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Die Vorrunden des Junioren-X-trem-Wettkampfs hatten in der vorigen Woche stattgefunden. Drei Disziplinen: querfeldein mit dem Mountainbike über die unteren Berghänge, Wildwasserkajak und Freestyle-Snowboard. Die bei den einzelnen Disziplinen errungenen Punkte entschieden über das Fortkommen in die nächste Runde. Max war einer der jüngsten Teilnehmer, die zwischen fünfzehn und achtzehn Jahre alt sein durften und in Europa zur Schule gehen mussten. Bobby Morrell, der ehemalige amerikanische Juniorenmeister, lag bisher in der Punktewertung vorn. Er besuchte die Internationale Schule bei Toulouse. Max war klar, den musste er schlagen. Zum Glück wurden die Mountainbikes und Kajaks wegen der sonst zu hohen Kosten von den Organisatoren zur Verfügung gestellt, und zwar nur Standardmodelle, sodass niemand, der sich eine Spezialausrüstung leisten konnte, einen Vorteil hatte. Es kam allein auf das Können an. Beim Snowboarding war es allerdings nicht so. Die wirklich guten Fahrer besaßen eine ganze Reihe verschiedener Boards für alle Schneeverhältnisse. Max würde mit seinem mittelmäßigen Board zurechtkommen müssen – falls er das Kajakrennen in einer akzeptablen Zeit überstand.

Das Wasser toste.

»Max Gordon! «, rief der Kampfrichter.

»Hier!«

Die Startreihenfolge war nach den Vorrunden festgelegt worden und in dieser Phase des Wettbewerbs mussten die schnellsten Kajakfahrer als Letzte antreten. Und das waren Max und Bobby.

Der Amerikaner gab ihm die Hand und sagte: »Viel Glück, Max. Denk an das Gefälle kurz vor der großen Biegung. Wenn du das nicht richtig angehst, wirst du nach links zu der Flussgabelung fortgerissen. Lass dich da nicht runterdrücken. Die Stelle hat schon fast Schwierigkeitsgrad vier. Das ist echt schwer. Wenn es dich da nach unten zieht, wird es lebensgefährlich, Max. Okay?«

Max nickte. Er mochte den Amerikaner. Der achtzehnjährige Champion ließ seine jüngeren Konkurrenten immer an seinen Erfahrungen teilhaben. Beide wollten gewinnen, aber für Bobby war das bei Weitem keine so große Sache wie für Max. Die fünftausend Euro Siegprämie würden Max helfen, sich eine bessere Ausrüstung zu kaufen, und die Reisekosten zu weiteren Wettkämpfen decken, falls er in Zukunft noch einmal an so etwas teilnehmen wollte. Sein Vater hatte nicht so viel Geld, und auch wenn es der Schule gelungen war, ihm ein Stipendium zu besorgen, sodass er dort bleiben konnte, musste er sich alles Weitere selbst hinzuverdienen.

Er brachte die Spritzdecke um die Luke an. Dann nickte er den Kampfrichtern zu; er war bereit. Das Wasser brauste so laut, dass er das Piepen der elektronischen Startmaschine kaum hören konnte. Der Kampfrichter half beim Countdown, indem er die gespreizte Hand hochhielt und nacheinander die Finger einkickte. Fünf, vier, drei, zwei …

Max schob die Schultern vor und packte das Doppelpaddel fester. Tief Luft holen. Energie laden. Dieses Rennen gewinnen. Du musst schnell sein … sehr schnell … Los …

Eins!

Die Starthupe quäkte und Max jagte das Kajak in die erste schäumende Woge hinein.

Sofort spürte er, das Wasser war schwieriger als bei den ersten Zeitrennen. Es schleuderte ihn hin und her. Die Schneeschmelze weiter oben in den Bergen ließ den Fluss anschwellen und die Wassermassen schossen hier wie durch einen Trichter zu Tal.

Er stieß das Paddel links und rechts hinein, warf sich von einer Seite zur anderen, um das Gleichgewicht zu halten. Im Prinzip ging es nur darum, sich der Kraft des Wassers mit Geschick und Verstand entgegenzustemmen. Wildwasserkajaks sind kurz und wendig, ihr abgerundeter Rumpf macht sie zwar schnell, aber auch instabil.

Eine Woge stürzte donnernd über ihm zusammen. Er hatte einen Strudel falsch eingeschätzt und wäre beinahe umgeschlagen, und dann hatte er sich mit dem Helm von dem Felsen abgestoßen, um den herum sich das Wasser beschleunigte. Er musste die Form des Boots zu seinem Vorteil nutzen. Der Fluss wurde breiter. Näher am Ufer war die Strömung weniger heftig. Max hielt sich in der rauen Mitte, kurvte hin und her und ließ sich von der Wucht des Wassers vorwärtstreiben. Die gefährliche Biegung war jetzt nicht mehr weit. Niemand würde auf dieser Seite des Flusses fahren – jedenfalls nicht freiwillig. Die Stromschnellen dort waren tückisch.

Max sah das schäumende Wasser mit wütendem Zischen über verborgene Felsen rauschen. Dort, am Rand des Wellenzugs, war die Strömung am stärksten.

Als er die Kurve nahm, wurde er von dem gewaltigen Sog erfasst und schoss nur so dahin. Sein Jubelschrei ging in dem Tosen unter.

Das eisige Wasser schlug ihm ins Gesicht und als er den Kopf wegdrehte, sah er ein anderes Kajak im Schutz eines Felsvorsprungs durch das ruhigere Wasser nahe am Ufer gleiten.

Das konnte nicht Bobby sein, der konnte ihn unmöglich hier schon eingeholt haben. Außerdem durfte er sowieso erst starten, wenn Max über die Ziellinie gekommen war. Vielleicht war die vor ihm gestartete Teilnehmerin in Schwierigkeiten geraten, eine Deutsche, die in allen Disziplinen gute Leistungen gezeigt hatte. Ob sie hängen geblieben war? Oder was war da los? Warum hatte man das nicht zum Start durchgegeben? Seine Gedanken rasten, während er weiter mit den krachenden Wassermassen kämpfte. Nein, dieses Kajak war stabiler gebaut als die der anderen Sportler, es war aus kohlefaserverstärktem Kunststoff und glitt mühelos über die Stromschnellen hinweg. Wer dieses Boot steuerte, musste viel Kraft und Erfahrung haben.

