22

Das war es, was hier nicht stimmte.

Peaches war mit den Männern des Hais wieder zum Van gerannt. Sayid musste schlucken. Irgendetwas hatte ihn an der Kehle gepackt, und es kam ihm so vor, als ob ihm gerade jemand einen Eispickel ins Herz gestoßen hätte. Der Blick, den sie ihm zugeworfen hatte, verstand sich auch ohne Worte.

Die Vans rasten mit quietschenden Reifen los, fuhren an der ersten Ausfahrt von der Autobahn ab, rollten die nächsten fünfzig Kilometer gemächlich auf Landstraßen dahin und kehrten dann auf die glatte, geteerte Autobahn zurück.

In Sayids Kopf überschlugen sich die Gedanken. Bobby war vermutlich tot, ein anderer Mann war verletzt, und Bobbys Freundin war eine von denen, die für diese schreckliche Katastrophe verantwortlich waren. Verzweifelt und allein, begann Sayid vor Angst zu zittern. Der Schock überwältigte ihn, und er stieß unwillkürlich einen tiefen Schluchzer aus.

»Halt’s Maul, du plärrender Balg!«, schrie einer der Gangster auf dem Vordersitz.

Die Stimme des jungen Mannes hatte eine seltsame Wirkung auf Sayid. Ihm wurde trotz seiner momentanen Verfassung klar, dass die Männer verunsichert waren. Die Sache war nicht nach Plan gelaufen. Ganz und gar nicht so, wie sie es sich gedacht hatten. Diese üblen Verbrecher waren von den Ereignissen der letzten Stunde genauso überrumpelt wie Sayid, wenngleich aus einem anderen Grund – die Lage geriet immer mehr aus dem Ruder. Und es konnte noch mehr schiefgehen. Zum Beispiel konnte jemand auf sie aufmerksam werden.

Er bekam seine wirren Gedanken wieder unter Kontrolle. Die Zahlen des magischen Quadrats standen ihm plötzlich vor Augen: Vielleicht verbargen sich hier die entscheidenden Informationen, mit denen diese Killer aufgehalten werden konnten.

Sayid konzentrierte sich.

 

Max wehrte sich gegen das, was doch offensichtlich schien: Sophie steckte mit Peaches unter einer Decke, und Peaches hatte mit dem Mord an Zabala zu tun und gehörte zur Killertruppe des Hais. Bobby Morrell hatte ihn und Sayid in Hendaye gar nicht im Stich gelassen, sondern war verraten, vielleicht sogar von Peaches umgebracht worden. Diese Gangster arbeiteten für jemanden, der so mächtig war, dass er an jedem Ort der Welt bekam, was er wollte – egal, mit welchen Mitteln. Zabalas Schrei – vertraue niemandem, sie werden dich töten – klang für Max nun noch überzeugender. War das Ganze also bloß eine Farce gewesen? Die Schlägertruppe des Hais, die Sophie überfiel. Max, der ihr wie ein Idiot zu Hilfe kam, mit hineingezogen wurde und sich von ihrer Verletzlichkeit blenden ließ. Alles bloß ein Mittel zum Zweck – um Zabalas Geheimnis zu lüften? Offensichtlich. So schien es, aber Max wünschte, es wäre nicht wahr.

»Warum hat sie den Anhänger genommen?«, fragte Fauvre, als sie wieder in seinem Büro waren, und kramte in den Papieren des alten Mönchs. »Sie muss gewusst haben, wie wichtig er ist. Daran gibt es keinen Zweifel. Verdammt! Sie verkauft ihn für Geld, nicht? Hat einen Käufer gefunden für etwas, das von unschätzbarem Wert ist. Verkauft das Leben eines Menschen!«

Der rasende Zorn des Mannes hatte ein zerstörerisches Ausmaß erreicht.

Ganz gleich, was Sophie auch getan hatte, eine Mörderin war sie nicht, sagte sich Max. Sie hätte ihm ja die Kehle durchschneiden können, als sie den Stein nahm. Das gab ihm etwas Hoffnung, einen Hauch von Verständnis.

Max brauchte diesen Mann auf seiner Seite, denn er musste fort von diesem Ort und nach Europa zurückkehren.

