

26
Wer hat schon mal in einer Schutzengel-WG übernachtet?
»Und das hier ist die irdische Bibliothek. Hier findet ihr jedes nur erdenkliche Buch, angefangen von den ersten Schriften bis hin zu Harry Potter und anderen zeitgenössischen Werken.«
Ich habe als Kind schon immer gerne gelesen und war sozusagen Stammkunde in der Stadtbibliothek. Ich habe mir die Bücher dort nicht nur kiloweise ausgeliehen, sondern sie teilweise gleich vor Ort geradezu verschlungen. Und zwar immer dann, wenn ich beim Testlesen der ersten Seiten hängen geblieben bin und mich nicht mehr losreißen konnte. Meine Mutter hat oft in der Bibliothek angerufen, um zu fragen, in welchem Buch ich mal wieder stecken geblieben bin. Aus den Telefonaten mit der Bibliothekarin hat sich mit der Zeit eine Freundschaft zwischen den beiden Frauen entwickelt. Karin war zu der Zeit die Stadtbibliothekarin.
Mein absolutes Lieblingsbuch war damals Die unendliche Geschichte. Ich war unsterblich in den jungen Krieger Atreju verliebt. Doch dann wollte meine Mutter mir eine Freude machen und hat mir zu meinem zwölften Geburtstag den Videofilm dazu geschenkt. Ich war maßlos enttäuscht, weil ich mir alles ganz anders vorgestellt hatte. Ich habe mir daraufhin nie wieder einen Film angesehen, wenn ich vorher das Buch gelesen habe und davon begeistert war.
Vielleicht habe ich deswegen auch immer noch ein mulmiges Gefühl im Bauch, weil ich den Himmel jetzt schon begutachten darf. Auf der anderen Seite interessiert es mich brennend, was ich hier noch alles zu sehen bekommen werde.
Die Bibliothek ist auf jeden Fall mehr als beeindruckend. Die Regale reichen bis unter die hohe Decke und sind vollgepackt mit wahren Schätzen der Literaturgeschichte. Von J. K. Rowling bis hin zu Goethe ist hier alles vorhanden. Gabriel scheint sich vielmehr für die Funktionalität des Regalsystems zu interessieren.
»Darf ich mal?«, fragt er, und als Ruby nickt, zieht Gabriel einen der Hebel, die an der Wand befestigt sind. Geräuschlos versinkt das Regal im Boden und macht dem darüber Platz.
»Wow!«
»Anders würde man die Massen an bedrucktem oder handbeschriebenem Papier gar nicht bewältigt kriegen«, sagt Ruby.
»Und moderne Archivierungsmethoden?«
»Davon hält hier oben niemand was. In der irdischen Bibliothek gibt es nur die Originale.«
Während die Männer über die Technik reden, habe ich nur Augen für die Bücher. Ehrfürchtig streiche ich mit den Fingern über eine Reihe besonders alter Werke. »Ich würde wahrscheinlich jeden Tag von morgens bis abends hier sitzen und in den Büchern stöbern.«
»Du könntest sie dir aber auch ausleihen und in Ruhe zu Hause lesen.«
»Nein, hier gefällt es mir. Ich würde sie hier lesen, und zwar eins nach dem anderen, bis ich sie alle durchhabe. Unendlich viel Zeit dafür hätte ich dann ja.«
»Die würdest du auch brauchen«, sagt Ruby. »Im Nebenraum befindet sich nämlich noch die himmlische Bibliothek. Darin finden sich neben den Werken der himmlischen Schriftsteller auch Engelskunde und eine ganze Reihe anderer Lehrbücher.«
»Was sind denn himmlische Schriftsteller?«, frage ich.
