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Ist das eine himmlische Neuzüchtung?

Gabriel sitzt auf dem Küchenfußboden und spielt ausgelassen mit Rubys Mops. Als er mich kommen hört, schaut er auf.

»Und? Wie war es noch? Hast du dir noch ein paar schöne Filmchen angesehen?«, fragt er.

»Ja, eine ganze Menge. Ein buntes Potpourri durch meine Kindheit.«

Mir war gar nicht bewusst, wie liebevoll sich mein Vater um mich gekümmert hat. Er war zwar oft nicht da, weil er arbeiten musste, hat aber seine Freizeit offensichtlich gerne mit mir verbracht. Außerdem war es schön zu sehen, wie glücklich meine Eltern damals waren. Ich beginne, meinen Vater mit ganz anderen Augen zu sehen. Bestimmt war das auch wieder ein von Ruby kalkulierter Plan.

»Marly, hast du dich nicht verlaufen?«, fragt er, als er wie auf Kommando die Küche betritt.

»Hat übrigens funktioniert, Ruby«, antworte ich.

»Was denn?«

»Ach tu doch nicht so! Ich meine die Sache mit meinem Vater. Weil er so liebevoll mit mir umgegangen ist.«

»Ach das? Das freut mich.«

»Und wie war es bei euch Männern?«

»Sehr interessant.« Der Mops läuft mittlerweile schwanzwedelnd hinter Gabriel her, was auch Ruby verblüfft wahrnimmt. »Besondere Kraultechnik«, erklärt Gabriel. »Macht alle Hunde schwach.«

Besondere Kraultechniken funktionieren auch bei Frauen. Ich denke zwangsläufig an Georgs magische Hände. Aber den Gedanken schüttele ich schnell wieder ab.

»Und was machen wir jetzt?«, frage ich.

»Wolltest du nicht Lorenzo besuchen?«

»Na, dann nichts wie los«, sage ich.

Lorenzo hat sich, wie Ben, für den Himmel auf Erden entschieden. Die Fahrt im Paternoster dauert bei Weitem nicht so lange wie die Hinfahrt, was mich sehr überrascht.

»Befindet sich Lorenzos Garten näher am Himmel als John o’Groats?«

»Nein«, sagt Ruby, »die Entfernungen sind alle gleich. Es liegt an dir. Du bist jetzt auch gefühlsmäßig im Himmel angekommen. Das verkürzt die Reisezeit beträchtlich.«

»Deswegen fühle ich mich auch so leicht und entspannt? Weil ich angekommen bin?«

»Ja. Du hast es akzeptiert. Du denkst nicht mehr, dass du träumst.«

Wir stehen in einem Garten, in meinem Garten, befinden uns aber im Himmel. Das Haus jedoch, in dem ich unten auf der Erde in Neuss wohne, hat sich hier oben gewaltig verändert.

Lorenzo steht auf der Terrasse, die er an meine Küche gebaut hat und von der aus man einen direkten Zugang in den Garten hat.

»Buon giorno!«, ruft er uns fröhlich entgegen.

Ich erkenne Lorenzo sofort. Er sieht genauso aus wie auf dem Foto, das Hilde mir gezeigt hat. Dass ich die Gelegenheit bekomme, ihren verstorbenen Mann zu treffen, rührt mich zu Tränen. Verstohlen wische ich sie weg.

»Schön, dass du hier bist.« Lorenzo zieht mich in seine Arme. »Ich freue mich so, dass ich dich kennenlernen darf.«

Ich erwidere gerührt die Umarmung und sage: »So eine Terrasse hätte ich in meinem irdischen Garten auch gerne.«

»Dann solltest du mal mit deinem Vermieter reden«, sagt Lorenzo.

»Ach, der soll erst einmal vernünftige Heizungen einbauen!« Ich erzähle Lorenzo, wie Hilde mich und meine Wohnung vor dem Schlimmsten bewahrt hat. Auch dass sie mir mit dem Garten hilft und ich ohne sie ordentlich aufgeschmissen wäre, berichte ich Lorenzo.

»Meine Hilde, die Gute! Ich bin so froh, dass du dich um sie kümmerst! Möchtest du sehen, was ich hier aus unserem Garten gemacht habe?«

»Natürlich!«

Der Apfelbaum hängt voll mit prallen Äpfeln, und die Blüten des Holunderbusches haben sich in kleine, saftige Beeren verwandelt. Der Rasen ist nicht nur gleichmäßig gestutzt, das dichte Gras leuchtet auch in einem saftigen Grün. Fast wirkt es wie ein Teppich. Und es fühlt sich auch ähnlich weich an, bemerke ich, als wir auf das Gewächshaus zugehen. Irgendwie scheint es größer zu sein als mein Glasatelier. Überhaupt wirkt der Garten, wie wenn er unendlich gewachsen wäre. Es gibt keinen Zaun, der die Fläche begrenzt. Dort, wo bei mir die kleinen Johannisbeersträucher wachsen, stehen bei Lorenzo große Bäume und Pflanzen, die ich so noch nie zuvor gesehen habe.

Neugierig gehe ich auf einen Baum zu, an dem grüne, herzförmige Früchte hängen. Sie sehen beinahe aus wie rundliche, genoppte Tannenzapfen.

»Ist das eine himmlische Neuzüchtung?«, frage ich und deute auf eine der Früchte.

