Kapitel 10

 

Pixies zu jagen war kein Kinderspiel. In meiner magischen Ausbildung hatte ich zwar gelernt, einen Pixie zu bezaubern, aber das funktionierte auch bei anderen nur etwa jedes zweite Mal.

Zu Hause in der Anderwelt galten Pixies in der Stadt als Ungeziefer, und einige Ortschaften verbannten sie sogar ganz. So weit war Lethesanar nicht gegangen, aber wenn sie die Stadt selbst betraten, waren sie Freiwild.

Zunächst einmal lieben die meisten Pixies nichts so sehr, wie andere zu ärgern. Sie verursachen gern Chaos und Aufruhr und führen Menschen in die Irre. Pixies stehlen, Pixies stochern und sticheln und verstreuen ihre diversen Pülverchen, um für größt-möglichen Ärger zu sorgen - kurz, sie sind lästig, ärgerlich und nervtötend. Es überraschte mich, dass Feddrah-Dahns ein kostbares Artefakt einem solchen Wesen anvertraut hatte, aber jede Regel hatte natürlich ihre Ausnahme. Vielleicht wich Mistelzweigs Charakter von dem seiner Art ab.

Wir erreichten die Nummer 10226 East Parkland Drive kurz vor neun Uhr. Wir waren mit beiden Autos unterwegs, für den Fall, dass wir uns nach dem Termin trennen mussten. Die Wolkendecke war aufgerissen und ließ ein wenig Sonne durch, und die Blattknospen der Bäume glitzerten, wo Regentropfen noch an den Zweigen hingen.

Das Haus war klein, und der Cottage-Stil hätte viel besser nach New England gepasst als nach Seattle. Es stand ein Stück von der Straße zurückversetzt. Die allgegenwärtigen Rhododendren waren nicht gestutzt worden und deshalb baumhoch gewachsen, und darunter überwucherte Moos das Gras - der Vorgarten sah aus wie ein Stück Urwald. Hier und da drängten sich Büschel von Frauenfarnen zusammen, deren Wedel mehr als hüfthoch emporragten. Die Steine des gepflasterten Wegs zur Haustür waren hier und da gebrochen, und Unkraut ragte dazwischen hervor. Ein weiterer Weg - nur ein Trampelpfad -bog nach rechts ab und führte neben das Haus, zu einem ver-witterten Palisadenzaun. Hinter dem Haus ragten zwei Ahornbäume zu beiden Seiten über das Dach hinaus.

Ich gab Delilah einen Wink. »Komm, schauen wir mal, ob sie zu Hause sind.«

Wir eilten die Stufen zur Haustür hinauf, und ich klopfte sacht. Elfen hatten ein phantastisches Gehör. Es war also nicht nötig, an die Tür zu hämmern.

Und tatsächlich spähte einen Moment später eine schlanke, zierliche Elfe durch die Fliegengittertür. Ihre Miene hellte sich auf, als sie uns sah. »Oh, den Göttern sei Dank! Ihr seid wegen der Pixies hier, nicht?« Rasch trat sie zu uns heraus und wies auf den Garten. »Seht ihr, was sie angerichtet haben? Ganz egal, wie viel Mühe wir uns geben, sie machen immer wieder einen Dschungel daraus.«

Delilah und ich schauten auf den Vorgarten zurück. Aus diesem Blickwinkel konnte ich, wenn ich genau hinsah, das verräterische Glitzern erkennen, das Pixie-Pulver auf den Blättern und am Boden hinterlassen hatte. Die hatten hier wahrhaftig eine Pixie-Plage.

