28
Der Eispickel sauste zwischen ihnen nieder. Max konnte ihn nicht abblocken. Stattdessen ließ er die Kette hochschnappen, und als sich die gezackte Spitze der Waffe seines Gegners darin verfing, zog er kräftig, sodass sie eine Handbreit neben seinem Oberschenkel ins Eis einschlug. Was für ein gemeiner Versuch, den Gegner kampfunfähig zu machen. Er wälzte sich zur Seite, zerrte den Hai an der Kette zu sich heran, rammte ihm seine Schulter in die Brust und konnte, während er herumwirbelte und die Kette sich spannte, endlich seinen eigenen Eispickel zum Einsatz bringen.
Sie droschen aufeinander ein. Max packte den Stiel seines Eispickels mit beiden Händen und wehrte einen weiteren üblen Schlag ab. Er drückte die Waffe des anderen weg, konnte aber wegen der Kette nicht selbst zum Schlag ausholen. Sofort war der Hai wieder da. Er warf sich hin und stürzte sich auf Max wie ein Gladiator. Die Eispickel krachten mit hässlichen Geräuschen aneinander. Parieren, zustoßen, schieben, wieder zustoßen, treten, die Schulter in den Gegner bohren.
Es war ein Kampf auf Leben und Tod.
Beide holten tief Luft und brüllten laut, um ihren Armen Kraft zu verleihen. Ein so zähes Ringen konnten sie höchstens ein paar Minuten durchhalten. Ein Kampf Mann gegen Mann in seiner brutalsten Form.
Sie gerieten weiter auf die Eisfläche hinaus. Kleine Spalten im Eis zwangen sie immer wieder zu abrupten Richtungswechseln, wobei sie ständig weiter aufeinander einschlugen – ein Tanz des Todes. Max warf sich einem weit ausgeholten Hieb entgegen, der seinen Rücken treffen sollte, bekam die Waffe des Hais am Stiel zu fassen, zog, so fest er konnte, und rammte ihm seinen Schädel ans Kinn. Etwas knirschte und der Hai spuckte Blut.
Als der Hai zu Boden ging, riss er Max mit sich. Die Kette hielt sie untrennbar miteinander verbunden. Der Hai stieß Max von sich. Auf einmal hatte Max keinen Boden mehr unter den Füßen. Diesmal war es eine größere Spalte. Er rutschte immer tiefer. Jetzt musste der Hai sein Gewicht halten. Die Eiskante bröckelte. Max stürzte ab. Er stöhnte. Er bekam den Eispickel nicht hoch, um ihn irgendwo einzuschlagen. Nur die Kette hielt ihn. Mit einer Hand klammerte er sich an den eiskalten Felsrand. Der Hai zögerte keine Sekunde. Max sah den Blick in seinen Augen, als er sein Handgelenk anvisierte. Wenn er Max’ Hand abschlug, war er gerettet und Max tot. Der Eispickel sauste nieder wie die Schwertklinge eines Henkers. Max verdrehte seinen Arm. Die Klinge krachte auf den Felsen, durchtrennte die Kette, und Max glitt die Eiswand hinunter in tiefe Dunkelheit.
Als Letztes sah er seinen Angreifer über die Kante spähen. Seinen blutigen Mund – wie das Maul eines Hais, der seine Beute in Stücke gerissen hat. Und über ihm dunkle, von Blitzen durchzuckte Wolken.
Das musste die Hölle sein – und der Engel des Todes.
Jonas und der Wal. Verrückte Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Ringsum war es stockfinster, kalt und feucht wie im tiefsten Grab. Nach einigen Metern wurde die eisige Rutschbahn etwas flacher. Max drehte den Eispickel um, hielt das obere Ende in Höhe seiner Achsel, lehnte sich nach hinten und vernahm sogleich das knirschende Scharren, als die Klinge sich wie ein Anker in die glatte Oberfläche grub. Es war ein fürchterlicher Ritt. Womöglich stürzte er tausend Meter tief ins Leere, oder weiter unten lauerten Felsen, die ihn zerschmetterten. Er presste seine Fersen zusammen. Er wurde langsamer. Die riesige schwarze Eisrutsche war auf einmal ganz flach geworden.
Jetzt war er in der Waagerechten, schlitterte aber immer noch weiter. Er schlug an eine Eiswand, ächzte vor Angst und Verblüffung, zog die Knie an und wartete, bis er endlich zum Stillstand kam. Einen kurzen Moment blieb er noch liegen, dann tastete er vorsichtig den Boden um sich herum ab. Alles flach. Vielleicht war er am Grund der Spalte angelangt oder er lag auf einem breiten Vorsprung. Einigermaßen beruhigt rappelte er sich auf und lehnte sich mit dem Rücken an die kalte Wand. Irgendwo über ihm flackerten Blitze; Licht drang zu ihm hinunter, obwohl er den Himmel nicht sehen konnte. Allmählich erkannte er, dass er in einer Art Labyrinth gelandet war. Von Staub und Erde verschmutztes Eis wand sich hierhin und dorthin, zerfetzt von gewaltigen Kräften. Er befand sich am Grund der Spalte, die zum Glück nur fünfzig Meter tief war. Max befühlte die Eiswand wie jemand, der sich im Dunkeln seinen Weg ertastet. Und wartete reglos, dass seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten. Unter seiner Handfläche spürte er ein leises Beben. Da war etwas. Eine Vibration.
Er schloss die Augen, konzentrierte sich ganz auf das schwarze Loch, in dem er steckte, auf jedes Knirschen in den sich langsam bewegenden Eismassen, jedes Flackern reflektierten Lichts auf seinen Lidern. Er mochte die Dunkelheit und vertraute darauf, dass sein Instinkt ihn den richtigen Weg einschlagen ließ. Andere Sinnesorgane schalteten sich ein. Er vernahm ein regelmäßiges Tröpfeln, weiter vorne und links von sich. Wahrscheinlich Eis, das auf warme Luft traf; vielleicht ein Überhang, der langsam abschmolz. Das Maschinensummen kam von sehr weit her, und die von Höhlen durchzogenen Felsen ließen nicht zu, die Richtung zu bestimmen, aus der es kam. Aber da war noch etwas anderes. Ein Geruch.
Wölfe und Bären wittern ihre Beute über Kilometer hinweg. Kein Mensch kann da mithalten, aber jetzt ließen Max’ Sinne solche Beschränkungen hinter sich. Der schwache Geruch sagte ihm, dass wenige Kilometer entfernt Tiere sein mussten. Der Moschusgeruch eines Bären und der scharfe Geruch von Wölfen drangen in sein Hirn und wiesen ihm die Richtung. Er wusste, er kannte diese Tiere. Das Wolfsrudel und der Eisbär. Wie kam es, dass er sie riechen konnte? Vielleicht irgendein unterirdisches Höhlensystem? Aber das spielte jetzt keine Rolle. Seine Sinne sagten ihm, dass diese Tiere wieder da waren, wo sie hingehörten – auf den Berg –, und dass es aus dieser Spalte einen Ausweg gab.
