ACHTZEHNTES KAPITEL
Unter Belagerung

Die Sonne ging allmählich unter. Wir waren immer noch am Leben. Kein Unterworfenenteppich war aus der Steppe auf uns herabgestoßen. Allmählich hatten wir begonnen, wieder zu glauben, daß wir eine Chance hatten. Etwas drosch mit lautem Dröhnen gegen das Tor wie der Hammer des Weltuntergangs. Einauge zeterte: »Laßt mich rein, verdammt noch mal!« Jemand flitzte nach unten und machte auf. Er stieg auf die Brüstung. »Und?« wollte Goblin wissen.
»Ich weiß es nicht. Zu viele Reichsleute. Nicht genug Rebellen. Sie wollten das erst einmal ausdiskutieren.«
»Wie bist du denn durchgekommen?« fragte ich. »Zu Fuß«, fauchte er. Dann weniger kriegerisch: »Berufsgeheimnis, Croaker.« Zauberei. Natürlich.
Der Leutnant blieb stehen, um Einauges Bericht anzuhören, und nahm dann wieder seine endlose Wanderung auf. Ich behielt die Reichstruppler im Auge. Es gab Anzeichen, daß ihnen die Geduld ausging.
Offenbar untermauerte Einauge meine Annahme mit unmittelbaren Hinweisen. Er, Goblin und Schweiger begannen etwas auszuhecken. Ich weiß nicht genau, was sie taten. Keine Motten, aber die Ergebnisse waren ähnlich. Ein gewaltiger Aufschrei, der rasch erstickt wurde. Doch jetzt hatten wir drei Geisterbeschwörer, die aus dem Vollen schöpften. Der Extramann suchte nach dem Reichshexer, der den Zauber aufgehoben hatte.
Ein brennender Mann rannte auf die Stadt zu. Goblin und Einauge stießen Siegesgeheul aus. Keine zwei Minuten später ging ein Geschütz in Flammen auf. Dann ein weiteres. Ich behielt unsere Zauberer im Auge.
Schweiger blieb völlig nüchtern bei der Sache. Doch Goblin und Einauge steigerten sich hinein und hatten eine Menge Spaß. Ich befürchtete schon, daß sie zu weit gehen und daß die Reichstruppen angreifen würden in der Hoffnung, sie durch ihre schiere Überzahl zu überwältigen.
Sie kamen, aber später als ich erwartet hatte. Sie warteten bis zum Einbruch der Nacht. Und dann waren sie noch vorsichtiger, als es die Lage verlangte. In der Zwischenzeit stieg Rauch über den zerstörten Mauern von Rust auf. Einauges Einsatz war geglückt. Jemand stellte dort etwas an. Einige Reichsleute setzten sich eilends zur Stadt ab, um das zu unterbinden.

Als die Sterne erschienen, sagte ich zu Tracker: »Ich schätze, wir werden bald wissen, ob
der Leutnant recht hatte.«
Er machte nur ein verdutztes Gesicht.
Bei den Reichsmännern ertönten Signalhörner. Kompanien rückten gegen die Mauer vor. Er und ich standen mit den Bögen bereit und suchten nach Zielen, die in der Dunkelheit schwer auszumachen waren, obwohl der Mond schwach leuchtete. Aus heiterem Himmel fragte er mich: »Wie ist sie, Croaker?«
»Was? Wer?« Ich schoß einen Pfeil ab.
»Die Lady. Man sagt, du wärest ihr begegnet.« »Stimmt. Schon lange her.«
»Und? Wie ist sie?« Er schoß. Ein Schrei lieferte den Kontrapunkt zum Surren seiner Bogensehne. Er machte einen vollkommen ruhigen Eindruck. Schien sich dessen nicht bewußt zu sein, daß er vielleicht schon in wenigen Minuten ein toter Mann sein würde. Das beunruhigte mich.
»In etwa so, wie man es erwarten kann«, erwiderte ich. Was konnte ich schon dazu sagen? Meine Kontakte mit ihr waren nur noch undeutliche Erinnerungen. »Hart und wunderschön.« Die Antwort reichte ihm nicht. Sie reicht niemandem. Aber es ist die beste, die ich geben kann.
