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Das bin eindeutig ich – und ich sehe gar nicht gut aus

Es funktioniert nicht wirklich, seine Wünsche einfach so in den Himmel zu funken. Zumindest nicht bei mir. Zwar habe ich sehr schnell in den Schlaf gefunden, aber mitten in der Nacht wache ich aus einem Traum auf, der sich seltsam real anfühlt.

Ich bin mit Nathalie im selben Zimmer. Der Raum kommt mir irgendwie bekannt vor, obwohl ich mir sicher bin, dass ich mich noch nie zuvor darin aufgehalten habe. Nathalie hat ihr rotes Haar streng nach oben gesteckt. Sie trägt eine dunkelgrüne Brille, die ihr sehr weit vorne auf ihre Nase gerutscht ist. Sie sitzt bequem in einem Ohrlehnensessel und blättert in einem Kunstmagazin. In manche Seiten knickt sie Eselsohren.

Ich sitze ihr gegenüber mit angezogenen Beinen auf der Couch und schreibe etwas in ein schwarzes Notizbuch, das ich auf die Knie gelegt habe. Ab und zu werfe ich einen Blick auf Nathalie, die ganz versonnen in ihre Lektüre zu sein scheint. Plötzlich gähnt sie, streckt sich und steht auf. Sie geht in unser gemeinsames Schlafzimmer und legt die Zeitschrift auf das Doppelbett. Ich kann sie von meinem Platz aus beobachten. Als sie an einem großen Spiegel im Zimmer vorbeigeht, schrecke ich zusammen, weil ich darin einen Augenblick lang nicht ihr Spiegelbild, sondern mein eigenes entdecke. Irritiert frage ich mich, wie der Spiegel in unser Schlafzimmer gekommen ist, wo ich ihn doch vorher nie wahrgenommen habe. In den dunkelbraunen Holzrahmen des Spiegels sind kleine Figuren geschnitzt, die ich aus der Entfernung jedoch schlecht erkennen kann. Nathalie sitzt mittlerweile wieder im Sessel und sieht mich schweigend mit ihren unergründlichen grünen Augen an. Dabei wirkt sie so, als würde sie mir irgendetwas Wichtiges erzählen wollen. Gespannt warte ich darauf, dass sie beginnt. Doch dann wache ich auf – und drehe mich sofort im Kreis. Ich habe eindeutig zu viel Alkohol intus.

Nur wenige Augenblicke später hocke ich auf dem Boden vor der Toilette und wünsche mir inständig, meine eigenmächtig gemixten Wodka-Cocktails mögen möglichst schnell wieder ihren Weg nach draußen finden. Mir ist so übel, dass ich mir sehnlichst wünsche, mich richtig ordentlich übergeben zu können. So erbärmlich schlecht ging es mir nach Alkohol noch nie, obwohl ich gelegentlich schon mal mehr getrunken habe. Bestimmt hat sich der Wodka nicht gut mit dem Vanilleeis und dem Multivitaminsaft vertragen.

Ich habe Pech, der Fusel bleibt in mir. Seit ungefähr einer halben Stunde sitze ich im Bad und um mich herum dreht sich alles weiter. Also leide ich noch ein Weilchen vor mich hin, dann schleppe ich mich wieder zurück ins Bett, neben das ich vorsichtshalber einen Eimer stelle.

Es ist drei Uhr morgens. Heute ist Bens Todestag. Mir ist schlecht, ich bin hundemüde, kann aber nicht einschlafen. Ich wünschte mir, ich hätte niemals von Bens Verlobung erfahren. Jetzt habe ich nicht nur tagsüber Nathalies Bild im Kopf, ich träume auch noch nachts von ihr. Und dann auch noch so ein derartig komisches Zeug. Im Traum haben Nathalie und ich uns verhalten, als seien wir ein eingespieltes altes Ehepaar, das auch ohne Worte miteinander kommuniziert. Wir schienen richtig glücklich und zufrieden zu sein und wirkten sehr vertraut miteinander.