Max tastete sich langsam voran, einen Fuß vor den anderen setzend, manchmal ging er auch schneller, wenn das von oben reflektierte Licht es zuließ.
Nach zwei Stunden in der engen Schlucht gelangte er in totale Dunkelheit, die nicht einmal mehr von den Blitzen erhellt wurde. Die Wände waren jetzt nicht mehr aus Eis, sondern nacktes Felsgestein. Er hörte ein tiefes Summen, und auch die Vibration war stärker geworden. Er lauschte, tastete mit einer Hand an der Wand entlang. Sie machte eine Biegung; Max schob sich vorsichtig herum und dahinter erblickte er ein schwaches Licht. Mutiger geworden, hielt er darauf zu. Über ihm tauchte der Eingang eines Tunnels auf, der offenbar in die unteren Hänge des Berges gegraben war, mindestens drei Meter hoch und ebenso breit. Max ließ sich von dem schwachen Lichtschein leiten und kletterte hinauf. Ein leiser Luftzug wehte ihm entgegen; der hatte ihm die kaum wahrnehmbaren Gerüche zugetragen.
In dem Tunnel verlief etwas, das wie eine Pipeline aussah. Max wusste zwar nicht genau, wo er war, nahm aber an, dass die Türme, die er gesehen hatte, sich rechts von ihm befanden, der Berg links. Diese Pipeline war nicht zum Transport von Treibstoff da; es war die Leitung, durch die Tischenko die von ihm erzeugte Energie schicken würde, um die von ihm im Berg installierten Höllenmaschinen in die Luft zu jagen.
Max vernahm ein leises Sirren. Über sich erblickte er eine Stahlschiene. Der Tunnel musste bestimmt ab und zu inspiziert werden – und dazu diente diese Schiene. Langsam glitt aus dem Dunkel etwas heran, ein hängender Sitz, ähnlich wie ein Skilift. Er war so konstruiert, dass man vorwärts und rückwärts darauf sitzen konnte, je nachdem in welcher Richtung man sich bewegte. Max kletterte auf das Leitungsrohr, und als der Skilift nah genug war, schwang er sich hinauf. An einer Seite entdeckte er einen Kipphebel, wie eine kleine Gangschaltung. Er drückte ihn nach vorn und die Fahrt wurde schneller. Am Ende des Tunnels, tief im Innern des Bergs, musste es eine Andockstation geben. Max lehnte sich zurück. Ein Londoner U-Bahn-Fahrer konnte es auch nicht bequemer haben.
Die Andockstation lag unterhalb eines Kontrollraumfensters, hinter dem Max eine Gestalt im weißen Kittel sitzen sah. Als der Lift aus dem Tunnel glitt, gelang es Max, sich unbemerkt an dem summenden Leitungsrohr hinabzulassen.
Max wusste, im Innern des Berges gab es mindestens zwei Aufzugschächte, und sicher befand er sich jetzt irgendwo in der Mitte zwischen den verschiedenen Ebenen. Er robbte über die kleine Plattform, duckte sich und lief, ohne den Mann im Kontrollraum aus den Augen zu lassen, zu einer Tür mit einem Schild, das auf eine abwärtsführende Treppe hinwies. Plötzlich blickte der Weißkittel auf. Max erstarrte. Der Mann sah genau in seine Richtung – und wandte sich ab. Max konnte es kaum glauben, erkannte dann aber, dass es auf der Plattform dunkler war als in dem Kontrollraum; dazu kam noch die Spiegelung des Fensters, sodass man hinter dem Glas wohl kaum etwas erkennen konnte. Aber dann erblickte Max mit Schrecken die Uhr über dem Kopf des Mannes. 9:57 Uhr. Als ob der Sturm die Stunden hinweggefegt hätte. Ihm blieb weniger Zeit, als er gedacht hatte, bis Tischenko um 11:34 Uhr den Berg sprengen würde.
Die Treppe glich einer Feuerleiter: Stahlstufen, mit Bolzen an der Felswand befestigt. Über ihm schlängelten sich die Tentakel Hunderter Kabel bis zur gut siebzig Meter entfernten Decke. Max kam sich vor wie in einer gigantischen Inspektionsgrube unter einer futuristischen Zeitmaschine. Der Kristall, den Tischenko ihm gezeigt hatte, musste sich irgendwo dort oben befinden. Max lief weiter nach unten – noch einmal hundert Stufen. Es wurde immer dunkler und stiller. Er gelangte an einen Gang, an dessen einem Ende ein Lastenaufzug zu sehen war. An der Felswand liefen zwei mächtige, verschieden dicke Rohre entlang. Er berührte sie. Eins war warm, das andere eiskalt, aber nicht beschlagen. An beiden waren Messgeräte angebracht, die einen konstanten Druck anzeigten.
Was mochte auf der anderen Seite sein, wo nur ein blaues Leuchten aus der Dunkelheit drang? Wenn Sayid, wie der Hai gesagt hatte, wirklich auf dieser Ebene festgehalten wurde, wo konnte er dann sein, wenn nicht am hinteren Ende dieses Ganges? Max war hin- und hergerissen. Der Lastenaufzug würde ihn nach unten bringen, zu Farentino, der Informationen über seine Mutter besaß. Zu wem sollte er zuerst? Er rannte in den Gang hinein.
»Sayid? Kannst du mich hören? Wo bist du, Sayid?«
Seine Stimme verhallte ohne Echo. Die Wände standen hier enger zusammen und dämpften seine Rufe. Max horchte. Keine Antwort. Er rannte weiter. Plötzlich wurde die Luft eisig kalt. Er war in das blaue Leuchten getreten. Er erschauderte. Eine Eishöhle. Max ging weiter und fasste unwillkürlich den Eispickel in seiner Hand fester. Er hatte das Gefühl, das Eis könnte sich um ihn schließen und ihn nie mehr loslassen.
Und dann sah er Sayid.
Und wusste, sein bester Freund war tot.
Tischenko hatte die letzten Anweisungen erteilt. Die Zitadelle wurde von zwanzig seiner treuesten Schützen bewacht, und eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern beaufsichtigte die Geräte. Alle, die noch da waren, fieberten mit geradezu fanatischem Eifer dem Augenblick entgegen, in dem der Energiestoß neues Leben erschaffen würde. Für viele war es der Höhepunkt jahrelanger Arbeit auf das eine Ziel hin, ungeachtet aller Spötter ein wissenschaftliches Wunder zu vollbringen. Und Fedir Tischenko war für sie der Erwählte.
Tischenko stand allein in dem Kontrollraum ganz oben in einem der beiden vierzig Meter hohen, eigens für ihn errichteten Türme, die Max etwa drei Kilometer vom Berg entfernt erspäht hatte. Blitze griffen nach den Bauwerken, konnten ihm aber nichts anhaben. Der Kontrollraum war gebaut wie ein Eisenkäfig, und die Gitterstäbe knisterten vor Hochspannung, doch innerhalb des Käfigs kamen die Blitze nicht an ihn heran. Hier war der einzige Ort, wo das elektrische Feld die Stärke null aufwies.
