Kapitel 9

 

Während Iris Frühstück machte, behielt Menolly die Uhr im Auge - ihr blieb noch eine gute halbe Stunde, ehe sie sich in ihr Nest zurückziehen musste.

Das Telefon klingelte. In der Hoffnung, es könnte Morio sein, riss ich den Apparat an mich, aber die Stimme, die ich hörte, war Chases.

»Hallo, Camille. Würdest du mich bitte auf Lautsprecher stellen?«

»Sicher«, sagte ich und hoffte, dass er nicht in Schwierigkeiten steckte. Nach dem Trolldebakel und dem unschönen Tod seines Chefs hätte wer weiß was passieren können.

»Chase«, formte ich mit den Lippen, drückte auf den Knopf und bedeutete Delilah, Menolly und Iris, näher zu kommen. Feddrah-Dahns war im Wohnzimmer, trank frisches Quellwasser und knabberte an einem Büschel Mariengras, das Iris irgendwie herbeigeschafft hatte.

»Ich habe Neuigkeiten für euch - gute Neuigkeiten, die aber auch bedeuten, dass ich eine Weile nicht viel nütze sein werde.«

»Sie haben dich doch nicht etwa gefeuert, weil die Trolle deinen Chef getötet haben, oder?«, fragte Menolly.

Delilah schlug nach ihr, und Menolly wich grinsend aus.

Er schnaubte. »Typisch, dass du zuerst an so etwas denkst. Nein, sie haben mich nicht gefeuert, aber das kommt vielleicht noch. Immerhin ist das AETT mein Baby, und wir sollten solche Probleme eigentlich regeln, ehe jemand zu Schaden kommt.

Aber eine Menge Leute hier mochten Devins nicht besonders, und ich glaube nicht, dass irgendjemand den Verlust beweint hat. Er hat sich reichlich Feinde geschaffen.«

»Hört sich an, als hättest du durchaus ein Problem geregelt«, brummte Iris und wandte sich wieder ihrer Bratpfanne und dem Pfannkuchenteig zu.

Delilah tadelte sie naserümpfend. »Ach, hör schon auf. Sag uns, was passiert ist, Schatz.«

»Tja, ich bin auf Devins' Posten befördert worden. Und ich bin immer noch Leiter des AETT. Ich habe hier so viel zu klären, dass ich wochenlang bis über beide Ohren in Arbeit stecken werde.« Er seufzte tief. »Was bedeutet, dass ich euch Mädels keine große Hilfe sein kann. Ich werde einige Achtzehn-Stunden-Tage einlegen müssen, um allein schon etwas Ordnung in das Chaos zu bringen, das Devins in seinen Akten hinterlassen hat.«

»Gratuliere!« Delilah klatschte in die Hände und runzelte dann die Stirn. »Das heißt, du wirst uns nicht bei der Suche nach dem Dämon helfen können ...«

»Ja, ich weiß.« Chase räusperte sich. Wir hörten Papier rascheln.

»Ich werde tun, was ich kann, aber vorerst kann ich euch höchstens mit Informationen versorgen. Ich kann es mir nicht leisten, hier Mist zu bauen, denn sonst stecken wir alle in der Klemme. Ich muss diesen Posten gut ausfüllen, damit das AETT weiterlaufen kann, von meinen eigenen Karriereinteressen ganz zu schweigen. Wenn ich meine Sache gut mache, besteht auch die Chance, dass ich ein größeres Budget für uns herausschlagen kann.«

»Was sagen die Leute denn so zu den Trollen? Der kleine Zwischenfall ist doch sicher nicht unbemerkt geblieben.« Delilah warf mir einen Blick zu.

»Bei unserem Glück haben die Trolle schon Schlagzeilen gemacht«, entgegnete ich.

Leider lag ich nicht weit daneben.

Chase lachte leise. »Welche Neuigkeit wollt ihr zuerst hören? Die lächerliche, die wunderbare oder die beängstigende?«

Oh-oh. Letzteres hörte sich nicht gut an. Gar nicht gut. »Fang mit der am wenigsten schlimmen an.«

»Okay, die lächerliche Neuigkeit also. Bedauerlicherweise stehst du, Camille, im Mittelpunkt dieser entzückenden Medienstory.«

»Oh-oh. Warum müssen Scherze immer auf meine Kosten gehen?« Wenn er mit »lächerlich« anfing und das Ganze mich betraf, konnte die Neuigkeit nicht gut für mein Ego sein.

