Kapitel 2

 

Bis Chase und sein Team eintrafen, gelang es der verwundeten Fee, sich davonzuschleppen. Zurück blieb eine Spur großer Blutstropfen, die in der Sackgasse hinter meinem Laden verschwand. Ich blickte den finsteren Weg entlang, aber es war zu dunkel, um bis ganz hinten zu sehen. Ich hatte gewiss nicht die Absicht, allein da reinzuspazieren. Chase und seine Männer konnten hinten nachschauen, wenn sie wollten.

Ich beschloss jedoch, den bewusstlosen Goblin nach drinnen zu schleifen und in dem Raum neben meinem Büro einzuschließen. Er stank absolut widerlich, und seine schmierige Kleidung war sogar noch schlimmer, aber schließlich hatte ich ihn im Hinterzimmer und verschnürte ihn mit Paketklebeband. Er wachte auf und funkelte mich böse an, als ich ihm das klare Klebeband gerade um Handgelenke und Knöchel wickelte.

Sofort pappte ich ihm auch ein Stück Klebeband vor den Mund, ehe er etwas sagen konnte. Giftige Blicke würden mir nichts anhaben, aber etwas, das aus seinem Mund kam, möglicherweise schon. Manche Goblins gebrauchten Magie. Und alle waren dreckige, widerliche kleine Lügner.

Der Grottenschrat hingegen - oder vielmehr das, was von ihm übrig war - konnte von mir aus hübsch bleiben, wo er war. Das war mir nun wirklich zu ekelhaft. Auf keinen Fall würde ich einen breiigen Fleck Überfahrenes aufputzen, schon gar nicht in Samt und Spitze gekleidet.

Zehn Minuten später lehnte Chase am Ladentisch und starrte das Einhorn an, während Sharah und Mallen den Grottenschrat von der Straße schabten. Eines musste ich ihnen lassen: Die beiden Elfen sahen aus, als müssten sie sich gleich erbrechen, doch sie erledigten ihre Aufgabe, ohne sich zu beklagen.

Feddrah-Dahns trank sein Wasser aus einem Eimer, den ich hinten gefunden hatte.

Iris benutzte ihn zum Putzen, also hatte ich ihn ausgespült und mit frischem Quellwasser aus dem Wasserspender gefüllt. Das Einhorn blickte meiner Meinung nach sehr nachdenklich drein.

Aber ich hatte noch nicht allzu viele Einhörner gesehen, auch nicht zu Hause in der Anderwelt. Sie blieben normalerweise unter sich.

Einige meiner Stammkunden, die zufällig draußen vorbeigegangen waren, hatten die offene Ladentür bemerkt und hereingeschaut, um nachzusehen, ob auch alles in Ordnung war. Mit weit aufgerissenen Augen stürzten sie sich sofort auf das gehörnte Tier und umringten es wie eine Art Gott.

Wenn ich so darüber nachdachte, war Feddrah-Dahns in gewisser Weise ein Gott. Nur wenige Einhörner waren bisher durch die Portale gekommen, und die Erdwelt-Spezies ließ sich nur sehr selten blicken. Wenn man bedachte, mit welch ehrfürchtigem Staunen sie in den Mythen und Sagen der Menschen behandelt wurden, überraschte es mich nicht, dass ihm sofort alle Herzen zuflogen.

Henry Jeffries, einer meiner besten Kunden, streckte vorsichtig die Hand aus, um die wilde Mähne zu berühren, die üppig über den Hals des Einhorns herabwallte. Ein Ausdruck kindlichen Staunens breitete sich über sein Gesicht. Feddrah-Dahns warf ihm einen Blick zu und wieherte sacht. Henry schlurfte zu mir herüber und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Er hatte feuchte Wangen.

»Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Tag noch mal erleben würde. Meinen Sie, dass Mr. Beagle einem echten Einhorn begegnet ist?«

Ich runzelte die Stirn. Wahrscheinlich hatte Peter S. Beagle nicht einmal an die Geschöpfe geglaubt, als er Das letzte Einhorn geschrieben hatte, aber wer konnte das schon so genau wissen? »Ich weiß es nicht, Henry. Möglich ist alles.« Ich lächelte ihn an, er lächelte zurück und eilte dann wieder zu Feddrah-Dahns hinüber.

