

16
Ein guter Liebesfilm läuft etwa hundert Minuten
Zum ersten Mal seit Wochen habe ich tief und fest geschlafen, ohne schlecht geträumt zu haben oder mitten in der Nacht aufgewacht zu sein. Und es hat mich auch niemand aus dem Bett geklingelt, auch nicht Georg, was ich allerdings im nächsten Moment schon wieder bereue. Mein Handy hatte ich die ganze Nacht über an. Ich wäre mit Sicherheit wach geworden, wenn ich eine Nachricht bekommen hätte, trotzdem greife ich danach, um es zu überprüfen. Es ist zehn Uhr, und tatsächlich habe ich doch eine Mitteilung bekommen! Komisch, dass ich das nicht gehört habe. Ich muss wirklich geschlafen haben wie ein Stein. Voller Erwartung schaue ich, von wem sie ist. Ich seufze, als ich sehe, dass sie von Rici ist.
»Wartest du immer noch?«, lese ich.
»Nein, ich gehe jetzt duschen und dann zu ihm. Wenigstens hat er mir gesagt, wo er wohnt.«, tippe ich in mein Handy. Wahrscheinlich wird er denken, dass ich wahnsinnig geworden bin. Es ist jetzt gerade mal ein Tag her – und schon halte ich es nicht mehr aus ohne ihn. Was ist nur los mit mir?
»Braves Mädchen!«, kommt kurz darauf die Antwort.
Eine halbe Stunde später stehe ich vor Georgs Haus und drücke entschlossen den Klingelknopf. Als nur kurz darauf die Türöffnungsanlage summt, zucke ich zusammen. Meine Entschlossenheit schwindet in dem Moment, in dem ich gegen die Tür drücke. Seine Wohnung ist im ersten Stock. Noch kann ich umdrehen und unbemerkt verschwinden …
»Marlene …« Georg trägt wieder seine graue Jogginghose und ein weißes T-Shirt, aber heute finde ich sogar seinen Schlabberlook sexy an ihm.
»Mist«, murmele ich.
»Was ist? Ist was passiert?«
»Nein, aber kaum sehe ich dich, sind sie wieder da – die Schmetterlinge.« Das stimmt nicht ganz. Genau genommen sind sie die ganze Zeit über nicht verschwunden.
»Das hört sich gut an.«
Georg lächelt mich an, und ich atme erleichtert auf. Immer noch stehe ich vor seiner Wohnungstüre und warte darauf, dass er mich hereinbittet. Ob er vielleicht nicht alleine ist? Dann verschwinde ich am besten sofort wieder.
»Ich habe nicht damit gerechnet, dich so schnell wiederzusehen. Ich dachte, du brauchst mehr Zeit. Komm doch rein.«
»Dann hast du dich deswegen gestern nicht mehr bei mir gemeldet? Weil ich dir gesagt habe, dass ich Zeit brauche? Aber das habe ich so doch gar nicht gemeint! Und dann bist du einfach so verschwunden.«
Mittlerweile stehe ich in Georgs Diele, und er hat die Tür hinter uns zugezogen. Er scheint also keinen Besuch zu haben.
»Ich war zugegebenermaßen neugierig, wie lange du es wohl aushältst. Aber ich habe gehofft, dass es nicht allzu lange dauert, bis du merkst, dass ich dir fehle«, gibt er unumwunden zu. »Spätestens morgen wäre ich aber zu dir gekommen, um mal zu schauen, wie weit du schon bist.«
»Ich habe ja nicht wirklich lange gebraucht, oder? Du hast mir nämlich in dem Moment schon gefehlt, in dem du zur Tür raus bist.« Es fällt mir schwer, das zuzugeben, aber es ist die Wahrheit.
»Marlene, heute lasse ich dich nicht mehr gehen …«
»Gestern bist du auf und davon, nicht ich …«
Wenn ich in Filmen schöne Liebesszenen sehe, wünsche ich mir oft sehnsüchtig, ich wäre die Frau, die da gerade weiche Knie bekommt, weil der Mann ihrer Träume sich endlich für sie entscheidet. Ich schmelze geradezu dahin, wenn er liebevoll mit beiden Händen ihr Gesicht umfasst, ihr noch einmal tief in die Augen blickt, um sie erst zärtlich, dann immer leidenschaftlicher zu küssen. Wenn er sie hochhebt, sie auf Händen trägt, was immer spielend leicht aussieht, weil in den Filmen die Frauen federleicht und die Männer sehr stark sind. Wenn er sie in sein Schlafzimmer tragen möchte, dort aber nicht mit ihr ankommt, weil er schon in der Diele nicht von ihr lassen kann. Wenn er sie gegen die Wand drückt und sie ihre Beine um seinen Körper schlingt, sich ihre Bluse herunterreißt und fast wahnsinnig wird, als er durch den seidigen Stoff ihres BHs an ihren Brustwarzen knabbert. Und weil sie Halt sucht, greift sie in den Raum und bekommt dabei den Garderobenständer zu fassen, der daraufhin umkippt und mit einem lauten Knall zu Boden fällt.