»Sie ist in etwas verwickelt, das sie nicht versteht«, sagte er. Er hatte das Foto von Peaches von der Wand in Sophies Zimmer genommen. »Kennen Sie dieses Mädchen?«

Fauvre schüttelte den Kopf. »Kennt Sophie sie?«

»Sie hat Zabala getötet«, sagte Max leise.

Fauvres Schock war echt. Die Zornesröte verschwand aus seinem Gesicht, seine Schultern fielen nach vorn, und mit einem Mal sah er furchtbar alt und mitgenommen aus. Mit zittriger Hand hielt er das Foto. »Was hat meine Tochter getan? Was hat sie mit diesen Leuten zu schaffen? Möge Gott mir verzeihen, dass ich sie nicht genug geliebt habe.«

Er schenkte sich ein Glas Whisky ein, trank es wie Medizin in einem Zug aus und verzog das Gesicht. Kopfschüttelnd saß er da. Einen Augenblick später kehrte seine Entschlossenheit zurück. Sein Rücken richtete sich auf, seine Stimme wurde fester.

»Sie ist in Gefahr. Ich muss ihr helfen.«

»Dann müssen Sie mir helfen«, sagte Max zu ihm. »Sehen Sie das Muster auf dem Skianzug des Mädchens? Das ist mir schon öfter begegnet und jedes Mal im Zusammenhang mit einer Gewalttat. Schauen Sie sich die anderen Wettkämpfer an. Einige davon haben Sponsorenlogos auf ihren Anzügen. Glauben Sie, dass das Design etwas bedeuten könnte? Falls ja und falls Sophie zu diesem Mädchen gefahren ist, könnte uns das helfen herauszufinden, wo sie ist.«

Fauvre nickte. Jetzt gab es für ihn etwas zu tun. Er klopfte ans Fenster. Abdullah war draußen und sorgte dafür, dass genug Wasser auf das noch glimmende Heu geschüttet wurde, damit es bei dem Wind nicht zum Funkenflug und zu einem neuen Brand kam.

Der Riadbesitzer kam herein, Schweißbäche in dem dick von Ruß und Sand verklebten Gesicht. Fauvre reichte ihm das Foto.

»Abdullah, geh damit in den Computerraum, scanne es ein und schau nach, ob das Muster irgendetwas bedeutet.«

Abdullah nickte und ging, ohne Fragen zu stellen, in Richtung Nebengebäude davon.

»Wir haben hier einen guten Scanner. Wir benutzen ihn, um damit Tiergesichter mit den in der Wildnis fotografierten Tieren zu vergleichen. Es ist ein Zeichenerkennungsprogramm. Abdullah ist in diesen Dingen viel flinker als ich. «

»Ich habe einen Freund, der auch so was hat«, sagte Max finster und dachte an Sayid, der jetzt wer weiß wo steckte.

»Und das ist alles, was wir tun können? Hoffen, dass wir irgendeinen obskuren Hinweis finden?«

Max musste jetzt seine letzte Karte ausspielen, das war ihm klar. »Nein, wir können noch mehr tun. Wir können uns ansehen, was Ihr Freund Zabala auf dem Stein des Anhängers versteckt hat. «

Max griff nach dem Messer mit der kurzen Klinge, das als Brieföffner diente. Er setzte sich hin, zog einen seiner Turnschuhe aus, bohrte das Messer in die Ferse und kratzte das Gelpolster heraus.

Dann hielt er den Stein mit zwei Fingern hoch.

»Früher oder später hätte sich sowieso jemand den Anhänger geholt. Ich hab Zabalas Stein ausgetauscht, als ich in Abdullahs Riad war.«

»Und Sophie?«

»Hat ein Steinchen aus einem Getränkeuntersetzer. Sie hat nichts«, sagte Max.

 

Angelo Farentino hatte seine Zigarre zur Hälfte aufgeraucht. Max Gordons Vater hatte tatsächlich keine Ahnung, wer er war, und der Brocken von Bodyguard und Krankenpfleger war außer Hörweite – dieses Gespräch blieb also unter ihnen. Nur Farentino würde sich daran erinnern. Doch bei dem, was Tom Gordon ihm erzählte, blieb ihm die Spucke weg. Die Zigarre war ausgegangen und er hatte einen bitteren Nachgeschmack auf der Zunge, der mehr von der Angst herzurühren schien als vom Tabak.