»Wie sah sie aus?«
»Das weiß ich nicht Tracker. Ich hab mir vor Angst fast in die Hosen gemacht. Und sie hat etwas mit meinem Verstand angestellt. Ich habe eine junge schöne Frau gesehen. Aber die kann man überall sehen.«
Sein Bogen surrte, und ein weiterer Schrei antwortete. Er zuckte die Achseln. »Ich hab nur darüber nachgedacht.« Jetzt schoß er schneller. Die Reichsmänner waren mittlerweile nahe heran.
Ich schwöre, er schoß nie daneben. Ich schoß, wenn ich ein Ziel sah, aber… Er hatte Augen wie eine Eule. Ich sah nur Schatten zwischen anderen Schatten. Goblin, Einauge und Schweiger taten, was sie konnten. Ihre Zauberkünste erhellten das Schußfeld mit kurzlebigen Stichflammen und Schreien. Was sie tun konnten, war jedoch nicht genug. Leitern krachten gegen die Mauer. Die meisten wurden gleich wieder zurückgekippt. Aber einige Männer gelangten hinauf. Dann war da auf einmal noch ein Dutzend. Ich verschoß meine Pfeile fast zufällig und so rasch, wie ich nur konnte, in die Finsternis; dann zog ich mein Schwert.
Die anderen Männer taten es mir nach.
Der Leutnant schrie: »Er ist da!«
Ich sah kurz zu den Sternen auf. Ja. Eine riesige Gestalt war über uns erschienen. Sie senkte sich nieder. Der Leutnant hatte richtig vermutet.

Jetzt mußten wir nur noch an Bord gelangen.
Einige der Jüngeren rannten auf das Paradefeld zu. Die Flüche des Leutnants beeindruckten sie nicht im Geringsten. Elmos Geknurre und Drohungen halfen ebenfalls nichts. Der Leutnant brüllte, daß wir anderen ihnen folgen sollten. Goblin und Einauge ließen etwas Widerliches los. Einen Augenblick lang hielt ich es für einen grausamen Dämon. Fies genug sah es aus. Und es ließ die Reichsmänner erstarren. Aber wie so viele ihrer Zauberkunststücke war es Illusion ohne Substanz. Was der Gegner bald merkte.
Aber wir hatten einen Vorsprung gewonnen. Die Männer erreichten den Paradeplatz, bevor die Reichstruppler sich wieder berappelten. Sie brüllten auf und waren überzeugt, daß sie uns nun hätten.
Ich erreichte den Windwal, als er aufsetzte. Als ich an Bord klettern wollte, riß Schweiger mich am Arm zurück. Er deutete auf die Papiere, die wir zusammengesammelt hatten. »Oh, verdammt! Dafür haben wir keine Zeit.«
Während meiner kurzfristigen Unentschlossenheit hasteten Männer an mir vorbei. Dann warf ich mein Schwert und meinen Bogen hinauf und fing an, Schweiger Bündel zuzuwerfen, die er an jemanden zum Hinaufreichen weitergab. Eine Gruppe Reichsleute rannte auf uns zu. Ich wollte nach einem liegengelassenen Schwert greifen, erkannte, daß ich es nicht mehr erreichen würde, dachte nur noch: O Scheiße - doch nicht jetzt, nicht hier.
Tracker trat zwischen die anderen und mich. Seine Klinge war wie etwas aus den Legenden. Innerhalb eines Augenzwinkerns tötete er drei Männer und verwundete zwei weitere, bevor die Reichmänner zu dem Schluß kamen, daß sie einer übernatürlichen Erscheinung gegenüberstanden. Obwohl er immer noch eine Übermacht vor sich hatte, ging er zum Angriff über. Noch nie habe ich jemanden gesehen, der sein Schwert mit solchem Geschick, Stil, solcher Effizienz und Anmut führte. Es war ein Teil von ihm, die Gestaltwerdung seines Willens. Nichts konnte davor bestehen. Einen Augenblick lang konnte ich an all die alten Geschichten über magische Schwerter glauben. Schweiger trat mir in den Hintern und gestikulierte: »Hör mit dem Gaffen auf und beweg deinen Arsch.« Ich warf die letzten zwei Bündel hinauf und begann das Ungeheuer zu erklettern.