Ich wandte mich wieder der Frau zu. »Ich bin Camille D'Artigo, und das ist meine Schwester Delilah. Du hast meiner Schwester Menolly gesagt, dass sich ein fremder Pixie bei dir herumtreibt?«

Sie nickte und errötete. »Entschuldigung, wie unhöflich, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich freue mich nur so, dass ihr da seid! Ich heiße Tish. Ja, wir haben mehrere Pixies hier, aber seit gestern Abend dieser Neue hier aufgetaucht ist, herrscht das Chaos. Vorher war es ja schon schlimm genug, aber jetzt drehen sie völlig durch. Hinten kann ich nicht einmal den Garten betreten, ohne sofort bombardiert zu werden. Mein Mann hat solche Kopfschmerzen, dass er sich hinlegen musste. Er wollte sie endgültig hinauswerfen, und da haben sie sich gegen ihn zusammengetan.«

Pixie-Magie wirkte bei Feen zwar nicht besonders stark, aber wenn sie einem das richtige Pulver in die Augen streuten, konnte man grauenhafte Kopfschmerzen davon bekommen. Und da Elfen und Pixies Erzfeinde waren, zweifelte ich nicht daran, dass beide Seiten nicht gerade zimperlich zu Werke gegangen waren.

»Zeigst du uns den hinteren Garten?«

Während sie uns die Stufen hinunter und den Pfad entlang zum Zaun führte, erzählte sie uns etwas über sich. »Ich bin zuerst erdseits gezogen, vor zwei Jahren, und mein Mann ist letztes Jahr nachgekommen. Wir studieren die menschliche Gesellschaft im Auftrag der Anthrohistorischen Akademie zu Hause in Elqaneve. Ich bin Heilerin, und mein Mann ist Historiker. Als die Akademie uns die Möglichkeit angeboten hat, erdseits praktische Feldforschung zu betreiben, haben wir uns zu einem dreijährigen Studienaufenthalt bereit erklärt. Ich bin früher hergekommen, weil ich mehr Zeit brauchte, um die hiesigen Heilungstechniken zu beobachten.« Sie verzog das Gesicht.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte ich.

Tish nickte. »Ihre Technologie ist ja brillant, aber trotzdem herrschen hier traurige Zustände. Es gibt viel mehr Hungertote als in der Anderwelt, während zu Hause mehr an Krankheiten sterben als hier ... zumindest in den zivilisierten Gebieten. Hier gibt es ein solches Potenzial, Leiden zu lindern, aber es versickert im Streit um Ideologien und Moralvorstellungen. Tragisch eigentlich.« Sie hielt inne und öffnete das Tor. »Hier geht es rein. Aber seid vorsichtig - das Pulver hängt noch dick in der Luft.«

Als ich durch das Tor trat, sah ich, was sie meinte. Eine Schicht Pixie-Pulver bedeckte alles, von den winzigen Salatsetzlingen, die eben erst aus dem Boden sprossen, über das marmorne Vogelbad bis hin zu einer Steinbank in der Ecke, deren Lehne ein Gargoyle-Wappen zierte.

Instinktiv hustete ich und hielt mir den Ärmel vor die Nase. Delilah schniefte zwei Mal und nieste dann. Laut. Plötzlich schimmerte die Luft um sie herum, sie rief »O Scheiße!« und verwandelte sich, ehe ich sie daran hindern konnte. Das Ganze war viel schneller gegangen als sonst, wenn sie sich verwandelte. Binnen weniger Sekunden starrte eine langhaarige, goldene Tigerkatze mit großen Augen verwundert zu mir auf.

Großartig. Genau das hatte uns noch gefehlt. Tish sog scharf den Atem ein und schlug sich die Hand vor den Mund. »Oh! Das tut mir leid!«

»Ja, das passiert gern mal, wenn wir unter Stress stehen. In dem Pixie-Pulver muss irgendetwas drin sein, das sie dazu gezwungen hat, sich zu verwandeln«, erklärte ich und griff nach Delilah. Aber es hatte sie offenbar richtig erwischt, denn sie schoss nach links davon, als sie mich kommen sah.

»Hierher, Delilah! Sofort.« Ich jagte sie durch den Garten und hechtete ihr hinterher, als sie mit einem Riesensatz in einen Flieder sprang. Sie kletterte höher, als ich greifen konnte. Ich stolperte über eine Wurzel und klatschte mit dem Gesicht ins nasse Moos.

