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Sie ist einfach viel zu sensibel

Der Kater ist innerhalb der letzten beiden Wochen zwangsläufig Bestandteil meines Lebens geworden. Die meiste Zeit sitzt er draußen im Baum, dann ist er wieder irgendwo unterwegs, um eines seiner Geschenke für mich zu besorgen. Sein Territorium in meiner Wohnung hat er nach und nach ausgedehnt. Nach der Küche hat er mein Wohnzimmer und das Arbeitszimmer in Beschlag genommen. Von der Fensterbank aus beobachtet er die Straße. Die Riesendogge lässt er anscheinend in Ruhe, zumindest war der blonde Kerl nicht noch einmal da, um sich zu beschweren. Nur mein Schlafzimmer bleibt für Caruso tabu. Nachdem er es sich einmal auf meinem Kopfkissen bequem gemacht hatte, bleibt die Tür verschlossen. An die vielen grauen Haare habe ich mich die letzten beiden Wochen einigermaßen gewöhnt. Sie verteilen sich gleichmäßig in der ganzen Wohnung. Es scheint ganz egal zu sein, ob ich einmal oder dreimal am Tag sauge, der hartnäckige Pelz taucht sowieso wieder auf.

Und soeben habe ich zum ersten Mal das sprichwörtliche Haar in meiner Suppe gefunden, die Hilde zubereitet hat. Ich fische es heraus, grinse ergeben und löffele einfach weiter. »Das war lecker«, sage ich und seufze zufrieden. »Kann man die Blätter auch einfrieren? Dann könnten wir auf Vorrat davon pflücken.«

Hilde kennt sich nicht nur mit Gartenpflanzen aus, sondern auch mit Wildkräutern. Dass Bärlauch gut schmeckt, wusste ich, denn daraus kann man unter anderem ein sehr leckeres Pesto herstellen. Das zarte Aroma nach Knoblauch macht sich aber auch gut in der Suppe, und ich genehmige mir noch einen ordentlichen Nachschlag.

»Du musst die Blätter nebeneinander ausgebreitet in die Gefriertruhe packen. Wenn sie gefroren sind, kannst du sie zerbröseln und in Tüten einfrieren. Dann kleben sie nicht aneinander fest, und du kannst später gut dosieren. Aber du musst dich beeilen, denn Bärlauch soll man vor dem Blühen ernten.«

»Wieso? Ist die Blüte giftig?«

»Nein, aber die Blätter verlieren dadurch an Aroma und werden etwas zäher. Passieren kann allerdings nichts, solange du nicht stattdessen Maiglöckchen pflückst. Deren Blätter sehen nämlich zum Verwechseln ähnlich aus. Aber an der Stelle im Wald, an der wir waren, wird dir das kaum passieren.«

»Dann fahre ich dort auf jeden Fall noch mal hin.«

Hilde arbeitet jeden Tag ein bis zwei Stunden gemeinsam mit mir im Garten. Dass Gartenarbeit entspannend sein kann, habe ich schon oft gehört, dass es allerdings auch bei mir zutrifft, hätte ich nie gedacht. Aber das Beste an der Sache ist, dass Hilde mir dabei auch jede Menge bisher wohlbehüteter Familienrezepte verrät. Gestern haben wir Holunderblütengelee gekocht. Die ganze Küche hat nach den kleinen, sehr aromatischen Blüten geduftet. Auf einer Scheibe Brot, vorher dick mit Quark beschmiert, ist das Gelee ein Gedicht. Ich freue mich schon auf Ricis Gesicht, wenn ich ihr das Gelee vorsetze.

Seitdem Hilde in mein Leben getreten ist, ist es wieder ein kleines bisschen heller um mich herum geworden, und die Dinge machen mir wieder mehr Spaß. Mir fallen häufiger schöne Dinge auf, wie zum Beispiel der Apfelbaum vor meinem Fenster, auf dem es sich nach wie vor mit Vorliebe Caruso gemütlich macht.

»Meinst du, man kann das Gelee eventuell auch mit Apfelblüten kochen?«, frage ich Hilde, die gerade unsere Teller abräumt und Spülwasser einlaufen lässt.