Chase lachte und holte dann tief Luft. »Okay, bist du bereit?«

»Nun sag schon.«

»Anscheinend ist es einem lokalen Boulevardblatt gelungen, Bilder von dem Kampf zu machen. Wahrscheinlich haben sie den Polizeifunk abgehört und so von dem Aufruhr erfahren. Ich habe die Morgenausgabe schon gesehen. Die Aufnahmen sind ziemlich deutlich. Eines der Fotos ist von dir, Camille. Du hast gerade gezaubert. Auf dem Bild sind nicht nur deine Brüste sehr gut zu sehen, da ist auch dieses Licht, das um dich herumschwirrt. Könnte direkt aus Harry Potter sein.«

Das ging ja noch. »Also, das klingt nicht allzu schlimm. Wenn sie schon Aufnahmen von mir machen mussten, dann haben sie wenigstens ein paar gute Momente erwischt.«

»Warte, bis du die Schlagzeile dazu gehört hast.«

Oje. »Raus damit.«

»Im Seattle Tattler steht als Bildunterschrift: ›Alien-Luder versucht Trolle durch feurigen Lustzauber zu verführen‹« Er war klug genug, nichts weiter dazu zu sagen, sondern meine Reaktion abzuwarten, die er auch prompt zu hören bekam.

»Was zum Teufel hast du gerade gesagt?« Ich sprang auf, und Menolly und Delilah prusteten. »Die behaupten, ich hätte mich mit den Trollen vergnügen wollen? O ihr Götter, das werde ich mir bis in alle Ewigkeit anhören müssen - von meinen Kunden genauso wie von sämtlichen Feen in Seattle.«

»Weiter im Text ... angeblich bist du mit irgendwelchen Jungs aus dem Weltall im Bunde. Hier steht, dass du der Köder bist, der ahnungslose Männer anlockt, um sie dann zu entführen. Und dass du beim ... Entnehmen von Proben ... hilfst, nachdem du deine Opfer auf das Mutterschiff verschleppt hast.« Er lachte schallend.

»Das klingt mehr nach mir«, bemerkte Menolly grinsend.

Ich wand mich. »Das ist nicht dein Ernst, oder?« Ich schloss die Augen und verzog das Gesicht, als die Kopfschmerzen vom Vortag sich mit Verstärkung zurückmeldeten. »Nicht nur, dass sie mich beleidigen - Feen mit Aliens gleichzusetzen ist schon ungeheuerlich. Aber ich kann es nicht fassen, dass der Tattler glaubt, die Leute würden auf diese Story reinfallen.«

»Otto Normalbürger glaubt eine Menge Sachen, die nicht gut für ihn sind. Zum Beispiel, dass die Regierung ehrlich ist, dass die Welt in sieben Tagen erschaffen wurde oder dass liberale Feen das Märchen von der globalen Erwärmung erzeugen, indem sie den Wissenschaftlern was in den Kaffee rühren.« Chase seufzte tief.

»Glaubt mir, selbst die Leute, die wissen, dass die Story reiner Blödsinn ist, scheren sich nicht darum. Sie schlucken gierig alles, was nach Skandal riecht. Wie Schweine am Trog.«

Ich brummte: »Aber ich bin zur Hälfte Fee. Uns gibt es wirklich. Aliens sind doch ...

na ja ... also, jedenfalls sind sie nicht da, um irgendwelche Fragen zu beantworten, was?« Ich hielt inne und überlegte, wie man die Büroräume des Tattler in Schutt und Asche legen könnte. »Meinst du, die Stadt hätte etwas dagegen, wenn ich das Bürogebäude plattmache, indem ich Smoky bitte, sich mal kurz draufzusetzen?«

Iris gluckste. »Das wäre ihnen eine Lehre, nehme ich an.« Sie ließ einen weiteren Pfannkuchen auf den wachsenden Stapel klatschen und trug diesen dann zum Tisch.

»In zehn Minuten ist das Frühstück fertig, Mädels. Deckt den Tisch.«

Delilah sprang von ihrem Stuhl, öffnete den Schrank und holte drei Gedecke des Rosen-Porzellans im Landhausstil heraus, das wir uns ausgesucht hatten, als wir hier angekommen waren.

»Ich muss unter die Erde. Geht's ein bisschen schneller?«, bat Menolly in Richtung Telefon. »Du hast außerdem noch wunderbare und beängstigende Neuigkeiten erwähnt. Was müssen wir also noch wissen?«

»Einen Moment. Bin gleich wieder da«, sagte Chase, als eine andere Stimme aus dem Lautsprecher drang. Dann war es an seinem Ende der Leitung stumm.

»Schön für ihn«, sagte Iris. »Beförderungen sind im menschlichen Dasein seine sehr wichtige Sache.«

»Im AND ebenfalls. Daher wussten wir ja, dass wir zum Untergang verdammt sind, als sie uns erdseits versetzt haben.« Delilah brachte Ahornsirup, Butter und Honig zum Tisch.

