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Melrose Plant saß an dem einen Ende des dunkel schimmernden Speisezimmertischs, der sich wie ein vom Mond beschienener See vor ihnen ausdehnte; er schien mindestens einen halben Kilometer lang zu sein. Melrose frühstückte gerade, und zwar zunächst weiche Eier mit Butter. Er hatte so lange geschlafen, daß es ihm schon peinlich war, und dann den Butler gefragt, ob er noch eine Tasse Kaffee haben könne. Während der Colonel sich offensichtlich über seinen Besuch freute, war Julian alles andere als erfreut. Es war nicht die Person Melrose, die Julian störte, sondern allein die Tatsache, daß irgendein Neuer auftauchte. Julian hatte mit der Polizei bereits genug am Hals, Wood versicherte Melrose, der Colonel habe darauf bestanden, daß das Frühstück warm gehalten würde. Colonel Crael war zu seinen Hundezwingern nach Pitlochary gefahren, berichtete Wood. Julian Crael machte seinen Morgenspaziergang.

Melrose kam das ganz gelegen. Er hielt den Colonel für einen großartigen alten Mann, während er Julian nicht besonders mochte – unter anderem, weil er so blendend aussehenden Männern einfach mißtraute. Julian war, was das Aussehen betraf, von der Natur mehr als verschwenderisch bedacht worden. Vielleicht war Melrose aber auch nur eifersüchtig auf seine Jugend, weil er selbst schon Anfang Vierzig war. Aber so jung war Julian auch wieder nicht – wahrscheinlich nur fünf oder sechs Jahre jünger. Aber die Jahre konnten Julian nichts anhaben. Und das fand Melrose unverzeihlicher als alles übrige.

Als Melrose seinen zweiten Bückling zerlegte, hörte er ein leises Klirren, und Olive Manning, die Haushälterin, kam in das Speisezimmer gerauscht. Melrose hatte angenommen, mit den Brontës und den Geisterromanen wären auch die Schloßfrauen verschwunden, doch nun stand eine leibhaftig vor ihm, den Schlüsselbund am Gürtel.

«Colonel Crael hat mich gebeten, nachzusehen, ob Sie irgend etwas benötigen. Außerdem soll ich Sie fragen, ob Sie später mit ihm ausreiten wollen.»

Verdammt, dachte Melrose. Geschah ihm ganz recht, warum hatte er dem Colonel auch von seinem Pferd auf Ardry End erzählt. «Nett von ihm. Wenn nur mein Knie nicht so verflucht weh täte. Muß mir letzte Woche beim Springen eine Sehne verzerrt haben.» (Melrose verfiel immer, wenn er log, in diesen kumpelhaften Jargon. Als müsse er dazu in eine andere Rolle schlüpfen.)

Olive Manning nickte, verzog aber keine Miene; kaputte Knie schienen nicht in ihr Ressort zu fallen. Sie murmelte jedoch ein paar teilnahmsvolle Worte, die nicht sehr aufrichtig klangen. «Hoffentlich wird Ihr Knie bald besser, sonst können Sie nicht mit auf die Jagd gehen.»

«Du liebe Güte, wie schrecklich.» Er erhob sich und zog einen Stuhl hervor. «Wollen Sie nicht einen Kaffee mit mir trinken?»

Sie schien mit sich zu kämpfen, aber nicht, weil sie ihren Platz kannte – Olive Manning wurde beinahe wie ein Familienmitglied behandelt –, sondern weil er ihr irgendwie verdächtig erschien. Melrose würde sein Thema – den Kostümball – vorsichtig einkreisen müssen.

Das Mißfallen war gegenseitig. Ihm mißfielen ihre verkniffenen Züge, ihr spitzes Kinn, ihre zusammengezogenen Brauen und ihre gespitzten Lippen. Sie schien gegen Gott und die Welt einen unterdrückten Groll zu hegen. Der Kopf mit dem schwarzen Haarschopf saß auf einem dürren, in dunklen Batist gehüllten Körper (bestimmt das Feinste, was es bei Liberty zu kaufen gab). Sie setzte sich – den Kaffee lehnte sie ab – und legte die Hände auf den Tisch. An ihrem Finger steckte ein rosafarbener Topas, an dem selbst ein Pferd erstickt wäre. Offensichtlich nagte im Old House keiner am Hungertuch.

«Sir Titus sagte, Sie seien Lady Margarets engste … Vertraute gewesen.»

«Zofe» oder «Hausangestellte» wollte er nicht sagen.

«Ahh.» Sie sprach diese Silbe sehr weich aus; einen Augenblick lang entspannte sich ihr Mund.

«Ich habe sie leider nicht kennengelernt. Aber mein Vater, Lord Ardry, hat mir viel von ihr erzählt … er sagte, er hätte nie eine schönere Frau gesehen.»