Die Blitze wurden durch supraleitende Spulen, die um die Türme gewickelt waren, nach unten geleitet. Jede Spule bestand aus neuntausend Drähten, die einen Durchmesser vom Zehntel eines Menschenhaares hatten. Hoch aufgeladene Energie strömte in die unterirdische, drei Kilometer lang in die Ausläufer des Berges geschnittene Beschleunigungskammer. Auf die Weise wurde eine ungeheure Spannung aufgebaut, Millionen und Abermillionen Volt, von der die Partikel zusammengedrängt wurden wie Autos bei einem Riesenstau auf der Autobahn. Wenn die gewaltige Kraft kosmischer Energiepartikel durch das Gewitter überhitzt wurde und ihm einen Blitzstrahl in die wartenden Hände gab, würde er ihn in den Teilchenbeschleuniger schleudern wie einen Lastwagen, der mit hundertachtzig in einen Verkehrsstau kracht.
Der Urknall.
Sayid war in einen Eisblock eingeschlossen, es sah aus, als schwebte er in tiefem Wasser. Seine Augen waren geschlossen, seine Lippen halb geöffnet wie im Schlaf. Ein Ausdruck von Panik lag in seinen Zügen. Vielleicht hatte er, bevor er bewusstlos wurde, ein letztes Mal versucht, sich aus der Umklammerung der Eismassen zu befreien.
Das musste die Kammer sein, in der Tischenko die Tiere einfror. Mit kryogenem Gas, wie es zur Tiefkühlung verwendet wird, wurde die enorme Hitzeentwicklung des Teilchenbeschleunigers in überschaubaren Grenzen gehalten. Sayid war erfroren.
Max drückte sein Gesicht an das Eis. Er hatte versagt, er hatte seinen Freund nicht beschützen können. Das war alles seine Schuld. Er dachte an ihre gemeinsame Reise zurück und machte sich heftige Vorwürfe, dass er Sayid hatte mitkommen lassen.
Außer sich vor Wut und Schmerz hackte er mit dem Eispickel immer und immer wieder auf den riesigen gefrorenen Würfel ein. Irgendwann hörte er auf. Sinnlose Kraftvergeudung. Sayid steckte viel zu tief da drin. Max verfluchte seinen kindischen Ausbruch. Die Wut hatte ihn blind für die Klugheit und den Mut seines Freundes gemacht. Sayid hatte bis zum bitteren Ende an ihn geglaubt. Sayids Hände drückten an das Eis, und jetzt entdeckte Max die Botschaft auf seiner linken Handfläche. Durch das Eis sah sie etwas verschwommen aus, aber die dicken, mit schwarzem Filzstift geschriebenen Buchstaben waren trotzdem gut zu erkennen:
CUT BEARS CLAW
»Cut bears claw? Schneide Bärenkralle?«, wiederholte Max ein ums andere Mal. Er wusste, Sayid hatte den Code geknackt, das magische Quadrat war der Schlüssel für die codierte Botschaft auf dem Kristall. Sayid hatte beides bei sich gehabt. Und noch in den letzten Minuten seines Lebens hatte er daran geglaubt, dass Max ihn finden würde.
»Gut gemacht, mein Freund. Du bist ein Genie. Und ich werde dich nicht hier zurücklassen. Ich bringe dich nach Hause zu deiner Mum. Versprochen«, flüsterte Max.
Bärenkralle? Wo? Wie? Eisbär? Gefrorener Bär? Er kam nicht dahinter, aber wenn das Zabalas verschlüsselte Botschaft war, dann war es von entscheidender Bedeutung. Max kletterte hinter den Eisblock, in dem Sayid eingeschlossen war, und tastete nach dem Ventil an dem dicken, warmen Leitungsrohr. Er drehte es zu; die Druckanzeige fiel. Dann stellte er sich auf die am Boden verlegten Rohre, lehnte sich mit dem Rücken an die Felswand und schlug mit dem Eispickel so fest zu, wie er konnte.
Wasser schoss aus dem Loch, das er in das dicke Rohr geschlagen hatte, und sprudelte auf den Eisblock. Max hatte die Leitung angezapft, die von Erdwärme aufgeheiztes Wasser aus der Tiefe beförderte. Beim Aufprall auf das Eis verdampfte es sofort.
Als Nächstes hörte Max Schüsse und eine Reihe kleinerer Explosionen. Das Licht ging aus. Einige Sekunden lang war es stockfinster, dann sprang irgendwo ein Notstromgenerator an, der die Dunkelheit immerhin mit einem schwachen Leuchten erhellte.
Im Innern des Bergs war ein Kampf ausgebrochen. Max sah weiter zu, wie das Eis langsam schmolz, aber es würde noch eine Weile dauern, bis er Sayids Leiche bergen konnte. Über ihm rumpelte es. Hörte sich an wie Automatiktüren, die sich zuschoben und schließlich mit einem dumpfen Klicken ins Schloss fielen. Aus dem Aufzugschacht drangen gedämpfte Schussgeräusche. Offenbar verlagerten sich die Kampfhandlungen weg von ihm. Falls die Angreifer Sprengstoff einsetzten und in Tischenkos Anlagen größere Zerstörungen anrichteten, flog in dem Berg wahrscheinlich sowieso alles in die Luft – auch ohne Tischenkos Riesenblitz.
Und dann wäre dieser Raum das Grab von Sayid und Max.
Max war völlig durchnässt; der Dampf drang durch seine Kleider. Das heiße Wasser sprudelte unaufhörlich auf den Eisblock, aber Sayid bewegte sich immer noch nicht. Schon hatte das Wasser den Gang überspült und rieselte in den Aufzugschacht. Max hörte einen Mann um Hilfe schreien. Farentino.
Der Lastenaufzug funktionierte noch, und als er jetzt langsam hinabglitt und zum Stillstand kam, sprang Max herunter. Farentino stand schreiend in seinem vergitterten Kasten und reckte die Arme durch die Stäbe. Qualm und Rauch von beschädigten Maschinen begannen die Höhle zu füllen.
»Max! Gott sei Dank! Hol mich hier raus! Schnell. Da wird geschossen. Wir werden angegriffen.«
Max sah sich in der Felsenhöhle um und entdeckte eine Tunnelbohrmaschine. Vielleicht konnte er damit die Felswand durchbrechen? Nein, das würde zu lange dauern. Es kam ihm vor, als laste der ganze Berg auf seinem Kopf. Irgendeine ernsthafte Beschädigung, und der Berg würde über ihm zusammenbrechen. Die Tunnel und Höhlen, die in den letzten zwanzig Jahren hier angelegt worden waren, hatten das Ganze zu einer sehr fragilen Angelegenheit gemacht.
»Meine Mutter!«, verlangte Max.
»Ich sage dir alles, aber wir müssen hier weg, Max. Das verstehst du doch, oder? Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.«
Max packte Farentino am Unterarm und nahm ihm seine Rolex ab.
»Was tust du da?«
Max streifte sich die teure Uhr übers Handgelenk. Es war 10:46 Uhr. Noch knapp eine Stunde Zeit, Sayids Leiche aus dem Berg zu bringen und Tischenko aufzuhalten.