»Camille? Camille? Hast du gehört, was ich gesagt habe?«

»Hm?« Ich drehte mich um. Chase hatte offenbar im selben Moment etwas zu mir gesagt wie Henry. »Nein, tut mir leid. Was hast du gesagt?«

Er seufzte. »Das ist jetzt der dritte Bericht über umherstreunende Kryptos heute Vormittag.«

Chase war charmant, nicht mehr so aufdringlich wie zu Anfang und ein verdammt guter Detective. Erst hatte ich den Kerl verabscheut, aber jetzt mochte ich ihn geradezu. Ja, hin und wieder verirrte sich sein Blick noch in verbotene Zonen, und er roch weiterhin zu oft nach scharfen Rindfleisch-Tacos, aber zumindest ließ er jetzt die anzüglichen Bemerkungen sein. Und vor allem stank er nicht mehr nach Zigaretten.

Meiner Schwester Delilah zuliebe hatte er auf Nikotinpflaster umgesattelt, und er hielt sich bemerkenswert gut. Allerdings hatte er ja einen starken Anreiz: Sie weigerte sich, ihn zu küssen oder zu berühren, wenn er geraucht hatte.

»Umherstreunend - So, wie du dich ausdrückst, könnte man meinen, sie wären aus dem Zoo ausgebrochen.« Ich seufzte. »Chase, Süßer, du musst endlich die Vorstellung überwinden, dass zwei Beine und Intelligenz untrennbar miteinander verknüpft sind.«

Er schnaubte. »Mach du mir bloß keine Vorwürfe. Du kommst aus der Anderwelt, du bist halb Fee. Du bist seit... einem Jahr hier, stimmt's? Die Portale sind seit vier, vielleicht knapp fünf Jahren offen, oder?« Ich nickte. »Kommt hin.«

»Während dieser Zeit haben einige Feen der Erdwelt einen Besuch abgestattet. Und viele Erdwelt-Übernatürliche haben sich geoutet. Aber wir hatten noch nie eine Kryptiden-Welle. Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Jetzt sind sie plötzlich überall.

Portland meldet einen signifikanten Anstieg der Sichtungen, und es gibt Nachrichten aus dem ganzen westlichen Washington. Was meinst du, was das bedeutet?«

Ich musste zugeben, dass seine Sorge nicht unbegründet war. Feen aus der Anderwelt waren zwar immer noch nichts Alltägliches, und die meisten von uns ließen sich irgendwo an der amerikanischen Westküste nieder. Aber wir wurden nicht mehr als Weltneuheit bestaunt wie damals, als der AND beschlossen hatte, ein paar der interdimensionalen Portale zu öffnen.

Die Kommunikationswege, die bei der Spaltung - als die Anderwelt sich von der Erde abgekoppelt hatte - verschwunden waren, hatte der AND wieder aufgebaut. Die menschliche Gesellschaft akzeptierte uns immer mehr. Und im vergangenen Monat hatte so etwas wie eine Besinnung auf die eigenen »Werte« stattgefunden: Die ÜW - übernatürlichen Wesen - der Erdwelt waren auf einmal der Renner.

Nachdem sich der erste Schreck gelegt hatte, hatte man uns mit offenen Armen empfangen. Zum Großteil. Es gab immer noch ein paar Randgruppen, die uns für das personifizierte Böse hielten und nur zu gern das Streichholz an unsere Scheiterhaufen gehalten hätten. Aber sie waren eine - wenn auch recht laute - Minderheit, und wir schenkten ihnen nicht sonderlich viel Beachtung. Intoleranz gab es überall, und wir wussten, dass wir sie nie völlig ausmerzen würden.