Und er kam jetzt genau auf Max zu.

Kollisionskurs.

Der wollte ihn versenken!

Es war der Hai!

Max hieb das Paddel ins Wasser, warf sein ganzes Gewicht auf eine Seite und schaffte es gerade noch, sein Kajak so herumzureißen, dass es seitlich gegen den Angreifer prallte.

Um ein Haar wäre Max gekentert.

Die beiden Jungen kämpften fast Seite an Seite mit dem aufgewühlten Wasser. Der Hai hieb sein Paddel nach hinten und beinahe hätte er Max aus dem Gleichgewicht gebracht. Wieder geriet sein Kajak ins Schwanken. Um nicht zu kippen, warf er sich auf die andere Seite, und in diesem Moment war er verwundbar. Der andere hob sein Paddel wie ein riesiges Schwert hoch in die Luft und ließ es auf Max niedersausen.

Max riss sein Paddel hoch, hielt es quer vor sich und fing den Schlag ab. Jetzt verlor der andere das Gleichgewicht und war verwundbar. Mit einigen kräftigen Stößen war Max bei ihm.

Seite an Seite donnerten sie durch das schäumende Wasser und benutzten ihre Paddel, um abwechselnd ihr Boot zu steuern und auf den Gegner einzuprügeln. Sie fochten wie zwei Schwertkämpfer zu Pferde. Ein mächtiger Schlag streifte Max’ Stirn unterhalb des Helms, Blut spritzte in das kalte Wasser und ein Auge schwoll ihm zu.

Mit wütendem Gebrüll richtete er sich hoch auf und hieb dem anderen sein Paddel an den Kopf.

Der Hai sackte zusammen. Die Strömung riss das führerlose Kajak mit sich. Max fand sein Gleichgewicht wieder und wischte sich das Blut aus dem Gesicht. Er war noch immer schnell, aber jetzt hatte er den Angreifer vor sich. Der bewusstlose Junge hing immer noch vornübergebeugt im Boot. Sein Paddel war längst davongeschwommen und jetzt hatten die beiden Kajaks die gefährliche Biegung erreicht. Der Hai trieb auf der falschen Seite des Flusses. Wenn er dort unterging, würde er, selbst bei Bewusstsein, sehr wahrscheinlich ertrinken. Der Junge mochte ihn grundlos und heimtückisch attackiert haben, aber Max war kein Mörder.

Vor ihm schäumte das Wasser in die Kurve und er paddelte wie wild, als sein Kajak sich vorne hob und gleich wieder senkte und dann von der schnelleren und gefährlicheren Strömung erfasst wurde.

Binnen Sekunden hatte er den anderen Jungen erreicht. Er fuhr jetzt direkt neben ihm her und drängte das führerlose Kajak so ab, dass es nicht in die Stromschnellen geraten konnte. Wenn es ihm gelang, mithilfe seines Paddels das Tempo zu drosseln, konnte er sie beide an dem Nebenarm vorbeisteuern, der mit gewaltigem Druck in den Fluss hineinströmte.

Max hatte das Gefühl, gleich würden die Sehnen in seinen Schultern reißen, doch er hielt das Paddel ins Wasser gedrückt und blieb schräg an das andere Kajak gedrängt, um es auf Kurs zu halten.

Dann endlich beruhigte sich der Fluss, und Max konnte sich wieder um sich selber kümmern und das andere Boot sich selbst überlassen. Es stieß sanft ans Ufer und kippte langsam auf die Seite.

Max steuerte daran vorbei und fuhr zurück in die Mitte des Flusses. Als er sich ein letztes Mal umdrehte, sah er den Hai benommen aus seinem Kajak klettern und am Ufer zusammensacken. Irgendwem hatte es nicht gefallen, dass Max gestern Abend Sophie geholfen hatte. Sie hatte Recht gehabt – jemand versorgte diese aggressiven Burschen tatsächlich mit allem, was sie haben wollten, und erkaufte sich damit ihre Dienste.

Das Adrenalin trieb Max weiter, aber er wusste natürlich, dass der Angriff ihn wertvolle Zeit gekostet hatte.

Hinter der letzten Biegung waren es noch zweihundert Meter bis zum Ziel, wo sich Zuschauer und Offizielle drängten. Auf der Straße, die sich den Berg hinaufschlängelte, sah er etwas aufblitzen.

Ein schwarzes Auto, neben dem zwei Männer in schwarzen Lederjacken standen. Einer hatte ein Fernglas vor den Augen. Max hörte die Zuschauer jubeln.

Er konzentrierte sich auf die Ziellinie und spannte noch einmal alle Muskeln an. Sekunden später hörte er das elektronische Signal, als er durch die Lichtschranke glitt.

Er paddelte ans Ufer und einige Helfer hielten sein Kajak fest. Dann stemmte er sich mit seinem Paddel hoch und stieg aus. Erschöpft atmete er mehrmals tief durch. Einer der Kampfrichter rief nach einem Sanitäter.

Ohne auf ihn zu achten, schob sich Max durch die Menge, um einen Blick auf die Zeitanzeige zu werfen.

Nicht optimal, aber immerhin. Damit war seine Teilnahme am Snowboard-Finale gesichert. Mit einer besseren Zeit wären seine Chancen in der letzten Runde des Wettkampfs größer gewesen. Jetzt musste er bei seiner Freestyle-Nummer schon etwas Außerordentliches leisten, um die verlorenen Punkte wieder aufzuholen.

Er sah zu der Bergstraße hinauf.

Die Männer und das Auto waren nicht mehr da.

