

9
Er soll bleiben, wo der Pfeffer wächst
Ich habe eine Schürfwunde links am Haaransatz, und wenn ich Pech habe, wird eine kleine Narbe zurückbleiben. Ansonsten habe ich den Unfall ganz gut überstanden. Caruso sitzt mittlerweile wieder auf seinem Ast und tut so, als wäre nichts geschehen. Meinen stechenden Blick ignoriert er.
Aus der eigenen Bärlauchcremesuppe ist nun doch eine gelieferte Pizza Diavolo geworden. Dazu serviere ich einen italienischen Salat, gefüllte Pizzabrötchen und die billige Flasche Wein, die es gratis dazu gab. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, so schnell nicht wieder einen Tropfen Alkohol anzurühren, aber heute mache ich doch noch mal eine Ausnahme. Rici hat Ausgang. Das heißt, dass ihr Mann Christoph Emma ins Bett bringt, Rici sich auch mal einen zwitschern darf und heute bei mir schläft. Gemütlich lümmeln wir in unseren Schlafanzügen auf der Couch und verspeisen genüsslich die Pizza, als es klingelt. Wir haben schon halb zehn, so spät bekomme ich nie unangemeldet Besuch.
»Bestimmt Hilde«, vermute ich und gehe zur Tür. Oder will sich der Blonde mit der Dogge etwa noch mal für den Unfall entschuldigen und fragen, wie es mir geht? Er weiß ja, wo ich wohne.
»Papa? Was willst du denn hier?«
»Hallo, mein Schatz!« Mein Vater drückt mir links und rechts einen Kuss auf die Wange. »Warst du schon im Bett? Steckt deine Mutter vielleicht bei dir?«
»Guten Abend, Herr Mazur, lange nicht mehr gesehen.« Wie auf Kommando erscheint Rici neben mir. Höflich streckt sie meinem Vater ihre Hand entgegen.
»Mensch, das ist aber schön, dich mal wieder zu sehen, wenn auch im Schlafanzug!« Mein Vater zieht kurz die Stirn in Falten, wahrscheinlich kommt ihm der Gedanke, wir könnten etwas miteinander haben.
Dann ergreift er spontan Ricis Hand und zieht sie an sich ran. Auch sie wird mit zwei Küssen beglückt.
Abwartend starre ich meinen Vater an. Was will er bloß? Da knufft Rici mich auffordernd in die Seite.
»Ach ja, äh, komm doch rein.
Er lässt sich nicht zweimal bitten. Kurz darauf sitzt er auf der Couch in meinem Wohnzimmer und schaut sich um. »Schön hast du es hier.«
Mein Vater ist kein schlechter Mensch. Ich würde ihn eher als oberflächlich und nicht in der Lage bezeichnen, tiefe Gefühle zu empfinden. Auf jeden Fall scheint er nicht wegen mir hier zu sein.
»Du suchst Mama?«
»Ja, ich dachte, sie wäre vielleicht bei dir. Ihr haltet doch sonst auch immer zusammen. Sie hat sich seit drei Tagen nicht bei mir gemeldet. Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Kannst du nicht mal …«
Irgendwas stimmt hier nicht. Meine Mutter hat sich monatelang nicht bei ihm gemeldet, und er hat sich niemals Gedanken darüber gemacht. Immerhin sind sie seit vielen Jahren geschieden.
»Was ist denn passiert?«, hake ich besorgt nach. Langsam wird mir doch mulmig zumute.
»Ach, eine ganz blöde Sache … Kannst du nicht mal unverbindlich anrufen und fragen, wie es ihr geht? Ich möchte nur wissen, ob alles in Ordnung ist, mehr nicht.«
Ich sehe meine Mutter so etwa im Abstand von ein, zwei Wochen, meistens am Wochenende. Das letzte Mal hatte sie keine Zeit – und seitdem habe ich nichts von ihr gehört, was tatsächlich merkwürdig ist. Normalerweise telefonieren wir regelmäßig unter der Woche.
Kommentarlos stehe ich auf und greife zum Telefon. Dabei habe ich meinen Vater die ganze Zeit im Blick. Nervös wippt er mit dem linken Fuß auf und ab. Das macht mich ganz kirre.
»Mama? Gut, dass du da bist. Ist alles klar bei dir?«
»Ja, wieso fragst du? Mir geht es gut.« Dann macht sie eine kurze Pause. »Ist er etwa bei dir?«
»Papa? Ja, er macht sich aus irgendeinem Grund Sorgen um dich.«
»Er soll bleiben, wo der Pfeffer wächst. Sag ihm das. Ich bin mir außerdem sicher, dass der ganz prächtig in Thailand gedeiht!«
»Aber …«
»Marly, das war das letzte Mal, dass ich ihm vertraut habe. Er soll bloß nicht wagen, hier noch mal aufzutauchen. Und anrufen braucht er auch nicht mehr«, wettert sie weiter – und legt grußlos auf.