Aber Kryptos? Kryptos waren hier noch so ungewöhnlich, dass sie Aufmerksamkeit erregten. Ihre Seltenheit war jedoch nicht das Problem. »Mir macht etwas anderes Sorgen, Chase. Ich glaube, wir müssen die Frage umformulieren.«

Er sog die Unterlippe zwischen die Zähne. »Schön, dann sag mir, wie die richtige Frage lautet und warum ihr plötzliches Erscheinen Arger bedeutet. Oder nicht.«

Ich runzelte die Stirn. »Also schön. Wie wäre es damit: Die Tatsache, dass ein Einhorn in Seattle herumspaziert, ist besorgniserregend. Aber nicht deshalb, weil Feddrah-Dahns ein Krypto ist, sondern weil Einhörner fast immer in der Wildnis bleiben und sich nur sehr selten in Städte hineinwagen. Es ist nicht unnatürlich, dass er neugierig auf die Erdwelt ist und sie sich mal anschauen will. Unnatürlich ist, dass er in die Stadt kommt, statt durch die Wälder zu ziehen. Folglich hast du recht.

Irgendetwas stimmt nicht.«

»Interessant.« Chase trommelte mit den Fingern auf dem Glas des Schaukastens neben mir. »Warum steht er also hier in deiner Buchhandlung statt irgendwo im Magnolia Park?«

Ich streckte die Hand aus und klopfte ihm auf die Finger. Sanft. »Lass das - ist nicht gut für die Scheibe.« Ich setzte mich auf den hohen Hocker hinter der Kasse und stützte die Ellbogen auf den Ladentisch. »Ich habe keine Ahnung. Ich werde mich mal mit Feddrah-Dahns unterhalten, vielleicht finde ich etwas heraus. Aber sag mal, was für Berichte sind denn das? Die üblichen Bigfoot-Sichtungen?«

»Nein. Ich muss sagen, ein paar dieser Vorfälle sind geradezu beängstigend. Um drei Uhr früh haben wir einen Anruf von einer panischen Frau bekommen, die um Hilfe gebeten hat, weil ein Satyr gerade versuchte, zu ihr ins Bett zu steigen. Anscheinend hatte er eine mächtige Latte und wollte sie gern mit ihr teilen. Zugegeben, er hat von ihr abgelassen, als sie geschrien und sich gewehrt hat, aber hierzulande gilt so etwas immer noch als versuchte Vergewaltigung. Wenn wir ihn erwischen, sollte er sich bereitwilligst in die Anderwelt zurückschicken lassen, sofern er die nächsten zehn Jahre nicht in einem Erdwelt-Knast verbringen will.«

Ups. Ja, wir hatten offenbar ein Problem. Satyrn und andere wilde Kryptiden hielten sich normalerweise an Wälder und Wiesen. Was zum Teufel hatten sie in den Vororten von Seattle zu suchen?

»Ihr habt ihn also nicht erwischt?«

»Nein. Wir kamen gerade rechtzeitig bei dem Haus an, um ihn im Gebüsch verschwinden zu sehen, aber wir konnten nicht mit ihm mithalten. Aus irgendeinem Grund sind diese Kryptiden sehr geschickt darin, sich der Polizei zu entziehen.«

»Liegt vermutlich an ihrer guten Tarnung. Und schnell sind sie auch.« Die meisten Kryptos waren viel schneller als Menschen. Die meisten Feen ebenso. Obwohl ich nur zur Hälfte Feenblut hatte, konnte ich Chase auch in puncto Ausdauer locker in die Tasche stecken, aber mir war gerade nicht danach, ihm das unter die Nase zu reiben.

Ich sah mir den Detective näher an. Er hatte offensichtlich Mühe, die Augen offen zu halten, und er sah aus, als hätte er seit Tagen nicht mehr geschlafen. Die Tränensäcke kamen über den tiefen, dunklen Augenringen besonders gut zur Geltung.

»Hast du in letzter Zeit schlecht geschlafen?«, fragte ich.

Er nickte. »Ja. Deine Schwester hält mich wach, und nicht immer auf angenehme Weise. Neuerdings jagt sie gern mitten in der Nacht ihren Schwanz. Auf dem Bett.