»In fünf Sekunden lasse ich den Eisbär aus seinem Käfig. Sie gehen nirgendwo hin, Farentino, Sie mieses Schwein. Ich will wissen, wie meine Mutter gestorben ist.«
»Gut, ist ja schon gut. Sie war im Dschungel. Und da ist etwas schrecklich schiefgegangen. «
»Was ist schiefgegangen?«, schrie Max.
»Das weiß ich nicht. Bitte, Max. Hol mich hier raus.« »Reden Sie! Was ist passiert?«
Farentinos Tonfall änderte sich. Sein wütendes Gesicht sah auf einmal trotzig aus. »Du willst die hässliche Wahrheit wissen? Also gut! Dein Vater hat sie im Stich gelassen. Sie war krank, sie lag im Sterben, und er ist weggelaufen!«
»Lügner!«
Farentino spürte, dass er jetzt im Vorteil war. Er hatte Max in der Hand. »Sie ist ganz allein gestorben, Max, weil dein Vater sich in Sicherheit gebracht hat!«
»Das würde mein Vater niemals tun! Niemals!«
»Er hat es getan, und er kann mit der Schmach nicht leben! Was glaubst du, warum er dich in dieses Internat gesteckt hat? Warum siehst du ihn so selten? WARUM? Weil er weiß, dass er deine Mutter auf dem Gewissen hat! «
Seine Worte trafen Max wie ein Messerstich mitten ins Herz.
»Warum sollte ich Ihnen glauben? Sie haben jeden verraten, der Ihnen jemals vertraut hat! «
Farentino senkte die Stimme, zärtliche Erinnerungen dämpften seine Wut.
»Weil ich sie geliebt habe. Ich habe deine Mutter von ganzem Herzen geliebt. Aber sie wollte deinen Vater nicht für mich verlassen.«
Max bewegte sich nicht. Er konnte nicht. Farentino berührte ihn sanft am Arm und sagte leise: »Hol mich hier raus, Max, dann erzähle ich dir alles. Bitte. Ich versprech’s dir.«
Max musste sich aus der Erstarrung reißen, die ihn zu betäuben drohte. Die Schießerei auf den Ebenen über ihnen war immer noch im Gange. Nicht allzu weit weg. Der Geruch von Schießpulver hing in der Luft, brannte in Augen und Kehle. Und das riss ihn in die Wirklichkeit zurück. Ihm war kalt, aber das lag nicht an der Temperatur hier unten. Das kam vielmehr von seinem Herzen.
Er sah nach den Maschinen an der Wand, nahm eine dicke Eisenkette, die dort hing, steckte sie durch die Gitterstäbe des Käfigs und schob eine Eisenstange durch das letzte Kettenglied, um sie zu befestigen.
Dann schleppte er das andere Ende der Kette zum Lastenaufzug. Der Bedienungsschalter baumelte von oben herab. Max drückte auf den Aufwärts-Knopf und die Plattform fuhr an. Er stoppte sie auf Kopfhöhe und hakte die Kette an der Unterseite des Aufzugs fest. Nachdem er wieder auf den Knopf gedrückt hatte, fuhr die Plattform weiter nach oben und zog nach und nach die Kette stramm.
»Zurück!«, schrie er Farentino zu. Kreischend bog sich das Metall und die Kette riss den Käfig in Stücke. Max ließ den Aufzug wieder auf Kopfhöhe hinab. Farentino taumelte aus seinem Käfig, aber Max lag nichts daran, ihm zu helfen. Er sah allerdings auch keinen Grund, warum ein gefangener Eisbär hier unten sterben sollte. Schon lief er zu dem Käfig, wo er dem wütenden Bären entkommen war, schob den Riegel zurück und sah das Tier aus seinem eisigen Becken auftauchen.
»Komm! Zeit für ein Picknick! Hier sind jede Menge böse Menschen, die du fressen kannst!«
Kaum hörte der Bär Max’ Stimme, begann er durch das Loch in der Eiswand zwischen den beiden Käfigen zu klettern.
Farentino war bereits auf die Plattform des Lastenaufzugs gestiegen. Max sprang zu ihm hoch – der Bär war noch gut fünfzehn Meter hinter ihm –, schnappte sich den Bedienungsschalter und beförderte sie auf die nächste Ebene.
»Ich brauche Hilfe bei meinem Freund«, sagte er zu Farentino, als er ihn von der Plattform in das fließende Wasser zog.
Die Schüsse waren jetzt lauter geworden. Explosionen. Granaten. Schmerzensschreie.
Farentino krümmte sich vor Angst, leistete aber keinen Widerstand, als Max ihn vor sich herschob. Max hatte die Plattform wieder nach unten geschickt, damit der Bär daran nach oben klettern konnte; an der Felswand würde er genug Halt finden, um nach oben zu kommen. Damit hatte Max alles getan, was er konnte. Fast alles. Schneide Bärenkralle. Was sollte das heißen? Er packte Farentino beim Arm und zog ihn in den dunklen Tunnel.
Es sah aus, als ob Sayid auf einer Eisbank liegen würde. Bis auf einen Block unter ihm war alles geschmolzen. Das Wasser schoss immer noch aus der Leitung, war aber jetzt nicht mehr so warm.
Max nahm Sayids Gesicht in beide Hände – am Hals war kein Puls zu fühlen. Er schob eine Hand unter Sayids Jacke und Hemd. Die Brust war eiskalt, und das Herz schlug nicht mehr.
»Er ist tot«, sagte Farentino sachlich. »Wir sollten von hier verschwinden.«
Max packte ihn am Arm, sah den Schmerz im Gesicht des Mannes.
»Der Durchgang ist zu schmal. Ich kann ihn nicht alleine tragen. Nehmen Sie seine Beine.«
Eine Explosion detonierte ganz in der Nähe – das Kampfgeschehen rückte immer näher. Farentino packte Sayids Beine, während Max seinen Freund unter den Armen fasste. Mühsam schoben sie sich an dem Lastenaufzug vorbei und gelangten in einen größeren Raum.
Max legte Sayid behutsam ab.
Zwei Gestalten, die aussahen wie schwarz gekleidete Aliens mit Gummigesichtern und Glupschaugen, kamen ihnen aus der Dunkelheit entgegengerannt, Maschinenpistolen im Anschlag. Die bleistiftdünnen Laserstrahlen ihrer Visiere schnitten durch das Dämmerlicht und zielten auf Farentinos Brust.
»Nicht schießen!«, kreischte Farentino.
Corentin und Thierry zogen die Nachtsichtbrillen von ihren Gesichtern.
»Max!«, rief Corentin. »Ist das der Junge?«
»Corentin! Wie, zum … ?«
»Es war Sophie«, sagte Thierry und kniete sich neben Corentin, der Sayid bereits untersuchte. Thierry schwang einen Rucksack von seinen Schultern. »Draußen ist ein kleines Heer von französischen und Schweizer Soldaten zu unserer Unterstützung eingetroffen. Wie üblich zu spät. Wir haben die Sache hier drin selbst in die Hand genommen.«
»Wolfsmenschen! Na ja, wohl eher Hundewelpen«, sagte Corentin.