»Hm, prinzipiell schon, der Duft ist allerdings nicht so intensiv. Versucht habe ich es noch nie, aber vielleicht solltest du sie vorher in Sekt ziehen lassen. Alkohol löst die Duftstoffe.«

»Champagnergelee mit Apfelblüten, klingt gut. Aber jetzt will ich mich um das Gewächshaus kümmern und es auf Vordermann bringen, damit du endlich zu deinem Bild kommst. Apropos Bild – wo treibt sich denn unser zukünftiges Model rum? Ich habe ihn heute noch gar nicht gesehen.«

Caruso kommt und geht, wann er will. Momentan ist es schön warm draußen, sodass das Fenster meist offen steht und er freien Zugang durch die Küche hat. Sollte es aber anfangen zu regnen oder kühl werden, habe ich ein Problem. Zu meiner Wohnung gehört keine Terrasse oder ein Balkon, und den Garten erreicht man nur durch ein kleines Tor seitlich des Hauses oder den Keller. Ich müsste also eine Katzenklappe ins Küchenfenster einbauen lassen, um Caruso ständigen Einlass in meine Wohnung zu gewähren. Bisher habe ich damit gewartet, weil ich mir nicht sicher war, ob er auch tatsächlich bei mir bleiben möchte. Außerdem könnte Nathalie den Kater immer noch zurückverlangen. Ich habe sie angerufen, nachdem Caruso wieder bei mir aufgetaucht war und nach drei Tagen immer noch da war. Aus irgendeinem Grund, den sie akzeptieren würde, habe Caruso sich für mich entschieden, hat sie mir erklärt. In den ersten Wochen nach Bens Tod habe er ihr Trost gespendet, jetzt wäre ich an der Reihe. Und es würde sie nicht wundern, wenn Ben doch irgendwie die Fäden in der Hand halten würde.

Ich denke immer noch täglich an ihn, aber ich bin nicht mehr so traurig dabei. Die Gespräche mit Hilde helfen mir, die schönen Erlebnisse mit ihm in Erinnerung zu rufen und mich darüber zu freuen, dass er mein Freund war und immer bleiben wird.

Vielleicht hat Ben mir nicht Caruso geschickt, sondern Hilde? Wie heißt es so schön: Dich schickt der Himmel …

»Ich male dir ein besonders schönes Bild«, verspreche ich Hilde und mache mich auf den Weg in den Garten.

Das Gewächshaus hat ungefähr neun Quadratmeter. Es ist nicht sehr groß, aber es bietet genügend Platz für ein kleines Regal, meine Staffelei und einen Korbstuhl, den ich mit einem dicken Polster ausgestattet habe. Meine Malutensilien befinden sich alle noch in Kisten, die ich im Keller gestapelt habe. Mit der Zeit hat sich eine ganze Menge Zeug angesammelt. Eine nach der anderen schleppe ich hoch, um sie dann in meinem neuen Glasatelier auszupacken. Zum Schluss stelle ich eine große Leinwand auf die Staffelei, lasse mich in den Sessel fallen und starre auf die weiße Fläche. Es scheint mir Ewigkeiten her zu sein, dass ich gemalt habe – und das ist es auch, wie ich feststelle, als ich kurz nachrechne.

Die fachpraktische Uni-Prüfung für mein Kunstexamen habe ich vor drei Jahren absolviert. Danach habe ich nicht mehr mit Farben gearbeitet – von den paar Geburtstagskarten und dem Teddybild für Emmas Zimmer mal abgesehen. Tiere habe ich generell noch nicht oft gemalt. Irgendwo im Keller müssten noch die Skizzen und Aquarelle liegen, die ich damals nach unserem Aufenthalt im Berchtesgadener Land angefertigt habe. Rosalie in verschiedenen Variationen habe ich die Reihe damals genannt. Eines der Kuhbilder, Rosalie von hinten, habe ich Ben zu seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag geschenkt.

Wer Kühe malen kann, schafft auch einen Kater, denke ich und mache mich auf die Suche nach Caruso. Wenn, dann möchte ich mit dem lebenden Objekt und nicht nur mit meiner Erinnerung arbeiten.