»Die, die schon zu Lebzeiten geschrieben haben und es im Himmel nicht lassen können. Und die, die immer davon geträumt haben und sich hier verwirklichen. Und dann gibt es noch die Schutzengel-Lektüre der Engel, die ihre Erlebnisse auf der Erde beschreiben. Die ist teilweise recht lustig.«
»Welcher der zu Lebzeiten bekannten Schriftsteller schreibt denn noch? Goethe vielleicht?«
»Nein«, sagt Ruby, »der hat keine Lust mehr.«
»Und Michael Ende?« Der Gedanke gefällt mir, denn womöglich spinnt er den Faden der Unendlichen Geschichte weiter.
»Der schreibt tatsächlich noch.«
»Echt? Und was? Ich meine … dürfen wir mal in diese Bibliothek gehen und nachschauen?«
»Wir können gerne nach nebenan gehen, aber du darfst leider die Werke nicht lesen, die hier oben im Himmel verfasst werden.«
»Ach, das ist aber schade. Aber sehen würde ich die himmlische Bibliothek schon gerne mal.«
»Na gut, dann kommt mal hier entlang …«
Wir laufen einen Gang entlang, und ich bemerke meine zunehmend gute Laune.
»Wahnsinn, oder?«, frage ich Gabriel und bohre meinen Zeigefinger in seine rechte Seite.
»Hey!«
»Pssst«, macht Ruby. »Wir sind da.«
Die Bücher stehen auch hier in zahlreichen Regalen, die nach dem gleichen Paternoster-Prinzip funktionieren. Möglichst unauffällig nähere ich mich den Bücherrücken, um einen Blick auf einen Autorennamen werfen zu können.
»Die Bücher, für die du dich interessierst, stehen weiter hinten, Marly. Du musst dich also gar nicht so verrenken.«
»Sind sie nach Genre, Alphabet oder Erscheinungsjahr geordnet?« Typisch, dass Gabriel das wissen möchte. Männer interessieren sich brennend für Regalsysteme oder Sortiermethoden. Dass hier unbegreiflich wertvolle Schätze stehen, scheint ihm gar nicht bewusst zu sein.
»Lehrbücher, Erlebnisberichte und himmlische Autoren stehen getrennt, sind aber dann jeweils alphabetisch geordnet. Hier vorne findet man Berichte und Lehrbücher, ab etwa dem zehnten Regal stehen die neuen Werke der himmlischen Autoren.«
Andächtig gehe ich den langen Gang entlang und zähle dabei die Regale. Vor dem zehnten drehe ich mich um und sehe Ruby fragend an.
Als er den Kopf schüttelt, seufze ich ergeben auf und gehe brav zurück.
»Tut mir leid, Marly«, sagt Ruby und tätschelt mir den Arm. »Gehen wir weiter? Es gibt neben den Bibliotheken noch zwei Filmarchive.«
Neugierig horche ich auf.
»Stammen daher auch die Aufnahmen aus meinem Leben?«
»Ja, die hab ich mit Liane hier geschnitten.«
»Und dürfen wir da zur Abwechslung auch mal was anschauen?«
»Das werden wir gleich sehen.«
Damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin davon ausgegangen, dass hier im Archiv ein ähnliches System angewandt wird wie in der Bibliothek und die Filme in Regalen aufbewahrt stehen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Hier läuft alles hochmodern ab. Die ganze Halle ist mit Bildschirmen ausgestattet, vor denen jeweils ein Sessel steht. Einige davon sind besetzt.
»Darf ich?«, frage ich, und als Ruby nickt, nehme ich auf einem freien Sessel Platz. Gabriel bleibt hinter mir und guckt mir über die Schulter.
In die Armlehne des Sessels ist ein großes Display eingelassen, das stark an ein iPad erinnert.
»Hier wurde vor Kurzem auf ein neues System umgestellt«, erklärt Ruby.
»Sag bloß, Steve Jobs ist hier oben?«, fragt Gabriel.