»Autsch!«
Ich bin die Frau aus dem Film – und es fühlt sich noch besser an, als ich es mir vorgestellt habe. Nur hat Georg gerade den Aufschrei getan und erschrocken innegehalten, weil ihn der Kleiderständer am Kopf getroffen hat.
»Tut es weh?«, frage ich kleinlaut.
Grinsend reibt sich der Mann, der wirklich verdammt gut aussieht und geradewegs aus einem Liebesfilm in mein Leben gefunden hat, über die schmerzende Stelle.
»Nein, geht schon«, sagt er tapfer, greift nach meiner Hand und zieht mich mit in sein Schlafzimmer.
Ein guter Liebesfilm läuft etwa hundert Minuten und hat in der Regel ein Happy End. Eine einzige Liebesszene mit Georg dauert bedeutend länger – und endet auch glücklich. Ich habe keine Ahnung, wie spät wir es haben, es dürfte aber bestimmt drei Uhr nachmittags sein. Mein Magen knurrt, weil ich seit dem Süßkram gestern Abend nichts mehr gegessen habe.
»Ich hol uns was zu essen«, beschließt Georg und setzt sich auf die Bettkante.
Er hat wirklich einen sehr schönen Rücken, den ich bei der Gelegenheit eingehend mustere. Er dehnt und streckt sich, sodass ich seine Muskeln bewundern kann.
»So wie du aussiehst, gehst du regelmäßig in die Muckibude.«
»Nein, aber ich trainiere ab und zu in der Praxis. Außerdem gehe ich schwimmen oder joggen, manchmal auch Fahrrad fahren. Früher bin ich Triathlon gelaufen, aber an Wettkämpfen nehme ich nicht mehr teil.«
Verschmitzt lächelt Georg mich über die Schulter hinweg an. »Gefalle ich dir?«
»Ja.« Anscheinend hatte Ben recht. Ich stehe wirklich auf ältere Männer. Allerdings sollten sie nicht dicklich, sondern so gut gebaut sein wie der, mit dem ich mich gerade im Bett gewälzt habe. Aber Georg ist ja auch eigentlich nicht so viel älter.
Was Ben wohl dazu sagen würde?, schießt es mir plötzlich durch den Kopf.
»Was ist los? Warum siehst du plötzlich so ernst aus?« Georg nimmt innerhalb von Sekunden wahr, wenn meine Stimmung sich ändert.
»Vielleicht weil ich eben nicht so der lustige Typ bin?«
Zärtlich streicht Georg mir das Haar aus dem Gesicht. In diesem Punkt unterscheidet er sich von Ben. Der würde jetzt irgendeinen Spaß machen, um mich wieder zum Lächeln zu bringen. Georg nimmt mich einfach so, wie ich bin. Er küsst mich sanft und steht auf.
Gerade in dem Moment brummt mein Handy, das irgendwo auf dem Boden liegt. Noch bevor ich etwas sagen kann, hebt Georg es auf und drückt es mir in Hand. »Ich mach mich dann mal an die Arbeit.« Kurz darauf höre ich ihn in der Küche rumwerkeln.
Die SMS ist von Rici. »Wenn du mir nicht bald sagst, was bei dir los ist, platze ich vor Neugierde. Außerdem mache ich mir Sorgen.«
Keine zehn Sekunden später habe ich meine Freundin am anderen Ende der Leitung.
»Hi«, flüstere ich.
»Was ist los? Warum sprichst du so leise?«
»Ich bin bei ihm. Er ist gerade in der Küche und kommt bestimmt gleich wieder.«
»Na und, ich bin deine Freundin, nicht dein Ehemann!«
Rici hat recht. Es gibt nichts zu verheimlichen.
»Eigentlich schade, wir wären bestimmt ein süßes Ehepaar.« Kaum ausgesprochen, muss ich kichern.
»Marly, hast du etwa gerade Sex gehabt?«
»Wieso?«
»Du klingst so!«
»Ja, aber es ist schon vorbei, leider. Du hast genau den richtigen Zeitpunkt abgepasst.«
Als Georg mit einem voll beladenem Tablett zurück ins Schlafzimmer kommt, flachse ich noch immer mit Rici herum.
»Es ist meine Freundin«, raune ich ihm zu. »Sie hat sich Sorgen gemacht und wollte nur wissen, wie es mir geht.«
Georg stellt einen Teller mit gezuckerten Erdbeeren und eine Flasche Sekt auf dem Nachtschränkchen ab, beugt sich zu mir herunter und sagt laut: »Ihr geht es gut. Sie meldet sich … morgen?« Fragend sieht er mich an. Als ich nicke, wiederholt er: »Marlene meldet sich morgen wieder bei dir. Sie hat jetzt leider keine Zeit.« Lachend lege ich auf. Es dauert nicht lange, da brummt mein Handy erneut.
»Du Glückliche!«, lese ich.
