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Das Hotel «Royal Victoria» machte seinem Namen keine Ehre. Es stand eingekeilt zwischen zwei Gebäuden, von denen das eine den Namen «Arab Star» trug; ein Krummsäbel und ein Stern waren auf ein Schild gemalt, dessen Farbe bereits abblätterte. Aus der Tür traten zwei junge Männer mit schwarzen Schnurrbärten, die sich gestikulierend unterhielten.
In einem kleinen Raum mit einer Tür im Cottage-Stil saß ein Mädchen, das der Bemalung ihrer Lippen sichtlich mehr Aufmerksamkeit als ihren potentiellen Kunden widmete. Schließlich schlenderte sie auf ihn zu und musterte ihn aus ihren lila geschminkten Augen. Sie blies eine Kaugummiblase und sog sie zurück in den Mund. Er zeigte seinen Ausweis. «Ich suche eine Frau, die möglicherweise hier gewohnt hat. Ihr Name ist Roberta Makepiece.»
«Kann mich, glaube ich, an niemand mit dem Namen erinnern. Sie kommen und gehen.» Sie bemühte sich, ihren Busen unter der blauen Strickjacke zur Geltung zu bringen. Unter Jurys Kinn erschien eine zweite Kaugummiblase. Dann sagte sie: «Dotty könnte was wissen.»
«Wer ist Dotty?»
«Die Besitzerin.»
«Und wo ist Dotty?»
«In Manchester. Sie ist mit ihrem Kerl da hingefahren.» Ihre Wimpern flatterten. Die dick aufgetragene Mascara hatte unter ihren Augen schwarze Tupfer hinterlassen.
«Und wann wird Dotty wieder zurück sein?»
«Wie soll ich das wissen?»
«Und wie soll ich dann Dotty fragen?»
Der Sarkasmus wirkte. «Nun, Sie können ja Mary fragen. Wenn diese Person hier gearbeitet hat, dann weiß es Mary.»
«Wo ist diese Mary?»
Sie hielt jetzt einen kleinen Taschenspiegel in der Hand und inspizierte erneut ihren Mund. Jury, der sich nur noch für Mary interessierte, langweilte sie. «Mary Riordan. Irgendwo dort …» Sie machte eine vage Handbewegung. «Ich nehme an, sie deckt die Tische im Eßzimmer.»
Im Eßzimmer waren zwei Mädchen, besagte Mary und ein zweites träges Mädchen vom Lande mit zwei dünnen braunen Zöpfen und rötlicher Gesichtsfarbe, die mit lethargischen Bewegungen Servietten und das Besteck auflegte.
Mary sah zum Glück weniger einfältig aus. Sie hatte eine weiche, rauchige Stimme und einen irischen Akzent, der gut zu ihren auffallend blauen Augen paßte. «Roberta Makepiece? Also, jetzt … ja. Ich erinnere mich jetzt. Sie hat aber nicht lange hier gearbeitet.» Mary hielt ihr Metalltablett wie einen Panzer vor ihre Brust. «Sie ist mit einem Kerl abgehauen.»
Das «Royal Victoria» schien für Liebespaare gut zu sorgen. «Sie wissen nicht, wohin?» Jury hatte die Hoffnung schon aufgegeben, als Mary nickte und sagte: «Könnte sein. Wissen Sie, ich habe einen Brief von ihr bekommen … eigentlich war es das Geld, das ich ihr geliehen hatte und das sie mir zurückschickte. Da stand eine Adresse drauf. Wenn Sie einen Moment warten, dann lauf ich hinauf und hole ihn.»
«Wenn es sein muß, warte ich hier den ganzen Tag auf Sie.» Er lächelte. Er hätte Mary küssen können; sie wurde mit jedem Moment hübscher und ihre Wangen rosiger.
Jurys Lächeln ließ sie rücklings gegen den Türpfosten prallen. Sie errötete, drehte sich um und eilte hinaus, das Tablett noch immer in der Hand. Als sie weg war, las er noch einmal Plants Nachricht. Wenigstens war sie kurz:
Rufen Sie mich im «Connaught» an, wenn Sie noch sprechen können.
Plant
Das Mädchen mit den Zöpfen, das wie eine Schnecke um die Tische strich, schien an Polypen in der Nase zu leiden. Ihr Schnaufen erinnerte Jury an Sergeant Wiggins. Mary kam mit einem Brief in der Hand zurück. «Ich hab’s gefunden. Sie heißt jetzt nicht mehr Makepiece, sondern Cory. Hier ist die Adresse.» Sie hielt Jury den Zettel hin. Die Wohnung lag in Wanstead.
«Muß geheiratet haben», sagte Mary.
Jury lächelte. «Oder sonstwas. Danke schön, Mary. Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie mir geholfen haben. Gibt es hier ein öffentliches Telefon? Ich muß jemanden anrufen.»
Marys blaue Augen glitzerten, als sie zu ihm hinaufblickte. Sie führte Jury zum Telefon, und es war ihr deutlich anzumerken, daß sie nur zu glücklich darüber war, Scotland Yard behilflich zu sein.