Iris verteilte Würstchen und Speck auf die Teller, während ich uns dreien Orangensaft und Tee einschenkte. Menolly aß natürlich nichts, und Maggie war schon gefüttert worden. Jetzt lag sie zusammengerollt in ihrem Laufställchen und schnarchte leise, gelegentlich drang auch ein kleines muuf oder ummpf zu uns. Menolly beugte sich über den Laufstall und breitete eine Decke über die Kleine. Das Haus war zugig, und obwohl Maggies Platz in einer warmen Ecke in der Nähe des Ofens war, achteten wir darauf, dass sie sich nicht verkühlte.

Chase meldete sich wieder, als wir uns gerade zu Tisch setzten. »Okay, ich fasse den Rest schnell zusammen. Niemand hätte je damit gerechnet, aber der ARRG - der Allgemeine Rat für Religiöse Gruppierungen - hat den Bast-Orden offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt. Anscheinend hat das einige Erdwelt-Feen ermuntert, auch ihre spirituellen Gemeinschaften beim ARRG registrieren zu lassen. Natürlich machen die Fundamentalisten ihnen die Hölle heiß, aber die Regierung betrachtet den Bast-Orden damit ebenfalls als vollwertige Glau-bensgemeinschaft. «

»Ein Punkt für den gesunden Menschenverstand«, sagte ich. »Jetzt haben zumindest die Leute vom Bast-Orden das Recht auf ihrer Seite, falls irgendwelche Fanatiker gegen sie vorgehen sollten. Okay, dann ist jetzt wohl die schlechte Neuigkeit dran.«

Chase seufzte tief. »Und die ist wirklich schlecht, Mädels. In Portland ist ein Trupp Freiheitsengel auf der Flucht vor dem Gesetz. Sie haben die Konditorei einer Elfe verwüstet, sie mehrfach vergewaltigt und sie so schwer verprügelt, dass die Ärzte noch nicht wissen, ob sie wieder ganz gesund wird. Ich habe mit dem Regionalvertreter der Elfen da unten Kontakt aufgenommen. Der redet schon von Selbstjustiz. Die Polizei von Portland bittet uns um Hilfe, weil wir das beste Anderwelt-Erdwelt-Ermittlerteam der Welt haben. Genau genommen war unser Tatortteam das Modell für alle anderen Einheiten landesweit.«

Aschfahl hatte Delilah ihre Gabel fallen lassen.

Menollys Augen glühten rot. Sie stand auf und ballte die Fäuste. »Diese verfluchten Dreckskerle. Die Polizei hat sie noch nicht erwischt?«

»Nein, deshalb hat Portland uns ja um Hilfe gebeten. Diese Typen müssen gefasst werden, ehe die Elfen selbst einen Trupp Rächer ausschicken.« Ich hörte ihm den Kloß in der Kehle an. Diese Sache hatte Chase hart getroffen. Er arbeitete tagtäglich mit Sharah und Jacinth, zwei weiblichen Elfen, zusammen. »Denn wenn die Elfen sie zuerst zu fassen kriegen, bleibt von diesen Freiheitsengeln nicht genug übrig, um es in einer Konservendose zu beerdigen, das wisst ihr so gut wie ich.«

»Immerhin haben sich deine Kollegen an die richtige Stelle gewandt«, bemerkte ich.

Als Chase das erste Anderwelt: Erdwelt-Tatortteam aufgebaut hatte, waren Polizisten in anderen Bundesstaaten begierig seinem Beispiel gefolgt. Allerdings arbeiteten nur in Seattle tatsächlich Bürger der Anderwelt mit, ursprünglich vom AND hierher entsandt. Außerdem hatten wir das einzige forensische Labor, weshalb die anderen Einheiten ihre Beweismittel hierherschickten. Verletzte Anderwelt-Bürger wurden ebenfalls hier behandelt, weil wir das AETT mittlerweile um eine Sanitätseinheit samt Ärzten ergänzt hatten.

»Ich schicke euren Cousin Shamas nach Portland, zusammen mit Mercurial, mal sehen, was die beiden erreichen.« Mercurial war halb Elf, halb Fee, und Königin Asteria hatte ihn mit zwei weiteren Medizinern aus Elqaneve vor einem Monat zur Verstärkung des Teams hierhergeschickt. Diese Frau erwies sich als eine unserer besten Verbündeten, und manchmal fragte ich mich, was sie von uns verlangen würde, wenn es an der Zeit war, diese Schuld zu begleichen.