»Verflucht ...« Ich setzte mich auf. Mein Rock war an der Wurzel hängen geblieben, und das kleine Loch drohte weiter auszureißen. Ich war von Kopf bis Fuß mit einer Schicht Pixie-Pulver bedeckt. Das Zeug schimmerte auf meiner Kleidung und meinem Gesicht, und ich konnte nur hoffen, dass ich immun dagegen war. Wer wusste schon, welche Wirkung der verzauberte Staub entfalten sollte?

Tish eilte zu mir und half mir hoch. »Das tut mir leid. Hast du dir auch nichts getan?«

Vorsichtig klopfte ich mich ab. Keine gebrochenen Knochen, kein Blut an den Knien oder an der Nase. Mir war ein bisschen schwindelig von dem magischen Gefunkel, mit dem ich dekoriert war, aber ansonsten ... alles bestens.

»Ich glaube nicht. Könntest du meine Schwester von dem Flieder locken? Ich mache mich auf die Suche nach Mistelzweig.«

Während Tish unserem Kätzchen etwas vorgurrte, schob ich mich durch den überwucherten Garten. Pixies konnten schwer auszumachen sein, wenn sie lieber nicht gefunden werden wollten, und ich hatte das Gefühl, dass Mistelzweig sich gut versteckt hielt. Die Bande Pixies, die diesen Garten schon als ihr Territorium markiert hatte, wartete vermutlich nur darauf, dass er sich blicken ließ, um ihn anzugreifen und zu verjagen. Vielleicht würde es etwas nützen, nach ihm zu rufen.

»Mistelzweig! Ich habe eine Nachricht von Feddrah-Dahns für dich.« Ich pfiff in der Hoffnung, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Und tatsächlich, beim dritten Versuch raschelte es unter einem Heidelbeerstrauch, und ein Pixie flitzte hervor. Er war nicht größer als eine Barbiepuppe, aber hell, beinahe durchscheinend zart, mit winzigen glitzernden Fünkchen. Er flog hoch und sah mir direkt ins Gesicht. Langsam streckte ich die Hand aus, und er landete darauf, hielt aber argwöhnisch seine Tasche umklammert.

»Was wollt Ihr?«, fragte er auf Melosealför.

»Ich bin auf der Suche nach dir. Feddrah-Dahns ist in meinem Haus zu Gast, und er macht sich Sorgen um dich. Und das Horn.« Die letzten Worte flüsterte ich nur, denn die meisten Elfen beherrschten Melosealför sehr gut. Auf keinen Fall sollte Tish erfahren, was Mistelzweig bei sich trug. Zumindest hoffte ich, dass er es noch hatte.

Er ließ sich im Schneidersitz auf meiner Handfläche nieder, und seine Flügel kitzelten mich. Mit ernster Miene sagte er: »Ich habe das, was Ihr sucht, Mylady. Mein Herr hat es mir anvertraut, und es ist mir gelungen, es zurückzuholen. Doch ehe ich es ihm bringen konnte, hat der Goblin mich angegriffen. Ich bin so schnell davongeflogen, wie ich konnte, um sie abzuschütteln, und habe mich verirrt. Ich fürchtete, sie könnten meinen Flüsterzauber zu mir zurückverfolgen, deshalb wollte ich ihn nicht benutzen.«

Ich wusste nicht, wo an diesem Pixie genug Platz sein sollte, ein Einhorn-Horn zu verstecken, das größer war als ein Zahnstocher. Das wollte ich ihm gerade sagen, als Tish herüberkam, Delilah auf dem Arm.

»Ich habe deine Schwester.« Sie blinzelte überrascht, als sie Mistelzweig bemerkte. Er zischte leise, als er sie sah, blieb aber ansonsten still. »Wie ich sehe, hast du ihn gefunden. Kannst du auch gegen die anderen etwas unternehmen? Sie gehen mir auf die Nerven, und wenn sie so weitermachen, werden wir bald umziehen müssen - was sie natürlich riesig freuen würde.«