»Nein, dem geht es wie Goethe. Er hat genug von seinem irdischen Job und beschäftigt sich lieber mit anderen Dingen. Aber es gibt auch noch weitere helle Köpfe im Himmel.«
»Und wie funktioniert das jetzt alles? Ist doch egal, wer das hier erfunden hat«, sage ich.
»Du gibst deinen Namen, deinen Geburtstag und dein Passwort ein. In eurem Fall heißt es einfach Gast. Der Administrator hat extra einen Account für Besucher angelegt. Dann erscheint ein Feld, in dem du gefragt wirst, wen du sehen möchtest. Gibt es mehrere Personen, die den gleichen Vornamen tragen, kannst du nach Geburtsdatum oder aktueller Adresse selektieren. Gehört die Person zu deinem persönlichen Umfeld, wird nach der PIN gefragt. Aber die hast du nicht. Man muss sie beim Administrator anfordern.«
»Gehöre ich selbst auch zu meinem persönlichen Umfeld?«, frage ich.
»Das hat sie jetzt nicht wirklich gefragt, oder?« Ruby grinst Gabriel an.
»Ich fürchte doch.«
»Ihr seid doof!«, fahre ich dazwischen. »Was ist denn so witzig an der Frage? Du hast Umfeld gesagt, Ruby. Das bedeutet, was um mich herum ist. Also nicht ich selbst.«
»Klingt irgendwie verdammt nach Frauenlogik«, stellt Gabriel fest.
»Okay, dann drücke ich mich anders aus. Du bist tabu. Und alle, die was mit dir zu tun haben, auch. Tut mir leid, Marly.«
»Aber du könntest dich doch anmelden und dir ein paar Momente aus meinem Umfeld anschauen. Bekommt doch niemand mit, wenn ich dir dabei ein wenig über die Schulter gucke. Hier sind alle schwer beschäftigt. Außerdem habt ihr mir doch sowieso schon den Filmzusammenschnitt geschenkt. Bitte, Ruby, irgendwas ganz Unverfängliches.«
»Gepfuscht wird nicht, Marly. Aber ich kann gerne mal den Administrator fragen, ob er eine Ausnahme macht. Ich bin gleich wieder da, wartet hier.«
»Bist du gar nicht neugierig?«, frage ich Gabriel.
»Ehrlich gesagt nicht. An der Vergangenheit kann man sowieso nichts ändern. Mich würde vielmehr ein Blick in die Zukunft interessieren.«
»Damit könntest du mich nicht locken. Ich möchte gar nicht wissen, was demnächst noch alles passiert. Nicht, dass ich dann gleich freiwillig hier oben bleibe, weil es unten ganz schlimm wird.«
»Du solltest nicht immer so pessimistisch sein, Marly. Dein Leben wird bestimmt noch weitergehen. Oder meinst du, sie hätten dich eingeladen, wenn du sowieso in der nächsten Zeit hier eingefahren wärst?«
»So meinte ich das nicht …«
»Okay, dann mach mal Platz.« Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Ruby sitzt ein paar Sekunden später auf dem Sessel und gibt seinen Namen sowie das Geburtsdatum ein: Rubens Ramirez, 04.07.1973.
»Bist du Spanier?«, frage ich neugierig.
»Hast du etwa gelünkert? Dreh dich sofort um, Marly, sonst gebe ich mein Passwort nicht ein, und wir blasen die ganze Sache ab.«
»Ist ja schon gut.« Ich weiß gar nicht, warum Ruby so einen Aufstand macht. Ich bin wahrscheinlich so schnell sowieso nicht wieder da.