Ich starrte finster auf meinen Teller hinab und bemühte mich, mir den Vorfall mit der Elfe nicht allzu bildhaft vorzustellen. »Hat denn niemand ihre Schreie gehört? Oder die Täter gesehen?«

»Niemand will uns irgendetwas sagen. Wir wissen, dass es eine Gruppe von Freiheitsengeln war, weil sie ihre Visitenkarte hinterlassen haben. Und die Elfe war noch bei Bewusstsein und konnte der Polizei sagen, dass es mindestens fünf Angreifer gewesen waren - vielleicht auch mehr. Es ist wahrscheinlich, dass irgendjemand mehr weiß, aber niemand traut sich, den Mund aufzumachen. Ich habe eurem Cousin schon gesagt, dass er diesen naturgegebenen Feencharme einsetzen soll, um den Leuten auf die Sprünge zu helfen. Ich habe mich außerdem bereiterklärt, die Täter, wenn wir sie erwischen, den Elfen zu überstellen. Zur Bestrafung.« Chase raschelte mit irgendwelchen Papieren, und wir hörten ein Zischen, als er eine Getränkedose aufriss. »Also, ich muss Schluss machen. Hier türmt sich die Arbeit.«

Als er auflegte, stieß Delilah einen Laut aus, der wie ein leises Miauen klang.

Ihre weit aufgerissenen, smaragdgrünen Augen schwammen in Tränen, und sie biss sich auf die Lippe. Ich stand auf, schlang die Arme um sie und hielt sie sacht fest, um sie zu beruhigen, damit sie sich nicht verwandelte.

Normalerweise verwandelte sie sich nur dann unwillkürlich, wenn es Familienstreitigkeiten gab, aber ich hatte das Gefühl, dass sie sich gerade besonders verletzlich fühlte. Der schwarze Halbmond, der in ihre Stirn eingebrannt war, funkelte leicht.

»Ja, es ist schlimm. Das war grausam, und wir alle wollen diese Perversen bestraft sehen. Aber wir müssen uns um andere Dinge kümmern. Wir können nur hoffen, dass Shamas und Mercurial die Dreckskerle finden, die ihr das angetan haben. Selbst wenn sie sie zuerst finden, ist es gut möglich, dass diese Verbrecher nicht lebend in der Anderwelt ankommen. Und wenn sie überleben, werden sie an die Elfen ausgeliefert, gemäß deren Übereinkunft mit der Regierung.«

»Ich gehe jetzt besser nach unten.« Menolly gähnte und schlich zum geheimen Eingang ihres Unterschlupfs. »Aber eines sage ich euch. Falls irgendwelche von denen jemals versuchen, so eine Scheiße hier abzuziehen, hetze ich sie zu Tode und reiße sie dann noch in Fetzen. Und ich werde Chase vorher nicht um seinen Segen bitten.«

Ich pustete ihr eine Kusshand zu, und Delilah nickte blass. Menolly schlüpfte durch den Spalt hinter dem Bücherregal und schloss leise die Geheimtür hinter sich.

»Wir müssen uns darauf konzentrieren, was wir jetzt unternehmen können«, sagte ich und küsste Delilah auf die Wange, ehe ich sie wieder losließ. »Wie wäre es, wenn wir eine Liste aufstellen?« Eines hatte ich gelernt, als unsere Mutter gestorben war und ich auf einmal für Haushalt und Familie die Verantwortung hatte übernehmen müssen: Sich um praktische Dinge zu kümmern hielt einen davon ab, über Dinge nachzu-grübeln, die man doch nicht ändern konnte.

»Gute Idee.« Delilah hob langsam ihre Gabel auf und biss in ihren Pfannkuchen. »Wir können einen Zeitplan aufstellen, während wir zu Ende essen.« Sie seufzte tief und schniefte ein letztes Mal. »Diese Pfannkuchen sind unglaublich, Iris. Was hast du da reingetan? Sie schmecken heute Morgen irgendwie anders.«

Seit Iris bei uns eingezogen war, kochte sie fast immer. Sie konnte das wesentlich besser als jede von uns, und es machte ihr auch mehr Spaß. »Ach, ein bisschen Vanille und etwas gemahlenen Zimt. Camille, brauchst du mich heute im Laden?«

Ich nickte. »Sieht ganz so aus. Wir müssen einen vermissten Pixie finden, das dritte Geistsiegel lokalisieren und einen Räksasa aufspüren.« Und ich konnte die Buchhandlung nicht mehr einfach schließen, wie es mir beliebte - wir lebten jetzt nur noch von unserem Erdwelt-Einkommen. Der AND hatte uns ordentlich bezahlt, aber damit war es ja nun vorbei. Unsere vorherigen Alibi-Jobs waren eine echte Notwendigkeit geworden, deshalb leistete Iris als meine Assistentin viele Stunden in der Buchhandlung.

Sie verzog das Gesicht. »Ich wollte mich heute endlich an den Frühjahrsputz machen.

Was hältst du davon, jemanden in Teilzeit einzustellen? Ich glaube, Henry würde sich mit einem Hungerlohn zufriedengeben, wenn du Bücher umsonst obendrauf legst.