 

Die Teilnehmer wurden mit Bussen ins Dorf gebracht und bekamen zwei Stunden Zeit, etwas zu essen und sich auf die letzte Runde vorzubereiten. Die Woche war ziemlich hart gewesen, denn es ging bei alldem nicht nur um Können, sondern auch um Kondition. Bobby Morrell, der auf dem Fluss die beste Zeit erreicht hatte, war jetzt klarer Favorit. Außer Bobby und Max waren noch drei im Rennen: die junge Deutsche, die auf einer Snowboard-Anlage in München trainiert hatte, ein siebzehnjähriger Franzose, der bei den Zuschauern Heimvorteil genoss, und ein Holländer, von dem Max nicht erwartet hätte, dass er es in die Endrunde schaffen würde. Zu den Favoriten hatte auch eine Ungarin gezählt. Sie war gelenkig und schön wie eine Turnerin und sah mit ihrer modischen Kurzhaarfrisur aus wie eine Kalifornierin. Lebhaft und immer mit einem Lächeln auf den Lippen war sie bei allen beliebt. Die Jungen fühlten sich zu ihr hingezogen wie Autofans zu einem Ferrari. Sie begannen erst Abstand zu halten, als sie erfuhren, dass sie mit Bobby zusammen war. Die beiden waren ein Paar. Sie hieß Potÿncza Józsa und schien den Wettbewerb noch ernster zu nehmen als die meisten anderen. Sogar Bobby konnte über ihre konzentrierte Entschlossenheit nur verwundert den Kopf schütteln. Da ihr Name schwer auszusprechen war, fügte sie, wenn sie sich vorstellte, jedes Mal hinzu: »Aber sag einfach Peaches zu mir, so nennt mich jeder.« Und unter diesem Namen kannten sie alle.

Zunächst sah es so aus, als könnte sie den Holländer haushoch schlagen, aber dann hatte sie im Kajak einen dummen Fehler gemacht. Sie ärgerte sich sehr darüber und Bobby versuchte vergeblich, sie zu trösten. Sie wünschte ihm viel Glück, gab ihm einen Kuss und ging, damit er sich auf den Wettkampf konzentrieren konnte. Sie wollte ins Hotel, um ein heißes Bad zu nehmen und wahrscheinlich auch, vermutete Max, um sich ungestört auszuheulen. Irgendwie war Max erleichtert, dass sie ausgeschieden war. Peaches wäre viel schwerer zu schlagen gewesen als der Holländer. Der stellte keine große Gefahr dar, denn er hatte noch weniger Erfahrung als Max im Freestyle-Snowboarding. Also: Fünf waren noch übrig, jeder musste noch zweimal antreten, dann war die Meisterschaft entschieden.

Die Platzwunde über Max’ Auge musste mit vier Stichen genäht werden. Der Arzt meinte, ein Pflaster werde die Blutung nicht zum Stillstand bringen, und während die Wunde im Sanitätszelt versorgt wurde, stand Bobby Morrell daneben und sah dabei zu.

»Du könntest fragen, ob du beim Finale später antreten kannst«, sagte er.

»Nein, ich will das hinter mich bringen. Hast du an der großen Biegung ein lose treibendes Kajak gesehen?«

»Ja, schwarz mit einem chaotischen weißen Muster.« Max nickte. »War jemand drin?«

»Nein. Vielleicht hat es sich früher am Tag irgendwo losgerissen. Man hätte den Fluss vor dem Rennen noch einmal kontrollieren sollen. Das Boot hätte uns alle in Gefahr bringen können. Erst recht bei den harten Bedingungen heute da draußen.«

Max zuckte zusammen, als die Nadel in die Wunde stach. Der Arzt entschuldigte sich.

Morrell sah ihn aufmerksam an. »Hat das Kajak dir Probleme gemacht? Hast du dir deswegen diese Platzwunde geholt? Hör zu, wenn du einen Neustart verlangst, habe ich nichts dagegen. Und die anderen bestimmt auch nicht.«

Der französische Arzt tupfte die Wunde mit einem Antiseptikum ab. »Fertig. Keine Sorge, den Mädchen wird die Narbe gefallen«, sagte er.

Max zog seine Skijacke an. Bobby hatte Recht. Wenn er wollte, konnte er die Veranstalter bitten, die Strecke noch einmal fahren zu dürfen. Aber er schüttelte den Kopf.

Der Berg wartete.

 

Die speziell angelegte Snowboard-Piste war von der Startmaschine bis zum Ziel, wo man aus den Schneemassen eine Art Sprungrampe geformt hatte, ein einziger langer, steil abfallender Hang. Mit seinen Punkten aus den vorigen Wettbewerben lag Max in der Gesamtwertung auf Platz drei. Sinnlos, sich über die verlorenen Punkte im Wildwasser zu ärgern – er hatte immer noch eine Chance auf den Sieg. Der Holländer hatte einen ziemlich mittelmäßigen Sprung hingelegt und dabei so viele Punkte verschenkt, dass er das beim zweiten Durchgang nicht mehr gutmachen konnte. Er war aus dem Rennen.

Max machte sich bereit. Er atmete tief durch. Das nervöse Prickeln, das gute alte Lampenfieber, half ihm bei der Konzentration. Er war cool. Jetzt ging es um alles. Los!

Erster Sprung – Tempo machen, auf die Mitte der Rampe zuhalten und hoch in die Luft. Er brauchte einen Big Ollie – einen sehr hohen Sprung – und kam gut von der Rampe, kickte das hintere Ende des Snowboards runter und hob die Spitze mit einem Fuß an. Dann zog er die Knie an und packte im Flug das Board vorn mit einer Hand. Alles war still. Kein Scharren des Boards auf dem Schnee. Kein Wind. Nichts. Er riss die Arme hoch, um einen Backside 360 zu machen – eine Drehung um dreihundertsechzig Grad. Er spürte die Luft in seinem Gesicht, sah undeutlich die Zuschauer, dann den Berg und schließlich den Hang. Er hatte es geschafft! Er und das Board landeten gleichzeitig auf dem Hang.

Er fühlte sich wie im Rausch. Als er in den Zielbereich glitt, klatschte Bobby Morrell ihn ab. Obwohl er den Sprung nur wenig geübt hatte, war er ihm gut gelungen. In seiner einfachsten Form galt er als nicht besonders schwierig, aber Max hatte ihn langsam und hoch ausgeführt, und der Stil war bei so einem Sprung das Wichtigste.

Die Deutsche war als Nächste dran, dann Bobby.

