NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Das Gräberland:
Damals
Der Oberst rief Case zu sich. Zitternd
stand er vor Sweets Schreibtisch. »Es gibt da ein paar Fragen, die
beantwortet werden müssen, Junge«, sagte Sweet. »Fang mal mit dem
an, was du über Corbie weißt.«
Case schluckte. »Jawohl, Sir.« Er erzählte. Und erzählte noch mehr,
als Sweet darauf beharrte, daß jedes Wort, das sie gewechselt
hatten, noch einmal durchgekaut wurde. Er berichtete alles, nur
nicht den Teil mit der Botschaft und dem Wachstuchpaket. »Seltsam«,
sagte Sweet. »Sehr seltsam. Ist das alles?« Case trat nervös von
einem Fuß auf den anderen. »Worum geht es hier eigentlich, Sir?«
»Sagen wir mal, es war schon interessant, was wir in dem Wachstuch
gefunden haben.« »Sir?«
»Offenbar handelt es sich um einen langen Brief, allerdings konnte
ihn niemand lesen. Er war in einer Sprache geschrieben, die hier
niemand kennt. Es könnte die Sprache der Juwelenstädte sein. Jetzt
würde ich gern wissen, für wen er bestimmt war, hmm? War es ein
einzelner Brief oder Teil einer Serie? Unser Freund steckt in
Schwierigkeiten, Junge. Wenn er sich wieder erholt, wird ihm das
Wasser bis zum Hals stehen. Und noch höher. Echte Herumtreiber
schreiben niemandem lange Briefe.« »Nun, Sir, wie ich schon sagte,
er hat versucht seine Kinder aufzuspüren. Und er kann sehr wohl aus
Opal stammen…«
»Ich weiß. Einige Umstände sprechen für ihn. Vielleicht kann er
mich zufriedenstellen, wenn er sich wieder erholt. Da dies jedoch
und andererseits das Gräberland ist, wird alles Auffällige auch
gleich suspekt. Frage an dich, mein Sohn. Und deine Antwort sollte
mich ebenfalls zufriedenstellen, oder das Wasser steht auch dir bis
zum Hals. Warum hast du versucht, das Paket zu verstecken?«
Der Scheideweg. Der Augenblick, vor dem es kein Entrinnen gab. Er
hatte gebetet, daß er nicht eintreffen möge. Als Case sich ihm nun
stellen mußte, wußte er, daß seine Loyalität zu Corbie diese Probe
nicht bestehen würde. »Er hat mich gebeten, einen Brief nach Oar zu
schicken, wenn ihm etwas zustoßen sollte. Einen in Wachstuch
eingeschlagenen Brief.« »Er hat also mit Ärger gerechnet?«
»Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht, was in dem Brief stand, oder
warum er ihn abgeschickt haben wollte. Er hat mir bloß einen Namen
genannt. Und dann sagte er mir, daß ich Euch etwas sagen sollte,
nachdem der Brief verschickt worden sei.« »Ah ja?«
»An seine genauen Worte erinnere ich
mich nicht mehr. Er sagte, ich sollte Euch sagen, daß
das Wesen im Großen Hügelgrab nicht mehr schläft.« Sweet fuhr wie
angestochen aus seinem Sessel auf. »Tatsächlich? Und woher wußte er
das? Unwichtig. Den Namen. Sofort! An wen sollte das Päckchen
gehen?« »An einen Schmied in Oar. Er heißt Sand. Mehr weiß ich
nicht, Sir. Ich schwöre es.« »Schon gut.« Sweet schien gar nicht
mehr auf ihn zu achten. »Kümmere dich wieder um deine Pflichten,
Junge. Gib Major Klief Bescheid, daß ich ihn sprechen will.«
»Jawohl, Sir.«
Am Morgen danach sah Case Major Klief mit einer Truppe losreiten;
sie hatten den Befehl, den Schmied Sand zu verhaften. Er empfand
ein schreckliches Schuldgefühl. Aber welchen Verrat hatte er denn
begangen? Vielleicht war er selbst verraten, wenn Corbie ein Spion
war. Er beschwichtigte sein Schuldgefühl dadurch, daß er Corbie mit
religiöser Hingabe pflegte, ihn säuberte und fütterte.