ACHTES KAPITEL
Das Gräberland

Corbie konnte auf dem Gelände der Garde nach Belieben kommen und gehen. An den Wänden im Hauptgebäude hingen etliche Dutzend alter Gemälde, die das Gräberland darstellten. Wenn er putzte, betrachtete er sie oft und erschauerte. Mit dieser Reaktion stand er nicht allein da. Der Versuch des Dominators, über Juniper zu entkommen, hatte das Reich der Lady schwer erschüttert. In den Jahrhunderten, seit die Weiße Rose ihn niedergestreckt hatte, hatten sich die Geschichten über seine Grausamkeiten an sich selbst genährt und waren fett geworden.
Das Gräberland blieb ruhig. Die, die es beobachteten, entdeckten nichts Auffälliges. Die allgemeine Stimmung besserte sich. Das alte Übel hatte seinen Bolzen verschossen. Aber es wartete.
Es würde nötigenfalls bis in alle Ewigkeit warten. Es konnte nicht sterben. Seine mutmaßlich letzte Hoffnung war keine Hoffnung. Auch die Lady war unsterblich. Sie würde nicht zulassen, daß irgendetwas das Grab ihres Gatten öffnete. In den Bildern war der fortschreitende Verfall dargestellt. Das letzte datierte aus der Zeit kurz nach der Auferstehung der Lady. Damals war das Gräberland noch in weit besserem Zustand gewesen.
Manchmal ging Corbie zum Stadtrand, starrte auf das Große Hügelgrab und schüttelte den Kopf.
Damals hatte es Amulette gegeben, die es den Gardisten ermöglichten, sich frei innerhalb der todbringenden Zauberbanne um das Grab zu bewegen und es instand zu halten. Aber sie waren verschwunden. Dieser Tage konnte die Garde nur zusehen und abwarten. Die Zeit verstrich im Schlenderschritt. Der langsame, graue, humpelnde Corbie wurde zu einer festen Einrichtung in der Stadt. Er sprach nur selten, aber gelegentlich belebte er die Lügensitzungen im Blauen Schniedel mit finsteren Anekdoten aus den Forsberger Feldzügen. Dann stand das Feuer in seinen Augen. Daß er dort gewesen war, bezweifelte niemand, auch wenn er jene Tage ein wenig naiv in Erinnerung hatte. Echte Freundschaften schloß er nicht. Gerüchteweise spielte er die eine oder andere Schachpartie mit dem Wachwart, Oberst Sweet, für den er einige kleine Sonderdienste erledigt hatte. Und natürlich gab es da noch den Rekruten Case, der ihm bei seinen Geschichten förmlich an den Lippen hing und ihn bei seinen humpelnden Spaziergängen begleitete. Angeblich konnte Corbie auch lesen. Case hoffte es von ihm zu lernen. Kein Fremder setzte je einen Fuß in das obere Stockwerk von Corbies Haus. Dort entwirrte er nächtens allmählich das trügerische Gewirr einer Geschichte, die Zeit und Trug zu etwas verzerrt hatten, das mit der Wahrheit nichts mehr zu tun hatte. Nur einige Teile waren verschlüsselt abgefaßt. Das meiste war hastig in TelleKurre hingekritzelt worden, der wichtigsten Sprache aus der Zeit der Unterdrückung. Aber einzelne

Abschnitte waren in UchiTelle verfaßt, einem regionalen Vulgärdialekt des TelleKurre. Wenn
er sich durch diese Abschnitte hindurchkämpfte, setzte Corbie ab und zu ein grimmiges Lächeln auf. Möglicherweise war er der einzige lebende Mensch, der vielleicht das Rätsel dieser gelegentlich nur bruchstückhaften Sätze lösen konnte. »Der Vorteil einer klassischen Bildung«, murmelte er manchmal mit einem gewissen Sarkasmus in der Stimme. Danach wurde er gewöhnlich nachdenklich und grüblerisch. Dann ging er mitten in der Nacht spazieren, um erwachende Erinnerungen abzuschütteln. Die Vergangenheit ist ein Gespenst, das nicht zur Ruhe kommen will. Der Tod ist dann der einzig mögliche Exorzismus. Corbie - nun, er sah sich als Handwerker. Als Schmied. Als Waffenschmied, der behutsam ein tödliches Schwert anfertigte. Wie der Hausbewohner vor ihm hatte er sein Leben der Suche nach einem Wissensbruchstück geweiht.