Das Mädchen gab eine beeindruckende Vorstellung ab. Die Menge tobte vor Begeisterung. Max sank der Mut, als er die Punkte für ihre Darbietung auf der Anzeigetafel aufleuchten sah. Jetzt war er auf Platz vier abgerutscht, und nach Bobby Morrells bärenstarkem Auftritt war Max schließlich sogar nur noch auf Platz fünf. Nach all seinen Mühen war er drauf und dran, aus dem Wettbewerb auszuscheiden.

Max musste sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um die Punktrichter von den Plätzen zu reißen. Voriges Jahr hatte er bei einem amerikanischen Snowboard-Champion einen fantastischen Sprung gesehen – mit viel Tempo aus der Startmaschine und dann ein Double Flip von der Rampe. Eine einzelne Umdrehung war relativ einfach, dazu brauchte man nur die Schwerpunktverlagerung des Körpers beim Auftreffen auf die Rampe auszunutzen, aber ein doppelter Salto? Um das hinzukriegen, musste Max zum einen sehr hoch in die Luft fliegen und dann auch noch perfekt ausbalanciert wieder landen – und das schaffte man eigentlich nur mit sehr viel Erfahrung. Als er wieder am Start stand, hatte er seinen Entschluss gefasst.

Er würde es wagen.

Die Gesichter der Leute verschwammen, er sah nur noch die Rampe, und jetzt begann es zu schneien, große Flocken, die durch die Luft segelten. In den Bergen würde es frischen Pulverschnee geben – schöne, unberührte Pisten. Da oben wäre es still, nicht so wie hier. Kein Geschrei von all diesen Leuten, die wussten, dass dies sein alles entscheidender Sprung war.

Max hatte ein Talent dafür, andere zu imitieren. Es war, als habe er eine Kamera im Gehirn, die Millionen Aufnahmen pro Sekunde machte und die Informationen an seinen Körper weitergab. Ein Muskelgedächtnis. Bring deinen Körper nirgendwo hin, wo dein Geist noch nicht gewesen ist, hatte sein Vater ihm einmal gesagt. Führ dir die Schwierigkeiten vor Augen, erkenne den Weg, leg ihn dir zurecht – und dann geh los. Es mag nur den Bruchteil einer Sekunde brauchen, aber lass den Verstand zuerst dort hingehen.

Max wusste, dass er diesen Sprung schaffen konnte.

Sein Anlauf war schnell. Er sauste die Rampe hinauf, verringerte den Druck auf die Spitze des Boards, behielt den Kopf oben und spannte alle Muskeln an. Er flog hoch in die Luft. Eine Schulter schräg nach hinten biegend, griff er nach der Kante des Boards und erwischte sie in Höhe der Bindung. Die musste er gegen die Fliehkräfte des Saltos festhalten. Er zog die Knie an und spürte den Zugwind an seiner Jacke zerren, als er die zweite Umdrehung machte. Er krampfte die Hand noch fester um das Board, hörte den gedämpften, fast hypnotischen Aufschrei der Menge, die jetzt erst begriff, was er da machte. Noch eine Umdrehung! Seine Finger rutschten von der Kante. Wenn er das Board nicht halten konnte, würde er auf dem Rücken landen und sich womöglich das Genick brechen. Die Hand tat ihm weh, so fest drückte er zu, während er, die Beine immer noch hoch angewinkelt, den zweiten Salto vollendete. Undeutlich sah er den Boden unter sich, verwischte Schneeflocken in der Luft. Das Schwierigste war die Landung. Er musste den Aufprall mit den Beinen abfedern, zugleich aber die Bauchmuskeln anspannen, um seinen Körper im Gleichgewicht zu halten. Sein Snowboard berührte den Boden, er streckte die Arme zur Seite, dann aber verlagerte sich sein Schwerpunkt zu weit nach hinten und er begann zu kippen.

In diesem Augenblick wusste er, es war vorbei. Max keuchte vor Schmerz, als er mit dem Rücken am Boden aufschlug und unkontrolliert auf die Zuschauer zuschlitterte.

Er hatte alles für den Sieg gewagt – und verloren.

Bobby Morrell war als Erster zur Stelle, half ihm hoch und löste die Bindung. Sein Blick sagte alles. Der Sprung war großartig gewesen, und hätte die Landung geklappt, hätte Max die Führung übernommen. Bobby legte ihm eine Hand in den Nacken und berührte seine Stirn mit seiner. Eine kleine, intime Geste, die Freundschaft und Respekt ausdrückte.

»Wenn du noch ein Jahr lang weitertrainierst, wird dich keiner mehr schlagen können, Mann. Garantiert«, sagte er ruhig. »Nicht einmal ich.« Er lächelte Max aufmunternd zu und ging zum Start.

Als Max sich hinsetzte und seine verkrampften Beine entspannte, kamen ein paar Leute und klopften ihm auf die Schulter. Einige sprachen ihm Mut zu, andere bedauerten ihn. Auch wenn Max den Sieg verschenkt hatte, war den meisten von ihnen bewusst, dass sie selbst niemals einen solchen Sprung gewagt hätten.

Max hatte unbedingt gewinnen wollen. Er war ungeheuer enttäuscht, aber das wollte er vor all den Leuten nicht zeigen. Die anderen Snowboarder waren besser als er; sie waren älter, hatten mehr Erfahrung und eine bessere Ausrüstung. Das war nicht zu leugnen. Trotzdem war er mit seinem Ergebnis nicht zufrieden. Lass das, sagte er sich schließlich. Du hast dein Bestes getan. Schluss mit dem Selbstmitleid, sieh lieber den anderen zu, wie sie um die ersten drei Plätze kämpfen.

Er blieb bis zur Schlussfeier. Bobby Morrell war Erster geworden, gefolgt von der Deutschen und dem Franzosen. Max sagte Bobby, er wolle sich für ein paar Stunden zurückziehen, solange es noch hell sei, aber zu der Party nachher komme er auf alle Fälle.

Er stahl sich unauffällig davon, fuhr mit dem Skilift auf eine Piste hoch und glitt durch den tiefen, frisch gefallenen Schnee. Tausend Meter hoch ragten die Berge über ihm, und nachdem der Schneesturm durch die Täler gefegt war, wirkte die ganze Gegend wie eine unberührte Wildnis.