»Sie hat sich ganz lebendig angehört«, sage ich zu meinem Vater. »Ach ja, und sie meint, du sollst bleiben, wo der Pfeffer wächst.«
Meines Erachtens wird Pfeffer weitestgehend in Indien angebaut. Auch Madagaskar fällt mir dazu ein, Thailand allerdings nicht. Aber Geografie war sowieso nie meine Stärke.
»Erzählst du mir jetzt endlich, was passiert ist?«
Etwa eine halbe Stunde später sind die Reste meiner Pizza kalt und mein Vater wieder weg.
»Jetzt brauch ich echt was Stärkeres.« Ich mache mich auf die Suche nach irgendetwas Trinkbaren mit einem höheren Alkoholgehalt als Wein. Den restlichen Wodka habe ich weggeschüttet, aber in der Küche finde ich noch einen Grappa Barrique, der bestimmt allein schon wertvoll aufgrund seines Alters ist. Mit zwei Wassergläsern und der geöffneten Flasche stehe ich kurz darauf wieder im Wohnzimmer.
»Schnapsgläser habe ich leider nicht.« Ich lasse mich neben Rici aufs Sofa fallen.
»Das ist der absolute Hammer!« Rici prostet mir zu und genehmigt sich einen großen Schluck der goldgelben Flüssigkeit. Dann grinst sie. »Du hast einen Bruder, Marly! Jetzt bist du kein Einzelkind mehr.«
Die Wurzel des Übels heißt Lukas. Und mein Vater wurde nicht etwa von ihm überrascht, so nach dem Motto: »Hallo, ich bin der Sohn, von dem du bisher nichts wusstest. Ich wurde vor dreißig Jahren während deines Urlaubs auf Mallorca gezeugt. Bestimmt erinnerst du dich an meine Mutter. Sie heißt …«
Nein, mein Halbruder ist gerade mal drei Jahre alt. Mein Vater hat natürlich die ganze Zeit von ihm gewusst, denn er hat ihn mit seiner thailändischen Frau gezeugt, mit der er die letzten Jahre auch zusammengelebt hat. Von der Ehefrau wiederum hat er uns nie etwas erzählt, geschweige denn vom Nachwuchs. Letzte Woche ist seine Ehefrau abgehauen, zurück nach Thailand, und hat ihn alleine mit Lukas sitzen gelassen. Aber das ist noch nicht alles. Mein Vater hat tatsächlich meine Mutter wieder rumgekriegt, sich auf ihn einzulassen. Es klappte auch sehr gut – bis er ihr am Wochenende den Kleinen vorstellte.
»Super, einen Bruder, der vierundzwanzig Jahre jünger ist als ich. Ich könnte seine Mutter sein!« Ich genehmige mir einen kräftigen Schluck aus dem Wasserglas. Dann greife ich erneut zum Telefon.
»Ich wusste, dass ich dich nicht alleine lassen darf. Wäre ich bloß nicht ausgezogen! Kaum hast du sturmfrei, baust du Blödsinn. Du bist ja schlimmer als ich!«, sage ich in vorwurfsvollem Ton zu meiner Mutter.
»Ja, schimpf nur mit mir! Ich habe es nicht anders verdient. Mit fünfzig sollte man über ein bisschen mehr Verstand verfügen. Ich bin tatsächlich schon wieder auf ihn reingefallen. Ich könnte mir in den Hintern beißen vor Wut.«
»Na ja, er kann ja auch sehr charmant sein. Außerdem hat er dich immer geliebt, davon bin ich überzeugt. Auf seine Art eben.«
»Stell dir vor, er hat allen Ernstes geglaubt, ich würde mich um den Kleinen kümmern. Er ist einfach mit ihm bei mir aufgetaucht, ohne mich vorzuwarnen. Hat wohl darauf spekuliert, dass ich weich werde, wenn ich in die großen braunen Kinderaugen sehe.«
»Und?«
»Bin ich nicht! Ich bin hart geblieben.«
»Weiß ich ja. Ich meine, wie sieht er aus?«
»Süß, wie alle Mischlingskinder eben. Der Kleine kann ja auch gar nichts dafür. Er sieht frech aus: braune, große Augen, schwarzes Haar, relativ klein für sein Alter, aber dafür sehr wortgewandt. Gut, dass ich nicht mehr im Kindergarten arbeite. Sonst hätte dein Vater ihn wahrscheinlich einfach dort angemeldet.«
Meine Mutter hat immer mit kleinen Kindern gearbeitet. Und ich finde, das passte auch ganz toll zu ihr. Sie ist kreativ und hat viel Geduld. Wahrscheinlich habe ich meine Liebe für Kunst ihr zu verdanken. Angeblich habe ich schon mit eineinhalb Jahren meine Hände in Farbeimer getaucht und damit auf großen Papierbögen rumgeschmiert, die meine Mutter eigens für mich auf dem Fußboden in der Küche ausgebreitet hatte.
