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Und wenn wir erwischt werden?

»Marly? Marly!«

»Was ist …« Verschlafen reibe ich mir meine Augen. Es dauert einen Moment, bis ich begreife, wo ich mich befinde. Ich bin zu Besuch im Nebenhimmel, übernachte in Rubys Schutzengel-WG, und zwar in Lianes Bett. Die ist irgendwo unterwegs und hat mir netterweise ihr Zimmer zur Verfügung gestellt. Und jetzt steht Gabriel vor mir und rüttelt mitten in der Nacht an meiner Schulter.

»Du musst mir helfen, Marly. Jetzt ist meine Stunde gekommen! Ruby hat mir vorhin ganz stolz einen total verrückten Automaten präsentiert, mit dem man angeblich herausfinden kann, wie groß der Seelenverwandtschaftsgrad zwischen zwei Menschen ist.«

»Wie bitte?«

»Als du dir vorhin im Archiv deine Filme angesehen hast, bin ich mit Ruby noch durchs Gebäude gelaufen. Dabei hat er mir noch ein paar ganz interessante Sachen gezeigt. Mit dem Soulmater kannst du zum Beispiel herausfinden, wer für dich bestimmt ist. Es ist aber auch möglich, nach bestimmten Personen zu suchen und sie auf den Übereinstimmungsgrad zu überprüfen. Ich muss auf jeden Fall noch mal rüber in die Bibliothek, die Maschine befragen. Kommst du mit?«

Sofort bin ich hellwach. Normalerweise würde ich jetzt fragen, ob Gabriel vielleicht Amnesia Haze gekifft hat, aber wir sind ja hier im Himmel. Und hier ist anscheinend alles möglich.

»Du willst also wissen, wo deine Traumfrau steckt, oder besser gesagt, wer sie ist?«

»Nein, ich habe da eine ganz bestimmte Frau im Sinn. – Was ist nun?«

»Du meinst aber nicht etwa mich damit, oder?«, frage ich stirnrunzelnd, denn Ben kommt mir wieder mit seiner Theorie in den Sinn.

»Dich? Wie kommst du denn darauf?«

»Danke! Bin ich so schlimm?«

»So habe ich das doch nicht gemeint, Marly. Du siehst echt toll aus, aber …«

»Lass gut sein«, unterbreche ich ihn. »Ehrlich gesagt beruhigt mich das ungemein … Und du meinst, wir können da einfach so reinmarschieren, um mal eben nachzuschauen?«

»Na ja, so einfach vielleicht nicht. Ich weiß aber, dass das Gebäude auch nachts geöffnet ist.«

»Das hat Lorenzo auch erzählt«, sage ich. »Und wie soll ich dir helfen?«

»Du könntest Schmiere stehen.«

Na super, genau darauf habe ich gewartet! In Gedanken sehe ich schon ein himmlisches Polizeiauto auf mich zufahren. Und dann muss meine Mutter mich wieder abholen – aus dem Himmel! Bei der Vorstellung muss ich kichern.

»Und wenn wir erwischt werden?«

»Werden wir nicht!« Gabriel klingt wirklich überzeugend, fast so gut wie Ben damals.

»Das sagst du jetzt nur so.«

»Dafür stehe ich Schmiere, wenn du dir noch einen Film im Archiv anschauen willst. Zu mir hat Ruby nämlich nicht gesagt, dass ich mich umdrehen soll.«

»Was? Kennst du etwa sein Passwort?«, rufe ich überrascht aus.

»Ja, ich habe ganz genau aufgepasst, was er eingetippt hat. Das Passwort heißt Mopsi. Seinen vollständigen Namen und den Geburtstag haben wir ja beide gesehen. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass er mich absichtlich hat zuschauen lassen. Er hat ganz sicher nichts dagegen, wenn du dir noch einen Film ansiehst. – Was ist denn nun, kommst du mit?«

»Ja, ich zieh mich nur schnell an.« Liane hat Ruby angerufen und mir ausrichten lassen, ich dürfe mir was zum Schlafen aus ihrem Schrank nehmen. Davon habe ich Gebrauch gemacht. Aber in dem Seidennegligé möchte ich jetzt ungern durch die Straßen laufen – und darin erwischt werden schon gar nicht.

