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Die graugestreifte Katze versuchte, die Schneeflocken zu fangen, die gegen die Fenster der Galerie Rackmoor stoben und zerschmolzen. Sie fuhr mit den Pfoten immer wieder gegen das Glas und ließ sich bei diesem frustrierenden Unterfangen auch dann nicht stören, als es an der Tür klingelte und Jury hereinkam.
Drinnen war es kaum dunkler als draußen. Es hatte zu schneien angefangen, als Jury Berties Haus verlassen hatte, und Rackmoor lag nun in dämmrig-düsteres Dunkel gehüllt da.
Aus der kleinen Küche im hinteren Teil hörte man Gepolter – vielleicht war eine Pfanne heruntergefallen –, danach einen Schwall von Obszönitäten, gefolgt von ein paar falschen Pfeiftönen. «Mr. Rees!» rief Jury.
Adrian erschien. In dem schwachen gelben Licht der Küche war nur seine Silhouette zu erkennen. «Ah, Inspektor! Gerade zur rechten Zeit, um mein bescheidenes Frühstück aus getrocknetem Haferkuchen mit mir zu teilen. Das, was die arme kleine Jane Eyre in ihrer fürchterlichen Schule essen mußte. Na ja, eigentlich brate ich mir ja Eier mit Speck, aber Tage wie diese schlagen mir immer ein wenig aufs Gemüt. Was gibt’s?»
«Ich würde gern noch einmal das Bild sehen, das Sie von der Temple gemalt haben.»
«Endlich ein Kunde! Wieviel wollen Sie dafür zahlen?» sagte Adrian grinsend und führte ihn nach oben.
Das Ölgemälde stand auf der Staffelei, die Adrian in die Nähe eines Fensters gerückt hatte, um das schwache Licht so gut wie möglich zu nutzen. Die Wirkung auf Jury war wieder dieselbe; es spukte in seinem Kopf.
«Sind Sie sicher, daß sie genauso aussah?»
Adrian seufzte, nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse und versuchte dabei, nicht mit dem Löffel in Konflikt zu kommen. «Sie fragen mich immer das gleiche. Ja, ja und noch mal ja.»
«Das ist nicht Gemma Temple.»
Jury drehte sich um und ging nach unten. Adrian blieb oben zurück und starrte mit offenem Mund auf die leere Treppe und dann wieder auf das Bild.
Jury zog seine irische Mütze aus der Tasche und schob sie sich auf den Kopf. Der Schnee schmolz sofort wieder weg. Als er die Hauptstraße entlangging, wünschte er sich, daß da große Haufen Schnee liegen würden – trocken, weiß, unberührt …
Hinter sich hörte er eine Stimme, die seinen Namen rief. Er drehte sich um und sah Wiggins, der auf ihn zurannte.
«Was ist mit Adrian Rees?» Der Sergeant atmete schwer und holte seinen Inhalator heraus, während sie Seite an Seite weitergingen.
«Nichts. Ich wollte nur das Gemälde sehen.»
«Gemälde? Welches Gemälde? Ich dachte, Sie seien los, um ihn zu verhaften. Sie sahen aus wie …» Wiggins fand nicht die richtigen Worte. Er hob den Inhalator an seine Nasenlöcher.
«Das von Gemma Temple. Das heißt von dieser Frau, die er für Gemma Temple gehalten hat. Ich erkläre Ihnen das mal …»
Sie waren in die Bridge Walk eingebogen und die kleine, enge Treppe hinaufgestiegen. Plötzlich blieb Jury stehen und schaute zur Brücke. «Wer zum Teufel ist das?»
Wiggins blinzelte durch den Schnee, der inzwischen stärker fiel. «Sieht aus wie Mr. Plant und Arnold.»