Aber Caruso ist nicht aufzutreiben. Er sitzt weder auf dem Baum noch treibt er sich woanders im Garten herum. Auch in meiner Wohnung kann ich ihn nicht finden. Kurz entschlossen hole ich den Bastkorb aus der Küche und spanne ihn hinten auf mein Fahrrad. Dann mache ich mich auf den Weg in das kleine Waldstück auf der anderen Rheinseite, zu dem ich heute Morgen schon einmal ganz früh mit Hilde gefahren bin. Am Abend hat sich Rici angekündigt. Normalerweise bestellen wir uns dann eine Pizza oder etwas vom Chinesen, doch heute möchte ich sie mit einer eigens kreierten Bärlauchcremesuppe überraschen. Die ist nämlich so lecker, die kann man auch zweimal am Tag essen. Und die Blätter dafür werde ich höchstpersönlich pflücken.

Ich mag den Rhein. Und das nicht nur, weil ich mit Ben viele schöne Stunden an seinem Ufer verbracht habe. Wasser hat mich einfach schon immer angezogen. Deswegen wollte ich auch unbedingt eine Wohnung ganz in der Nähe des Flusses mieten. Und irgendwann, spätestens wenn ich alt und grau bin, möchte ich irgendwo am Meer leben. Aber nicht im Süden, lieber irgendwo im Norden. Ich weiß, es ist ein Klischee, aber manchmal träume ich von einem kleinen Haus am Meer, in dem ich von morgens bis abends einfach nur male oder an einem Buch schreibe, vielleicht für Kinder. Bisher habe ich allerdings noch keine einzige Zeile verfasst.

Wir haben kurz nach drei. Die Sonne scheint, und ich radle gemütlich den Rhein entlang. Da ich in Stromrichtung links des Flusses fahre, befinde ich mich auf der linksrheinischen Seite, aber wenn ich die Brücke überquert habe, werde ich rechtsrheinisches Gebiet erreicht haben.

Etwa eine halbe Stunde später habe ich die Stelle mit dem Bärlauch gefunden. Mein Orientierungssinn scheint also doch ganz gut zu funktionieren. Die Blätter verteilen sich gleichmäßig wie ein grüner Teppich über den gesamten Waldboden. Sorgfältig betrachte ich jede einzelne Pflanze, so wie Hilde mir das beigebracht hat, und pflücke nur die kleineren zarten Blätter der Gewächse, die noch nicht geblüht haben.

Mein Korb ist fast voll, als ich ihn hinten auf dem Gepäckträger festmache. Vorsorglich lege ich ein Geschirrhandtuch über die Blätter. Als ich plötzlich ein Knacken hinter mir höre, drehe ich mich erschrocken um. Ich bin ganz alleine und habe mir bis eben überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, dass noch jemand da sein könnte. Instinktiv greife ich zum Handy in meiner Hosentasche, um notfalls Hilfe rufen zu können. Aber das ist überhaupt nicht nötig, wie ich schon kurz darauf feststelle.

Vor mir sitzt Caruso. Und in seinem Maul zappelt eine kleine Maus, die noch sehr lebendig wirkt. Ich will gerade anfangen loszuschimpfen, da fällt mir Hilde und ihr Ratschlag, Caruso zu loben, wieder ein. Also hocke ich mich auf den Boden und säusele: »Fein hast du das gemacht, prima! Ist die Maus für mich?«

Die Beute ist für mich. Caruso öffnet sein Maul und lässt sie frei. Eilig verschwindet die Maus zwischen den Blättern.

»Ich mag sie lieber lebendig«, erkläre ich und streichle den Kater, dessen Blick dem leisen Rascheln auf dem Boden folgt. »Wie bist du eigentlich hierhergekommen? Hast du mich etwa verfolgt?«

Natürlich bekomme ich keine Antwort von Caruso, der mich nun einfach nur gebannt ansieht.

»Und jetzt? Ich möchte zurückfahren. Läufst du neben mir her?«

Er macht keine Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. Also knote ich das Geschirrtuch zusammen und schütte den Bärlauch hinein. Den Beutel hänge ich an die Lenkstange. Der Kater lässt sich in den Korb setzen, macht es sich in seiner Mitfahrgelegenheit gemütlich und lässt sich tatsächlich von mir nach Hause kutschieren.