Als ich aus dem Bett springe, sagt Gabriel: »Ich glaube, das mit der Traumfrau überleg ich mir noch mal« und mustert mich ungeniert von oben bis unten.

»Dreh dich sofort um!«

Kurze Zeit später sind wir mitten in der Nacht auf himmlischen Straßen unterwegs. Ruby ist nicht wach geworden, davon haben wir uns mit einem kurzen Blick in sein Zimmer vergewissert. Er schläft tief und fest. Und den Mops hat Gabriel auch ganz schnell beruhigt – bevor er anfangen konnte zu bellen. Tiere hat er anscheinend gut im Griff.

»Komisch, dass es im Nebenhimmel Tag und Nacht gibt. Es wäre doch viel praktischer, wenn es immer hell wäre und man hier oben überhaupt keinen Schlaf mehr bräuchte«, sage ich.

»Ist ja witzig, dass du das auch denkst. Darüber habe ich vorhin schon mit Ruby gesprochen. Er meint, viele Engel hätten Depressionen von dem ewig gleichen hellen Licht bekommen. Also hat der Himmelsboss wieder die Tageszeiten eingeführt. Es wundert mich nur, dass man weder Sonne noch Mond sieht. Das fehlt mir irgendwie.«

»Stimmt.« Das ist mir bisher gar nicht aufgefallen. Es gibt tatsächlich keinen Mond und keine Sterne. Die Nacht sieht aus wie die milchige, weiße Suppe des Tages, nur eben in Schwarz.

»Ein Schwarzes Loch, das aus sich selbst heraus leuchtet«, sinniere ich leise vor mich hin. Denn immerhin können wir alles erkennen, obwohl weit und breit keine Lichtquelle auszumachen ist.

»Wie bitte?«

»Schon gut. Guck mal, wir sind da.«

Das barock anmutende, majestätische Gebäude liegt plötzlich vor uns. Heute Morgen ist mir gar nicht aufgefallen, wie schön und beeindruckend es ist. Irgendwie hemmt mich das in meinem Vorsatz, dort rumzuspionieren. Da greift Gabriel nach meiner Hand.

»Danke, dass du mitgekommen bist. Alleine hätte ich mich nicht getraut.«

Damit hat Gabriel genau die richtigen Worte gewählt, um mich von meinen Zweifeln zu befreien. So ganz sicher bin ich mir mit Ruby nämlich nicht. Auf der anderen Seite hat Lorenzo auch schon mal hier spioniert. Und im Himmel hat alles seinen Sinn, sagt Liane zumindest immer.

»Über wen möchtest du dich denn eigentlich informieren?«, frage ich.

»Über Muriel. Sie ist meine Mitbewohnerin. Ich fühl mich in ihrer Nähe einfach nur gut. Und was ist mit dir? Soll ich für dich auch was nachschauen?«

Ich überlege kurz. »Nein, lieber nicht im Moment.« Die Sache mit Georg hat mir verdammt wehgetan. Ich habe erst einmal genug von Männern.

Meine Oma hat immer gesagt, dass es gerade die kleinen Tragödien sind, die den Menschen ausmachen. Sie prägen unseren Charakter – und sie machen uns stärker. Liebeskummer gehört eindeutig dazu. Ich werde über Georg hinwegkommen und mich irgendwann neu verlieben. Und ich möchte dann unbelastet und unvoreingenommen an die Sache rangehen.

»Okay. Komm …« Gabriel öffnet die schwere Tür, die mit einem leisen Knarren aufgeht.

Dann schleichen wir durch die hohen Gänge des altertümlichen Gebäudes. Es ist hier drin wesentlich dunkler als draußen, aber schnell haben unsere Augen sich daran gewöhnt.

»Man kommt in das Zimmer durch die irdische Bibliothek.« Zu gerne würde ich einen Abstecher in die himmlische Sammlung wagen. Vielleicht haben wir nachher ja noch Zeit dafür. Erst einmal geht es jetzt darum, Gabriel zu seinem Glück zu verhelfen. Bisher ist er ja noch nicht richtig zum Zug gekommen. Ob ich später doch nicht Schutzengel werde und eher in Amors Dienste trete? Ich habe ganz bestimmt mehr Feingefühl beim Auswählen der infrage kommenden Partner. Und einen Automaten bräuchte ich für diesen Zweck auch nicht.