»Was bin ich eigentlich, ein Kammerjäger?«, brummte ich in mich hinein, doch da Tish und ihr Mann uns einen Gefallen getan hatten, schuldeten wir ihnen wohl auch einen. »Momentchen noch.« Ich wandte mich wieder zu Mistelzweig um und beugte mich dicht zu ihm. »Hör zu, ich muss dieser Elfe helfen. Würdest du bei meiner Schwester bleiben, wenn ich sie dazu bringe, sich zurückzuverwandeln?«

Argwöhnisch starrte er Delilah an, die ihn nur allzu interessiert beäugte. Sie sah aus, als hätte sie ein großes Kauspielzeug vor sich. »Mag keine Katzen. Katzen essen Pixies.«

»Katzen essen Pixies, das stimmt«, sagte ich und warf Delilah aus schmalen Augen einen Blick zu. Sie wand sich und bebte, während sie zusah, wie Mistelzweig sich in meiner Hand bewegte. Ich beugte mich vor und deponierte ihn auf einem dicken Rhododendron-Zweig. »Warte hier.«

Delilah kletterte fast von selbst an mir hoch, als ich nach ihr griff, bis ihre Krallen sich durch die Stola in meine Schulter bohrten. Ich tätschelte sie, um sie zu beruhigen, und lauschte ihrem rasenden Herzschlag, der zu stolpern und zu holpern begann. Gleich darauf spürte ich, wie sich die Energie wandelte, und setzte sie rasch auf den Boden.

Langsamer als vorhin, aber immer noch schneller, als man mit bloßem Auge verfolgen konnte, kehrte sie in einer Wolke aus Nebel in ihre normale Gestalt zurück. Ihr hellblaues Halsband wurde zu ihren Klamotten. Sie kniete am Boden, und ich streckte die Hand aus und half ihr auf die Füße.

»Schön, dass du wieder da bist. Du lieber Himmel, das hat wirklich schmerzhaft ausgesehen.«

»Hat nicht weh getan.« Sie hustete und spuckte etwas aus, das verdächtig nach einem fettigen Haarballen aussah. Ich verzog angewidert das Gesicht. Vornehm war sie wirklich nicht. Zum Teil eine Katze zu sein bedeutete, dass man sich auch mit Katzenproblemen herumschlagen musste, wie etwa Haarballen, Flöhen und der Benutzung einer Katzentoilette.

»Alles klar?«, fragte ich, während sie zu Ende hustete.

»Ja. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Was ist denn los?« Sie blickte sich um, sah Mistelzweig und klatschte in die Hände. »Ist er das? Du hast ihn schon gefunden?«

Ich nickte. »Ich möchte, dass du mit ihm vorne rausgehst und ihm Gesellschaft leistest, während ich das Pixie-Problem hier hinten aus der Welt schaffe. Ich habe Tish versprochen, es wenigstens zu versuchen.«

»He, ich bin kein Problem«, protestierte Mistelzweig auf Englisch. Delilah nahm ihn auf die Hand und folgte Tish zum Gartentor, während der Pixie ununterbrochen seine Unschuld beteuerte. Tish öffnete das Tor, schnappte plötzlich nach Luft und sprang beiseite, als Morio sich hastig an ihr vorbeischob. Er ignorierte sie völlig und kam direkt zu mir.

»Du bist spät dran«, sagte ich. »Wir haben hier einen starken Pixie-Befall. Ich habe der netten Elfe versprochen, etwas dagegen zu unternehmen. "Was ich da machen soll, weiß ich auch noch nicht genau. Die meisten meiner Zauber sind nicht dazu geeignet, Ungeziefer zu erledigen.«

»Ich konnte heute Morgen meine Tasche nicht finden und dachte schon, ich hätte sie verloren«, sagte Morio und tätschelte die schwarze Tasche, die er über der Schulter trug. Ohne die ging er nirgendwo hin, denn sie enthielt einen Schädel, der für ihn sehr wichtig war. Wenn er sich in einen Fuchs verwandelt hatte, konnte er sich ohne den Schädel nicht wieder zurückverwandeln. Für seine volle Dämonengestalt war er nicht so wichtig. »Pixies, sagst du?«