Der Winter war erstaunlich. Nach einem frühen und ungewöhnlich feuchten Herbst fiel früh der erste Schnee. Es schneite oft und heftig. Der Frühling verspätete sich. In den Wäldern nördlich des Gräberlandes, wo nur einzelne verstreute Klans hausten, war das Leben hart. Stammesmänner tauchten auf und brachten Pelze, die sie gegen Lebensmittel eintauschten. Die Agenten der Kürschner von Oar waren begeistert. Die alten Leute nannten den Winter einen Vorboten von Schlimmerem. Aber die Alten halten das Wetter immer für schlimmer als jenes, das früher herrschte. Oder als milder. Niemals, niemals war es genauso wie früher. Der Frühling brach aus. Ein warmes Tauwetter ließ die Bäche und Flüsse zu tosenden Gewässern anschwellen. Der Große Tragic, der drei Meilen vom Gräberland entfernt eine Schleife zog, breitete sich Meilen über seine Ufer hinaus. Zehntausende, Hunderttausende von Bäumen wurden von ihm entwurzelt. Die Flut war so gewaltig, daß die Leute aus der Stadt scharenweise auf die Hügel pilgerten, um sich das Drama anzusehen. Für die meisten wich der Reiz des Neuen rasch. Doch Corbie humpelte jeden Tag hinaus, an dem Case ihn begleiten konnte. Case hatte immer noch Träume. Corbie ließ sie ihm. »Warum interessiert dich der Fluß so sehr, Corbie?« »Ich weiß nicht. Vielleicht wegen seiner großen Aussage.« »Was?«
Corbie zeigte weit ausholend auf das Panorama. »Diese gewaltige Größe. Diese anhaltende Wut. Siehst du, wie unbedeutend wir dagegen sind?« Braunes Wasser nagte am Hügel und schleuderte wütend ganze Treibholzwälder umher. Weniger zornige Arme legten sich um den Hügel und zupften an den Wäldern dahinter. Case nickte. »Ungefähr so ähnlich, wie wenn ich mir die Sterne betrachte.« »Ja. Ja. Aber das hier ist persönlicher. Unmittelbarer. Oder nicht?« »Ich denke schon.« Cases Stimme klang verdutzt. Corbie lächelte. Das Vermächtnis einer Jugend auf dem Bauernhof.

»Wir sollten wieder zurückgehen. Die Flut hat zwar den höchsten Stand erreicht. Aber ich
traue den Wolken dahinten nicht.«
In der Tat drohte weiterer Regen. Wenn der Fluß noch weiter anstieg, würde der Hügel zur Insel werden.
Case half Corbie über die schlammigen Stellen und zum Hang der leichten Anhöhe, die die Flut davon abhielt, das gerodete Land zu erreichen. Davon war vieles schon Teil eines Sees, der flach genug war, daß ihn irgendein Narr, der das wagte, auch durchwaten konnte. Unter dem grauen Himmel ragte undeutlich das Große Hügelgrab auf. Im Wasser spiegelte es sich als dunkler Klumpen. Corbie erschauerte. »Case. Er ist immer noch da.« Der Junge stützte sich auf seinen Speer. Er war nur deshalb interessiert, weil Corbie daran Interesse zeigte. Er wollte raus aus dem Nieselregen. »Der Dominator, Junge. Und was sonst noch nicht entkommen ist. Sie warten. Und ihr Haß auf die Lebenden wächst und wächst.«
Case sah Corbie an. Der Ältere schien starr vor Angespanntheit. Er machte einen verängstigten Eindruck.
»Wenn er freikommt, dann sprich ein Gebet für die Welt.« »Aber hat die Lady ihn nicht in Juniper erledigt?« »Sie hat ihn aufgehalten. Sie hat ihn nicht vernichtet. Das ist vielleicht auch nicht möglich… Nun, es muß möglich sein. Irgendwie muß er doch verwundbar sein. Aber wenn die Weiße Rose ihm nichts tun konnte…«
»So stark war die Rose auch nicht, Corbie. Sie konnte nicht einmal den Unterworfenen beikommen. Oder auch nur deren Untergebenen. Sie konnte sie bloß in Fesseln legen und begraben. Dafür waren die Lady und die Rebellen nötig…« »Die Rebellen? Das bezweifle ich. Sie hat das getan.« Corbie setzte sich in Bewegung und zwang sein Bein dazu weiterzulaufen. Er marschierte am Rand des Sees entlang. Sein Blick blieb starr auf das Große Hügelgrab gerichtet. Case befürchtete, daß Corbie vom Gräberland besessen war. Als Gardist mußte er sich darüber Sorgen machen. Obwohl die Lady die Neuersteher noch zu Zeiten seines Großvaters ausradiert hatte, übte dieser Hügel immer noch seine finstere Anziehungskraft aus. Wachwart Sweet befürchtete immer noch, daß jemand diese Narrenbewegung wiederbeleben würde. Er wollte Corbie warnen und zerbrach sich vergeblich den Kopf darüber, wie er dies auf höfliche Weise tun könnte.
Ein Windstoß kräuselte die Oberfläche des Sees. Winzige Wellen huschten vom Grab aus in ihre Richtung. Beide erschauerten. »Ich wünschte, dieses Wetter würde endlich umschlagen«, brummte Corbie. »Hast du noch Zeit für einen Tee?« »Ja.«
Das Wetter blieb kalt und naß. Der Sommer stellte sich spät ein. Dafür kam der Herbst früh. Als der Große Tragic sich schließlich zurückzog, hinterließ er eine Schlammebene, über die die Überreste großer Bäume verstreut lagen. Sein Bett hatte sich eine halbe Meile nach