Ganz beiläufig hatte Tom Gordon davon erzählt, wie er und andere Wissenschaftler und Forscher vor vielen Jahren einmal in die Schweiz gefahren waren. Sofort wurde Farentino hellhörig. Gordons Gedächtnis war wie ein Puzzle und nicht alle Stücke passten zusammen, aber seine bruchstückhaften Erinnerungen ergaben für Farentino nach und nach doch ein Bild.

Umweltgruppen hatten Untersuchungen über den großen nuklearen Teilchenbeschleuniger in der Schweiz angestellt und waren eingeladen worden, sich vor Ort selbst von den getroffenen Sicherheitsvorkehrungen zu überzeugen. Farentino erinnerte sich an diese Zeit, hatte in groben Zügen sogar noch den Artikel parat, den irgendjemand darüber geschrieben und den er dann veröffentlicht hatte; es ging darin um die schmelzenden Alpengletscher und um die Gefahr, dass hier elektromagnetische Energie entstand, die zum Klimawandel in der Region beitragen konnte. Still und leise, um kein Aufsehen zu erregen, wurden Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, die diese Untergrund- Forschung begleiteten – ähnlich einer Firewall auf einem Computer. Eine Schutzmauer. Aber niemand wusste, ob das ausreichte, sollte es in dem Gebiet zu einer Katastrophe kommen.

Angelo Farentino war unbeabsichtigt an Informationen gelangt, die an Fedir Tischenko weitergeleitet werden mussten. Nicht einmal Tischenko konnte voraussehen, was für Schäden drohten, wenn er seine Pläne zur Nutzbarmachung der Naturkräfte weiterverfolgte. Oder doch?

Wenn Farentino sich den Behörden anvertraute, würde man ihn verhaften, unabhängig davon, ob man diese längst wieder in Vergessenheit geratene Theorie glaubte oder nicht. Er konnte sich auch nicht verstecken. Wenn diese Information stimmte, würde alles, was Farentino besaß, jedes Fitzelchen seines Reichtums, vernichtet werden. Aktienmärkte würden zusammenbrechen, Banken in Konkurs gehen, Grundbesitz würde wertlos werden. Kernschmelze. Gewaltige Zerstörungen ungeahnten Ausmaßes.

Wenn er das Weite suchen und sein Geld um die Welt verschieben würde, sich zum Beispiel nach Brasilien oder auf einen Flecken Erde mitten im Pazifischen Ozean absetzen würde, besäße Fedir Tischenko trotzdem genügend Mittel, um ihn zu finden und zu töten. Und wenn er sich nicht aus dem Staub machte, war sowieso alles vorbei. In dieser Situation konnte er nicht mehr gewinnen.

Dass eine große Anzahl von Menschen sterben oder die Umwelt unwiderruflich zerstört werden würde, bereitete ihm kein Kopfzerbrechen – er sorgte sich allein um seinen Reichtum. Das war der Hauptgrund, warum er jeden verraten hatte. Sein großer Reichtum. Das war einfach nicht fair! Warum musste er das erfahren? Warum hatte das Schicksal keinen anderen auf den heißen Stuhl gesetzt?

Angelo Farentino war kein Held, aber er würde seine ganze Überzeugungskraft aufbieten und Tischenko davon überzeugen müssen, dass er mit seinen Plänen ein entsetzliches Chaos auf der Erde anrichten konnte.

 

Die Vans hielten zum Tanken an, aber der Hai ließ Bobbys Kleinbus außer Sichtweite auf der Zufahrtsstraße zu der Raststätte halten. Sie füllten Kanister mit Diesel und betankten den Bus im Schutz der Bäume.

Sayid wälzte sich herum, stützte sich mit dem Rücken gegen die Innenwand des Wagens und vergewisserte sich, dass sein Gips das Gekritzel auf der Unterseite von Bobbys Surfbrett überdeckte. Die Tür ging auf – Sayid zuckte zusammen. Peaches kletterte herein. Sie sah ihn an und er wandte die Augen ab. Mit etwas Gefährlichem darf man nie Blickkontakt herstellen, hatte Max ihm einmal gesagt.

Das Mädchen reichte ihm etwas, das wie ein durchweichter Käse in einem pappigen Brötchen aussah, zusätzlich gefüllt mit gedünstetem Gemüse. Es schmeckte wie eine verschwitzte Socke voller Gartenabfälle, aber Sayid hatte Kohldampf und gierte bereits nach dem Becher heißer Schokolade, den sie in der anderen Hand hatte.