Jedenfalls kauft er fast immer nur antiquarische Bücher.«

»Du meinst Henry Jeffries?« Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, jemanden von außerhalb des Haushalts anzustellen, aber die Idee war gut. »Ich dachte, du gehst ihm immer noch aus dem Weg.« Henry litt unter einem schweren Fall von unerwiderter Liebe.

»Seit Bruce und ich zusammen sind, hat Henry sich zurückgezogen. Er ist viel zu sehr Gentleman, um sich aufzudrängen.« Ihre Augen blitzten strahlend blau vor ihrer pfirsichzarten Haut und dem goldblonden Haar.

Iris war viel älter als ich und meine Schwestern, aber sie sah immer noch aus wie Mitte zwanzig, und sie bezauberte Männer mit ihrem Mädchen-von-nebenan-Charme.

Die störten sich irgendwie nie daran, dass Iris nur einszwanzig groß war. Vor ein paar Monaten hatte sie Bruce O'Shea kennengelernt, einen Leprechaun mit irischen Wurzeln und einer Stimme, die jede Frau dahinschmelzen ließ.

Jedes Mal, wenn Iris ihn zu uns einlud, bettelten wir ihn an, uns etwas vorzusingen, und er ließ sich immer gutmütig dazu überreden.

»Könnt ihr das Henry wirklich antun?«, fragte Delilah. »Es kommt mir ein bisschen gemein vor, dass er dann so oft in deiner Nähe sein müsste. Ich meine, er ist in dich verliebt, und du bist mit einem anderen zusammen.«

»Papperlapapp. Henry mag mich, ja, aber er wird es überleben. Seine Weltall-Geschichten liebt er mehr als alles andere, und ich glaube, er würde lieber jeden Tag im Laden verbringen, als daheim bei diesem Hausdrachen von einer Mutter herumzuhocken.«

Auf unsere verblüfften Blicke hin zuckte Iris mit den Schultern. »Was denn? Ich will vielleicht nicht mit ihm ausgehen, aber deswegen kann ich mich doch trotzdem nett mit ihm unterhalten. Er wohnt noch bei seiner Mutter, jawohl. Sie ist über achtzig, und sie ist ein übellauniges Miststück.«

Delilah schnappte nach Luft und schlug sich die Hand vor den Mund. »Iris, das ist aber nicht nett - sie ist alt und ...«

»Und ich bin klein. Na und? Dass die Frau alt ist, gibt ihr noch lange nicht das Recht, ihren Sohn wie einen Sklaven zu behandeln. Er tut alles für sie, aber sie kann nicht einmal Dankeschön sagen. Henry hat mir erzählt, dass er sie nicht in ein Pflegeheim bringen kann, weil er das nicht bezahlen könnte, und sie weigert sich, ihr Haus zu verkaufen. Sie erinnert mich an Oma Buski.«

Delilah und ich wechselten einen Blick. Wir hatten von Iris schon eine Menge Geschichten über ihr Leben in Finnland gehört, aber dieser Name war uns neu.

»An wen?«, fragte ich.

»Oma Buski. Als ich noch ein Kind war und in den Nordlanden lebte - das war lange bevor ich nach Finnland zog und an die Kuusis gebunden wurde -, da hat meine beste Freundin mich einmal zu ihrer Großmutter mitgenommen. Die Buskis waren keine Talonhaitijas wie ich. Sie waren halb Brownie, halb irgendetwas anderes - vermutlich Kobolde oder Ukkadins. Ich kann mich gerade nicht genau daran erinnern, aber sie waren eine gutaussehende Familie. Jedenfalls hat Greta mich zu ihrer Oma Buski mitgenommen, einem Hausgeist von ungewöhnlicher Schönheit, und das noch in ihrem Alter.«

Iris hielt inne, um einen Schluck Saft zu trinken, und fuhr dann fort: »Ich erinnere mich, dass sie ein leuchtend rotes und blaues Trachtenkleid trug, das jede Rundung betonte. Aber Oma Buski war außerdem eine boshafte alte Frau. Sie war ein reiner Brownie und hatte in die Familie Buski eingeheiratet. Also, Brownies stellt man sich doch immer so vor: Sie sind hilfreich und fröhlich, treiben manchmal Schabernack, sind aber nie richtig bösartig, nicht wahr?«

Delilah und ich nickten sprachlos. Iris war in voller Fahrt, und wenn ihr einmal danach war, über die »alten Zeiten« zu sprechen, hörten wir begeistert zu. Sie war eine geborene Erzählerin. »Tja, dann könnt ihr euch ja ausmalen, wie entsetzt ich war -

Greta hat mich ihr vorgestellt, und diese verbitterte alte Hexe hat mich so fest in die Wange gekniffen, dass ich in Tränen ausgebrochen bin. Sie hat sich vorgebeugt, mir ihren nach Talg stinkenden Atem ins Gesicht geblasen und mich eine Dreckfresserin genannt - das war damals unter den Haus- und Hofgeistern in den Nordlanden eine furchtbare Beleidigung. Und dann hatte die alte Krähe auch noch den Nerv, die eheliche Treue meiner Mutter in Zweifel zu ziehen.«

»Und was hast du gemacht?«, fragte Delilah mit großen Augen. Ich unterdrückte ein Lächeln. Iris bei uns zu haben war ein bisschen so, als wäre unsere Mutter wieder unter uns allen.