»Beeil dich bitte«, sage ich mit gedämpfter Stimme, bevor Gabriel hinter einer Tür verschwindet.

Mit klopfenden Herzen und einem mulmigen Gefühl im Bauch stehe ich Wache und lausche. Zum Glück bleibt alles ruhig. Weit und breit ist nichts zu hören, bis plötzlich ein lautes Pling und dann kurz aufeinanderfolgende helle Töne die Stille durchbrechen.

Entsetzt reiße ich die Tür auf. »Spinnst du?«

Gabriel steht vor einer großen Maschine, an der gleich mehrere Lampen auf einmal aufleuchten.

»Tut mir leid, ich wusste nicht, dass das solch einen Lärm verursacht. Ich bin aber schon fertig. Ich mache nur das Ding noch aus. Einen kleinen Moment noch.«

»Und?«, frage ich, als wir uns wieder auf dem Rückweg befinden. »Hast du herausgefunden, was du wissen wolltest?«

»Ja, zwischen Muriel und mir besteht eine fast siebenundneunzigprozentige Übereinstimmung. Das ist so gut wie perfekt.«

»Das freut mich für dich, ehrlich. Das heißt also, ihr seid füreinander bestimmt. Und jetzt? »

»Jetzt muss ich sie nur noch davon überzeugen, dass ich auch ihr Traummann bin.«

»Du hättest einen Ausdruck machen können. Als Beweis sozusagen.« Auf einmal spüre ich einen Anflug von Neid in mir aufkeimen. Gabriel hat seine Traumfrau also gefunden. Wahrscheinlich hat Amor höchstpersönlich dafür gesorgt, dass dabei nichts schiefgeht. Nur bei mir hat er die Sache verbockt. Ob ich nicht doch noch einen Blick auf die himmlische Voraussagung meiner zukünftigen Partner werfe?

»Ich brauche keinen Beweis. Eigentlich habe ich es auch die ganze Zeit gewusst. Ich wollte es nur nicht wahrhaben. Und du? Magst du jetzt noch deinen Film sehen?«, reißt Gabriel mich aus meinen Gedanken.

»Unbedingt.«

»Okay, dann bleibe ich an der Tür stehen. Vergiss aber nicht, die Kopfhörer in den Bildschirm einzustöpseln.«

»Mach ich.«

Schnell habe ich Rubys Daten eingegeben. Allerdings bringe ich es nicht übers Herz, einen Filmausschnitt zu starten, in dem ich selbst keine Rolle spiele. Obwohl es mir in den Fingern kitzelt, genau das aufzurufen: Ich habe Georg und Rebecca morgens vor der Praxis beim Küssen erwischt – doch hat er den Abend davor tatsächlich mit Mick verbracht, so wie er es gesagt hat? Ich müsste nur auf das richtige Knöpfchen drücken, dann wüsste ich, was sich tatsächlich abgespielt hat. Wenn ich nicht doch so etwas wie ein Gewissen hätte …

Die Aufnahmen, in denen ich die Hauptrolle spiele, kann ich hingegen meiner Meinung nach bedenkenlos anschauen, also entscheide ich mich für die Sequenz, als Ben und ich unsere Wunschzettel nächtens in der Berchtesgadener Scheune geschrieben haben. Denn das ist auch etwas, wo ich nach Aufklärung strebe.

Noch einmal sehe ich Ben, wie er seine Wünsche nach oben funkt und ich dabei die Augen verdrehe. Dann geht Ben zum Auto, um einen Schlafsack zu holen, den er für Notfälle wie diesen im Kofferraum deponiert hat. Der Reißverschluss lässt sich nach allen Seiten öffnen, so dass daraus eine richtige Decke entsteht. Er bettet sie sorgfältig über uns, und wir schauen schweigend in die Sterne. Dann drehe ich mich plötzlich zur Seite, seufze tief und murmele: »Ich liebe dich, Ben. Weißt du das eigentlich?«

»Ich dich auch, Marly«, sagt Ben und küsst zärtlich meinen Mund. Und was mache ich? Ich schlafe ein!