Draußen hörte er den Hai reden. Er erklärte den anderen, welche Strecke sie von hier aus fahren würden. Teile von Ortsnamen, darunter auch die Stadt Genf – den Rest bekam Sayid nicht mit, weil das Kauen zu viel Lärm in seinen Ohren machte. Er schlang das Essen runter aus Angst, Peaches, die ihn kalt ansah, könnte es ihm wieder wegnehmen. Sie hatte sich hingehockt und beobachtete ihn. Langsam und gründlich ließ sie ihren Blick durch das Innere des Wagens wandern, offenbar auf der Suche nach etwas, das Sayid die Flucht ermöglichen könnte.

Sayid passte auf, dass er sich mit dem Fuß nicht von Bobbys Surfbrett entfernte. Wagte er es, Peaches zu provozieren, indem er ihr Fragen stellte?

Sei nett. Zeig dich dankbar. »Danke, Peaches. Das hab ich jetzt wirklich gebraucht.«

Sie nickte und gab ihm die heiße Schokolade.

Frag sie. Aber vorsichtig. »Ich kapiere nur nicht, warum du bei diesen Mistkerlen bist«, sagte er leise. »Ich meine, Bobby war so ein netter Typ.«

Peaches riss ihm das heiße Getränk aus den gefesselten Händen, wobei ihn einige Spritzer verbrühten, und schüttete den Rest aus dem Auto hinaus auf die Erde. »Du bist nicht hier, um Fragen zu stellen, Sayid. Man kann nicht reden und trinken zugleich – du hast deine Wahl getroffen.«

»Ich weiß überhaupt nicht, was hier los ist!«, sagte er wütend und sehnte sich verzweifelt nach dem schönen warmen Getränk.

»Das haben wir uns schon gedacht, aber lebendig bist du uns nützlicher, jedenfalls noch für eine Weile. Dein Freund lässt dich doch nicht im Stich, oder? Was meinst du?«

Max! Sie wollten Sayid als Lockvogel benutzen! Aber wie? Wo genau Max jetzt war, konnten sie gar nicht wissen, es sei denn … Sayid hielt jäh inne. Was war der gemeinsame Nenner? Sophie. Und der hatte Peaches eine SMS geschickt. Peaches und Sophie machten gemeinsame Sache!

Peaches lächelte, kletterte aus dem Bus und schlug die Tür zu. Im Innern war es dunkel wie in einem Grab, die Kälte legte sich um Sayid wie das tödliche Netz einer Spinne. Er musste die Lösung finden, die in diesen Zahlen verborgen lag. Und diese Information Max zukommen lassen – irgendwie.

Denn wenn sie Max hatten, war Sayid für sie nicht mehr von Nutzen.

Dann würden sie ihn töten.

 

Fauvre wischte sich den Schweiß aus den Augen und suchte, vorwärts und rückwärts rollend, einige Geräte zusammen. Er stellte ein einfaches, altmodisches Mikroskop scharf. Nach heutigem Stand der Technik zwar völlig veraltet, konnte es bei einer so bescheidenen Unternehmung wie der ihren dennoch gute Dienste leisten.

Fauvre streckte die Hand nach Zabalas Kristall aus. Max wurde urplötzlich von Zweifeln gepackt. Der sterbende Mönch hatte ihm den Stein anvertraut, er hatte sein Leben riskiert, um sein Geheimnis zu schützen, und jetzt händigte er ihn dem Vater des Mädchens aus, das ihn verraten hatte.

Nach einem Augenblick des Zögerns ließ Max den Kristall in die ausgestreckte Hand fallen. Fauvre bewegte ihn zwischen seinen Fingerspitzen, als handle es sich um einen Diamanten von unschätzbarem Wert. Und das war er schließlich auch, falls sich sein Geheimnis ergründen ließ.

Das Zögern des Jungen entging Fauvre nicht. »In Ordnung. Sehen wir uns mal an, weswegen mein Freund umgebracht worden ist.«

Die Luft im Zimmer war heiß und stickig, eine leichte Brise, die hereinwehte, half zwar ein wenig, sie zu kühlen, aber der beißende Geruch des verbrannten Strohs kratzte ihnen immer noch im Hals. Fauvre wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und senkte das Gesicht über die Linse des Mikroskops. In dem abgedunkelten Zimmer glomm nur das Licht eines Leuchtkastens. Max bekam fast keine Luft vor innerer Anspannung. Wenn Fauvre entschlüsselte, was auf dem Kristall stand, war das so, als würde die Tür zu einem geheimen Grab geöffnet werden.