»Na, ich habe ausgeholt und ihr eine geklebt. Und sie verflucht und ihr gesagt, dass ich hoffe, ein Wolf möge sie verschlingen, aber vermutlich würde er sie wieder ausspucken, weil sie so alt und zäh und vertrocknet sei.« Iris gluckste und verdrehte die Augen gen Himmel.

Delilah kicherte. »Dafür hast du bestimmt Arger bekommen.«

Iris nickte. »Das kannst du aber glauben. Als ich nach Hause kam, hatte sich die Geschichte schon zu meinen Eltern herumgesprochen. Mein Vater hat mich drei Wochen lang im Stall arbeiten lassen. Und meine Mutter hat mich gezwungen, Oma Buski meine Lieblingshenne als Entschuldigung zu bringen. Das habe ich nie jemandem erzählt, aber auf dem Weg dorthin habe ich Kirka im Wald freigelassen und von einem nahen Hof eine andere Henne gestohlen. Ich konnte die Vorstellung nicht ertragen, meine süße kleine Henne einem so gemeinen alten Weib zu geben.«

Iris streckte mir ihre Teetasse hin. Ich schenkte uns allen aus der Porzellankanne nach.

Der duftende Pfefferminzdampf wirkte beruhigend auf mich.

»Henrys Mutter ist eine größere Ausgabe von Oma Buski«, erklärte Iris. »Nur dass sie eher wie Whistlers Mutter auf seinem Arrangement in Grau und Schwarz aussieht und eine Stimme hat wie Oskar, der Griesgram. Deshalb ist der arme Mann bis heute unverheiratet. Er hat mir erzählt, dass er einmal verlobt war, aber Mrs. Jeffries seine Verlobte vergrault hat. Und sie erfreut sich bester Gesundheit - ihr Arzt erwartet, dass sie weit über neunzig wird.«

»Kein Wunder, dass Henry so viel Zeit im Laden verbringt«, sagte ich. Auf einmal hatte ich ein sehr viel deutlicheres Bild von seinem Leben.

»Es gibt einen weiteren Grund, weshalb ich mich nicht mit ihm zusammentun will. Er hat nicht nur eine Teufelin zur Mutter, er ist obendrein viel zu alt. Ich will Kinder, und er ist etwa vierundsechzig. Damit ist er in reinen Jahren zwar jünger als ich, aber biologisch gesehen dem Ende schon wesentlich näher. Ich würde niemals Kinder von einem Menschen bekommen wollen, schon gar nicht von einem, der so alt ist wie er.

Sie hätten ja keine Chance, ihn richtig kennenzulernen, bevor er stirbt.«

Delilah rülpste leise und hielt sich die Finger vor den Mund. Sie erschauerte, und ich wusste, woran sie dachte: Eines Tages könnte sie vor demselben Dilemma stehen, wenn sie mit Chase zusammenblieb. Demselben Dilemma wie Vater, als er unsere Mutter geheiratet hatte.

Ich beschloss, dieser Landmine von einer Diskussion für den Moment lieber auszuweichen, und wandte mich wieder Iris zu.

»Du meinst also, Henry würde gern im Indigo Crescent arbeiten?«

Iris nickte. »Ich glaube, er wäre froh, sich nützlich zu machen. Er ist ein brillanter Mann, wenn auch etwas verschroben, und das Rentnerdasein bekommt ihm nicht sonderlich gut.«

»Ruf ihn doch heute an, falls er nicht sowieso im Laden vorbeikommt. Biete ihm zwanzig Stunden pro Woche an. Er bekommt den gesetzlichen Mindestlohn und fünf antiquarische Bücher pro Woche. So, die nächsten Probleme: Pixies, Dämonen und Feddrah-Dahns. Wo ist der eigentlich?« Ich spähte aus dem Fenster, doch das Einhorn war nirgends zu sehen.

