23
Der Damm

Die Bohlen sind unvollständig. Ich stolpere und denke, genau dieses Gefühl kenn ich. Seit Ewigkeiten stolpere ich auf diesem Damm herum.

Paolo hält mich am Arm fest und sagt: »Also, zurück zu deinem Verfolgungswahn. Du hast nie einen gehabt. Du wirst verfolgt.«

»Ohne Zweifel«, sag ich müde. »Ihr auch.«

Er gibt nicht nach. »Ich hab ein Handy. Kolja auch. Alle haben eins. Wo ist deins?«

»Daheim, in der Küche.«

»Und die Sim-Karte?«

Ich sag nichts.

»Rausgenommen. Wieso?«

»Damit man mich nicht orten kann«, sag ich leise.

»Du weißt, dass er dich verfolgt. Neunzig Kilometer Luftlinie sind es von hier bis Eichwitz. Wieso bist du so weit gelaufen? Mit fünf? Wieso hast du dich bei den übelsten Säufern versteckt? Was hat er dir angetan? Wieso hast du so furchtbare Angst vor ihm?«

Ich kann nicht mehr, bleib stehen und zittere.

Kolja sagt: »Es reicht. Hör auf.«

»In deinen Panikbüchern steht der nackte Horror, das muss aufhören. Du läufst vor Goedel weg, deinem Vater. Schon immer. Wieso? Sag’s!«

»Er hat Julie umgebracht«, flüstere ich. Meine Stimme überschlägt sich. »Da war ein Flecken Schnee neben der Steintreppe. Ich hab mich hingelegt und einen Engel gemacht. Julie hat vor der Hütte gelesen. Er hat nach uns gerufen, war sauer, weil wir die Zeit vergessen haben. Das Abendessen Punkt fünf war wichtig. Danach musste ich baden und ins Bett, wenn er da war. Ich hab mich versteckt und bin nicht gleich rausgekommen. Da hat er sie angebrüllt, sie hätte mich nicht im Griff. Du hast sie nicht im Griff!, hat er gebrüllt. Er hatte mich Griff. Er hat mich vergewaltigt. Spielen hat er das genannt. Komm wir spielen, hat er immer zu mir gesagt, und dann hat er mich in der Luft zerfetzt. Er hat mir wahnsinnig weh getan.«

Mein Oberkörper wackelt, meine Beine zittern.

»Julie hat zu ihm gesagt, er soll nicht schreien, das würde mich erschrecken. Dann haben sie sich gegenseitig angeschrien, sie hat ihr Buch hingeschmissen und er hat sie gepackt und hingepfeffert. Einfach gegen die Steintreppe vor der Hütte gepfeffert.«

Paolo hält mich fest.

»Julie hat sich nicht mehr bewegt. Im Schnee war Blut. Er hat sich über sie gebeugt, dann hat er sich umgedreht und mich angekuckt. Er ist mir nachgerannt. Wenn du was sagst, schlag ich dich tot, hat er geschrien. Aber ich bin ihm entwischt und hab mich in meinem Geheimversteck versteckt.«

Meine Knie geben nach. Paolo setzt sich neben mich auf den Boden. Kolja auch.

»Unterm Damm sind Hohlräume. Die Bahn fährt schon lange nicht mehr. Alle haben Steine geholt für Mauern oder sonst was, bis jemand eingebrochen ist. Dann sind die Hohlräume gestützt und aufgefüllt worden, aber nicht alle. Aus einem haben wir Steine geholt und damit die Treppe an der Hütte ausgebessert. Das war mein Versteck. Ich hab ganz hinten in dem Hohlraum gekauert, hinter einem Steinhaufen. Ich hab im Dustern geheult, bis es gekracht hat. Er hat das kleine Loch, durch das ich gekrabbelt bin, größer gemacht und Julie reingezogen. Dann hat er mich gesucht, mit Steinen geschmissen, gebrüllt, aber er ist zu riesig. Bis zum Steinhaufen konnte er krabbeln, aber durch den Spalt konnte er nur den Arm durchstrecken. Ich hab keinen Mucks von mir gegeben. Er hat geschrien, Ich weiß, dass du da bist. Aber ich war ganz still. Dann hat er den Eingang zugemacht, und alles war schwarz.«

Nichts habe ich vergessen. Gar nichts. Es ist alles da.

»Irgendwann hab ich neben mir ein Fitzelchen Licht gesehen. Ich hab an den Steinen gezogen, welche sind auf mich draufgefallen. Aber irgendwann hab ich mich nach draußen gequetscht und bin gerannt.«

Kolja drückt meine Hand, ganz fest.

»Du hast recht. Erinnerungen tun weh«, sag ich zu ihm.

Er nimmt mich in den Arm. Ich wünschte, es wäre Paolo.

Aber der weint.

Gegen zwei kommen wir am Sprachcamp an und steigen durchs Fenster wieder ein.

Wir liegen bereits in unserem Dreibettzimmer auf den Betten, als Paolo sich aufrichtet und sagt: »Wir dürfen absolut keine Spuren hinterlassen.«