Er zückte ein gefährlich aussehendes Kampfmesser und schnitt Sayids Kleider auf. Thierry nahm einen Verbandskasten aus seinem Rucksack. Beide Männer arbeiteten schweigend, keine zu allem entschlossenen Berufssoldaten mehr, sondern im Feld erprobte Sanitäter. Thierry zog eine Spritze auf.
»Epinephrin«, erklärte er, als er Max’ besorgte Miene sah.
»Retten Sie ihn, Corentin«, flehte Max.
Corentin befestigte die kleinen löffelförmigen Kondensatoren eines tragbaren Defibrillators auf Sayids Brustkorb. Thierry stieß Sayid die Nadel ins Herz. Immer noch kein Puls.
»Finger weg«, sagte Corentin.
Er löste den Impuls aus, und Sayids Körper bäumte sich auf.
»Komm schon, Sayid! Komm schon!«, bettelte Max.
»Der Junge ist tot. Ihr vergeudet hier nur eure Zeit«, sagte Farentino.
Corentin sah ihn an, als wollte er ihn umbringen. »Dieser Junge ist eiskalt. Tot ist er erst, wenn er warm und ohne Lebenszeichen ist. «
Corentin und Thierry versuchten es noch drei Mal, dann sah Corentin zu Max hoch und schüttelte den Kopf.
»Draußen wartet ein Rettungshubschrauber. Wir bringen euch jetzt hier raus. Kommt, noch ist es hier sicher. Und da draußen bricht bald die Hölle los. Dann wird hier kein Hubschrauber mehr fliegen können.«
Max betrachtete den leblosen Körper seines besten Freundes. Wo blieben die Tränen, warum weinte er nicht? Warum empfand er nichts anderes als dieses animalische Verlangen, Sayids Mörder nachzujagen?
»Junge, du bist total erschöpft. Gehen wir«, sagte Thierry sanft, während Corentin Sayid in seinen Armen hochhob. Max sah auf die Uhr. 10:59 Uhr.
»Ich kann nicht. Tischenko wird diesen Berg in weniger als vierzig Minuten in die Luft sprengen. Er sitzt oben in einem Turm, ein paar Kilometer von hier talabwärts. Es gibt ein unterirdisches Schienensystem …«
Thierry unterbrach ihn. »Hör gut zu, Max. In diesem Tunnel waren Sprengfallen angebracht. Er ist eingestürzt. Das Rohr ist noch da, aber man kommt da nicht durch. Vielleicht wär’s am besten, wir vergessen diesen Verrückten, oder?«
»Niemand geht in dieses Tal, Max. Das ist wirklich zu viel verlangt. Die Blitze sind überall«, sagte Corentin ruhig.
Max schüttelte den Kopf. »Bringen Sie ihn ins Krankenhaus, Corentin, bitte.«
Sayids Arm fiel herab. Max legte ihn zurück und streichelte seinem Freund übers Gesicht. Jetzt hatte er Tränen in den Augen. Aber ein anderer Teil von Max Gordon zog ihn plötzlich weg. Er drehte sich um und rannte, so schnell er konnte, zu Tischenkos Privataufzug.
Er drückte auf den Knopf. Der Aufzug war zwar jetzt kein Expresslift mehr, wurde aber offenbar von einem Notkondensator noch mit genügend Strom versorgt, denn Sekunden später trat Max in den Raum, wo Tischenko von den Plänen für seine Unsterblichkeit geschwärmt hatte. Die Instrumententafeln waren offen, der Kristall summte und glühte – noch immer strömte Energie in ihn hinein. Das bedeutete, dass die Energie von der unterirdischen Pipeline geliefert wurde, an der Max vorbeigekommen war – der Teilchenbeschleuniger, der bald Lichtgeschwindigkeit erreichen würde … Wann? Er sah auf Farentinos Uhr – 11:15 Uhr. Noch neunzehn Minuten.
Schneide Bärenkralle.
Ungefähr sechzig Meter weit erstreckten sich die Wohnräume an der Felswand. Am Ende warteten zwei große Türen. Max zog eine auf und der hereinfauchende Sturmwind riss ihn von den Beinen. Regen peitschte über Tischenkos Aussichtsplattform. Max brachte sich in Sicherheit und sah zu, wie der Sturm Tischenkos Privaträume verwüstete. Da erblickte er die Wolfsmaske, die auf einer Bronzebüste Tischenkos drapiert war. Er nahm sie von dem kalten Metall herunter. Schönes, weiches Fell, aber die Augenlöcher sahen unheimlich aus. Die Maske des Jägers. Max zog sie sich übers Gesicht. Jetzt war er von der Haut des wilden Tieres umhüllt. Ein Spiegel zeigte ihm das fremde Wesen, das ihn da anstarrte. Er schauderte. Ein Beben durchlief seine Muskeln. Sein Herz raste. Angriffslust stieg aus seinem Innersten auf. Plötzlich erinnerte er sich – es gab noch eine zweite Plattform, die, von der Tischenko mit dem Gleitschirm gestartet war. Das war seine einzige Chance. Rasch mit dem Aufzug nach unten.
11:20 Uhr.
Blitze schlugen in die Flanken des Bergs und sprengten riesige Felsbrocken heraus. Sie sahen aus wie Krallen. Max trat in eine künstlich angelegte Höhle, die groß genug war, ein kleines Flugzeug darin unterzubringen. Aber es gab hier kein Flugzeug, nur ein Dutzend Gleitschirme, die zum Trocknen an der Decke hingen. Wie gigantische Fledermäuse schwebten sie zitternd in der Zugluft, die von draußen hereindrang.
Vierhundert Meter über ihm wälzten sich die brodelnden Wolkenmassen über den Himmel. Grelle Blitze zuckten durch die Dunkelheit und ließen geisterhafte Bilder zwischen den schwarzen Formationen aufleuchten. Max brauchte Gegenwind. Er zog das Haupttor ganz auf und kam sich plötzlich vor wie im Auge eines Tornados. In dieser Höhe war die Luft ruhiger und der Wind kam von vorn. Perfekt. Max sah die zwei Türme deutlich vor sich, ein unglaubliches Blitzgewitter zuckte zwischen ihnen hin und her. Tischenko lockte die Naturgewalten an und verwandelte sie in böse Mächte.
11:22 Uhr.
Schneide Bärenkralle.
Fest in die Gurte geschnallt, warf Max den gebündelten Stoff aus seinen Armen in den Sturm. Sofort zerrte der Wind daran, knurrend und fauchend, und schleuderte ihn hoch in die Luft. Eine unwirkliche Welt. Unten Eis und Schnee, oben das Gewühl schwarzer Wolken. Die Blitze über dem Tal wiesen ihm den Weg. Er zog an den Hauptgurten, um Fahrt aufzunehmen. Die Leinen knisterten vor Spannung. Am Gurtwerk waren ein Kompass und eine Geschwindigkeitsanzeige angebracht. Max wusste ganz genau, wo er hinwollte, einen Kompass brauchte er dazu nicht, aber er sah, dass er mit sechzig Stundenkilometern vorankam.