Iris hob die Hand und eilte den Flur entlang. Wir hörten, wie die Haustür aufging und wieder geschlossen wurde. »Alles in Ordnung«, sagte sie, als sie in die Küche zurückkehrte. »Anscheinend macht er ein Nickerchen im Vorgarten.«

»Wir müssen dieses Horn finden«, sagte ich. »Das hat oberste Priorität, denn wenn die Dämonen - oder auch nur ein Vampir oder abtrünniger Krypto - das Ding in die Finger bekommen, sind wir am Ende. Also blasen wir wohl als Erstes zur Pixie-Jagd.«

Delilah nickte, den Mund voll Pfannkuchen und Honig.

»Dann gehen wir zu dem Teppichgeschäft und schauen uns diese Dschinniya an, die versucht hat, etwas über Menolly zu erfahren.« Ich kritzelte eine weitere Notiz auf meine Liste. »Währenddessen überlegen wir scharf, wo das dritte Geistsiegel versteckt sein könnte. Apropos versteckt: Höchste Zeit, es noch mal bei Morio zu versuchen.«

Ich griff zum Telefon und wählte seine Nummer. Es klingelte sieben Mal, ehe der Anrufbeantworter ansprang. Ich hinterließ eine knappe Nachricht und versuchte es dann auf seinem Handy. Auch da ging er nicht ran. Angst kribbelte in meiner Magen-grube.

»Ich mache mir Sorgen. Morio hätte sich gestern Abend bei mir melden sollen. Er wollte eigentlich hier übernachten, aber er ist nicht gekommen. Und ich kann ihn immer noch nicht erreichen.« Ich hängte auf, doch das Telefon klingelte beinahe sofort. Ich warf einen Blick auf die angezeigte Rufnummer und riss den Hörer von der Wandhalterung. »Morio! Wo zum Teufel steckst du?«

Seine glatte, seidige Stimme drang an mein Ohr. »Mir geht es gut. Es tut mir leid, dass ich mich nicht früher gemeldet habe, aber mein Handy hatte keinen Empfang so weit draußen.«

»Was ist denn los? Warum bist du gestern Abend nicht gekommen?«

»Mein Auto hatte einen Platten, und als ich letztes Mal den Kofferraum ausgeräumt habe, habe ich vergessen, den Ersatzreifen wieder reinzulegen. Es hat eine Weile gedauert, bis mich jemand zur nächsten Tankstelle mitgenommen hat und ich den Pannendienst rufen konnte. Als ich endlich zu Hause war, habe ich vor lauter Müdigkeit alles andere vergessen.« Er klang etwas abwesend. »Außerdem musste ich noch ein paar Nachforschungen anstellen. Ich habe bei dir angerufen, aber euer Anrufbeantworter ist nicht drangegangen.«

Elektronische Geräte spielten in unserem Haus oft verrückt; im vergangenen Jahr waren uns schon zwei Mikrowellen und drei Telefone kaputtgegangen. Musste wohl irgendwie mit der vielen unkontrollierten Energie zu tun haben, vermuteten wir. Aber das Haus war alt, also waren die Elektroinstallationen vielleicht nicht mehr in Ordnung.

»Nachforschungen? Was ist denn los?« Irgendetwas hing in seiner Stimme wie eine Gewitterwolke, die gleich ihre Schleusen öffnen würde. »Was ist passiert?«

»Ich habe mit Großmutter Kojote gesprochen, und sie hat mir von einem seltsamen Mann erzählt, den sie in ihrer Kristallkugel gesehen hat. Einen Mann, der behauptet, Visionen von der Zukunft zu haben, und laut den Weltuntergang verkündet, wenn die Dämonen durchbrechen und uns überrennen. Sie hat mir gesagt, wo er zu finden ist, und ich habe ihm in Fuchsgestalt einen Besuch abgestattet. Mit Menschen spricht er nicht, aber mit Tieren schon.«

Na toll, ein hellsichtiger Dr. Doolittle. »Was hat er dir gesagt?«

»Er träumt seit etwa einem Jahr von einer Feuerwalze, die von einem schillernden, schrecklichen Dämon über das Land getrieben wird. In seinen Träumen werden Millionen Menschen abgeschlachtet und weitere Millionen in die Sklaverei gezwungen und als Nahrungsvorrat und zur Zucht benutzt. Er hat Atombomben hochgehen sehen, als Versuch, die Dämonenhorden abzuwehren.«

Mein Mund war schlagartig trocken. »Was hast du ihm gesagt?«

»Nichts. Ich war nur als Fuchs bei ihm. Bisher. Aber da ist noch etwas - er hat mir von einem Edelstein erzählt, den er gesehen hat. Tatsächlich gesehen, nicht im Traum oder in einer Vision. Er beschreibt ihn als schimmernden Amethyst, in dem Feenlichter glitzern, und gefasst ist er in einen silbernen Anhänger.« Morio zögerte. »Ich glaube, er hat das dritte Geistsiegel gesehen.«