Als ich sechs Jahre alt war, wusste ich, wie man aus alten Zeitungen, Wasser, Kleister und einem Mückenschutzgitter Papier schöpfen kann – und dass es Ärger gibt, wenn man die Kunstwerke auf dem Teppich zum Trocknen ausbreitet. Mit zehn Jahren bekam ich meine erste Staffelei und Acrylfarben geschenkt. Damals beschloss ich, irgendwann mal eine berühmte Künstlerin zu werden.
Seit einem halben Jahr arbeitet meine Mutter in einem städtischen Projekt mit Jugendlichen, die die Schule geschmissen und somit keine Chance auf eine Ausbildung haben. Ich war überzeugt davon, dass sie spätestens nach drei Monaten das Handtuch werfen würde, aber das Gegenteil war der Fall. Sie ist richtiggehend aufgeblüht und hat sich total verändert, auch was ihre Ausdrucksweise betrifft.
»Ganz ehrlich«, schimpfte sie neulich über den gewalttätigen Vater eines ihrer Schützlinge, »dem würde ich am liebsten auch mal was auf die Fresse hauen, damit er merkt, wie sich das anfühlt!« Dabei sah sie aus, als würde sie das absolut ernst meinen. Meine Mutter ist resoluter geworden – und ich bin mächtig stolz auf sie, dass sie das alles so gut hinkriegt. Dass sie sich jedoch wieder auf meinen Vater eingelassen hat, wundert mich. Vor allen Dingen, weil sie mir nichts davon erzählt hat.
»Hast du gewusst, dass er wieder geheiratet hat?«, frage ich.
»Nein, das wusste ich nicht. Sonst hätte ich doch niemals wieder was mit ihm angefangen. Ich will doch keine Ehe zerstören. Immerhin weiß ich, wie sich das anfühlt.«
»Du hast gar nichts zerstört! Kannst du doch nix dafür, dass sie wieder nach Thailand zurück wollte. Bestimmt hat er sie vergrault. Du weißt doch, wie er sein kann.«
»Na ja …«
»Wie, na ja? Jetzt sag schon!«
»Sie hat herausgefunden, dass er sie betrügt und hat ihm ein Ultimatum gestellt.«
»Mama, wie lange lief das denn zwischen euch beiden schon? Du hattest doch ewig gar keinen Kontakt mehr, oder?«
»Heute wären es sechs Monate gewesen.«
»Ein halbes Jahr? Und warum weiß ich davon nichts?«
»Nun … du hattest doch genug um die Ohren. Ich wollte es dir erst erzählen, wenn ich mir sicher bin.«
»Wenn du dir sicher bist? Ich bin keine zwölf mehr! Ich bin eure Tochter! Und was ist überhaupt mit seiner Frau? Du hast doch eben gesagt, du wusstest nichts von ihr.«
»Ich hatte anfangs wirklich keine Ahnung. Aber dein Vater konnte noch nie gut lügen. Also habe ich ihn zur Rede gestellt. Hätte ich gewusst, dass ein Kind im Spiel ist, hätte ich die Finger von ihm gelassen.«
Das ist der Hammer, meine Mutter ist der Hammer!
Ich beende das Gespräch und setze mich neben Rici auf die Couch. Perplex schaue ich sie an.
»Das glaubst du jetzt nicht …«
Meine Freundin hing die ganze Zeit während des Telefonats an meinen Lippen und hat versucht, sich einen Reim aus dem Teil der Unterhaltung zu machen, den sie mitverfolgen konnte. Jetzt wartet sie gespannt auf meine Ausführungen.
Nachdem ich ihr alles ganz genau berichtet habe, fällt ihr nur ein Wort ein.
»Wow«, sagt sie anerkennend. »Das hätte ich deiner Mutter gar nicht zugetraut.«
»Ich auch nicht.«
»Vor einem halben Jahr hast du noch zu Hause gewohnt. Komisch, dass du nichts davon mitbekommen hast.«