Die Luft war schneidend kalt; Hagelkörner prasselten auf seine Hände. Gegen den Sturm ankämpfend, hielt er auf die Türme zu. Im flackernden Licht der Blitze sah Max unter sich undeutliche Bewegungen. Wölfe. Sie folgten ihm, vielleicht weil sie glaubten, der da oben unter dem schwarzen Gleitschirm sei ihr Herr und Meister. Und wenn er tiefer sank? Dann würden sie bald merken, dass die Gestalt mit der Maske nicht Fedir Tischenko war. Aber das spielte keine Rolle. Im Augenblick fühlte er sich wie der Anführer. Der Leitwolf.
Max flog viel zu hoch; in dieser Höhe würde er über die Türme hinwegfliegen, und sie waren keinen Kilometer mehr entfernt. Er zog an den Hauptgurten, um weniger Luft unter dem Schirm zu haben. Jetzt sank er, aber viel zu tief. Er fing den Sturz ab, verlagerte sein Gewicht, hob eine Hand, um sich vor einem Blitz zu schützen, der durch die Regenschleier vor ihm niederfuhr. Das war der wildeste Flug seines Lebens.
Die beiden Türme standen in einem abgezäunten Gelände. Sie sahen aus wie Wachtürme in einem Kriegsgefangenenlager, standen aber nur zweihundert Meter auseinander. Und es gab dort auch keine Baracken, nur einen halb unterirdischen Backsteinbau, der aussah wie ein Kraftwerk. Dieser Kasten stand direkt am Zaun; von der Basis der beiden Türme führten lang gestreckte Bodenerhebungen zu ihm hin.
Max wurde über den Himmel geschleudert. Eine heftige Bö hatte ihn erfasst, der Schwerwind, dem Tischenko ausgewichen war. Jetzt zwang er Max, um sein Leben zu kämpfen. Max zerrte an den Gurten, wirbelte auf und ab an den Ausläufern des Bergs entlang, geriet in Turbulenzen und verlor noch mehr Luft unter dem Schirm. Er sank. Und zwar schnell. Und hielt genau auf das eingezäunte Gelände zu.
Feuer züngelte an den Türmen. Dann aber erkannte Max, dass es Drähte waren, die die Blitze in den Erdboden leiteten, durch die lang gestreckten Erhebungen direkt in den Backsteinbau hinein.
Auf der Spitze eines der beiden Türme befand sich ein von einem Drahtkäfig umschlossener Kontrollraum, und darin stand Tischenko. Blitze schlangen sich um den Käfig, suchten vergeblich hineinzugreifen. Aber solange Tischenko innerhalb der Nullspannungszone blieb, war er vor den Monstern da draußen sicher. Wenn er auch nur einen Finger hinausstreckte, würde er allerdings sterben wie eine Mücke, die in einen elektrischen Insektenvernichter fliegt. Mit zwei Kontrollhebeln steuerte er die zehn Meter messende Parabolantenne. Sie glich einer riesigen Satellitenschüssel und diente dazu, die Blitze einzufangen und gebündelt in die vorprogrammierte Empfangsschüssel auf dem anderen Turm zu leiten. Manche der Blitze gabelten sich und schlugen in beide Schüsseln gleichzeitig ein, was sogar noch stärkere elektrische Ladungen erzeugte.
Tischenko konnte weder sehen noch hören, dass Max sich ihm näherte, aber sein sechster Sinn, wach wie eh und je, bewegte ihn dazu, sich umzudrehen und in die Nacht hinauszuschauen. Ein Wesen mit schwarzen Flügeln und dem Kopf eines Wolfs schoss aus dem Himmel auf ihn zu. Max Gordon hatte überlebt und noch immer nicht aufgegeben. Der Junge trug also die Maske eines Wolfsmenschen? Dann musste er auch bereit sein, wie ein solcher zu sterben.
Max wusste, dass er zu schnell war. Wenn er jetzt wendete, würde er unweigerlich an dem Zaun zerschmettern. Er ließ alle Gurte los, hob schützend die Arme vor den Kopf und streckte die Beine nach hinten. Der Gleitschirm plusterte sich auf, riss ihn zwei Meter in die Höhe und sackte dann ab. Max landete, als ob er von seinem Tisch in der Dartmoor High gesprungen wäre.
Er stieg aus den Gurten und rannte ins Höllenfeuer. Blitze explodierten, Wind kreischte um den Drahtkäfig auf dem Turm, und in der Ferne rollte ein Feuerball über das Tal und zerschnitt die Wolken wie ein Meteor das Sternenmeer.
Doch lauter als das ohrenbetäubende Tosen des Sturms schrie Tischenko. Er verfluchte Max Gordon.
11:30 Uhr.
Im Innern des zweiten Turms gab es einen Aufzug. Max drückte auf den Knopf. Keine Türen – eine offene Plattform beförderte ihn nach oben. Er kam sich vor, als stecke er mitten im größten Feuerwerk aller Zeiten. Ein grelles Licht blendete ihn. Fahle Schwaden schwammen vor seinen Augen. Tischenko hatte die Parabolantenne nach unten geschwenkt und einen Blitz in Max’ Turm gejagt. Und noch einen. Der Schlag erschütterte den Käfig, in dem Max jetzt stand. Vor sich hatte er zwei Kontrollhebel wie von einem Computerspiel. Was auch immer Tischenko dort vorprogrammiert haben mochte, wurde von Max ausgeschaltet, als er den Knopf für die manuelle Steuerung betätigte. Maschinen summten, als er vorsichtig die Hebel bewegte. Die Schüssel auf seinem Turm reagierte sofort. Die Steuerinstrumente sprachen ohne Zeitverzögerung an.
Als Max die Schüssel in den Himmel schwenkte, war der Feuerball schon sehr viel näher herangekommen. Jenseits dieses Tals lag der Genfer See, eingeklemmt zwischen zwei Gebirgsketten. Ein Volltreffer auf diese Verwerfungslinie würde den Talboden zertrümmern wie ein Ei, das am Rand einer Bratpfanne aufgeschlagen wird.
11:32 Uhr.
Noch zwei Minuten!
Tischenko jagte den nächsten Blitz in Max’ Turm. Der Boden bebte unter seinen Füßen und Max glaubte schon, der Turm werde unter ihm zusammenbrechen. Dann fing er mit seiner Schüssel einen Blitz auf und lenkte ihn auf Tischenkos Turm. Wenn Tischenko mit ihm spielen wollte, konnte er das haben. Dank Sayid kannte Max sich mit Computerspielen gut aus.
Das Naturereignis am Himmel sah jetzt aus wie ein glühender Meteor, der auf die Erde stürzt, war aber in Wirklichkeit die Spitze eines mächtigen Blitzstrahls. Nun stand die Katastrophe unmittelbar bevor, und ein Mönch hatte sie vorausgesagt. In weniger als einer Minute würde die gewaltige Feuerfaust den Berg pulverisieren.
11:33 Uhr.
Schneide Bärenkralle.