Fauvre konzentrierte sich, sein rasselnder Atem war das einzige Geräusch im Raum. Sein Kopf fuhr zurück, seine Augen fixierten Max – äußerste Beunruhigung blitzte darin auf. Eine Ewigkeit später, so kam es Max vor, schob er sich von dem Tisch zurück.

»Gib mir die Horoskope«, sagte er.

Fauvre drehte sich mit dem Rollstuhl herum und klemmte die beiden Blätter an eine Weißwandtafel – das Originalhoroskop, das Max in dem Château gefunden hatte, und das neueste, das Zabala ihm geschickt hatte. Schnell machte er eine vergrößerte Zeichnung davon, damit sie beide ganz genau sehen konnten, wovon sie eigentlich sprachen.

Max sah zu, wie der schwarze Marker über die Weißwandtafel fuhr, und musste an den über das Schneefeld gleitenden Mörder denken. Die Spitze des Filzstifts quietschte, als Fauvre ein Dreieck von derselben Form zeichnete, wie es sich auf dem Kristall befand, und an jede Ecke einen Buchstaben setzte: E, S und Q.

»Vor einigen Jahren wurden drei ferne Himmelskörper in unserem Sonnensystem entdeckt«, sagte Fauvre, während er die Namen – Eris, Sedna und Quaoar – hinschrieb und sie wie ein Lehrer in der Schule gleichzeitig laut vorsprach. »Eris, Sedna und Quaoar.«

Fauvre tippte auf jede der drei Ecken.

»E, S und Q. Zabala kann vor so vielen Jahren von ihrer Existenz noch nichts gewusst haben. Damals sagten ihm die Planeten nur, dass eine große Katastrophe eintreten würde, aber irgendetwas fehlte zu einem vollständigen Bild – diese Planeten und ihre Konstellation.«

»Ihre Anordnung, das ist das Besondere, nicht wahr?«, sagte Max.

»Richtig! Das sind die Trigger und sie stehen jetzt genau an der richtigen Stelle im Tierkreis.«

Max konnte nicht mehr folgen. Er konnte sich aus diesen Angaben immer noch kein Bild machen. Bei diesem astrologischen Zeug setzte sein Hirn immer aus. Doch er konzentrierte sich, als hinge sein Leben davon ab – und das konnte ja auch sein. Der Mond, das wusste er, beeinflusste die Ernte und die Gezeiten auf der Erde, also konnten diese Planeten vielleicht auch einen bestimmten Einfluss ausüben. Er bewegte die Finger über die Diagramme.

»Zabala hatte alle wichtigen Einzelheiten für seine Vorhersage beisammen«, sagte Max. »Er wollte, dass Sie den Stein bekommen. Denn er hatte Ihnen ja auch die neue Zeichnung geschickt, die er angefertigt hatte.«

Fauvre wurde sehr ernst.

»Ich bin davon überzeugt, dass Zabalas Vorhersage einer Naturkatastrophe korrekt ist. Und sie wird von Menschenhand ausgelöst, Max. Diese drei fehlenden Himmelskörper sind ein gewichtiges Argument dafür, dass es wirklich passieren wird«, fuhr er mit Nachdruck fort.

Max konnte verrückten Ideen zwar einiges abgewinnen, aber jetzt wurde es ihm zu viel. Das war alles einfach zu fantastisch, zu weit hergeholt.

»Tut mir leid, aber ich kann damit nichts anfangen. Da fehlt doch jede Logik. Das beweist doch gar nichts. Alles nur wegen eines lausigen Dreiecks!«, brach es aus ihm heraus.

Sein Dad hatte ihm immer beigebracht, praktisch zu denken, die Realität hinter der Fassade unwissenschaftlicher Behauptungen zu sehen.

»Du irrst dich, Max! Diese Information wäre mit Zabala untergegangen, hättest du nicht die Verantwortung übernommen und dich darum gekümmert.«

Fauvre sprach leise und deutlich und wartete, bis sich der Unmut des Jungen gelegt hatte.