»Scheiße«, sagte ich. »Man muss nur die richtige Frage stellen, und manchmal bekommt man vom Universum tatsächlich eine Antwort. Wir müssen mit ihm sprechen. Du hast gesagt, er will nicht mit Menschen reden? Gehört er zu den Erdwelt-Feen?«

»Das glaube ich nicht. Ich bin ziemlich sicher, dass er ein VBM ist, aber er fürchtet und hasst seine eigene Art. Nachdem er mir von dem Siegel erzählt hat, ist er wieder in dieser Traumwelt verschwunden, die anscheinend viele empfindliche, gebrochene Menschen bewohnen.« Morio räusperte sich. »Ja, wir müssen mit ihm sprechen, aber das geht erst morgen.«

»Wo ist er denn? Und warum können wir ihn nicht gleich jetzt besuchen?«

»Weil der Mann in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt sitzt. Ich bin ihm begegnet, als ich eine Abkürzung über das Gelände genommen habe. Dazu hatte ich meine Fuchsgestalt angenommen, um weniger Aufmerksamkeit zu erregen. Die Angestellten haben mich nicht bemerkt, aber er schon - auf der Stelle. Er wusste sofort, dass ich ein magisches Wesen bin und kein gewöhnlicher Fuchs.«

Ich überlegte kurz. Wenn der Mann Morio als magisches Geschöpf erkannt hatte, dann musste er irgendeine Art Zweites Gesicht besitzen.

Über die Jahre hinweg waren eine Menge Menschen weggesperrt worden, weil sie hellseherische oder magische Begabungen hatten. Einige waren auch getötet worden.

Allzu oft waren die Stimmen, die nur sie hören konnten, wirklich da; sie waren keine reine Einbildung von wahnsinnigen oder gebrochenen Menschen.

»Wie heißt er? Ich kann ja mal versuchen, mit ihm zu reden, und wenn das nicht klappt, kann Delilah als Kätzchen durch den Garten spazieren.« Ich griff nach einem Notizblock auf der Küchentheke und dem Filzstift daneben.

»Benjamin Welter. Die Anstalt heißt Mountain Aspen Retreat. Das klingt wie ein nobles Hotel, ist aber in Wirklichkeit ein teurer Laden, in den reiche Familien ihre Problemkinder abschieben. Liegt in der Nähe von Normandy Park. Aber denk dir lieber eine sehr gute Geschichte aus, denn die Angestellten werden dafür bezahlt, die Außenwelt draußen zu halten und die Insassen drinnen.«

Ich seufzte tief. »Hier geht es drunter und drüber. Wo bist du?«

»Zu Hause. Warum?«

Ich fing Delilahs Blick auf und zeigte auf den Zettel am anderen Ende des Tischs.

»Wie war gleich die Adresse dieser Elfen, die Mistelzweig in ihrem Garten haben?«

»Mistelzweig?« Morio klang verblüfft. »Ihr habt Elfen mit einem Mistelproblem?«

»Nein«, erklärte ich. »Wir haben Elfen mit einem Pixie-Problem, und wir gehen jetzt hin und kümmern uns darum.« Delilah reichte mir den Zettel. »Okay, das ist die Nummer zehn-zweihundertsechsundzwanzig East Parkland Drive. Sei in einer halben Stunde dort. Wir müssen uns ein Einhorn-Horn holen, ehe die Dämonen es aufspüren.« Ohne auf seine Antwort zu warten, hängte ich den Hörer in die Gabel und trank mein Glas Saft aus.

»Los, an die Arbeit. Iris, würdest du bitte mit Henry sprechen? Und nimm Maggie heute mit. Bei dir im Laden ist sie sicherer als in Menollys Unterschlupf. Falls Trillian zurückkommt, sag ihm, wo wir sind. Wenn Smoky nach mir fragt, richte ihm aus, dass ich gegen Abend zu ihm rauskommen und mit Morgana sprechen werde.« Ich schlang mir die Stola um die Schultern.

»Hast du alles?«, fragte Delilah und schlüpfte in ihre Jacke.

»Ja«, sagte ich. »Das Problem ist nur, dass Feddrah-Dahns niemals in eines unserer Autos passen wird, also muss ich ihn wohl bitten hierzubleiben.«

Als wir ins Wohnzimmer gingen, dachte ich über das Chaos nach, das sich in unserem Leben immer mehr ausbreitete.

Das Einhorn-Horn, das dritte Geistsiegel, Smoky, der Bürgerkrieg zu Hause, ein Räksasa und eine Dschinniya, Pixies und Trolle und Elfen ... Wenn wir nicht wenigstens einen Teil davon bald in den Griff bekamen, würden wir vor lauter Verwirrung überhaupt nichts mehr gebacken kriegen.