Wie richtig Rici damit liegt! Ich bin tatsächlich glücklich. Ob das an den Endorphinen liegt, die beim Sex ausgeschüttet werden? Wenn ja, schwirren anscheinend momentan gleich massenweise davon in meinem Körper herum.
Es ist nicht so, dass ich noch nie guten Sex hatte. Meinen ersten Freund konnte ich zwar diesbezüglich vergessen. Aber mit Timo hat es zum Beispiel immer sehr viel Spaß gemacht, auch wenn es mir manchmal eher wie Sportgymnastik vorkam. Er hatte den Hang dazu, ständig neue Stellungen auszuprobieren. Die waren manchmal sehr anstrengend oder sogar schmerzhaft. Zum Geburtstag hat er mir ein Kamasutra-Buch geschenkt, an dem zumindest er eine Menge Freude hatte. Aber immerhin hat er sich Gedanken darüber gemacht, wie wir unser Sexleben spannend gestalten können. Und es war ihm wichtig, dass ich auch meinen Spaß daran hatte. Wenn ich keine Lust auf anstrengende Experimente hatte, hat er mich auch gerne stundenlang massiert oder anders verwöhnt.
Weniger ist manchmal mehr. Georg hat mich kein einziges Mal verrenkt, verdreht, verknotet oder irgendwie sonst im Bett herumgescheucht. Er hat mich unendlich lange gestreichelt, mal ganz sanft, dann wieder fordernder. Als er betont langsam fast jede Stelle meines Körpers geküsst hat, bin ich fast wahnsinnig geworden vor Verlangen, aber er hat mich warten lassen. Lieber hat er eingehend mit seiner Zunge meine rechte Leistengegend bearbeitet, sich wieder zu mir hochgeküsst und mir ins Ohr geflüstert: »Ich bleibe nur rechts. Das hilft deiner schiefen Gebärmutter. Durch die Kontraktion ziehen sich die Bänder gerade, an der sie hängt.« Als ich deswegen lachen musste, hat er mir gesagt, dass ich sehr schön bin, wenn ich lache. Aber noch schöner sei ich, wenn meine Augen diesen tiefgrünen Farbton annehmen würden, so wie gerade in diesem Moment. Und dann hat er mich geliebt. Dabei hat er ständig irgendwelche schönen Dinge gesagt, zum Beispiel dass ich mich gut anfühle, gut rieche, schöne Haut habe. Ab und zu hat er mich gefragt, ob es richtig so sei, ob er langsamer machen soll, fester oder vorsichtiger. Aber ich hatte nichts, aber auch wirklich gar nichts, an alledem auszusetzen. Ich habe es einfach nur genossen.
Danach habe ich völlig verschwitzt und außer Atem neben ihm gelegen.
»War ich laut?«, habe ich gefragt.
»Ein bisschen«, hat Georg geantwortet, wobei er bis über beide Ohren gegrinst hat – und ich bin rot geworden wie eine vollreife Tomate.
Wahrscheinlich liegt es auch an den Endorphinen, dass ich noch immer keinen großen Hunger habe. Ich habe nur an den Erdbeeren genascht und dazu ein Glas getrunken.
»Hast du Lust auf einen Spaziergang?«, fragt Georg.
Da erst fällt mir auf, dass ich die große Dogge noch gar nicht in der Wohnung gesehen habe.
»Mit Tilda?«
»Ja, sie ist bei meinen Eltern. Sie haben einen großen Garten, in dem sie sich austoben kann. Nachdem Rebecca und ich uns getrennt haben, haben wir unser Haus verkauft, und ich bin in die Wohnung hier gezogen. Sie ist eigentlich zu klein für die große Dogge, und ich wollte schon längst wieder umgezogen sein, aber dann kam die Praxiseröffnung dazu. Und irgendwie fehlte mir bisher auch der nötige Schwung dafür.«
Der Gedanke, dass Georg mit seiner Exfrau in einem Haus zusammengewohnt hat, versetzt mir einen Stich. Das bedeutet, dass sie sich ein Nest gebaut haben, dass er sie geliebt hat – und dass sie vielleicht genauso verschwitzt und glücklich wie ich jetzt in seinen Armen gelegen hat. Dafür dass Georg erst die eine Frau hatte, hat er sich eben verdammt geschickt angestellt. Sie mussten viel geübt haben.
»Was ist los, Marlene?«
Ich bin eifersüchtig, das ist los. Das Gefühl trifft mich völlig überraschend. Ich habe erst ein paar schöne Stunden mit Georg verbracht, und schon läuft mir die Galle über bei dem Gedanken, dass er mit seiner damaligen Ehefrau geschlafen hat. Ich habe überhaupt nicht das Recht, hier irgendwelche Ansprüche zu stellen. Zudem ist sie eine mir völlig unbekannte Person aus seiner Vergangenheit. Und ich habe schließlich auch mit dem einen oder anderen Mann schöne Zeiten verbracht.
»Weißt du was? Ich glaub, ich bin tatsächlich eifersüchtig«, gebe ich perplex zu.