Aber was war mit dem Spiegelbild? Und wo kam der Spiegel eigentlich her?

Meine Oma sagte immer, Träume wären eine Reise in die eigene Seele. Würde man träumen, würde das Unterbewusstsein einem etwas mitteilen wollen. Meine Großmutter ist vor zweieinhalb Jahren gestorben. Sie ist ganz friedlich in ihrem eigenen Bett bei sich zu Hause eingeschlafen. Meinen Großvater habe ich nie kennengelernt, da er schon im Krieg gestorben ist. Meine Mutter ist ohne Vater aufgewachsen, da Oma auch nie wieder geheiratet hat. Sie schwärmte auch im hohen Alter noch von meinem Opa, der sie mit einem einzigen Blick dahinschmelzen lassen konnte. Dafür habe ich meine Oma immer bewundert. Sie ist sich und der Liebe ihres Lebens immer treu geblieben.

Zu meinen anderen Großeltern, väterlicherseits, habe ich so gut wie keinen Kontakt mehr. Es kam damals zu einem großen Zerwürfnis zwischen uns, weil meine Mutter meinem Vater den Fehltritt nicht verzeihen konnte. Letztendlich haben seine Eltern meiner Mutter dann die Schuld für die Scheidung gegeben. In einer Ehe hält man schließlich zusammen – in guten, wie auch in schlechten Zeiten, meinte die andere Großmutter damals. Als ich wagte zu erwähnen, dass es unfair sei, dass mein Vater sich die guten ausgesucht habe und uns dafür die schlechten ließ, warf sie mir unverschämtes Verhalten vor. Wir hatten schon vorher nicht viel Kontakt zu den beiden, da sie in Karlsruhe lebten. Heute beschränkt er sich auf eine Karte zu Weihnachten und zum Geburtstag oder einen Gruß, den mein Vater mir ab und an ausrichtet – allzu häufig bekomme ich ihn selbst nicht zu Gesicht. Kurz nach der Trennung hat mein Vater sich noch bemüht, den Kontakt zu mir aufrechtzuerhalten. Aber damals war ich viel zu wütend, um ihm auch nur annähernd eine Chance zu geben. Ich habe ihn jedes Mal abblitzen lassen, wenn er etwas mit mir unternehmen wollte. Ins Kino bin ich lieber mit meinen Freunden gegangen. Unterhalten wollte ich mich mit ihm auch nicht, geschweige denn eine seiner Freundinnen kennenlernen, die im Lauf des ersten Jahres häufig wechselten. Schließlich hat mein Vater aufgegeben. Er hat mir gesagt, dass ich mich melden soll, wenn ich ihn sehen möchte. Ich habe es damals als fehlendes Interesse gedeutet und mich ganz zurückgezogen. Heute sehe ich die Sache ein wenig anders. Ich bemühe mich, den Kontakt zu ihm zu halten. Aber eine innige Verbindung ist zwischen uns nicht mehr entstanden.

Zu meiner Düsseldorfer Oma hatte ich bis zum Schluss ein sehr gutes Verhältnis. Meine Mutter hat oft zu mir gesagt, ich wäre ihr sehr ähnlich. Vielleicht haben wir uns deswegen so gut verstanden. Sie musste nie fragen, wie es mir geht, sondern hat es mir an der Nasenspitze angesehen, wie sie immer so schön sagte. Ich liebte ihre ruhige, ausgeglichene Art und ihre weisen Kommentare. Ich denke noch oft an meine Oma. Sie konnte auch Ben gut leiden. Jedes Mal, wenn wir bei ihr waren, hat sie irgendwelche Andeutungen gemacht und uns gefragt, ob wir denn nun endlich ein Paar wären. Einmal hat sie mich sogar gefragt, ob wir schon in die Kiste gehopst wären – und zwar so laut, dass Ben es hören konnte. Meine Oma fehlt mir, genau wie Ben.