Wir sind fast am Ziel angekommen und biegen gerade um die Ecke der Straße, in der ich wohne, da höre ich plötzlich ein lautes Bellen hinter mir, gefolgt von einem giftigen Fauchen, dann ein mahnendes »Tilda!«

Überrascht drücke ich beide Vorderbremsen gleichzeitig, was zwangsläufig dazu führt, dass das Hinterrad raketengleich in die Luft schießt – und Caruso mit dazu. Nur Sekunden später sitze ich auf der Straße und reibe mir benommen meine schmerzende Stirn. Caruso schießt an mir vorbei. Verblüfft drehe ich mich um und schaue ihm nach. Dabei sehe ich ein großes hellbraunes Ungetüm auf mich zurennen, verfolgt von einem grauen Kater.

»Caruso!«, brülle ich und versuche, möglichst schnell aus der Schusslinie der beiden Tiere zu kommen. Dann wird mir schwarz vor Augen.

»Hallo, können Sie mich hören?«, dringt eine tiefe Männerstimme in mein Bewusstsein. Kurz darauf fühle ich eine warme Hand an meinem Hals. Dann zieht jemand meine Beine in eine gestreckte Position.

Nach meinem Examen habe ich einen Erste-Hilfe-Kurs beim Roten Kreuz absolviert, damit ich als Lehrerin gut vorbereitet bin, sollte mal ein Schüler verunglücken. In Gedanken verfolge ich alle Schritte, die mein Retter gerade an mir vornimmt: Beine des Bewusstlosen strecken, den einen Arm im rechten Winkel zum Körper ausrichten, die Handfläche dabei nach oben zeigend, darüber angewinkelt den anderen Arm legen …

Ich finde mich in der stabilen Seitenlage wieder, als jemand sagt: »Ich habe kein Handy dabei, können Sie den Rettungsdienst alarmieren? Die Frau ist bewusstlos!« Doch da öffne ich die Augen und melde mich mit einem »Mir geht’s gut« zurück. Nicht, dass noch jemand auf den Gedanken kommt, mich mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung zu beglücken. Langsam setze ich mich auf und horche in mich hinein. Dann bewege ich vorsichtig Arme und Beine und drehe schließlich langsam meinen Kopf hin und her. Ich habe anscheinend Glück gehabt und mich nicht verletzt. Erleichtert atme ich auf.

»Geht es wieder?« Neben mir kniet der blonde Kerl, diesmal gekleidet in einen blauen Kapuzenpulli. Es ist der Typ, der vor zwei Wochen den Aufstand wegen Caruso gemacht hat, weil der es angeblich auf sein armes Hündchen abgesehen hat. Besagte Tilda hat mich gerade über den Haufen gerannt. Okay, sie wurde dabei tatsächlich von einem wild gewordenen Kater verfolgt, der sich ausgerechnet mich als sein Frauchen ausgesucht hat, aber dafür kann ich wirklich nichts. Außerdem – wenn man mit einem Hund unterwegs ist, der rein optisch gesehen die Größe eines kleinen Ponys hat, muss man ihn einfach richtig im Griff haben, oder besser gesagt, an der Leine.

Innerlich auf ein Streitgespräch eingestellt, stehe ich mit wackligen Beinen auf. Dabei übersehe ich die ausgestreckte Hand des Mannes. Konfliktbereit warte ich auf einen Vorwurf oder eine Standpauke wegen meines furienartigen Katers, doch das Gegenteil ist der Fall.

»Es tut mir wirklich sehr leid«, entschuldigt er sich und reibt sich dabei verlegen das Kinn. Man möchte es nicht glauben, aber Tilda ist dermaßen ängstlich, dass sie manchmal etwas überreagiert. Sie ist einfach viel zu sensibel.«

Fassungslos schaue ich ihn an. Er scheint das eben absolut ernst gemeint zu haben. Jetzt bloß nicht lachen, denke ich, doch es ist schon zu spät. Als ich die sensible Tilda mit hängenden Ohren dasitzen sehe, kann ich mich nicht mehr zurückhalten.

»Ich hoffe, sie hat Caruso nicht gefressen«, sage ich und pruste los.