»Okay, ich bin soweit. Was möchtest du denn sehen? Es muss allerdings etwas sein, wo du auch drin vorkommst.«
»Ich würde gerne eine Aufnahme aus meiner Kindheit sehen.«
»Datum und Uhrzeit?«
Ich war ein süßes Kind. Und zu dem Zeitpunkt gerade vier Jahre alt und mit meinen Eltern im Urlaub auf Fuerteventura. Ganz versonnen hocke ich mit Eimer und Schaufel im Sand und grabe an einem Loch. Meine Eltern liegen neben mir auf einer großen Decke. Meine Mutter, sie liest gerade ein Buch, ist bildhübsch – und sehr jung. Sie war dreiundzwanzig, als sie mich geboren hat. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war sie also so alt wie ich heute. Mein Vater ist zwei Jahre älter als meine Mutter und sieht in seinem engen Höschen richtig knackig aus. Er hat das gleiche blonde Haar wie ich, die vollen Lippen – und auch meine Knubbelnase habe ich ihm zu verdanken.
»Mama«, fragt das kleine Mädchen, das eindeutig ich bin, »gehst du mit mir Wasser holen?«
»Gleich, Schatz, wenn ich das Kapitel fertiggelesen habe.«
So lange möchte ich anscheinend nicht warten. Ich schnappe mir den Eimer und laufe runter ans Meer. Dort lasse ich Wasser in meinen Eimer laufen. Die große Welle, die auf mich zurollt, nehme ich nicht wahr. Mich interessiert nur der Eimer, der sich langsam füllt. Und dann ist plötzlich mein Vater da. Er schnappt mich und zieht mich nach oben. Kurz darauf schwappt die Welle an Land und spült meinen Eimer davon. Mein Vater trägt mich zu meiner Mutter auf die Decke, die von all dem überhaupt nichts mitbekommen hat. Dann sprintet er zurück ans Meer. Kurz darauf taucht er strahlend mit dem Eimer wieder auf, läuft zu meinem gebuddelten Loch, schüttet das Wasser hinein und sagt: »Komm, kleine Marly, ich helfe dir.«
Dass mein Vater mich immer liebevoll kleine Marly genannt hat, hatte ich ganz vergessen.
»Wie schön!«, sage ich gerührt.
»Möchtest du noch mehr sehen?«
»Gerne, aber das ist doch bestimmt langweilig für euch.«
»Du kannst dir die Filme ja auch alleine anschauen. Ich wähle einfach einen etwas längeren Zeitraum in deiner Kindheit aus. Dann kannst du in aller Ruhe vor- und zurückspulen. Und vielleicht hat unser Tierarzt ja Lust, sich Percy mal genauer anzuschauen?«
»Gerne«, sagt Gabriel, und ich nicke erfreut.
»Findest du den Weg alleine zurück, oder sollen wir dich später abholen, Marly?«
»Das war ja nicht schwer. Einfach nur die Straße hoch, und dann links. Das finde ich.«
»Rechts«, korrigiert Ruby mich.
»Geht schon, ihr beiden. Wenn ich mich verlaufe, frage ich nach dem Weg. Hier gibt es bestimmt genügend Engel, die mir helfen werden. Du bist doch ganz sicher bekannt hier, oder?«
»Natürlich, hier oben kennt jeder jeden.«
»Sag mal, wann müssen wir eigentlich am Paternoster sein? Nicht, dass wir nicht mehr wegkommen.«
»Keine Sorge, ihr werdet morgen Früh um zehn abgeholt.«
»Morgen erst?«, frage ich erstaunt.
»Es hat sich da eine kleine Änderung ergeben. Ich hoffe, dass ist in Ordnung für euch. Ihr könnt bei mir in der WG schlafen. Die Betten sind momentan alle frei.«
»Und was sagt Ben dazu? Oder weiß er es noch gar nicht?«
»Er hat sich für euch gefreut. Und Sarah auch.«
Gabriel scheint ganz zufrieden. »Hört sich doch gut an. Wer hat schon mal in einer Schutzengel-WG übernachtet? Das wird uns unten niemand glauben.«
Doch, denke ich, Rici. Ich freue mich schon auf ihr erstauntes Gesicht.
»Ganz egal, wie oft du es auch behaupten wirst: Das wird dir unten eh niemand glauben!«