordnung ist. Elmo glaubt es. Der Leutnant akzeptiert ihn. Warum sollte ich es anders halten? Verdammt, wenn er aus dem gleichen Holz geschnitzt ist wie Raven, dann kriegt die Lady ein Problem. Er wird bald genug auf die Probe gestellt werden. Darling denkt sich gerade etwas aus. Einen Präventivschlag, wie ich vermute. Möglicherweise gegen Rust. Rust. Wo der Hinker seine Stele errichtet hat. Der Hinker. Zurückgekehrt von den Toten. Ich hatte alles getan, außer die Leiche zu verbrennen. Vermutlich hätte ich das tun sollen. Verdammt noch mal. Was mir wirklich Angst einjagt, ist der Gedanke, daß er vielleicht nicht der einzige ist. Haben auch andere den anscheinend sicheren Tod überlebt? Warten sie irgendwo auf den rechten Augenblick, um die Welt in Erstaunen zu versetzen? Ein Schatten fiel auf meine Füße. Ich kehrte zu den Lebenden zurück. Tracker stand neben mir. »Du siehst verstört aus«, sagte er. Ich muß zugeben, daß er sich wirklich um größte Höflichkeit bemühte.
Ich sah zu den umherstreifenden Erinnerungen an den Krieg hinauf. Ich sagte: »Ich bin ein Soldat, der alt wird, und müde und verwirrt ist. Ich habe schon gekämpft, bevor du geboren wurdest. Und ich habe noch nicht gesehen, daß dabei irgendetwas gewonnen worden wäre.« Er setzte ein dünnes, fast verstohlenes Lächeln auf. Es beunruhigte mich. Mich beunruhigte alles, was er tat. Selbst sein verdammter Hund beunruhigte mich, und der tat nun wirklich nichts anderes als schlafen. Wie hatte er bei dieser Faulheit die Strecke von Oar bis hierher geschafft? Das wäre doch viel zu anstrengend gewesen. Ich könnte schwören, daß dieser Hund es noch nicht einmal beim Gang zum Freßnapf eilig hat. »Sei standhaft, Croaker«, sagte Tracker. »Sie wird unterliegen.« Seine Worte erklangen mit absoluter Überzeugung. »Sie hat nicht die nötige Stärke, um die Welt zu zähmen.« Da war es wieder, dieses Furchteinflößende. Ganz gleich, ob die Behauptung stimmte oder nicht, die Art und Weise, wie er sie aussprach, war erschreckend. »Wir werden sie alle in die Knie zwingen.« Er zeigte auf die Unterworfenen. »Sie sind nicht vom gleichen Schlag wie die alten ihrer Art.« Köter Krötenkiller nieste Tracker auf den Stiefel. Er sah nach unten. Ich dachte, daß er die Töle treten würde. Aber stattdessen bückte er sich und kraulte den Hund hinterm Ohr. »Köter Krötenkiller. Was für ein Name soll das eigentlich sein?« »Ach, das ist so eine Art Scherz aus alten Zeiten. Als wir beide noch viel jünger waren. Er hat ihm gefallen. Und jetzt besteht er darauf.« Tracker schien nur halb anwesend zu sein. Sein Blick war leer und starrte in die Weite, obwohl er die Unterworfenen im Auge behielt. Unheimlich.

Wenigstens gab er zu, einst jung gewesen zu sein. Darin fand sich ein Hinweis auf
menschliche Verwundbarkeit. Bei Typen wie Tracker und Raven ist es die scheinbare Unverwundbarkeit, die mich schlucken läßt.