Als er so mit weiten Schwüngen dahinglitt, kehrte das Glücksgefühl zurück. Einmal hielt er an, um die stille, majestätische Schönheit der Landschaft zu genießen. Ganz gleich, was bei zukünftigen Wettbewerben passieren würde, am schönsten war es doch, so ganz allein und frei durch die endlosen Schneefelder zu gleiten.

Dann ging es weiter durch knietiefen, perfekten Schnee in einem großen Bogen zu Tal. Plötzlich erkannte er, dass er nicht weit von der Stelle war, wo ihn und Sayid am Tag zuvor die Lawine überrascht hatte.

Der Schnee hatte die Landschaft neu geformt, alles wirkte sanft und glatt, wie die Konturen eines schnellen Autos. Das sah schön aus, aber Max wusste, die Lawinengefahr war damit längst nicht gebannt, vor allem, wenn noch andere Läufer auf den Hängen unterwegs waren. Er kannte sich in den Bergen gut aus und wusste besser als die meisten anderen, worauf man unter so gefährlichen Umständen zu achten hatte. Sayid war gestern unvorsichtig gewesen. Er hatte die Strecke abseits der Piste entdeckt und als Erster durch den unberührten, tiefen Pulverschnee fahren wollen.

Max ließ den Blick über die Felshänge und Gipfel schweifen. In der Ferne erhob sich der Pic du Midi d’Ossau wie der Kopf eines Riesenreptils; der gekerbte, dreitausend Meter hohe Gipfel glich einem aufgerissenen Maul. Und das vermeintliche Auge starrte in den Himmel, ohne auf den winzigen Menschen da unten im Tal zu achten.

Max studierte die Schluchten und Spalten. Aus einem Couloir, einer schmalen Felsrinne oben an einem Hang, stoben Schneeflocken in die Höhe. Er nahm an, dass dort ein Aufwind die Luft durcheinanderwirbelte.

Alles schien in Ordnung, aber sein Instinkt sagte ihm etwas anderes, warnte ihn, dass da etwas nicht stimmte. In Afrika hatte er gelernt, auf solche Gefühle zu achten, nachdem er dort nur knapp dem Tod entronnen war. Aber jetzt … Was war das nur? Was stimmte hier nicht? Immer noch kein Anzeichen irgendeiner Bewegung. Der Schnee hüllte alles in Stille. Vielleicht war er allzu vorsichtig, vielleicht nagte sein Scheitern bei dem Wettbewerb immer noch an ihm und er war deshalb so unruhig. Nein, da war noch mehr – aber was, das war ihm ein Rätsel. Er sah auf die Uhr seines Vaters. Er hatte noch Zeit, etwas zu tun, was seine Niederlage wenigstens einigermaßen wieder wettmachen konnte.

Es war ein kalkuliertes Risiko – aber er würde versuchen, Sayids Perlenkette zu finden.

Max warf einen letzten Blick über das weiße Tal. So weit er sah, war alles sicher. Er fuhr los, glitt durch den tiefen Schnee, der wie zerstoßene Diamanten unter ihm wegstob, auf die Baumgrenze zu, durch die Sayid gestern gefahren war. Nachdem er eine Zeit lang zwischen den tief hängenden Ästen gesucht hatte, entdeckte er schließlich etwas Dunkles vor dem weißen Hintergrund: Sayids Mis baha, die dort hing wie vergessener Christbaumschmuck. Max nahm sie behutsam von dem Ast ab und stopfte die Kette mit den neunundneunzig Perlen in seine Skijacke.

Jetzt wurde es Zeit; er musste Sayid aus dem Krankenhaus abholen, seine Sachen packen und nach Hause fahren.

Als er plötzlich eine Bewegung wahrnahm, duckte er sich so schnell, als habe er die Gefahr schon die ganze Zeit über geahnt. Dreihundert Meter von ihm entfernt kam ein Skiläufer aus einer Rinne geschossen. Die große schwarze Gestalt flog zehn Meter in die Tiefe, landete äußerst gekonnt im Schnee, machte eine scharfe Kehre und sauste mit enormem Tempo den Hang hinunter.

So etwas Verrücktes hatte Max noch nie gesehen.

Der Skiläufer war ein Mann mit grauem Vollbart. Ein Mönch. Sein dichtes, schulterlanges Haar flatterte hinter ihm her wie eine Pferdemähne. Er trug nur eine Kutte, die im Fahrtwind wild hin und her schlug; die Kapuze wirkte beinahe wie ein Bremsfallschirm hinter seinem Kopf. Er konzentrierte sich so sehr, dass er weder nach links noch rechts sah und Max gar nicht bemerkte.

Sekunden später schoss aus demselben Couloir eine zweite Gestalt hervor. Während aber der Mönch nur bizarr gewirkt hatte, machte dieser Skiläufer einen ausgesprochen bedrohlichen Eindruck. Auf kohlefaserverstärkten Skiern sauste er wie ein Phantom durch den Schnee. Zu hören war dabei nur das sirrende Geräusch seiner Skier. Zu sehen bekam Max kaum etwas von ihm, da er fast ganz hinter dem von ihm aufgewirbelten Schneeschleier verschwand, ehe er zehn Meter weiter bergab wieder auftauchte. Das Skigespenst trug einen einteiligen Skianzug und einen schwarzen Helm mit Gesichtsschutz. Auch die Skier waren schwarz. Dass Max ihn nur undeutlich sehen konnte, lag an dem unregelmäßigen Muster seines Anzugs, weiß mit gezackten Linien dazwischen, wie die Adern eines Blatts. Im Schnee die perfekte Tarnung.

Max hatte sich nicht bewegt. Der Mönch und sein Verfolger befanden sich etwa auf seiner Höhe, als das Phantom, ohne an Tempo zu verlieren, mit einer Hand in seinen Nacken fuhr, dort etwas packte und nach vorne holte. Ein Gewehr mit schwarzweißen Tarnstreifen, wie es von Soldaten und Marines im Winter benutzt wurde. Mit einer einzigen geübten Bewegung hob er das Gewehr an seine Schulter.

»Nein!«, rief Max. Der Schrei hallte durchs ganze Tal.