Das war offensichtlich die richtige Strategie. Mrs. Manning lächelte beinahe. «Ja, ich hab auch noch keine gesehen, die ihr das Wasser reichen konnte. Ihr Haar glitzerte wie ein Wasserfall, wenn sie es offen trug. Die beiden Jungen, Julian und Rolfe, haben es von ihr geerbt.» Sie wandte den Blick ab. «Rolfe lebt auch nicht mehr, aber das wissen Sie wohl.»

«Ja, schrecklich, beide auf einmal zu verlieren, Frau und Sohn. Ein Autounfall, sagte mir der Colonel.»

Sie seufzte. «Vor achtzehn Jahren ist das passiert. Rolfe war erst zweiunddreißig.» Sie spielte ständig mit einem Silbermesser herum, als wollte sie es gleich hochheben und sich – oder ihm – in die Brust stoßen. Ihr verkrampftes Gesicht hatte sich etwas entspannt und einen leidenden Zug angenommen. Er wußte, daß ihr Sohn in einer Anstalt war, aber er hatte nicht vor, dieses Thema anzuschneiden. Er sah sie von der Seite an.

«Eine Tragödie. Es ist also nur noch Julian übrig?»

«Ja.» Ihr Blick war wie ein Peitschenhieb. Er war zu nahe an das Thema herangekommen, über das sie nicht sprechen wollte. Melrose schob sich den Rest seiner Zigarre in den Mundwinkel und lehnte sich zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er blies einen Rauchkringel in die Luft. «Gehen Sie gern auf die Jagd, Mrs. Manning?»

Das war ungefährlicher. Ihre Züge entkrampften sich wieder.

«Ja, sehr gern. Ich bin schon als kleines Mädchen mit auf die Jagd gegangen. In diesem Haushalt geht das gar nicht anders.» Das Licht, das auf ihr Haar fiel, war so matt und gedämpft, als käme es durch eine Milchglasscheibe. Sie mußte einmal eine hübsche Frau gewesen sein, bevor diese unterdrückte Wut von ihr Besitz ergriffen hatte.

«Julian ist aber nicht so versessen darauf. Für seinen Vater muß das ja eine herbe Enttäuschung sein.» Melrose lächelte.

«Nein, Julian ist –» Ihr Blick streifte ihn wieder wie ein Schlag mit der flachen Hand, dann wandte sie sich ab und starrte aus den hohen Fenstern.

«Und von Parties hält er wohl auch nicht gerade viel?» Melrose blickte überallhin, nur nicht auf sie.

Ihr Körper versteifte sich, und sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück. «Julian ist einfach nicht sehr gesellig. Nicht wie –»

Als sie stockte, hakte er sofort nach. «‹Nicht wie› –»

«Ich dachte an Rolfe. Rolfe war eher der Sohn seines Vaters. Und seiner Mutter, was das betrifft.» Ihr Ton war unbeteiligt, neutral. Ob sie nun Julians Verhalten billigte oder nicht, ließ sich nicht erraten.

Melrose beschloß, die Sache direkter anzugehen. «Es ist wirklich zu dumm, daß er jetzt auch noch unter Verdacht steht. Ich meine Julian.»

«Ich weiß, wen Sie meinen, Lord Ardry. Es ist natürlich lächerlich.» Sie erhob sich und strich sich das Haar, das im Nacken zu einem Knoten geschlungen war, an den Schläfen zurück. «Ich muß noch ein paar Anrufe für die Köchin erledigen. Wie lange werden Sie bei uns bleiben, Lord Ardry?»

«Oh, ich weiß nicht. Ich bin gerade von York hierhergeflitzt. Ich denke, noch ein paar Tage. Zwei oder drei.» Oder vier oder fünf. «Und nennen Sie mich doch einfach Plant, Mrs. Manning. Nicht Lord Ardry.»

Sie schien es überhaupt nicht komisch zu finden, daß der einzige Sohn sich nicht mit dem Titel seines verstorbenen Vaters schmücken wollte. «Ah, gut. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen.»

 

Eine Glanzleistung, beschimpfte sich Melrose, als er vom Speisezimmer in den Raum hinüberging, den der Colonel sein «Nest» nannte. Einfach umwerfend, mit welcher Leichtigkeit du das aus ihr herausgeholt hast. Eine Wurzelbohrung ist nichts dagegen. Wütend ließ sich Melrose in einen Sessel fallen und schlug die Beine übereinander. Er drückte den Stummel seiner Zigarre aus und zündete sich eine neue an; dann blickte er sich suchend nach einer Karaffe um und entdeckte gleich zwei, die eine astronomische Summe gekostet haben mußten. Er holte sich ein Glas Portwein, lehnte sich zurück, rauchte und trank und starrte zur Decke hoch. Mit Decken kannte er sich aus. Diese hier war ein wahres Kunstwerk. Angelika Kauffmann? Joseph Rose? Er war sich nicht sicher. Es war auf jeden Fall ein fabelhafter Stukkateur gewesen – eine Decke, die beruhigend wirkte, die ihm half, sich zu konzentrieren. Die Unterhaltung vom Abend zuvor war ihm so gegenwärtig, als hätte er sie gedruckt vor sich liegen.