Trackers Gegner erhielten Verstärkung. Er wich zurück. Von oben verschoß jemand Pfeile. Aber ich glaubte nicht, daß er es schaffen würde. Ich trat nach einem Mann, der hinter ihn gelangt war. Ein anderer nahm seine Stelle ein, sprang mich an… Köter Krötenkiller tauchte aus dem Nichts auf. Seine Kiefer schlössen sich um die Kehle meines Angreifers. Der Mann gurgelte auf, verhielt sich so, als ob ihn eine Sandviper gebissen hätte. Eine Sekunde später war er tot. Köter Krötenkiller ließ ihn los. Ich kletterte einige Meter höher und versuchte dabei immer noch Tracker den Rücken freizuhalten. Er langte nach oben. Ich packte seine Hand und riß ihn in die Höhe.
Aus den Reihen der Reichsmänner erklang schreckliches Geschrei und Gekreisch.

Vermutlich verdienten sich Einauge, Goblin und Schweiger ihre Brötchen.
Tracker schoß an mir vorbei, fand einen festen Griff, half mir in die Höhe. Ich kletterte etwas weiter hinauf, sah dann nach unten. Der Boden lag fünfzehn Meter unter mir. Der Windwal stieg rasch in die Höhe. Die Reichssoldaten starrten mit offenen Mündern in die Höhe. Ich mühte mich auf die Rückenfläche. Als mich jemand in den sicheren Bereich zerrte, sah ich wieder hinunter. Die Feuer von Rust lagen unter uns.
Etliche hundert Meter unter uns. Wir stiegen wirklich rasch auf. Kein Wunder, daß ich kalte Hände hatte.
Allerdings war die Kälte nicht der Grund, weshalb ich mich zitternd setzte. Als das vorbei war, fragte ich: »Ist jemand verletzt? Wo ist mein Arztzeug?« Ich fragte mich, wo eigentlich die Unterworfenen waren. Wieso hatten wir den Tag überstanden, ohne daß uns unser geschätzter Feind, der Hinker, einen Besuch abgestattet hatte?
Auf dem Weg nach Hause bemerkte ich mehr als auf der Reise gen Norden. Ich spürte das Leben unter mir, das Rumpeln und Brummen in dem Ungeheuer. Ich bemerkte junge Rochen, die aus den Nistplätzen zwischen den Tentakeln hervorlugten, die büschelweise auf dem Rücken des Wales wuchsen. Und ich sah die Steppe in einem anderen Licht, da nun der Mond aufgegangen war.
Es war eine andere Welt, manchmal harsch und kristallin, mal leuchtend, funkelnd und stellenweise glühend. Etwas, das wie Lavateiche aussah, lag in westlicher Richtung. Dahinter erleuchtete das Blitzen und Wabern eines Wechselsturms den Horizont. Vermutlich kreuzten wir seine Fährte. Später, als wir tiefer in der Steppe waren, wurde die Wüste wieder gewöhnlicher.
Unser Reittier war nicht der feige Windwal. Der hier war kleiner und roch weniger streng. Er war auch lebhafter und in seinen Bewegungen weniger zögerlich. Etwa zwanzig Meilen vor unserem Ziel quäkte Goblin: »Unterworfene!«, und alle warfen sich nieder. Der Wal stieg höher. Ich spähte über die Seite. Ganz gewiß waren es Unterworfene, aber an uns hatten sie kein Interesse. Dort unten tobten Blitz und Donner sich reichlich aus. Einzelne Wüstenabschnitte standen in Flammen. Ich sah die langen, unheimlichen Schatten von daherstelzenden Wanderbäumen, die Umrisse von Rochen, die durch das Licht huschten. Die Unterworfenen selbst waren zu Fuß unterwegs, von einem Einzelkämpfer abgesehen, der es mit den Rochen aufnahm. Bei dem Flieger handelte es sich nicht um den Hinker. Seinen zerlumpten braunen Habitus hätte ich auch auf diese Entfernung wiedererkannt.