Westen verlagert.
Die Waldstämme verkauften immer noch Pelze.

Zufall heißt Zusammenfallen der Dinge. Corbie hatte seine Renovierungsarbeiten beinahe abgeschlossen. Er setzte gerade einen Schrank instand. Als er eine hölzerne Kleiderstange entfernte, rutschte sie ihm aus der Hand. Die Stange zerfiel in mehrere Teile, als sie auf dem Boden auftraf.
Er kniete. Er starrte. Sein Herz hämmerte in seiner Brust. Eine schmale weiße Seidenrolle war freigelegt worden… Sachte und behutsam setzte er die Stange wieder zusammen und nahm sie mit nach oben.
Behutsam und sachte holte er die Seide hervor und rollte sie auf. Sein Magen krampfte sich zusammen.
Es war Bomanz’ Zeichnung des Gräberlandes, komplett mit Anmerkungen, welcher Unterworfene an welcher Stelle lag, wo und warum Fetische aufgestellt worden waren und über die Stärke der Schutzzauber; verstreute Angaben über die bekannten Ruhestätten von Unterlingen der Unterworfenen, die ihren Anführern in die Grube gefolgt waren. Wirklich eine dicht bekritzelte Karte. Die meisten Anmerkungen waren in TelleKurre abgefaßt. Auch Grabstätten, die außerhalb des eigentlichen Gräberlandes lagen. Die meisten Toten des Fußvolkes waren in Massengräbern beerdigt worden. Die Schlacht beflügelte Corbies Phantasie. Einen Augenblick lang sah er die Truppen des Dominators, wie sie fest standen und bis auf den letzten Mann starben. Er sah, wie eine Angriffswelle der Weißen Rose nach der anderen sich opferte, um den Schatten in seiner Falle festzuhalten. Über ihnen versengte der Große Komet wie ein gewaltiger Flammensäbel den Himmel.
Aber er konnte es sich nur vorstellen. Verläßliche historische Berichte gab es nicht. Er empfand Mitgefühl für Bomanz. Armer närrischer kleiner Mann, ein Träumer, der nach der Wahrheit suchte. Seine finstere Legende hatte er nicht verdient. Corbie starrte die ganze Nacht lang auf die Karte und nahm sie in sein Mark und in seine Seele auf. Für seine Übersetzungen nützte sie ihm wenig, aber sie warf etwas Licht auf das Gräberland. Und mehr noch, sie gab Auskunft über einen Zauberer, der so sehr an seine Sache glaubte, daß er sein gesamtes Erwachsenenleben mit dem Studium des Gräberlandes verbracht hatte.
Das Licht der Morgenröte ließ Corbie hochschrecken. Einen Augenblick lang zweifelte er an sich selbst. War es möglich, daß er der gleichen tödlichen Leidenschaft zum Opfer fallen konnte?