Auf meinem Kopfkissen. Dann kriegt sie diese Milchtritt-Anfälle und knetet endlos auf mir herum. Ich habe schon Narben überall auf der Brust. Und wenn man sich dann noch wegen Satyrn und Goblins sorgen muss - wer soll denn da schlafen?« Er griff nach einem Stift auf dem Ladentisch und drehte ihn zwischen den Fingern.

»Du sehnst dich nach einer Zigarette?«, fragte ich.

Er nickte. »Ja. Hör mal, alle Besucher aus der Anderwelt werden lernen müssen, sich hier an die Regeln zu halten, sonst glaubt noch jemand, er müsste selbst für Ordnung sorgen, und dann ist hier die Hölle los.« Er verzog das Gesicht. »Diese verdammten Freiheitsengel machen jetzt schon überall Ärger. Je beliebter ihr seid, desto wütender werden die.«

Die sogenannten Freiheitsengel, ein ultrarechter Haufen, setzten die Hetzparolen der Aufrechte-Bürger-Patrouille in die Tat um. Damit wechselten sie die Kategorie, von ärgerlich zu gefährlich. Bisher hatten sich ihre Aktivitäten auf ein paar kleine Scharmützel beschränkt, bei denen sie selbst am meisten hatten einstecken müssen.

Die Feen waren stärker, schneller und unter Umständen wesentlich gnadenloser als die Freiheitsengel. Wenn diese aber die richtigen Waffen in die Hände bekämen, könnte sich das rasch ändern.

Ich nickte knapp. »Seit das Portal im Wayfarer in die Wälder von Finstrinwyrd statt nach Y'Elestrial führt, tauchen mehrmals pro Woche ungenehmigte Geschöpfe in der Bar auf. Menolly musste vor zwei Nächten drei weitere Goblins aufhalten. Die sind ihr nicht gewachsen, und Menolly verfüttert sie einfach an Tavah, aber es ist trotzdem lästig. Na ja, Tavah findet es recht praktisch.« Tavah war ein Vampir, wie meine jüngste Schwester - und sie war eine reinblütige Fee. Allerdings war sie nicht so wählerisch wie Menolly, wenn es darum ging, welche Sorte Blut sie zu trinken bekam.

»Tja, ihr könnt die Portale aber nicht einfach schließen«, sagte Chase und schürzte die Lippen.

»Nein, können wir nicht.« Delilah, Menolly und ich hatten das Problem schon mehrmals ausführlich diskutiert, waren aber noch keinen Schritt weitergekommen.

Jetzt allerdings breitete sich dieses Problem auf die ganze Stadt aus.

Seattle - wie beinahe der gesamte Rest der Welt - wusste von der Anderwelt und den Feen. Wir waren also kein Geheimnis mehr, aber da war noch so viel, was die Menschen nicht wussten. Etwa, dass es auch noch die Unterirdischen Reiche gab.

Dass der Herrscher der U-Reiche - ein Dämonenfürst namens Schattenschwinge - die Absicht hatte, sowohl die Erde als auch die Anderwelt auszuradieren. Und sie wussten nichts von der ziemlich beängstigenden Kleinigkeit, dass meine Schwestern, ich und unsere Freunde so ziemlich alles waren, was ihm dabei noch im Weg stand.

»Was mich wundert«, sagte ich nach kurzem Nachdenken, »ist, dass die Kryptos, die jetzt in der Stadt herumlaufen, nicht durch das Portal im Wayfarer gekommen sein können. Menolly lässt es rund um die Uhr bewachen.«

»Schön, gibt es denn noch andere Portale in der Nähe?« Chases Blick schweifte zurück zu dem Einhorn, und ganz kurz huschte ein staunender Ausdruck über sein Gesicht. Ich lächelte in mich hinein. Selbst unser knallharter Detective war von den Wesen aus der Feenwelt manchmal wie verzaubert.

»Also, da ist das Portal draußen im Wald, das Großmutter Kojote bewacht.« Ich überlegte, ob ich noch weitere kannte.