Ganz sicher Wisper. Sie versuchte die anderen aus dem Feindesland zu geleiten. Großartig. Damit würden sie einige Tage beschäftigt sein. Der Windwal ging in den Sinkflug über. (Um dieser Annalen willen wünschte ich mir, daß ein Teil der Reise bei Tageslicht stattgefunden hätte, damit ich weitere Einzelheiten hätte verzeichnen können.) Kurz danach setzte er auf. Vom Boden rief ein Menhir herauf: »Runter.

Beeilt euch.«
Der Abstieg war schwieriger als die Kletterei an Bord. Die Verwundeten hatten mittlerweile begriffen, daß sie verletzt waren. Alle waren müde und steif. Und Tracker wollte sich nicht rühren.
Er war völlig erstarrt. Nichts drang zu ihm durch. Er saß nur da und starrte in die Unendlichkeit. »Verdammt noch mal«, sagte Elmo gereizt. »Was ist denn mit ihm los?« »Ich weiß nicht. Vielleicht hat er etwas abbekommen.« Ich war perplex. Was sich noch verstärkte, als wir ihn ins Licht brachten, damit ich ihn untersuchen konnte. Körperlich hatte er keinen Schaden erlitten. Er hatte nicht einen Kratzer davongetragen. Darling kam heraus. Sie signalisierte: »Du hattest recht, Croaker. Es tut mir leid. Ich dachte, daß ein so kühner Schlag die ganze Welt anfeuern würde.« An Elmo richtete sie die Frage: »Wie viele haben wir verloren?«
»Vier Mann. Ich weiß nicht, ob sie getötet oder zurückgelassen wurden.« Er schien sich zu schämen. Die Schwarze Schar läßt ihre Brüder nicht zurück. »Köter Krötenkiller«, sagte Tracker. »Wir haben Köter Krötenkiller zurückgelassen.« Einauge tat die Töle verächtlich ab. Tracker erhob sich mit einer wütenden Geste. Er hatte nichts außer seinem Schwert gerettet. Sein prächtiger Kasten und sein Arsenal waren zusammen mit seiner Promenadenmischung in Rust geblieben. »Schluß jetzt«, bellte der Leutnant. »Das gibt’s hier nicht. Einauge, geh nach unten. Croaker, behalt diesen Mann im Auge. Frag Darling, ob die Jungens, die gestern ausgeflogen wurden, es wieder hierher geschafft haben.« Elmo und ich stellten die Frage gemeinsam. Ihre Antwort war nicht gerade ermutigend. Der große feige Windwal hatte sie laut den Menhiren einhundert Meilen nördlich von hier abgesetzt. Wenigstens war er gelandet, bevor er sie abwarf.
Sie waren zu Fuß auf dem Weg hierher. Die Menhire versprachen, sie vor den natürlichen Bosheiten der Steppe zu schützen.
Zeternd verschwanden wir im Loch. Nichts ermuntert so sehr dazu, die Fetzen fliegen zu lassen, wie Versagen.
Natürlich kann Versagen relativ aufgefaßt werden. Wir hatten beträchtlichen Schaden angerichtet. Die Auswirkungen würden sich noch lange bemerkbar machen. Die Unterworfenen mußten schwer verstört sein. Daß wir so viele Dokumente eingesackt hatten, mußte sie dazu zwingen, ihren Feldzugplan zu ändern. Trotzdem war der Einsatz unbefriedigend verlaufen. Jetzt wußten die Unterworfenen, daß Windwale dazu fähig waren, sich über die traditionellen Grenzen hinauszubewegen. Jetzt wußten die Unterworfenen, daß wir über Mittel verfügten, die über den von ihnen vermuteten Umfang hinausgingen. Bei einem Spiel zeigt man erst nach dem letzten Reizen alle Karten. Ich wühlte ein wenig herum, entdeckte die erbeuteten Papiere und nahm sie mit in mein Quartier. Ich hatte keine Lust, an der Einsatzautopsie im Konferenzraum teilzunehmen. Sie würde scheußlich werden - selbst wenn sich alle einig waren.

Ich legte meine Waffen ab, zündete eine Lampe an, hob ein Dokumentenbündel auf und
wollte mich an meinen Schreibtisch setzen. Und da lag wieder ein Päckchen aus dem Westen.