Ich nickte. »Schau, wie viel Pulver sie überall hinterlassen haben.«

Morios dunkle Augen glühten. Sie schimmerten gelblich rot, wenn er seine natürliche Gestalt annahm - eigentlich war er ein Dämon. Als Mensch war er schlank und geschmeidig mit festen Muskeln, aber weder groß noch massig. Sein langer, glatter Pferdeschwanz schimmerte im kühlen Sonnenlicht pechschwarz. O ja, er war ein grandioser Anblick. Und obendrein grandios im Bett. Er hatte buchstäblich ein Händchen, das ziemlich unnachahmlich war, sogar für Trillian. Meine Liebhaber ergänzten sich wunderbar und machten mich damit zu einer umso glücklicheren Hexe.

»Vielleicht kann ich dir aushelfen«, sagte er.

In diesem Moment bohrte sich ein Pfeil in meine rechte Halsseite. Reflexartig schlug ich danach, als ich den Stich spürte, und als ich die Hand wieder wegzog, klebte ein winziger Speer daran. Ein Kichern aus den Asten eines nahen Ahorns verriet die Position meiner Angreifer. Ich fuhr herum und sah mich fünf Pixies gegenüber, die auf dem Ast entlang aufgereiht waren wie Vögel.

»He, lasst das!« Ein weiteres helles Gackern begleitete einen brennenden Stich an meiner linken Wange. Tatsächlich, aus der Hecke heraus beobachtete uns ein weiteres Grüppchen dieser Plagegeister, bewaffnet mit Speeren und Pfeilen. Zumindest fühlten sie sich offensichtlich unwohl; die Hecke bestand aus Stechpalmen, und es sah aus, als pieksten die glänzenden Blätter die Pixies in den Rücken.

Morio wirbelte zu dem Ahorn herum und streckte die Hand aus. »Fuchsfeuer!«

Eine dicke Wolke grünen Lichts fuhr aus seiner Hand auf die Hecke zu. Zunächst lachten die Pixies nur, doch dann schüttelte einer von ihnen den Kopf und sagte etwas zu seinem Nachbarn. Ich konnte sie nicht hören, aber plötzlich hatten sie es sehr eilig, von dem Ast herunterzukommen, ehe die dampfende Wolke sie verschlang.

Ich blickte zu den Baumwipfeln auf. Die Zweige schwankten im Wind, und ich rief rasch die Luftströme zu mir und sammelte ihre Energie tief in meinem Solarplexus, wo ich sie noch ein wenig herumwirbeln ließ. Dann hieß es Konzentration, Zielen, Feuerfrei.

Bedauerlicherweise hatte ich ein wenig mehr Wind eingesogen, als ich beabsichtigt hatte, und der daraus resultierende Luftstoß schleuderte nicht nur die Pixies kreuz und quer durch die Gegend, sondern riss auch mich von den Füßen. Ich segelte rückwärts durch den Garten und knallte mit dem Rücken hart gegen den Stamm des Ahorns. Der Schock ließ mich wie erstarrt am Holz kleben - etwa zehn Sekunden lang.

Das zweite Oh-oh kam, als ich merkte, dass ich etwas schief gelandet war. Ich versuchte, zu Atem zu kommen und mich aufzurichten, aber es sollte nicht sein. Ich kippte um wie ein hoher Baum und krachte wieder einmal mit dem Gesicht voran in ein besonders dichtes Fleckchen von dem Pixie-Pulver, das hier alles überzog.

Mist, dachte ich und sog den satten Duft von nasser, saurer Erde und Pixie-Pulver ein.

Ich wollte ihnen ja nicht weh tun, ich wollte sie nur ein bisschen erschrecken. Und schon gar nicht wollte ich mir selbst weh tun - ich war keine Masochistin.

Spuckend und spotzend befreite ich mich von einem Grashalm, der mir zwischen den Zähnen stecken geblieben war. Morio half mir auf die Füße, und hinter seinem Lächeln verbarg sich ein spöttisches Grinsen.

