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Die Maßnahme
Die erste Station der Maßnahme ist die Baustelle des weltberühmten Aurora Linna Icehotels. Sobald die Temperaturen konstant unter null liegen, wird es aufgebaut, kurz vor Weihnachten eröffnet, im Juni schmilzt es und fließt in den Inarisee. Das zukünftige Eishotel liegt auf dem Weg zur Jugendherberge aus Eis, die wir bauen sollen. Unser Bus hält nördlich von Nellim auf noch schnee- und eisfreiem Gelände am westlichen Ufer des Inarisees.
»So, alle aussteigen und rein in die Ausstellungshalle. Alle. Ja, du auch.«
Ich halte mich im Hintergrund und schaue mir möglichst unauffällig die Bilder des letzten, mittlerweile dahingeschmolzenen Eishotels an: eine Rezeption aus glasklarem Eis, Traumgebilde, schimmernde Räume in Blautönen, der Palast der Eisprinzessin.
»Aufschließen! Komm schon, Tilly! Hopphopp!«
Alle drehen sich um und starren mich an. Ich hasse das.
Genauso, wie ich die offensichtlich misstrauische Hast hasse, mit der wir vom Bauleiter und den Betreuern durch die zukünftige Eingangshalle und die Wodka-Bar, das Polar-Kino und die Suiten geschleust werden, von denen bis jetzt nur bizarre Stützkonstruktionen zu sehen sind. Da sie wissen, dass wir nicht die elf Besten von Jugend forscht und/oder musiziert sind, nehmen sie wohl an, wir würden uns die herumliegenden Bretter unter den Nagel reißen wollen.
Es ist dunkel. Die Baustellenbeleuchtung leuchtet nur einen Teil aus. Wir stolpern, rutschen, motzen.
»Bisschen schneller, wenn ich bitten darf. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.«
Es herrschen grimmige Minusgrade. Wir sind zu dünn angezogen und die Piercings und Tattoos wärmen unsre Ohren, Nasen und blauen Lippen nicht. Vereinzelte Proteste über den Schweinsgalopp gehen in Zähneklappern über. Auf dem Weg zum Bus verstummt auch das.
Die Landschaft ist in grünes Polarlicht getaucht, in das vom Himmel gebündeltes, violettes Licht herabfällt. Meine Augen brennen, und ich blinzle heftig die Tränen weg.
»Nie im Leben bau ich mitten in ’ner giftigen Weltallsuppe ’n Rieseniglu«, stellt ein endlos langer dünner dunkelhaariger Typ fest, schlotternd vor Kälte.
»Es steht dir frei, zurück zum Flughafen zu latschen. Flieg heim, dann wärt ihr nur noch zehn«, sagt Michael Beck, der Sozialpädagoge, und knipst ungerührt das Farbenspiel. »Niemand zwingt dich zu deinem Glück, Paolo.«
Die Art von Sprüchen hat jeder in der Gruppe tausendmal gehört. Zur Kälte gesellt sich Wut. Alles klar, also nicht nur Paolo und ich haben frei zwischen der geschlossenen Jugendpsychiatrie und dieser Wahnsinns-Maßnahme wählen dürfen, sondern Lars, Cem, Sam, Nils und Ben auch. Sandra, Vanessa und Jana hat Beck ebenfalls aufgezählt. Die Mädchen enden alle schön auf A, bis auf mich. Y. Das wären dann zehn. Einer fehlt noch. Keinen Schimmer, wer von denen wer ist, bis auf …
Paolo steigt als Erster in den Bus ein. Ich als Letzte.
Die miese Stimmung ist mit den Händen zu greifen.
Knister, knister. RATTA-BUMM! Gleich gibt’s ’ne Keilerei. Becks Spruch hat allen restlos die Laune versaut. Gewaltbereitschaft liegt in der Luft. Ich bin wieder hellwach.
Zwei Mädchen vorne links, beide extrem blond, sehen mich kurz an und wechseln einen Blick.
Dahinter ein aufgepumpter Typ mit viel Metall im Gesicht, Glatze, Muskelfreak, kratzt sich im Schritt.
Rechte Seite, zwei Kerle hintereinander in Street-Gang-Klamotten. Einer puhlt an seiner Akne.
Reihe weiter links, tätowierte Glatze, hebt eine Augenbraue. Extrem angespannt.
Rechts spuckt ein Dicker auf den Gang, verfehlt mich knapp. »Is was? Weitergehen, hopphopp. Such dir ’n Stuhl.«
Mädchen links, lange, feine dunkelblonde Haare, kuckt durch mich durch.
Auf die hintere durchgehende Bank gefläzt, Paolo. Beine auf rechtem Vordersitz.
Der Sitznachbar zu Paolos Füßen hat halblange Haare und die Augen zu.
Ich schiebe mich an den Sitzreihen vorbei. Alle sehen, dass ich alles sehe, obwohl mein Blick über die Köpfe weg unbestimmt nach hinten in die Ferne schweift. Ich entscheide mich für den drittletzten Platz Gangseite und lass mich fallen. Das Mädchen vor mir mit dem glatten feinen Haar dreht sich beiläufig um und scannt die Sitzverteilung ein. Auch so eine, die alles unter Kontrolle haben muss, denke ich. Ist ja auch kein Wunder: vier Mädchen, sieben Jungs. Mann! Wie bescheuert ist das? Bis auf die beiden vorne, die zusammenglucken, sitzen alle allein. Blickkontakt wird vermieden. Keiner will mit der falschen Antwort auf die »Was-guckst-du?«-Frage eine Schlägerei provozieren. Die beiden Betreuer erklären etwas.
Interessieren tut es niemanden.
Der Bus tuckert los, zwanzig Kilometer Schotterweg nordwärts. Oben wogt Polarlicht, unten schimmert der Boden frostig hell. Der Wald ist schwarz und schweigt.
Ich setze Paolo auf meine Liste. Weltallsuppe und Rieseniglu sind immerhin Worte. Außerdem sieht er aus wie mein Bruder. Wir haben die gleiche Haar- und Augenfarbe. Schwarz.
Rechter Hand taucht ein grünlich leuchtender See auf, und ich sehe Container, aus denen Licht fällt. Wir sind da.