Chase lachte. »Ich brauche wohl gar nicht erst zu fragen, ob sie die Kryptos durchlassen würde?«

»Sei dir da nicht so sicher«, warnte ich ihn. »Sie steht nicht ganz und gar auf unserer Seite.«

Großmutter Kojote war eine der Ewigen Alten, weder gut noch böse. Ihr Standort war der, an dem die verschiedenen Welten miteinander verknüpft und ausbalanciert waren.

Wenn hier etwas in Schieflage geriet, griffen sie und ihresgleichen ein, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Schattenschwinge und seine Dämonen hatten die Geschicke der Welten verschoben, deshalb hatte sie uns eingespannt - wir sollten mithelfen, sie wieder zurechtzurücken. Konnte irgendetwas den Kurs des Schicksals erneut verändert haben?

»Sie könnte sie durchlassen, wenn es für das Gleichgewicht aller Dinge erforderlich wäre.« Doch beim Gedanken an die Ewigen Alten fiel mir etwas ein, das die Elfenkönigin Asteria vor ein paar Monaten erwähnt hatte. »Ich weiß, wie sie herüberkommen.«

Chase zupfte nervös an seiner Krawatte. Sie leuchtete in hellem Gelb mit orangeroten Streifen vor seinem dunkelblauen Anzug und passte auf seltsame Art irgendwie doch dazu.

»Mach's nicht so spannend, Weib«, sagte er. »Wenn wir dieses Problem nicht bald in den Griff bekommen, wird mein Chef, dieser Sack, bald ein paar ziemlich unbequeme Fragen stellen. Der Bürgermeister dürfte auch nicht sehr glücklich darüber sein. Das Letzte, was ich brauche, ist ein weiteres Problem, für das Devins mich verantwortlich machen kann. Der Bürgermeister ist da anders, aber ...«

Ich blickte mich um, um festzustellen, wer alles im Laden war. Das Einhorn hatte eine kleine Menschenmenge angezogen, und im allgemeinen Lachen und Schwatzen konnten wir einander kaum noch verstehen. So würde uns zumindest niemand belauschen können. Trotzdem vergewisserte ich mich noch einmal, dass uns niemand zuhörte. »Als Königin Asteria uns vor ein paar Monaten besucht hat, nachdem wir Dredge erledigt hatten, da hat sie erwähnt, dass einige bisher unbekannte Portale entdeckt worden seien - unbewacht, natürlich. Und die meisten von ihnen führen in den Pazifischen Nordwesten.«

Chase blinzelte. »Davon hat Delilah mir gar nichts gesagt.«

»Sie ist ein braves Mädchen. Sie kann Geheimnisse bewahren. Und davon brauchtest du damals nichts zu wissen.« Ich sah, wie seine Überraschung einer finsteren Miene wich. Ups - ich war ihm wohl auf die Zehen getreten. Das passierte mir bei Chase häufiger.

Zwischen uns gab es diese Reibungen schon vom ersten Tag an.

»Ach, tatsächlich? Danke für euer Vertrauen. Und würdest du mir vielleicht noch sagen - sofern du meinst, dass ich das wissen sollte -, wohin genau diese Portale führen?«

Ja, ich hatte sein Ego getroffen, kein Zweifel. »Stell dich nicht so zickig an. In deinem Job gibt es sicher auch eine Menge Dinge, von denen du uns nichts erzählst.«

»Nichts von dem, was ich geheim halte, betrifft euch«, sagte er mit schmalen Augen.

»Ach, zum Teufel damit. Weiter. Du hast gesagt, die meisten davon führen in den Pazifischen Nordwesten?«

»Ja.« Ich holte tief Luft und fuhr fort: »Anscheinend kommt man durch einige dieser neuen Portale in Seattle und der näheren Umgebung heraus. Königin Asteria hat natürlich an den Portalen in ihrem Herrschaftsbereich Wachen postiert, aber sie entdecken immer mehr Portale irgendwo in der Wildnis, die niemand kontrollieren kann. Wollen wir wetten, dass die Kryptos und andere Geschöpfe sie finden und nach Belieben benutzen?«