»Max, hier geht es nicht um idiotische Horoskope, wie man sie jeden Tag in der Zeitung findet. Hier hat ein Wissenschaftler – mein Freund Zabala – eine starke Kraft unseres Universums entdeckt.«

»Ich brauche aber etwas Präziseres, um weiterzumachen«, erwiderte Max.

»Das hier ist präzise, meine Junge. Das steht fest«, sagte Fauvre. Er trug das Dreieck in das Diagramm ein, das Zabala ihm geschickt hatte. »Jetzt sehen wir die Planetenkonstellation zur exakten Stunde an dem Tag und in dem Jahr, wenn die Katastrophe eintreten wird: um 11:34 Uhr, am 8. März.«

»In zwei Tagen«, sagte Max.

Fauvre hielt die Zahlen hoch, die er von dem Kristall abgelesen und auf einem Block notiert hatte.

 

7 24 8 – 10 4 9 12 25 – 7 11 9 17

 

»Das ist der Teil von Zabalas Geheimnis, den ich nicht verstehe. Was bedeuten diese Zahlen, was meinst du? Ich glaube nicht, dass die etwas mit den Horoskopen zu tun haben. Es besteht kein Zusammenhang zwischen ihnen und den Zeichnungen.«

»Das ist ein Code, der irgendetwas beschreibt«, sagte Max, und plötzlich wurde ihm ganz flau im Magen. Sayid! Er konnte nichts für seinen Freund tun. Nicht jetzt.

Fauvre sah dem Jungen an, dass ihn etwas quälte. »Da ist noch etwas, wovon du mir nichts gesagt hast.«

Max nickte. »Da war noch ein Blatt Papier mit einem Zahlenquadrat drauf, fünfundzwanzig Zahlen. Das machte keinen Sinn, außer dass die Reihen und Spalten immer fünfundsechzig ergaben, wenn man die Zahlen addierte.«

»Dann steckt in dem Quadrat eine Botschaft. Zabala hat darin wichtige Informationen verschlüsselt, hat uns vielleicht sogar gesagt, wie diese Katastrophe abgewendet werden kann.«

Max zermarterte sich den Kopf. Er bekam die Zahlen dieses magischen Quadrats nicht mehr zusammen, ausgeschlossen. »Wenn man etwas verschlüsseln will, braucht man ein Codewort oder Codeworte. Und diejenigen, die einen Code schreiben, und diejenigen, die ihn entziffern, müssen sie kennen. Das ist wie bei der Zahlenkombination für einen Tresor.« Max grübelte. Selbst wenn er die Zahlen des Quadrats wüsste – die Codeworte kannte er nicht.

»Wir haben bloß die Zahlen des Quadrats und die auf dem Kristall gefunden«, sagte er. »Codeworte, die uns helfen könnten, sie zu entziffern, haben wir nirgends entdeckt.«

»Aber begreifst du denn nicht, Max? Irgendwie muss Zabala sie dir gegeben haben. Du hast sie gesehen oder von ihm bekommen, oder er hat sie dir gesagt – wie auch immer. Wo ist das Blatt Papier?« Fauvre ließ nicht locker.

»Das hat mein Freund.«

»Und wo ist der?«

»Er müsste eigentlich zu Hause sein, aber ich habe ihn nicht erreicht. Vielleicht haben ihn die Cops in England geschnappt. Ist jetzt auch nicht so wichtig.«

Max ging zu einer Landkarte an der Wand. »Das Dreieck hat mich von Biarritz hierhergebracht. Die anderen beiden Seiten treffen sich in …« Max strich mit dem Finger an einer Linie entlang. »Hier.«

»Genf«, sagte Fauvre alarmiert.

Max drehte sich vor Schreck der Magen um. »Der Teilchenbeschleuniger des CERN.«

»Du weißt davon?«, sagte Fauvre.

Das europäische Kernforschungszentrum. Das hatte Max vor ein paar Jahren mal bei einer Klassenfahrt besichtigen sollen, doch er hatte stattdessen an einem Crosslauf-Wettkampf teilgenommen. Sayid war aber mitgefahren und hatte danach erzählt, er habe bloß gestaunt. Hundert Meter unter der Erde befand sich ein ringförmiger Tunnel von Beschleunigerröhren. Sie hatten einen Durchmesser von achteinhalb Kilometern und siebenundzwanzig Kilometer Umfang. Das waren die Dimensionen der um das Londoner Stadtzentrum herumführenden Circle Line, einer wichtigen U-Bahn-Linie. Also ein echtes Riesending. Die größte, komplexeste Maschine der ganzen Menschheitsgeschichte!