Tischenko hatte Sayid getötet! Max’ Wut loderte so mächtig und er war so konzentriert, dass er von dem Krachen und Toben nichts mehr mitbekam.
Tischenko und Max bombardierten sich mit Blitzen, die wie zweihundert Meter lange Schwerter über das Schlachtfeld zwischen den Türmen zuckten und aneinanderkrachten.
Wieder traf Tischenko Max’ Turm. Ein ungeheurer Schlag, der die ganze Gegend grell aufleuchten ließ. Max taumelte zurück. Tischenko sah den Jungen wanken und zu Boden gehen.
Der Feuerball gleißte über dem Tal. Dahinter ragte wie ein schwarzes Monster der Berg in den Himmel, sein Gipfel geformt wie der Kopf eines Bären, die schroffen Ausläufer wie – Krallen.
Schneide Bärenkralle.
Max überlegte nicht lange.
11:34 Uhr.
Der kosmische Blitz schlug ein.
Max hatte die Steuerung wieder unter Kontrolle. Ein Blitzstrahl schoss gebündelt aus der Schüssel und zerschnitt den Ausläufer des Bergs, der in diesem Augenblick wie die Kralle eines Bären aussah.
Fedir Tischenkos gesamte Existenz verdichtete sich in dieser Mikrosekunde. Er war der Feuergott, der Leben vernichten und erschaffen würde. Als Kind von der Himmelsmacht berührt, konnte ihm nichts mehr etwas anhaben. Und so war er völlig verblüfft, als ein sengender Schmerz in seine Brust fuhr und ihn ans Drahtgitter seines Käfigs schleuderte. Das Auge des Sturms erkannte seinen längst verloren geglaubten Sohn, rammte ihm einen grausamen Zackenblitz in den Leib und holte ihn heim.
Max sah alles wie in Zeitlupe. Sein Turm brach zusammen, die Bergflanke explodierte, und der Hai stand im feuerhellen Schnee neben einem Motorrad, einen Arm noch ausgestreckt, nachdem er den Pfeil mit Tischenkos Jagdbogen abgeschossen hatte. Die Stahlspitze des Pfeils hatte Tischenkos Brust durchbohrt und dann die Käfigwand durchstoßen, und damit war Tischenko plötzlich den Blitzen ausgeliefert.
Max’ Turm sackte langsam in sich zusammen wie ein geschlagener Ritter in seiner Rüstung. Max klammerte sich an die Steuerhebel, als um ihn herum Metall zerriss und der Turm im Todeskampf mit einem letzten stählernen Röcheln auf den Zaun krachte.
Die Erde bebte, der Wind fegte die Wolken weg, und binnen einer Stunde legte die kristallklare Nacht tiefen Frost über das Land und Max’ gekrümmten Körper.
Dann kamen die Wölfe.
Schweigen kann man kaufen. Unliebsame Ereignisse kann man mit Halbwahrheiten und wissenschaftlichen Erklärungen entsprechend auslegen. Bei dem Kampf, den Corentin und Thierry ganz allein in dem Berg ausgefochten hatten, hatte es über ein Dutzend Tote gegeben. Nach offizieller Darstellung gehörten sieben dieser Männer zu einer Bergsteigergruppe, die an der berüchtigten Nordwand der Zitadelle in Schwierigkeiten geraten war. Angeblich wurden die unerfahrenen Kletterer von einem kleinen Erdbeben überrascht, das die Region in dieser Nacht erschütterte, und fünf Retter starben bei dem Versuch, sie von dem Berg herunterzuholen. Eine Tragödie.
Ein Dorf am Fuß des Bergs trug erhebliche Sachschäden davon, aber zum Glück gab es keine Todesopfer. Aus dem Forschungszentrum, das die seismischen Aktivitäten der Zitadelle überwachte, wurde eine ungenannte Zahl von Wissenschaftlern gerettet, was die Anwesenheit von Schweizer und französischen Soldaten in dem Gebiet erklärte – ein wunderbares Beispiel für grenzüberschreitende Zusammenarbeit, wie ein Regierungssprecher es formulierte. Die Wahrheit war, dass man Tischenkos Wissenschaftler in geheimen Einrichtungen festgesetzt hatte, um sie auf ihren Geisteszustand hin zu untersuchen.
Der Klimawandel und eine außerordentliche Wetterlage mussten schließlich als Erklärung für alles andere herhalten.
»Wach auf, Junge«, sagte Corentin grob.
Er schüttelte Max, wischte Reif und Schnee von seinem Körper, tätschelte ihn so freundlich, wie es jemandem wie Corentin nur möglich war, bis Max endlich erwachte.
»Ist ja gut, alles in Ordnung … Corentin … Was ist passiert?«, fragte Max benommen.
Der große Mann hob ihn auf die Füße.
»Die Kavallerie ist wie üblich zu spät gekommen, wird aber den ganzen Ruhm einheimsen«, sagte Thierry. »Wie immer.« Max erinnerte sich an Tischenkos Tod. »Wo ist der Hai?« »Wer?«, fragte Corentin.
»Da war ein Junge. Er hat Tischenko getötet.«
»Gib ihm einen Orden«, sagte Thierry. »Aber hier war niemand außer dir und den Wölfen.«
»Ein Rudel Wölfe?«, fragte Max.
»Ganz genau. Und ein Eisbär. Der wollte dich unbedingt zum Frühstück verspeisen«, sagte Corentin.
»Ich verstehe gar nichts mehr«, sagte Max verzweifelt.
»Die Wölfe hatten dich eingekreist, und der größte von ihnen …«
»Ein übler Geselle«, unterbrach Thierry lachend seinen Partner, während sie Max zu dem Audi brachten.
»Der hat keinen an dich rangelassen – und das Rudel, na ja, so etwas habe ich noch nie gesehen, aber die haben diesen Eisbären von dir ferngehalten.«
»Sie haben die Wölfe doch nicht getötet?«, fragte Max, plötzlich beunruhigt.
»Ein paar Schüsse in die Luft. Das Alpha-Männchen hat seinen Posten bis zum Ende behauptet, aber als Corentin dann mit ihm geredet hat wie mit seinem Pudel zu Hause, hat es sich schließlich auch verzogen.«
»Ich habe weder einen Pudel noch sonst irgendeinen Hund. Red keinen Unsinn«, seufzte Corentin, als er Max auf den Beifahrersitz des Audi half.
Noch nie war Max so dankbar gewesen, dass ihn jemand nach Hause fuhr. Er fühlte sich, als sei er unter eine Dampfwalze geraten.
»Ich sitze vorne«, sagte Thierry leise zu Corentin, der schon zur Fahrerseite ging.
Max sah Corentin grinsen.
»Hinten wird mir schlecht«, sagte Max.
»Mir auch. Steig aus«, befahl Thierry.
»Lass ihn. Ich will nicht, dass der Wagen vollgekotzt wird«, sagte Corentin. »Der Junge hat schon genug mitgemacht.«
Er reichte Max eine Wasserflasche, und der trank in großen Schlucken.
»Und wenn ich mich übergeben muss?«, sagte Thierry. »Dann schluck’s runter«, erwiderte Corentin und ließ den Motor an.