»Kann Königin Asteria denn nichts dagegen unternehmen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Wie gesagt, wenn sie außerhalb der Grenzen von Elqaneve und des Elfenreichs liegen, kann sie überhaupt nichts tun. Sogar bei denen, die in ihrem Herrschaftsbereich liegen, ist es schwierig ... na ja, Königin Asteria hat nicht genug Leute, um sie alle zu bewachen. Nicht jetzt, da der Krieg gegen Lethesanar offen ausgebrochen ist. Du musst das verstehen. Auch in der Anderwelt wird im Krieg bis zum Tod gekämpft, aber dort drüben ist Magie im Spiel, die wesentlich mehr Schaden anrichten kann als eure Panzer und Geschütze. Die älteren Magi können das Land selbst entstellen. Sie können die Struktur und Zusammensetzung von Luft und Boden verändern. Das ist schon einmal geschehen, unten im Südlichen Ödland.«

Chases Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an, und er hörte auf zu schmollen.

»Wenn ihr jetzt zu Hause wärt - du und deine Schwestern ...«

»Tja, wenn unser Vater nicht von der Garde desertiert wäre und unsere Tante sowie unser Cousin sich nicht als Verräter an Königin Lethesanar entpuppt hätten, dann hätte man uns zum Kriegsdienst gezwungen wie jeden anderen in der Stadt. Wie die Dinge jetzt liegen, würden sie uns foltern und töten. Uber unsere gesamte Familie wurde eine Todesdrohung verhängt, falls einer von uns Y'Elestrial betreten oder sich irgendwo in der Nähe erwischen lassen sollte. Bis Tanaquar diesen Krieg gewonnen hat, sind wir praktisch heimatlos ...« Ich verstummte. Schon mehrmals war mir ein Gedanke gekommen, dem ich lieber nicht nachgehen wollte. Ich hatte Menolly oder Delilah auch noch nichts davon gesagt.

»Ja?«

»Ich habe das meinen Schwestern gegenüber noch nicht erwähnt, aber ich glaube, dass Vater verschwunden ist, weil er die Seiten gewechselt hat. Sein Gewissen verbietet ihm, für Lethesanar zu kämpfen, aber er ist ein Krieger und stolzer Soldat der Garde Des'Estar. Er kann sich nicht einfach ängstlich irgendwo verstecken und nichts tun.

Ebenso wenig kann er zusehen, wie Lethesanar weiterhin Hof und Krone entehrt. Ich weiß, dass er irgendwo kämpft. Ich kann es fühlen.«

»Du glaubst, er arbeitet für die Elfen?« Chase griff nach meiner Hand. Ich wollte sie ihm entziehen, überließ sie ihm aber doch. Die Geste war mitfühlend gemeint, das sah ich in seinen Augen.

»Entweder das, oder er hat sich direkt für Tanaquar verpflichtet. Was das Resultat angeht, bleibt sich das eigentlich gleich.« Ich starrte zu Boden und dachte an die Gefahr, in der Vater schwebte.

»Eines musst du verstehen, Chase. Wir drei sind Töchter eines Soldaten der Garde Des'Estar. Wir sind dazu erzogen worden, uns Gefahren zu stellen, statt davonzulaufen. Auch unser Vater ist der Sohn eines Gardisten. Wir entstammen einer Familie, deren Stolz schon seit langer Zeit auf dem Dienst an Hof und Krone beruht.

Vater wird sich erst aus diesem Krieg zurückziehen, wenn Y'Elestrial aus den Klauen der Opiumfresserin befreit ist und wieder eine ehrenhafte Königin unsere Heimat regiert.«

Chase dachte über meine Worte nach. »Für uns hier bedeutet das kurz gesagt: Da drüben bewacht niemand die neuen Portale?«

Ich nickte. »So kann man es zusammenfassen. Kein Wunder, dass die Kryptos hierher durchkommen, aber die Götter allein mögen wissen, was sie hier wollen. Es könnte auch reine Neugier sein.«

»Tja, ihre Anwesenheit drückt einen dicken, roten ›Nicht-befördern‹-Stempel auf meine Akte, vor allem, wenn sie sich auch noch umbringen lassen.« Chase wies mit einem Nicken zur Tür. Sharah und Mallen waren auf dem Weg zu uns. »Da sind sie.