Beide Skiläufer blickten gleichzeitig in seine Richtung, aber der mit dem Gewehr reagierte als Erster. Ohne das Gewehr von der Schulter zu nehmen, bremste er so scharf ab, dass der Schnee in hohem Bogen aufstob. Und gleich darauf hörte Max einen beängstigend lauten Knall.

Der Mönch geriet ins Straucheln und schwankte. Er konnte sich gerade noch auf den Beinen halten. Offenbar war er getroffen worden. Er brauchte Hilfe. Max setzte sich sofort in Bewegung. Tief geduckt, eine Hand durch den Schnee schleifend, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, glitt er im Zickzack auf den Verwundeten zu. Er fürchtete, der Mann mit dem Gewehr könnte auch auf ihn schießen, aber das geschah nicht. Stattdessen schlug ein ohrenbetäubender Lärm über ihm zusammen.

Ein eisiger Luftschwall traf ihn ins Gesicht. Der ganze Berg schien zu brüllen. Der Schütze war nach einer scharfen Kehre schon auf der Flucht, weg von Max, dem Mönch und den Schneemassen, die den Hang hinunter auf sie zustürzten.

Der Verletzte sah Max an. Und zeigte mit einem Skistock – die Bäume! Sie mussten unter die Baumgrenze, falls sie noch irgendeine Chance zum Überleben haben wollten. Max erspähte den Fluchtweg und der Mönch fuhr schon, so schnell er konnte, zu Tal, um dem Zorn des Berggottes zu entkommen.

Max’ Vater hatte ihm oft gesagt, Angst zu haben sei etwas Natürliches, Angst habe einen ganz bestimmten Sinn und könne überwunden werden, nur hatte er ihm leider nie gesagt, dass es Dinge gab, die einem solch gewaltige Angst einjagen konnten.

Das anschwellende Donnern hinter ihm verschlug ihm fast den Atem. Seine Muskeln schmerzten vor Anstrengung, aber er konzentrierte sich weiter auf die Stelle, die er erreichen musste. Eine mächtige Windfaust hämmerte ihm in den Rücken. Jetzt lachte Max nicht mehr. Ein solches Rennen machte keinen Spaß. Diesmal ging die Lawine nicht in einiger Entfernung nieder. Sondern genau über ihm. Aus den Augenwinkeln sah er Bäume umknicken wie Streichhölzer – die Schneewoge überholte ihn.

Und dann war er mittendrin.

In dem wirbelnden Chaos wurden ihm das Snowboard von den Füßen und die Skimaske vom Gesicht gerissen. Schnee, körnig wie nasser Sand, drang ihm in Mund und Ohren.

Eine Erinnerung blitzte auf. Etwas, das sein Vater einmal gesagt hatte. Wortfetzen. Überleben. Es ging ums Überleben. Erinnere dich! Niemals alleine in den Bergen Ski fahren. Regel Nummer eins – nicht dran gehalten. Niemals in einer Gegend Ski fahren, wo kurz vorher Lawinen abgegangen sind. Regel Nummer zwei – nicht dran gehalten. Lawinengefahr besteht immer dort, wo Neuschnee auf einem vom Wind abgewandten Berghang liegt. Das wusste er doch! Das hatte er gewusst! Und trotzdem hatte er es ignoriert, weil er sich so dumm über seine Niederlage bei dem Wettbewerb geärgert hatte.

So schnell, wie der Schnee ihn mit sich riss, verhöhnte ihn die Stimme in seinem Kopf. Überleben! Wie?

Schwimmen! Du musst dich oben auf der Schneewoge halten, wie beim Kraulen.

Max ruderte mit den Armen und versuchte den Kopf so zu halten, dass er die fliehenden Himmelfetzen hinter den tobenden Schneemassen im Blick behielt. Er spuckte Schnee aus und schüttelte sich. Immer nach oben sehen! Er spürte die ungeheure Energie der Lawine förmlich in seinem Körper. Sie schleuderte ihn hin und her und spie ihn wieder aus. Auf einmal war alles totenstill. Aber nicht die Lawine war plötzlich stehen geblieben, sondern Schnee hatte ihm beide Ohren verstopft.

Ein Hoffnungsschimmer. Blauer Himmel. Er reckte einen Arm nach dem goldenen Lichtstrahl. Die Sonne. Ein schmaler Streifen zwischen dem blauen Himmel und dem wirbelnden Schnee. Atmen! Luft! Du schaffst es! Du kannst dich von diesem Monster befreien! Du kannst überleben!

Dunkelheit schlug über ihm zusammen.

Wütende Zähne schienen ihn von allen Seiten zu beißen, als er kopfüber den Hang hinabpurzelte. Er wusste kaum noch, wo er war.

Dann war es endlich vorbei. Max konnte sich nicht mehr bewegen. Ein gewaltiges Gewicht drückte auf seine Brust. Offenbar lag er auf dem Rücken und starrte nach oben, denn der Schnee über ihm war bläulich gefärbt. Wie tief war er begraben? Er musste irgendwie den Schnee von seinem Gesicht wegbekommen, damit er atmen konnte, aber seine Arme waren wie gelähmt. Er steckte mindestens einen Meter tief im Schnee. Panik machte sich breit. Er wusste, es würde ihn die letzten Kräfte kosten, wenn er jetzt gegen die drückende Last anzukämpfen versuchte. Er musste sich zusammenreißen. Sich beruhigen und nachdenken. Max versuchte den Kopf zu bewegen, schaffte aber nur wenige Zentimeter. Lawinenschnee war nicht fein und pulvrig, sondern nass, schwer und kompakt. Wie lange würde er in dem winzigen Hohlraum über seinem Gesicht noch Luft bekommen? Der Druck der Schneemassen auf seiner Brust wurde mit jedem Augenblick schlimmer.

Es gab kein Entkommen. Was würde ihn töten? Die Kälte oder der Druck? Er würde erfroren in diesem Grab liegen und nach der Schneeschmelze würde seine Leiche in den Fluss gespült, auf dem er noch vor wenigen Stunden mit dem Hai gekämpft hatte. Wie von Blitzlichtern beleuchtet, liefen in seinem Kopf noch einmal Szenen dieser Attacke ab. Das Kajak hatte das gleiche Tarnmuster gehabt wie der Skianzug des Killers eben, nur weiß auf schwarzem Grund. Und dieser Killer – schlank – war schnell und wendig auf dem Schnee gewesen. Jung? Schwer zu sagen. Der Hai? Nein. Der war kräftiger gebaut – hatte breitere Schultern – und bewegte sich nicht so elegant und leichtfüßig wie der Skiläufer mit dem Gewehr.