»Hast du dir was getan?«

Zum zweiten Mal innerhalb einer Stunde klopfte ich mich ab. Keine gebrochenen Knochen. Kein Blut an Knien und Nase. »Ich bin nass und schmutzig, und mir ist kalt, aber ansonsten geht es mir gut.« Ich blickte mich nach der Pixie-Truppe um. »Wo zum Teufel sind sie hin?«

»Ich glaube, du hast ihnen richtig Angst gemacht. Ein paar wurden über den Zaun geblasen, der Rest ist verschwunden. Wo auch immer sie sind, du kannst sicher sein, dass wir sie jetzt nicht mehr finden werden«, sagte er. »Pixies mögen furchtbar lästig sein, aber dumm sind sie nicht.«

»Ja.« Mir war nach Murren zumute, doch diesen Impuls unterdrückte ich sofort. Stattdessen stieß ich den Atem aus und musterte Morio. Er sah gut aus, aber ein wenig müde. »Gib mir einen Kuss, Süßer.«

Morio schlang den linken Arm um meine Taille und zog mich locker an sich. Seine Lippen legten sich auf meine, als kosteten sie einen guten Wein oder alten Käse: sacht und mit Feingefühl, und sie ließen sich Zeit, jeden Hauch des neuen Geschmacks zu erkunden.

Ich ließ mich leicht an ihn sinken. Er war mein zweiter Mann. Mein Liebhaber, mein Partner bei der magischen Arbeit und außerdem ein guter Freund. Wir standen stumm da und berührten uns nur leicht. Dann schnupperte er an meinem Hals, zog eine Spur von Küssen über meine nackte Brust und hörte auf, wo knapp oberhalb meiner Brustwarzen das Bustier begann, das meine Brüste zu einem unverschämt dekadenten Dekollete anhob.

»Trillian ist in die Anderwelt zurückbeordert worden«, flüsterte ich, während seine Zunge meine Kehle erforschte. »Ich habe Angst um ihn.«

Statt meine Sorge mit einem »Ihm passiert schon nichts« beiseite zu wischen, richtete Morio sich auf. »Er kann nicht nach Hause. Auf ihn ist ein Kopfgeld ausgesetzt.«

»Ich weiß«, sagte ich und starrte an ihm vorbei auf die Hecke. »Deshalb habe ich ja solche Angst um ihn. Da braut sich irgendetwas zusammen. Ich kann es spüren, und Trillian ist darin verwickelt. Manchmal frage ich mich, ob er mir die ganze Wahrheit erzählt. Ob er nicht eine wichtigere Rolle spielt, als er uns wissen lässt.«

Während ich in die ungepflegten Büsche starrte, musste ich auch an Vater denken und fragte mich, wo er jetzt sein mochte. Er war aus der Garde desertiert, als Lethesanar ihre Soldaten auf das eigene Volk gehetzt hatte. Mein Vater war weder ein Feigling noch ein Verräter. Er war Hof und Krone treu. Doch als die Krone ihre Macht, missbraucht hatte, war er von ihr abgerückt, weil er sich im Herzen dem Thron verpflichtet fühlte - nicht der Wahnsinnigen, die darauf saß.

Morio seufzte tief. »Ich weiß nicht, ob das irgendetwas zu bedeuten hat, aber vor ein paar Tagen stand ein Mann vor meiner Wohnungstür, der nach Trillian gesucht hat.

Ich weiß nicht, warum er bei mir war. Vielleicht dachte er, dass wir da zusammen wohnen. Er war kein Mensch, sondern irgendeine Art Fee. Er wollte unbedingt mit Trillian sprechen. Ich wusste nicht, wer er war, und seinen Namen wollte er mir nicht nennen, also habe ich mich dumm gestellt. Am nächsten Morgen habe ich Trillian davon erzählt, und als ich den Mann beschrieben habe, hat Trillian ein Gesicht gemacht, als hätte er einen Geist gesehen. Er wollte kein Wort mehr darüber verlieren.«

Ich überlegte kurz. »Erdwelt-Fee oder aus der Anderwelt?«

»Ich weiß nicht, aber er war ein bisschen komisch angezogen. Wenn ich raten müsste, würde ich Anderwelt sagen.«