»Nein, das ist ein Zimtapfel. Der wächst auch auf der Erde. Aber nur in tropischen und subtropischen Gebieten. Ich habe ihn während eines Asienurlaubs mit Hilde kennengelernt und nie den wundervollen, süßlichen Geschmack vergessen. Möchtest du mal probieren?«, fragt Lorenzo, pflückt eine Frucht und bricht sie entzwei. »Man isst das weiße Fruchtfleisch.«

»Schmeckt wie Erdbeereis mit Schlagsahne«, stelle ich verzückt fest. »Und die anderen Früchte?«

»Mango und Papaya kennst du bestimmt. Ich kann dir aber auch noch Schlangenfrucht, Jackfrucht und andere Sorten zeigen.« Während Ruby sich dezent im Hintergrund hält, deutet Lorenzo voller Freude auf verschiedene Bäume.

Hildes große Liebe ist nicht sehr groß und von der Statur her eher drahtig. Viele Haare hat er nicht mehr auf dem Kopf, und die wenigen, die er noch besitzt, sind grau und sehr kurz rasiert. Ein bisschen erinnert er mich an den netten italienischen Eisverkäufer aus meiner Kindheit. An heißen Sommertagen kam Pino jeden Tag mit seinem Eiswagen in unsere Siedlung gebraust und versorgte uns Kinder mit den leckersten Eiskreationen. Sein Himbeereis war der Hit!

»Man müsste mal versuchen, Eis aus den Zimtäpfeln zu machen«, sage ich.

»Ist schon passiert. Möchtest du probieren?«

Nur wenige Augenblicke später sitzen wir auf der gemütlichen Terrasse und löffeln schweigend das leckere Eis. Alles ist still, nur ab und an hört man eine Biene summen oder einen Vogel zwitschern.

»Was meinst du, Lorenzo, soll ich Hilde erzählen, dass ich dich im Himmel getroffen habe? Und wird sie mir das überhaupt glauben?«, frage ich.

»Ja, das wird sie. Spätestens, wenn du ihr erzählst, wo sie ihren Ehering wiederfinden kann.«

»Woher weißt du das? Wir haben den ganzen Garten umgepflügt, ihn aber nicht gefunden. Hilde war sehr unglücklich deswegen. Und sie spielt andauernd mit dem Daumen an ihrem Finger herum, weil sie sich immer noch nicht daran gewöhnt hat, dass der Ring weg ist. Sie hat den ganzen Garten auf den Kopf gestellt. Und ich gleich noch mal, nachdem sie mir davon erzählt hat.«

»Er ist nicht im Garten, denn Hilde hat den Ring ausnahmsweise vor der Gartenarbeit ausgezogen. Das macht sie sonst nie, deswegen hat sie es bestimmt vergessen. Sie hat ihn auf die kleine Kommode in der Diele gelegt. Und dann ist der Ring runtergefallen und in einem kleinen Spalt in der Bodenleiste verschwunden.«

»Lorenzo, wenn ich Hilde das erzähle, flippt sie aus vor Freude!« Aber dann kommt mir ein unschöner Gedanke. »Was mache ich, wenn Hilde gar nicht mehr leben möchte, weil sie lieber sofort zu dir in den Himmel will? Du weißt, dass sie wegen einer schweren Blutvergiftung im Koma liegt?«

»Ja, aber das wird niemals passieren. Hilde hat eine große Lebensfreude und viel Geduld. Und das habe ich an ihr besonders geliebt. – Du erinnerst mich übrigens ein wenig an sie. Ihr seid euch vom Wesen her nicht unähnlich.«

»Vielleicht verstehen wir uns deswegen so gut. Hilde hat mir sehr geholfen die letzten Monate, und dafür bin ich ihr sehr dankbar.«

»Du hast ihr auch geholfen, Marly. Du hast Schwung in ihr Leben gebracht, ihr eine Aufgabe gegeben. Sie hat immer sehr darunter gelitten, keine Kinder zu haben. Es tut ihr gut, dass sie sich um dich kümmern darf. Und du hast ihr den Garten zurückgegeben. Er hat ihr gefehlt.«

»Jetzt muss sie nur ganz schnell wieder gesund werden. Vielleicht hilft es ihr ja, wenn ich erzähle, dass ich weiß, wo der Ring steckt. Wo genau ist die Stelle denn? Hast du den Film da?«

»Nein, ich habe ihn im Archiv gesehen.«

»Du warst im Nebenhimmel? Aber ich dachte, der sei für Menschen tabu, die sich für den Himmel auf Erden entschieden haben. Außerdem gehört Hilde zu deinem persönlichen Umfeld.«

»Ich wurde zu einer Infoveranstaltung in den Nebenhimmel eingeladen, weil ich für die Schutzengelausbildung in Betracht kam. Ich nahm daran teil, entschied mich allerdings dagegen. Einer der Schutzengel war aber so nett, mir seine Zugangsdaten anzuvertrauen. Und so habe ich mich nachts heimlich an einen der PCs gesetzt. Das Archiv wird glücklicherweise niemals abgeschlossen.«

»Ach wirklich? Und weißt du zufällig die Zugangsdaten noch?«

»Ja, aber die kann ich dir leider nicht verraten. Das wäre sehr unfair Liane gegenüber.«

»Liane?«

»Ja, sie war früher Schutzengel.«

»Das weiß ich. Lorenzo, wann war die Infoveranstaltung?«

»Das ist jetzt so ungefähr sechs Wochen her. Warum fragst du?«

»Ach, nicht so wichtig … Ich bin jedenfalls sehr froh, dass ich heute die Gelegenheit hatte, dich hier zu besuchen.«

Schon wieder Liane! Hätte ich nicht mit eigenen Augen die vielen anderen Schutzengel in der Bibliothek gesehen, könnte man fast meinen, im Himmel gäbe es nur sie – und natürlich Ruby. Zumindest stecken die beiden unter einer Decke.