»Das darf doch nicht wahr sein!«, schimpfe ich laut und spule die Aufnahme noch einmal zurück. Aber es ist leider nichts daran zu ändern. Ich habe es ihm gesagt, war aber leider so betrunken, dass ich Bens Liebeserklärung und den darauf folgenden Kuss einfach verschlafen habe. Diesmal lasse ich die Aufnahme weiterlaufen. Ben schält sich vorsichtig unter der Decke hervor und geht ein Stück über die Wiese. Dort breitet er die Arme aus und schaut in den Himmel. Dann dreht er sich einmal um sich selbst, fällt hin und bleibt im Gras sitzen. Als ich die Kuh gemütlich auf Ben zutraben sehe, halte ich den Atem an. Rosalie! Ben hat sich mit ihr unterhalten, nicht ich. »Na, du altes Mädchen«, sagt er und streckt den Arm aus. »Kannst du mir nicht einen Rat geben, wie man sich in solch einem verzwickten Fall am besten entscheidet? Ich möchte meine beste Freundin nicht verlieren …«

»Marly!.« Erschrocken drehe ich mich um. Eine junge Frau mit blonden kurzen Haaren kommt mit federnden Schritten auf mich zu.

»Hallo, mein Schatz!«

Wie bitte? Ich habe die Frau noch nie gesehen! Sie trägt Jeans, ein schlichtes T-Shirt und Turnschuhe. Aber irgendetwas an ihr kommt mir bekannt vor. Ich mustere sie noch einmal eingehend, da fällt es mir auf: Sie sieht meiner Mutter in jungen Jahren verdammt ähnlich!

»Oma? Bist du es?«

Sie ist es. Ich falle ihr in die Arme.

»Ich mochte Ben immer sehr gern, das weißt du ja«, sagt sie. »Er hatte einfach nur viel zu viel Angst, dich wegen einer Liebesgeschichte für immer zu verlieren. Der Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe ist die Verletzbarkeit. Und er wollte dir nicht wehtun.«

»Ja, das habe ich eben gesehen. Und es ist schön, das zu wissen … Aber sag mal, was machst du denn hier? Und wie siehst du überhaupt aus?« Ich kann immer noch nicht fassen, dass die sportliche Frau meine Oma ist. Dadurch gerät die Sache mit Ben irgendwie in den Hintergrund.

»Ruby hat uns gesagt, dass wir dich wahrscheinlich hier finden. Dein Opa unterhält sich gerade draußen mit Gabriel.«

»Opa?«

»Ja, er freut sich unwahrscheinlich darauf, dich kennenzulernen.«

»Und Ruby? War es geplant, dass wir …«

»Marly, du bist hier nicht auf der Erde.«

»Versteh einer den Himmel! Das hätte er auch einfacher haben können!«

»Das kannst du mit ihm klären. Komm, mach den Rechner aus, und wir gehen nach draußen.«

Es ist komisch. Da meine Großeltern so jung sind, fühle ich mich gar nicht wie ihre Enkeltochter. Vielmehr habe ich das Gefühl, bisher unbekannte ältere Geschwister vor mir stehen zu haben. Mein Opa sieht auf jeden Fall toll aus, und die Begegnung mit ihm verläuft sehr herzlich. Er ist groß, gut gebaut, hat dunkles, volles Haar. Ich verstehe, dass meine Oma sich damals sofort in ihn verliebt hat.

»Warum seid ihr hier im Nebenhimmel?«, frage ich. Ich bin davon ausgegangen, dass die beiden miteinander ihre Zeit glücklich irgendwo im Himmel auf Erden verbringen.

»Wir sind Schutzengel, und wir wohnen hier«, sagt mein Opa und lächelt mich an. »Deine Oma hat gerade erst ihre Ausbildung abgeschlossen. Als sie gehört hat, dass ich als Schutzengel in Krisengebieten unterwegs bin, wollte sie mir unbedingt helfen. Jetzt arbeiten wir sozusagen zusammen.«