Max’ Gedanken trieben dahin. Erschöpfung und Sauerstoffmangel zogen sein Bewusstsein in einen magischen Tunnel. Farben wirbelten umher: Lila, Braun, Blau – ein Kaleidoskop, das seine Sinne verwirrte.

Als Max in Afrika war, hatte ihn eine Vergiftung an die Schwelle des Todes geführt. Damals hatte ihn ein Schamane gerettet. Der Medizinmann war ein Bakoko, ein Gestaltwandler, und er hatte Max eine Fähigkeit verliehen, die er nicht verstand und die ihm Angst machte. Wenn er sich sehr konzentrierte und dabei tief und langsam atmete, gelang es ihm bisweilen, sich selbst in ein Tier zu projizieren.

Max’ Vater hatte ihn gelehrt, den Glauben der sogenannten primitiven Völker niemals als Blödsinn abzutun, und er erinnerte sich jetzt lebhaft daran, wie er als Falke geflogen und als Schakal gelaufen war. Aber er wusste nicht, wie er die Verwandlung mit seinem Willen herbeiführen konnte. Und welches Tier war imstande, sich aus dieser Situation zu befreien? Lebendig begraben.

Ihm wurde angenehm warm. Er drohte einzuschlafen. Die Kerntemperatur seines Körpers, die zum Überleben notwendig war, sank unaufhaltsam. Schlafen war nicht gut. Schlafen bedeutete sterben. Plötzlich dachte er an Sophie. Das warme Café. Das schmutzige Fenster. Finstere Männer, die ihn anstarrten. Todesengel? Waren sie das gewesen? Todesengel, die ihn holen wollten? Der Bär, hatte Sophie gesagt. Sie sei auf der Suche nach einem Bären, den jemand gestohlen und nach Europa gebracht hatte, wo irgendwer ihn erschießen wollte.

Ein Bär würde Winterschlaf halten. Tief versteckt in einer Schneehöhle. Und dann würde er sich ins Freie wälzen, in die Frühlingssonne, und die herrlich klare Luft einatmen. Max’ Hand fühlte sich an, als hätte er einen Eispickel gepackt. Unmöglich. Er hatte keinen. Die wirbelnden Farben verschmolzen, zogen ihn in wildem Strudel mit sich. Max kämpfte dagegen an, aber seine Gedanken zerbarsten in winzige Splitter. Und dann spürte er plötzlich eine ungeheure Kraft.

Er reckte einen Arm, spürte eher, als dass er es hörte, ein Rascheln in dem kompakten Schnee. Seine Sinne schärften sich. Dumpfer Schweißgeruch, wie ein feuchtes Hundefell, drang ihm in die Nase und schlug sich in seiner Kehle nieder. Instinktiv knurrte er vor Anstrengung, als Schnee aus der Höhlung fiel, die er vor seinem Gesicht freigeschaufelt hatte. In dem gedämpften Licht sah seine Hand aus wie eine Tatze, eine Bärentatze, die im Schnee wühlte – seine Tatze!

Das Blau des Himmels sickerte intensiver durch die Schneekristalle. Max hatte den Eindruck, er könnte es nach oben schaffen, aber auf Beinen und Brust spürte er immer noch einen furchtbaren Druck, als wollte eine unsichtbare Hand ihm das Leben aus dem Leib pressen. Er verlor das Bewusstsein.

Und dann drang jemand von außen durch den Schneepanzer. Ein Gesicht. Wild verzerrt. Speichel hing von seinem schneeverkrusteten Bart. Ein Irrer, ganz in Schwarz gekleidet. Seine Hand schlug Max ins Gesicht. Max keuchte, spuckte Schnee aus und konzentrierte sich. Der Mund des Mannes mit seinen kaputten alten Zähnen bewegte sich, aber falls er etwas sagte, konnte Max es nicht hören. Seine Ohren waren immer noch mit Schnee verstopft. Es war der Mönch, der jetzt mit bloßen Händen hektisch den Schnee wegschaufelte. Es gibt nur zwei Möglichkeiten zu überleben, wenn man unter einer Lawine begraben ist: einen Sender bei sich haben und hoffen, dass die Retter rechtzeitig eintreffen oder man hat Glück und ein anderer Skiläufer sieht, wo man verschüttet ist.

Der Mönch packte Max vorne an seiner Schneejacke und zog. Max strampelte und wand sich, um endlich ans Tageslicht zu kommen. Kalte Luft stach ihm ins Gesicht. Der Mönch wischte ihm mit seiner schwieligen Hand den klumpigen Schnee von den Augen. Max kletterte aus dem Loch. Die Landschaft hatte sich verändert, aber er war auch bestimmt ein paar Hundert Meter weit den Hang hinabgestürzt, gefährlich nah an den Steilhang heran, der ungefähr auf halber Höhe des Berges lag. Die schneenasse Kutte schien den Mönch zu behindern. Der alte Mann ließ sich erschöpft zu Boden sinken. Hinter ihm schlängelte sich ein rötlicher Streifen gut zwanzig bis dreißig Meter über den Schnee. Das war die Strecke, die er gekrochen war, und Max war sofort klar, dass der Mann viel Blut verloren hatte. Zum Glück hatte der Mönch gesehen, wo Max in der Lawine untergegangen war.

Max brauchte ein bisschen Zeit, bis sein Atem sich beruhigt hatte. Auf die Knie gesunken, tastete er vorsichtig seine Arme und Beine ab. Nichts gebrochen. Der alte Mann murmelte etwas. Max zog einen Handschuh aus und versuchte, den eisigen Matsch aus den Ohren herauszubekommen.

»Ich helfe Ihnen«, schrie er. Aber er konnte sich selbst nicht hören. Die Kälte musste seine Trommelfelle beschädigt haben.