Kurz bevor du angerufen hast, habe ich Shamas wegen einer anderen Sache losgeschickt«, bemerkte er und holte schon mal Notizblock und Stift heraus. »Jemand hat einen Troglodyten oder so ähnlich draußen in Shoreline gemeldet. Ich habe keine Ahnung, was das ist, aber ich hoffe, dass sich derjenige getäuscht hat. Schwer getäuscht.«

Shamas war mein Cousin, der erdseits gekommen war, nachdem man ihn zu Hause in Y'Elestrial gefoltert und zum Tode verurteilt hatte. Er hatte es geschafft, sich in Aladril, der Stadt der Seher, zu verstecken, und Menolly und ich hatten ihn schließlich nichtsahnend mit hierher gebracht. Das war ein ziemlicher Schock gewesen, aber Shamas war uns sehr willkommen. Inzwischen war er bei Morio eingezogen, und wir hatten ihn in unseren provisorischen AND-Ersatz integriert. Shamas fügte sich in die Polizeiarbeit ein wie eine Entenbrust in die Orangensauce.

»Wir haben ein Problem, Chef.« Sharah schwang sich auf den Ladentisch. Ihre Beine reichten nicht annähernd bis zum Boden. Sie war eine Elfe - eine Nichte der Elfenkönigin, um genau zu sein - und so zierlich, dass sie Supermodels plump wirken ließ.

»Ich will so etwas nicht hören.« Chase warf ihr einen gereizten Blick zu.

»Natürlich nicht«, sagte sie besänftigend. Dann schwand ihr Lächeln. »Aber das musst du wohl. Der Grottenschrat hatte das hier bei sich.« Sharah holte vorsichtig einen Stab hervor und legte ihn auf den Ladentisch. Chase und ich hechteten in Deckung.

»Was zum Teufel hast du hier drin mit einer Stange Dynamit verloren?« Chase war der Schreck deutlich anzuhören, obwohl er instinktiv die Stimme gesenkt hielt. »Seid vorsichtig, und keiner schreit hier rum. Wenn das Zeug alt ist, könnte es wegen jeder Kleinigkeit losgehen.«

Ich deutete auf den roten Stab. »Schaff das sofort aus meinem Laden. Sachen, die bumm machen, sind in der Nähe meiner magischen Wenigkeit ganz schlecht aufgehoben. Sie könnten richtig übel bumm machen. Sehr übel. Und was soll das heißen, du hast es bei dem Grottenschrat gefunden? Der wurde doch plattgefahren.

Hätte es da nicht hochgehen müssen?«

»Nein, die Stange lag am Straßenrand. Sie muss ihm wohl aus der Hand gefallen sein, ehe das Auto sie überrollen konnte. Sie riecht nach ihm.

Glaubt mir, er hatte das Ding bei sich.« Mallen, ein dünner, unglaublich schmächtiger Elf, der vermutlich stärker war als wir alle zusammen, hob die Stange auf und ging zur Tür. »Sharah, wir bringen das hier lieber In Sicherheit, bevor noch etwas passiert.«

Ich warf Chase einen Blick zu. Was zum Teufel hatte ein Grottenschrat mit einer Stange Dynamit in der Tasche mitten in Seattle zu suchen? »Der Goblin! Meinst du, der ist auch explosiv?« Ich sprang auf und lief ins Hinterzimmer.

»Ich nehme an, du hast ihn nicht durchsucht, als du ihn gefesselt hast?« Chase gab mir mit einem lauten Seufzen zu verstehen, dass er für heute genug Aufregung gehabt hatte.

»Ihn durchsuchen? Du machst wohl Witze. Ich denke nicht daran, mehr von ihm anzufassen als unbedingt nötig. Man kann nie wissen, ob eine von diesen Kreaturen nicht zusätzliche Körperteile an den unmöglichsten Stellen hat. Ich habe mal einen Goblin nackt gesehen, nicht freiwillig, wie ich hinzufügen möchte. Zwei Schwänze.