Unglücklich rolle ich mich zur Seite und schließe die Augen. Langsam wird mein Körper wieder schwerer, ich schlafe fast ein, da sehe ich plötzlich wieder den Spiegel aus meinem Traum vor mir. Diesmal ist er die einzige Ausstattung in einem ansonsten ganz leeren großen Zimmer. Der Boden ist mit einem dicken, roten Teppich ausgelegt. Neugierig gehe ich näher, damit ich mir die schönen Schnitzereien genauer ansehen kann. Es sind unendlich viele Gesichter mit ganz unterschiedlichen Physiognomien, die sehr detailgetreu aus dem Holz herausgearbeitet sind. Fasziniert fahre ich mit dem Finger die filigranen Linien entlang. Als mein Blick in den Spiegel fällt und Nathalies Bild zurückwirft, zucke ich erschreckt zusammen. In der Erwartung Bens Verlobte hinter mir zu entdecken, drehe ich mich um. Aber es ist der graue Kater, der genau in diesem Moment durch den Raum stolziert und sich vor dem Spiegel zu meinen Füßen niederlässt.

Wenn sich jetzt Ben darin spiegelt, drehe ich durch, denke ich. Aber er ist es nicht. Ein mir unbekannter Mann lächelt mich aus dem Spiegel heraus verlegen an. Er ist groß, trägt Jeans und ein schwarzes Hemd. Sein Haar ist dunkel und an den Seiten mit grauen Fäden durchzogen. Mit braunen Augen zwinkert er mir zu. Verunsichert werfe ich einen Blick auf Caruso, dann wieder in den Spiegel. Der Mann verschwindet in dem Augenblick, als der Kater sich in Bewegung setzt und auf die Fensterbank springt.

»Warte!«, rufe ich. »Wo willst du denn hin?« Caruso springt mit einem Satz in den Garten, und als ich zum Fenster eile, sehe ich ihn schon im Gebüsch verschwinden. Unentschlossen bleibe ich noch einen Moment am offenen Fenster stehen, bis ich merke, dass ich friere.

Wir haben den 13. Mai. Vor genau einem Jahr ist Ben gestorben. Und ich stehe tatsächlich mitten in der Nacht in meiner Küche, weil ich anscheinend schlafwandle und völlig verrückte Sachen träume.

Das reicht! Ich schüttle entschlossen den Kopf und gehe in mein Arbeitszimmer. Ich knipse die Schreibtischlampe an und fahre den Computer hoch, dann gebe ich Traumdeutung und Spiegel in die Suchmaschine ein. Ich bin hellwach. Aufmerksam lese ich auf mehreren Seiten Erklärungen dazu durch. So in etwa sagen sie alle das Gleiche. Ich weiß jetzt, dass ein Spiegel im Traum, genau wie im Märchen, eine magische Bedeutung hat. In der Realität zeigt uns ein Spiegel unser Gesicht. Im Traum enthüllt uns der Spiegel allerdings unsere Seele. Der in den Spiegel schauende Träumer sieht sich sozusagen seitenverkehrt und kann damit wieder zu sich selbst zurückfinden.

Na toll, denke ich. Normale Leute sehen also ihre Seele, wenn sie im Traum in einen Spiegel schauen. Aber ich erblicke die Verlobte meines besten Freundes, den ich auch geliebt habe. Und es erscheint auch noch irgendein Kerl, mit dem ich wirklich gar nichts anfangen kann. Ich bin mir sicher, dass ich ihn noch nie zuvor gesehen habe, auch nicht in einem Film.

Ich wache auf, weil es wie verrückt bei mir an der Tür klingelt. Mich überfällt ein Schwindel, als ich vom Schreibtisch aufspringe. Bin ich doch tatsächlich über der Tastatur eingeschlafen! Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass wir gerade mal halb neun haben. Um diese Zeit kommen normalerweise nur Rici oder meine Mutter auf die Idee, unangemeldet bei mir hereinzuschneien. Und auch die müssten eigentlich wissen, dass normale, nicht arbeitende Menschen um diese Uhrzeit noch schlafen. Genervt reiße ich die Tür auf.