Thierry zwängte sich auf den Rücksitz. »Ich muss aber das Fenster aufmachen.«
»Nur zu.« Corentin steuerte den Wagen aus dem verwüsteten Gelände heraus. Die Winterreifen knirschten über den Schnee.
»Und nimm die Kurven nicht so schnell«, ermahnte ihn Thierry.
»Halt die Klappe.«
Mehr bekam Max von dem Geplänkel der beiden Söldner nicht mehr mit. Er fiel in einen tiefen Schlaf und erwachte sechzehn Stunden später in einer Schweizer Privatklinik.
Der Reiz der Schweiz liegt nicht nur in ihrer großartigen Landschaft, sondern auch in ihren Geheimhaltungsvorschriften. Alles wurde vertuscht. Jeder, der irgendwie mit Max’ Fall zu tun gehabt hatte, wurde in Gewahrsam genommen, entsprechend betreut und umsorgt und von Regierungsvertretern und Wissenschaftlern eingehend befragt.
Wissenschaftler erklärten, dass die Trümmer des Bergausläufers, den Max zur Explosion gebracht hatte, in die Erdspalten unter der Talsohle gerutscht seien. Dadurch sei verhindert worden, dass eine Schockwelle den Genfer See überlaufen ließ und dass das Kernforschungszentrum CERN zerstört wurde, was gewaltige Umweltschäden angerichtet und zahllose Menschenleben gefordert hätte. Sie wollten von Max wissen, woher er gewusst habe, dass er das tun musste.
»Zabala. Er hat es gewusst«, antwortete Max.
»Dieser Verrückte, dieser Versager, dem niemand geglaubt hat?«, fragten sie spöttisch.
Max konnte seine Aussage nicht beweisen. Der Anhänger mit dem Stein hatte sich mit Tischenko in Luft aufgelöst. Vielleicht reichte es, dass Max als Einziger die Wahrheit kannte. Fest stand jedenfalls: Max war froh, dass er überlebt hatte und diese herrliche Hochgebirgsluft atmen konnte, ohne hinter jedem Stein eine Gefahr fürchten zu müssen.
Der Hai war in jener Nacht entkommen. Von Tischenkos Wolfsmaske, die Max getragen hatte, fand sich keine Spur. Offenbar hatte der Killer Max für tot gehalten und sie mitgenommen, bevor dann die Wölfe kamen. Wer weiß? Vielleicht hatte der Hai sich damit zufriedengegeben, dass er Tischenko getötet und die Maske der Vucari an sich genommen hatte.
»Was ist aus dem riesigen Kristall in dem Berg geworden?«, fragte Max Corentin.
Corentin zuckte mit den Schultern. Er wisse gar nichts, sagte er. Er sei nur ein ehemaliger Legionär, den man dafür bezahlt habe, ein paar Kinder zu retten. Dabei hätte Max seine Hilfe gar nicht gebraucht.
Das war ein großes Kompliment von dem alten Haudegen, aber Max wusste, seine DNA war mit der eines Raubtiers vermischt und in diesem Kristall abgespeichert. Wo war der jetzt? Die Ärzte und Wissenschaftler, die er danach fragte, antworteten alle, sie hätten nicht die geringste Ahnung.
Der Fall war abgeschlossen. Und offiziell war das Ganze sowieso nie geschehen. Egal, so waren Regierungen nun einmal. Max war nur froh, dass alles gut ausgegangen war. Glaubte er an Schicksal? Oder war das bloß Aberglaube? Auch das war ihm egal – Hauptsache, das Schicksal meinte es gut mit einem.
Drei weitere Gestalten lagen auf Holzliegen in der Spätwintersonne, ihre verletzten Beine jeweils hochgestützt. Sophie Fauvre war vom besten Chirurgen der Schweiz an ihrem lädierten Knie operiert worden. Als Max kam, hatte sie gestrahlt, aber auch seine Müdigkeit bemerkt. Die Erschöpfung nach der Schlacht, hatte Corentin ihr erklärt. Max habe Schlimmes durchgemacht. Etwas, worüber er wahrscheinlich lange Zeit nicht werde sprechen können. »Lass ihn erst einmal zu sich kommen. Das braucht er jetzt«, hatte er gesagt. Sophie verstand. Sie würde erst mal zu ihrem Vater zurückkehren und ihm in seinem Kampf für die gefährdeten Arten beistehen, und sie hoffte, dass Max, wenn er wieder zu Hause war, mit seinem Dad reden konnte.
»Hey! « Sie hatte Max umarmt.
»Alles geregelt«, hatte er lächelnd geantwortet.
Bobby Morrell war aus einem französischen Krankenhaus in die Klinik gebracht worden. Er war noch ziemlich wortkarg. Seine diversen Knochenbrüche – ein Arm, ein Bein und mehrere Rippen – wären bald verheilt, aber die Trauer um seine Großmutter würde ihn noch lange begleiten.
Das größte Glück aber hatte Sayid gehabt, fand Max. Eine ganze Woche lang hatte man ihn untersucht. Seit einige Jahre zuvor ein im Gebirge erfrorener Japaner wiederbelebt worden war, hatte es keinen Fall mehr gegeben, wo jemand eine so extreme Kälte überlebt hatte. Die Ärzte waren sich einig – Sayid war in einen unterkühlten Zustand geraten, wie er bei Tieren im Winterschlaf üblich ist. Seine Gehirn- und Organfunktionen waren dabei wie auf einem Datenspeicher im Cyberspace abgelegt und daher nicht geschädigt worden. Er war vollständig wiederhergestellt.
Sie alle waren in Decken gehüllt, schauten über die Gartenanlagen der Klinik nach den schneebedeckten Bergen und tranken heiße Schokolade, die eine Schwester gebracht hatte, für die Bobby Morrell ganz offensichtlich schwärmte.
»Wie hast du mich eigentlich gefunden?«, fragte Sayid Max. Er wusste, eines Tages würde Max ihm die ganze Geschichte erzählen.
»Ich hab dich schnarchen gehört«, antwortete Max.
Sie lachten, bald aber war Max verstummt und hörte den anderen zu, die jetzt aufgeregt erzählten, wie sie ihre Abenteuer überlebt hatten.
Farentino hatte sich im Chaos der Rettungsaktion der Schweizer und französischen Truppen aus dem Staub gemacht, aber seine Worte gingen Max noch immer schmerzlich nach. Was war wirklich mit seiner Mutter geschehen? Wusste sein Dad, dass Farentino sie geliebt hatte? Max sah einer ungewissen Zukunft entgegen. Er musste die Wahrheit über den Tod seiner Mutter herausfinden.
Und ob sein Vater ihn belogen hatte.
In der Ferne hörte Max einen Bären brüllen, dem ein Wolf mit Heulen antwortete. Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Es war, als riefen sie nach ihm.
»Habt ihr das gehört?«, fragte er die anderen.
»Was denn?«, gaben sie zurück.
Max schüttelte den Kopf und schaute wieder Richtung Berge.
»Ach, nichts.« Er lächelte. »Das habe ich mir wohl nur eingebildet.«