Vier Eier. Immer einsatzbereit.«

Chase stöhnte. »Jetzt sag nicht, dass du mal mit einem dieser hässlichen Biester zusammen warst ...«

»Beiß dir auf die Zunge, ehe ich Delilah sage, dass sie das tun soll! Nein, verdammt, ich war nicht mit ihm zusammen. Er hat sich in einer Bar betrunken und sich ausgezogen und dann die Bardame kreuz und quer durch den Laden gejagt. Ich bin nicht lange genug geblieben, um ihn fragen zu können, ob das die Standardausstattung bei Goblins ist oder ob er von Mutter Natur besonders gesegnet wurde.«

»Ich muss eure Heimatwelt wirklich unbedingt mal besuchen«, sagte Chase. Er folgte mir, brummte aber unablässig vor sich hin. »Wir sehen wohl besser nach. Wo hast du ihn gleich wieder hingesteckt?«

»In den Raum neben meinem Büro, um die Ecke. Ich habe ihn mit Paketklebeband gefesselt.«

»Paketklebeband?« Er kicherte dumpf. »Nicht ganz dasselbe, was du bei deinen Fesselspielchen mit Trillian und dem Fuchswelpen benutzt, was?«

Na toll. Jetzt fing er schon an, Trillian nachzuahmen. Morio aus Japan war das zweite Mitglied meiner kleinen Triade. Er war ein Yokai-kitsune, ein Fuchsdämon, der uns im Kampf gegen die Dämonen half, und er hatte mein Herz erobert.

Ich fuhr herum und hob die Hand. »Fang du nicht auch noch an, so auf Morio herumzuhacken. Es ist schlimm genug, dass Trillian das immer noch tut. Und was wir im Schlafzimmer machen, geht dich gar nichts an, Johnson. Außerdem bin ich keine Domina. Bleib du in Gedanken schön bei Delilahs Spielkiste und halt dich aus meiner raus.«

Er warf mir ein schiefes Lächeln zu. »Delilah hat keine Spielkiste, das weißt du doch, meine Liebe. Bis auf die mit ihren Fellmäusen und ihrem Kratzspielzeug.«

»Das ist dein Problem, nicht meins.« Ich verkniff mir ein Lächeln und fragte mich, ob ihn Delilahs wesentlich gesetztere Natur in dieser Hinsicht störte. Vielleicht war er auch eher erleichtert darüber. Ich hatte noch nie danach gefragt. Außerdem würde Delilah es mir erzählen, wenn die beiden Probleme im Bett hätten. Wir drei kannten untereinander keinerlei Diskretion, was unser Liebesleben anging.

Als ich um die Ecke bog, bemerkte ich einen Luftzug im Flur. Delilahs Detektei war über diesen Flur und die Treppe zu erreichen. Auch wenn sie hinten reingegangen war, hätte sie sicher nicht die Tür aufgelassen.

Ich wollte schon die Treppe hinauf nach ihr rufen, als Chase mir auf die Schulter tippte und stumm auf den Boden deutete. Eine blutige Spur führte von der Hintertür zum Lagerraum neben meinem Büro. Mehrere Meter zerfetztes, zerknülltes Paketband waren über den Boden verstreut, und der Lagerraum sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Ich rannte in mein Büro. Unterlagen und Bücher lagen überall herum, zu Millionen Fetzen verarbeitet. Meine Geldkassette war aufgebrochen worden, und die Einnahmen waren weg.

Ich betrachtete den Schaden und wusste, dass es mich Stunden kosten würde, hier aufzuräumen. Chase legte mir eine Hand auf die Schulter. »Das tut mir leid, Camille.«

»Nicht halb so leid, wie es diesem verfluchten Goblin und der Humberfee tun wird, wenn wir sie erwischen«, erwiderte ich. »Die sind fällig. Wir werden sie finden, und dann verfüttere ich sie an Menolly.« Und für die Zukunft galt: Immer erst schießen und dann Fragen stellen.