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Dr. Dudley wischte sich die Hände ab und schüttelte den Kopf. «Raffiniert eingefädelt – aber so kann es nicht passiert sein.»
«Das habe ich mir schon gedacht», sagte Jury und beobachtete, wie Harkins’ Männer beinahe wie Hunde ausschwärmten und sich entlang der Steinmauer verteilten. Sie kämmten alles nach Spuren ab.
Harkins stand in seinem mit Schafsfell gefütterten Mantel herum und rauchte. «Raffiniert ist der richtige Ausdruck.» Harkins fuhr mit seiner behandschuhten Hand über die Steine. «Ich würde nicht gerne darauf fallen wollen, weiß Gott nicht.»
Der Arzt war gerade dabei, seine Sachen wieder in die Tasche zu verstauen. «Sie könnten ruhig darauf fallen. Es würde Sie nicht töten, obwohl es einigen Schaden anrichten würde.» Er klappte seine Tasche zu und erhob sich. «Diese Steine könnten Sie zwar ganz schön zerfetzen, aber nicht wie eine Reihe von Messern durchbohren. Die Verletzungen stammen nicht von den Steinen, das ist sicher.»
«Ich wage kaum, Sie zu fragen, von was sonst», sagte Jury und sah Dudley an.
«Es war wohl die gleiche Waffe wie bei dem Temple-Mord.»
«Und da wir noch immer nicht wissen, was es war …» Harkins ging zu der Stelle, wo man Olive Mannings Pferd gefunden hatte. Es stand da, als warte es darauf, daß sie wieder aufsitzen würde. Die Leiche wurde gerade auf Jurys Anweisung hin in einer Plastikhülle zu dem wartenden Combi geschafft, dessen Blaulicht gespenstisch aufleuchtete. Die Männer aus Pitlochary hatten diesen abgelegenen Tatort über einen alten Feldweg erreicht, der von der Straße nach Pitlochary abging und über das Howl-Moor führte. Von da an waren die Wegverhältnisse ziemlich schwierig. «Jemand hat sie also erstochen und über diese Mauer geworfen, damit es so aussieht, als hätte das Pferd sie abgeworfen, und ist dann weggeritten. In der Tat raffiniert. Nur hat dieser Jemand das Pferd nicht bedacht. Es stand auf der falschen Seite der Mauer.» Harkins schnitt das Mundstück von seiner handgerollten Zigarre ein.
Jury sah ihn an. Harkins wäre ihm zwar bedeutend sympathischer gewesen, wenn er seine Leute weniger geschunden hätte. Aber er war zweifellos ein guter Polizist.
Der Arzt sagte: «Es könnte vor ungefähr vier oder fünf Stunden passiert sein. Ich kann Ihnen genaue Angaben machen, sobald ich sie im Leichenschauhaus habe.»
«Es muß also kurz vor Jagdbeginn geschehen sein. Soviel ich weiß, fing sie um sieben oder halb acht an.»
«Ein höllischer Zeitpunkt», sagte Harkins und ließ den Blick über das kalte, öde Moor schweifen. «Und ein höllischer Ort für ein Rendezvous.»
«Das stimmt. Aber wir wissen jetzt, warum er gewählt wurde», sagte Jury.
Jury mußte durch ein braunes Meer von Hunden waten, deren Schwänze wie Wimpel hin- und hergingen und die gerade von zwei Jagdhelfern in einen wartenden Wagen getrieben wurden. Tom Evelyn näherte sich ihm auf einem rötlich schimmernden Pferd. Jury stellte erstaunt fest, daß manche Menschen für ihren Beruf wie gemacht zu sein schienen. Es sah aus, als wäre Evelyn in seinem roten Jagdanzug und mit den Reitstiefeln auf sein Pferd gemalt worden.
«Ich möchte, daß Sie noch eine Weile hierbleiben, Tom.»
Evelyn tippte mit den Fingern gegen seinen Hut, sagte aber nichts.
Um das Old House herum standen Pferdewagen, Wohnwagen, Combis, Lastwagen, Autos und Land Rovers. Jury ging über den Hof, vorbei an den noch dampfenden Pferden und an den dort versammelten Frauen und Männern, die je nach Menge des gereichten Satteltrunks besser oder schlechter gelaunt waren. Jury wollte gerade die Treppe hinaufgehen, als er hinter sich eine Stimme hörte:
«Inspektor Jury, ich habe was für Sie.»
Lily Siddons saß auf Red Run, ihrer haselnußbraunen Stute, und sah einfach umwerfend aus. Sie hatte nichts mehr gemein mit dem Mädchen, das er in der Küche des Cafes «Zur Brücke» gesehen hatte. Sie trug weder den schwarzen Melton noch den einfachen Tweed der anderen Frauen. Lily hatte einen jagdgrünen samtenen Reitanzug an. Es war kaum zu fassen, daß es ein und dieselbe Person war. Ihre bernsteinfarbenen Augen schimmerten sogar in der fahlen Morgendämmerung. Sie hatte ihre Kappe abgenommen und an den Zügeln befestigt, und ihr goldenes Haar wehte in der sanften Brise. Sie war nicht mehr «die Kleine der Köchin». Das hier war ihr eigentliches Milieu. Sie sah elegant, gelassen und sehr sicher aus.
Wahrhaftig wie eine echte Crael.
Er nahm den silbernen Becher, den sie ihm herunterreichte.
«Was ist das?» Jury versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht so recht.
«Ein Satteltrunk, zum Aufwärmen.» Ihre Augen wurden dunkler, wie er es bereits zuvor gesehen hatte, wenn sie etwas bedrückte. «Schrecklich. Aber wenn ich ehrlich bin – ich habe Olive Manning nie gemocht. Und es gibt keinen Grund –» Sie zuckte leicht mit den Schultern und ritt auf Red Run über den Hof, wobei die Hufe auf den Steinen hallten. Jury trank nichts, sondern hielt nur wie gelähmt den Becher in der Hand. Er sah, wie sie im Stall vom Pferd stieg, und fragte sich, wie er nur hatte so blind sein können.
Während er sie betrachtete, schien der Nebel aufzusteigen, sich aufzulösen und in die Bäume zurückzuziehen. Die Sonne war zwar noch nicht zu sehen, aber es war heller geworden. Der Himmel war milchig; der Morgen hatte eine Farbe wie altes Zinn. Für ihn setzte sich Lily Siddons’ Leben plötzlich zu einem einheitlichen Ganzen zusammen, vergleichbar den kleinen Stückchen in einem Kaleidoskop, die ein Muster bilden.
Da waren die Goldjungen: Julian und sein Bruder Rolfe. Mary Siddons war von Lady Margaret einfach ausgebootet und Rolfe, der Frauenheld (meist Held der falschen Frau), nach Italien verfrachtet worden. Daraufhin Mary Siddons’ Selbstmord. Die Goldkinder. Dieses unbeschreibliche Haar, das ihm schon am ersten Abend, als sie im Gegenlicht stand, aufgefallen war. Lily Siddons hatte Lady Margarets Haare geerbt. Sie war Colonel Craels Enkelin.