Sayid geriet bei wissenschaftlichen Themen schnell ein bisschen ins Schwärmen.

Das CERN war der Traum eines jeden Physikers. Die Urknall-Theorie. Sie wollten dort Protonenstrahlen fast bis auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Die Strahlen sollten Partikel kollidieren lassen und so eine unglaubliche Energie freisetzen. »Peng! Peng! Peng! PENG!«, hatte Sayid gerufen und wie ein Wahnsinniger mit den Füßen aufgestampft, fast wäre er vor Begeisterung ausgeflippt. Tagelang hatte er immer wieder davon angefangen, er konnte sich gar nicht beruhigen. Hatte Max damals den letzten Nerv geraubt. Jetzt freilich wünschte er sich, er hätte aufmerksamer zugehört.

Fauvre tippte auf die Landkarte. »Diese Wissenschaftler wollen herausfinden, wie unser Universum entstanden ist. Sie wollen wissen, wann die bekannten Naturkräfte entstanden – auf ein Trillionstel einer Sekunde nach dem Moment der Entstehung genau«, erklärte er. »Das passt alles gut zusammen. Zabala hat Monate in diesen Bergen verbracht.«

Max sah sich auf der Karte den Genfer See an, eingezwängt zwischen Gebirgshängen. Angenommen, nur mal angenommen, was er entdeckt hatte, würde stimmen. Eine Katastrophe in dieser Region würde Tod und Zerstörung in einem unvorstellbaren Ausmaß bedeuten.

»Der Teilchenbeschleuniger. Die Leute von der Urknall-Forschung. Sophie will den Anhänger dort hinbringen«, sagte Max. »Aber wenn sie ihn abliefert und die stellen fest, dass er wertlos ist …«

Er führte den Satz nicht zu Ende. Fauvres bestürzte Miene spiegelte seine eigenen Gedanken wider: Dann würde Sophie sterben.

Zabala hatte ihnen Tag und Uhrzeit der Katastrophe mitgeteilt, und jetzt wusste Max auch, wo es passieren sollte: an der französisch-schweizerischen Grenze am 8. März um genau 11:34 Uhr.

Ihr betretenes Schweigen wurde durch Abdullah unterbrochen, der hereingestürzt kam und mit dem Foto von Peaches herumfuchtelte. »Das Muster auf dem Skianzug, das kann vieles bedeuten.« Er lächelte. »Aber zwei Dinge stehen schon fest!« Er legte einige Ausdrucke auf den Schreibtisch. »Das hier ist ein Foto von einem Kettenblitz. Sieht aus wie eine Koralle am Nachthimmel. Und das hier … «, er schob den anderen Ausdruck näher, »ist das Firmenlogo von Perun Industries. «

»Blitze … «, sagte Max, und die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag, »… bringen Licht … Lux Ferre … «

»Was? Zabala hat diesen Ausdruck in einem seiner Briefe verwendet …«, sagte Fauvre und kramte in Zabalas Dokumenten herum. »Hier!« Er hielt den zerknüllten Rest eines Papierbogens hoch. »Lux Ferre. Das hat er befürchtet! Hier steht es ja. Ich konnte nichts damit anfangen.«

»Das war ein Hinweis«, sagte Max. »Was ist das für eine Firma?«

»Öl und Gas. Die Förder- und Verwertungsrechte wurden vor Jahren verkauft, und der Mann, dem Perun Industries mal gehört hat, behielt bloß den Namen. Es gibt keine Anteilseigner. Das ist ein milliardenschweres Privatunternehmen. Es sieht so aus, als ob sich der Mann zurückgezogen hätte. Sein Name ist Fedir Tischenko, ein Ukrainer. Er lebt irgendwo in der Schweiz.«

Max wusste, dass er seinen Feind gefunden hatte.

Und Fauvre hatte Recht gehabt – Zabala hatte ihm das Codewort mitgeteilt. Er hatte es ihm wenige Augenblicke vor seinem Tod zugerufen: Luzifer.

Sayid, wo steckst du?

L-U-Z-I-F-E-R. Das Codewort.