»Dann könnte es ein Spion gewesen sein, der Trillian aufspüren und töten soll. Oder jemand von Tanaquars Leuten, der ihm eine Nachricht bringen wollte. Wie auch immer, Trenyth war heute mitten in der Nacht im Flüsterspiegel und hat ihn in die Anderwelt zurückbeordert.« Ich erschauerte, als sich die Wolkendecke wieder schloss und die Sonne verschwand. »Komm, bringen wir erst mal Mistelzweig nach Hause. In den vergangenen vierundzwanzig Stunden ist so viel passiert.«

»Und ich fürchte, es wird noch viel mehr passieren.« Morio legte mir einen Arm um die Schultern und ging mit mir zum Tor. »Die Degath-Kommandos waren in den letzten Monaten unser größtes Problem, aber in dieser Gegend gibt es reichlich Dämonen, die zu Schattenschwinges Gefolge gehören.« Degath-Kommandos - oder Höllenspäher - waren Schattenschwinges Vorhut.

»Das stimmt«, sagte ich.

Morio seufzte. »Ich fürchte sehr, dass die etwas planen. Menolly sollte in ihrer Bar sehr gut aufpassen. Das Portal ist weithin bekannt, und die Dämonen werden immer dreister.«

»Außerdem gibt es neue Portale, von denen wir noch gar nichts wissen, da hat der Feind natürlich leichtes Spiel.« Als wir den Vorgarten erreichten, saß Tish auf der Vordertreppe und unterhielt sich mit Delilah. Mistelzweig saß auf Kätzchens anderer Seite und ignorierte die Elfe vollkommen.

»Sprich nicht vor Tish oder Mistelzweig darüber. Erst wenn wir zu Hause sind«, ermahnte ich ihn. »Feddrah-Dahns weiß vom Plan der Dämonen. Deshalb hat er mir das ... ein Geschenk mitgebracht. Aber wir müssen aufpassen, was wir vor anderen sagen.«

Ich wandte mich Tish zu, setzte ein strahlendes Lächeln auf, nach dem mir überhaupt nicht zumute war, und sagte: »Wir haben unser Möglichstes getan. Ich glaube, wir haben sie vertrieben, aber bei Pixies kann man das nie so genau wissen. Mistelzweig hier nehmen wir mit.«

Delilah stand auf und klopfte sich den Hosenboden ab. »Dann können wir jetzt los?«

Ich nickte. »Mehr können wir nicht tun. Mistelzweig, möchtest du lieber bei Delilah mitfahren oder bei mir?«

Der Pixie funkelte Delilah böse an und musterte mich naserümpfend von oben bis unten. »Ich fahre mit Euch, Mylady. Auf die Gesellschaft einer Katze kann ich verzichten.«

Delilah fauchte leise und lachte, als er zusammenzuckte. »Hab dich nicht so. Am Steuer habe ich mich noch nie verwandelt. Ganz ehrlich.«

Mistelzweig schluckte schwer. »Dieses Fauchen macht Euch nicht vertrauenswürdiger, wisst Ihr? Also schön, ich fahre mit Euch, aber Ihr müsst Euch schon benehmen. Ich meine es ernst - ein Fehltritt, und Seine Königliche Hoheit wird Euch durchbohren. Ich bin ein wertvoller Angehöriger seines Hofes!«

Delilah verkniff sich das Grinsen, hob ihn hoch und stellte ihn auf den Beifahrersitz ihres Jeeps. »Das seid Ihr gewiss, Mylord Mistelzweig. Gewiss.«

Morio folgte mir in seinem Subaru. Auf dem Heimweg fragte ich mich immer wieder, wo das alles noch hinführen sollte. Die Kryptos waren inzwischen überall, natürlich immer noch viel weniger als die menschliche Bevölkerung, aber sie wirkten sehr zahlreich, weil sie glanzvoller, lauter, einfach auffälliger waren. Sie ragten heraus.

Und es sah ganz so aus, als hätten die Freiheitsengel ihren privaten Krieg schon begonnen. Es fehlte eigentlich nur noch, dass Schattenschwinges Armeen jetzt mit ihrer Invasion begannen.