Schwerfällig taumelte er die wenigen Schritte durch den lockeren Schnee zu dem alten Mönch. Jetzt konnte er sehen, wie groß dieser Mann war. Ein Riese. Und barfuß. Anscheinend hatte die Lawine ihm die Skier samt Stiefeln von den Füßen gerissen. Die langen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, sein Bart – verdrehte weiße und graue Strähnen – war völlig verfilzt. Auf seiner groben Kutte breitete sich ein Blutfleck aus.

Der Boden unter Max’ Füßen bebte. Weiter oberhalb rumpelte es wieder. Sie waren immer noch nicht in Sicherheit. Der Mönch schüttelte murmelnd den Kopf, schob sich die Haare aus Mund und Augen und sah Max mit einem Gesichtsausdruck an, in dem sich Panik und Wahnsinn mischten. Er versuchte aufzustehen, fiel aber wieder hin. Er würde unmöglich durch den tiefen Schnee gehen können. Max taumelte zu ihm hin, bekam es aber plötzlich mit der Angst zu tun. Der Mönch war einen Meter tiefer gerutscht. Der Schnee bewegte sich wie Sand auf einer abschüssigen Düne. Der Mönch riss die Augen auf. Er wusste, was geschah, und warf sich bäuchlings auf den Boden, um nicht noch weiter in die Tiefe gerissen zu werden.

Plötzlich stoppte die Abwärtsbewegung. Auch Max hatte sich flach auf den Boden gelegt und robbte auf den Mönch zu wie jemand, der sich über dünnes Eis bewegt, um einen Ertrinkenden zu retten.

»Nicht bewegen! Ich komme. Ich bringe Sie von hier weg.« Er konnte seine eigene Stimme wieder hören, wenn auch nur dumpf. Und er hatte keine Ahnung, wie er sich selbst von dem Berg retten sollte, geschweige denn den Verletzten.

Der Mönch ächzte vor Anstrengung, als er auf Max zukroch; blutiger Speichel hing in seinen Barthaaren. Er streckte einen Arm aus und sah Max in die Augen. Max packte ihn am Handgelenk und bemerkte erst jetzt, dass der andere Arm verletzt war, entweder von der Lawine oder von der Gewehrkugel. Der Mann musste enorme Schmerzen überwunden haben, um Max aus dem Schnee zu graben.

Und wieder geriet der Hang in Bewegung. Eine riesige Schneefläche löste sich, und sie rutschten wie auf einer Eisscholle bergab. Max ließ den stöhnenden Mönch nicht los. Als er seine Füße in den Schnee stemmte, spürte er einen harten Druck auf der Brust, offenbar von einem Felsen unmittelbar unter der Oberfläche. Das gab immerhin etwas Halt.

»Ez ihure ere fida – eheke hari ere«, schrie der Mönch in einer Sprache, die Max noch nie gehört hatte.

»Ich verstehe nicht! Je ne comprends pas!«, brüllte Max zurück und konnte nur hoffen, dass der Mönch Französisch verstand.

Als der Griff des Mönchs sich lockerte, packte Max noch fester zu. Die bloßen Arme unter der Kutte waren muskulös und sehnig, aber glitschig von Blut und Schweiß, sodass er ihn nicht richtig halten konnte.

Und dann sah Max etwas, das ihm den Atem stocken ließ.

Zweihundert Meter entfernt verschwand still und ohne Vorwarnung eine riesige Schneefläche. Sackte einfach weg ins Nichts. Andere folgten. Der Hang war nicht so stabil, wie er ausgesehen hatte. Der Schnee war über einer tiefen Schlucht aufgestaut gewesen und das letzte Beben hatte den Stau aufgelöst. Die Schwerkraft zog das ganze Schneefeld, groß wie ein Fußballplatz, in die Tiefe.

Der Mönch bemerkte das Entsetzen in Max’ Augen. Er drehte den Kopf nach hinten, erkannte die Situation und klammerte sich noch fester an Max’ Arm. Wenn noch so ein Schneefeld ins Rutschen geriet, waren sie tot. Unter ihnen hatte sich ein fünfhundert Meter tiefer Abgrund geöffnet, wie der Schlund eines Vulkans, der dicke Wolken Pulverschnee ausspie, die von den weit unten aufprallenden Schneemassen aufgewirbelt wurden.

Der Mönch schüttelte den Kopf. Es war sinnlos. Er wusste, dass er sterben würde. Seine Verletzungen raubten ihm die letzten Kräfte.

»Nicht loslassen!«, schrie Max.

Die blutbeschmierte Hand des Mönchs wurde schlaff.

Max hatte das Gefühl, ihm würde der Arm ausgerissen, und seine Rippen schmerzten, aber das hielt ihn nicht davon ab, sich weiter fest auf den Felsen unter ihm zu pressen und den Mann mit aller Kraft festzuhalten.

Wieder stieß der Mönch einen verzweifelten Schrei aus und rief dann etwas auf Französisch, das aber teilweise in einem würgenden Röcheln unterging. Max verstand lediglich Bruchstücke: »… allez … abbaye! … le crocodile et le serpent!«

Max riss entsetzt die Augen auf. Hinter dem Mönch waren nur noch zwanzig Meter Schnee übrig, alles andere war weg. Wenn das Stück, auf dem sie lagen, auch noch abrutschte, würden sie beide sterben und in einem weißen Nichts versinken.

Der Mönch griff mit der freien Hand nach einer Schnur, die um seinen Hals hing, zerriss sie und warf den Anhänger zu Max hoch. Es war ein Kreuz und etwas, das wie ein Medaillon aussah. Aber Max hatte jetzt nur Augen für den flehenden Blick des Verletzten, der mit schwacher Stimme noch einmal flüsterte: »Ez ihure ere fida – eheke hari ere.«

Max schüttelte den Kopf. Warum merkte der Mann nicht, dass er ihn nicht verstand? Und dann geriet der Schneeblock ins Rutschen, und der Mönch mit ihm, und seine Hand glitt aus Max’ Griff. Er starrte ihm in die Augen, während seine verzweifelt krallenden Finger Max’ Handschuh und die Uhr seines Vaters abstreiften und seine Nägel ihm die Haut aufritzten.

In dem Sekundenbruchteil, bevor er mit den tobenden Schneemassen endgültig in die Tiefe stürzte, schrie er ein Wort, das Max mühelos verstand.

»Luzifer!«