 

«Erpressung?» hatte Julian Crael zu ihm gesagt und frostig gelächelt. «Und womit zum Teufel hätte diese Temple mich erpressen können?»

Melrose hatte strahlend geantwortet: «Was weiß ich, alter Junge, was haben Sie denn so auf dem Gewissen?»

Sie waren im Salon gewesen; Julian hatte neben dem Kamin unter dem Porträt seiner verstorbenen Mutter gestanden. Und Melrose hatte sich gefragt, ob die Flammen nicht auch diese gletscherblauen Augen zum Schmelzen bringen könnten. «Ich befürchte, es gibt nichts in meiner Vergangenheit, für das es sich lohnt, ein paar Scheine hinzublättern.»

«Ein über jeden Verdacht erhabener Bürger? Angenommen, jemand sagte Ihnen auf den Kopf zu: ‹Ich weiß, was Sie getan haben›, würden Sie dann nicht rennen, was das Zeug hält?»

Er behielt sein frostiges Lächeln bei, verzichtete aber auf eine Antwort.

«Du lieber Himmel», bohrte Melrose weiter, «selbst ein Unschuldslamm wie ich, das sich einfach nur ziellos treiben läßt, kann sich an ein oder zwei Dinge erinnern, über die ich keinen reden hören möchte.» Melrose lächelte einnehmend.

Julian stellte sein Glas auf den Tisch und sagte: «Dann schlage ich vor, daß Sie selbst auch nicht darüber reden.» Damit entschuldigte er sich und ließ Melrose einfach stehen.

 

Melrose seufzte und starrte zur Decke hoch. Er befürchtete, Sir Titus würde nicht gerade begeistert sein, wenn er entdeckte, daß Melrose – ein Außenstehender – Julian zum Reden bringen wollte. Julian war in Melroses Augen ein Hagestolz ohne jeglichen Charme; einer, vor dem Hunde und kleine Kinder davonliefen. Aber nicht die Frauen, die bestimmt nicht. Julian Crael war zwar nicht verheiratet, aber Melrose hätte wetten können, daß es von York bis Edinburgh keine Frau im heiratsfähigen Alter gab, die sich nicht die Hacken nach ihm ablaufen würde. Sein Aussehen, sein Geld, sein Name!

Melrose dachte (in aller Bescheidenheit, ein dünnes Stimmchen schien es ihm zuzuflüstern), ich kenne das schließlich. Obwohl er nicht so blendend aussah. Beim Aufundabgehen konnte er es sich nicht verkneifen, gelegentlich einen kurzen Blick in den Spiegel zu werfen, dessen Goldrahmen durcheinanderpurzelnde Putten zierten. Sein Spiegelbild erschien ihm durchaus passabel, auch wenn er sich nicht mit Julian messen konnte. Aber wer konnte das schon! Er dachte an das Porträt über dem Kamin im Salon. Julian sah aus wie seine Mutter. Er trat an einen mit Zeitschriften, Füllfederhaltern und Büchern übersäten Lesetisch und schaute sich die Buchrücken an: Whythe-Melville: Das Vergnügen der Jagd, Jorrocks – alles nur Bücher über die Jagd. Dann goß er sich noch etwas Portwein nach, stöpselte die Waterford-Karaffe zu, ging zu seinem Sessel zurück und starrte wieder zur Decke.

Julian Craels Motiv lag sozusagen auf der Hand. Falls diese Temple wirklich das Mündel des Colonel gewesen war, hätte sie nicht nur Anspruch auf sein Geld gehabt. Sie hätte auch die Zuneigung des alten Mannes für sich beanspruchen können. Also ein Dorn im Auge des jüngeren Crael …

Leider hatte Julian Crael auch ein hieb- und stichfestes Alibi.

Das war der Haken an der Sache. Zum Zeitpunkt des Mordes war Julian auf seinem Zimmer gewesen. Er war von einem Spaziergang zurückgekommen und sofort auf sein Zimmer gegangen, ohne sich um die Partygäste zu kümmern. Und dort war er auch geblieben – was er beweisen konnte.

Melrose Plant schloß die Augen und massierte sich die Kopfhaut, wohl damit sein Gehirn durchblutet würde und ihm die Lösung des Rätsels lieferte. Als er damit aufhörte, stand sein heiles Haar in allen Richtungen von seinem Kopf ab. Er wollte nicht verzagen vor diesem Carter-Dickson-Rätsel mit verschlossenen Türen.

Wo steckte bloß Jury!

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