»Gehört der graue Kater Ihnen?« Vor mir steht ein groß gewachsener Mann mit blondem Haar und schaut mich vorwurfsvoll an.

»Meinen Sie Caruso?«, frage ich automatisch, obwohl er definitiv nicht zu mir gehört. Außerdem ist er ja wieder bei Nathalie.

»Wie auch immer er heißt, können Sie Ihren Kater bitte nicht auf die Straße lassen, wenn ich mit meinem Hund morgens unterwegs bin? Jeden Tag liegt er unter einem Auto und wartet darauf, dass wir vorbeikommen. Und dann schießt er wie eine Furie mit spitzen Krallen auf meinen Hund los. Ich bin auch schon auf der anderen Straßenseite gegangen, aber das bringt nix. Irgendwie scheint das gerissene Kerlchen immer zu ahnen, wo wir langgehen werden – und zack, kommt er angeschossen. Er ist geradezu besessen von meinem Hund. Die arme Tilda ist schon ganz verstört.«

Ich verstehe nur Bahnhof. Und zu allem Überfluss wird mir schon wieder übel.

»Entschuldigung«, nuschele ich, schmeiße die Tür zu und sprinte zum Bad, in dem sich das rettende Klo befindet. Endlich kann ich mich von den undankbaren Cocktails des vergangenen Abends befreien. Danach gurgele ich ausgiebig mit einer Mundspülung und werfe einen Blick in den Spiegel. »Scheiße!« Das bin eindeutig ich – und ich sehe gar nicht gut aus. Trotzdem fühle ich mich besser, seitdem das Teufelszeug endlich aus mir raus ist.

»Sind Sie noch da?«, rufe ich in den Hausflur.

Keine Antwort. Mein Arbeitszimmer liegt nach vorne raus, zur Straßenseite. Schnell laufe ich zum Fenster und werfe einen Blick nach draußen. Vor dem Haus steht prompt noch der Typ, der eben noch bei mir wegen Caruso die Welle gemacht hat, und bindet seinen Hund von der Gartenpforte los. Ich bin mir nicht sicher, aber es könnte eine Dogge sein. Ob der riesengroße Hund die verstörte Tilda ist? Und was hatte die Sache mit der Katzenattacke zu bedeuten? Ich sehe mir den Blonden von meiner erhobenen Position aus etwas genauer an. Er trägt eine ausgeleierte Jogginghose, Turnschuhe und eine schwarze Kapuzenjacke. Sieht mit seinen verstrubbelten Haaren gar nicht so übel aus, finde ich.

Ich überlege gerade, ob ich das Fenster öffnen soll, um die Sache zu klären, da sehe ich Frau Schuster auf ihn zukommen. Auf dem Arm trägt sie einen grauen Kater.

»Das darf doch nicht wahr sein!«, entfährt es mir. Aber es ist wahr. Es ist zweifelsohne Caruso. Der müsste doch eigentlich bei Nathalie sein!

Frau Schuster bleibt kurz bei dem Hundebesitzer stehen. Die beiden scheinen sich zu kennen und wechseln ein paar Worte, bis die Dogge beeindruckend laut zu bellen anfängt. Dann trennen sich ihre Wege, und es dauert nicht lange, da klingelt es erneut. Wie nicht anders zu erwarten, steht meine Nachbarin vor Tür. Wie ich durch den Türspion sehen kann, hält sie auf dem Arm noch immer Caruso. Ich denke kurz daran, einfach nicht zu öffnen und mich wieder ins Bett zu legen. Der Kater gehört schließlich nicht zu mir, aber das sieht Frau Schuster anscheinend anders. Und Caruso auch. Es klingelt wieder.