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Melrose Plant hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er noch sechs weitere chinesische Restaurants schaffen sollte. Seine Anstrengungen in den Lokalen von Soho und Kensington brachten ihm nichts weiter ein als Sodbrennen, und es war ein Irrtum gewesen, zu glauben, im Preis einer Mahlzeit seien auch irgendwelche Informationen inbegriffen. Hatte er der Bedienung das Bild Gemma Temples gezeigt, erntete er bloß unverständliche Blicke (sie gaben überdies vor, kein Englisch zu verstehen). Es war bereits nach elf, doch er wollte vor dem Schlafengehen noch einen letzten Versuch machen. Er gab sich einen Ruck, stieg an der Haltestelle Aldgate East aus und ging in Richtung Limehouse.
Er fand das Restaurant «Sun Palace» in einer heruntergekommenen Seitenstraße, in der die Sonne höchstwahrscheinlich nie zu sehen war. Das Lokal war nicht sehr groß, es hatte ein einfaches Glasfenster zur Straße hin und jenes gußeiserne Geländer, vor dem Gemma Temple posiert hatte. Die abgeblätterte Goldfarbe ergab den Schriftzug: SUN PALACE. Es war geschlossen.
Melrose Plant seufzte. Er schaute sich um, doch weit und breit war kein Mensch zu sehen. Er ging die Straße hinauf, in der Hoffnung, jemandem zu begegnen, der das Restaurant kannte.
«Hallo, Süßer!» sagte eine Stimme, doch sie klang nicht übermäßig enthusiastisch. «Ein kleiner Ausflug in die Slums?» Sie gehörte einer jungen, ganz attraktiven Dame –, wie jung, war schwer zu sagen. Im grellen Lichtkegel der Straßenlampe erschienen ihre bemalten Lippen schwarz und ihr Gesicht wie eine leblose Maske. Sie saß auf einer Treppe, die zu einem derart kleinen Haus hinaufführte, daß an der Fassade, außer der verschrammten Tür mit dem Oberlicht, nur noch ein Fensterschlitz Platz hatte. Das Gebäude stand eingekeilt zwischen einem Schlüsseldienst und einem anderen, ganz ähnlichen Haus. Beide Häuser schienen einst ein Gebäude gewesen zu sein, das man vor längerer Zeit in der Mitte durchgetrennt hatte. Zusammen hätten sie ein normales Backsteingebäude ergeben. Sie ähnelten sich wie Spiegelbilder, und Melrose wäre nicht erstaunt gewesen, das Duplikat des Mädchens rechts nebenan auf der Treppe sitzend vorzufinden.
Er blieb stehen, stützte sich auf das niedrige, halb verwitterte steinerne Treppengeländer, an das sich das Mädchen mit dem Rücken anlehnte. Sie saß auf einer Stufe, das eine Bein angewinkelt, das andere ausgestreckt, ihre hautengen Jeans zur Schau stellend, Jeans, die in nackten Fesseln und Pfennigabsätzen ausliefen. Darüber trug sie eine ziemlich locker sitzende Strickjacke; die Ärmel waren hochgekrempelt, die oberen vier Knöpfe waren offen, und der Ausschnitt war tief heruntergezogen. Ihre Kleider klebten an ihr wie ein Badeanzug. Sie hätte nur die Stöckelschuhe aus- und eine Badekappe überziehen müssen, um für eine Kanaldurchquerung gerüstet zu sein. Die Kappe wäre eigentlich nicht nötig, denn sie würde nur die schönen Shirley-Temple-Locken verbergen. Ihre Haare waren seidig braun, ganz natürlich – ihre eigenen, er verstand etwas davon. Sie wirkten wie ein Überbleibsel aus ihrer Kindheit, wie etwas, was sie nicht bändigen, nicht in sich auslöschen konnte. Es war merkwürdig, dieser Haarschopf ließ alles übrige an ihr – die Pose, das ganze Sexgehabe – wie eine Verirrung erscheinen, während das kleine Mädchen wie Phönix aus der Limehouse-Asche stieg.
«Ich heiß Betsy», sagte sie, stand auf, wischte ihre Pobacken ab, drehte sich um und stieg die Hüften wiegend die Treppe hoch. Er blieb stehen. Als sie merkte, daß er ihr nicht folgte, machte sie eine ungeduldige Handbewegung. «Na, komm schon, Schatz!»
Melrose folgte ihr.
Hinter der Tür befand sich ein langer, dunkler Flur, der mit altem Linoleum – verwelkte Rosen auf grauem Hintergrund – ausgelegt war. Von der Decke hing an einer langen Schnur eine Birne mit einem fliegenverdreckten Schirm. Er fragte sich, ob sich hinter den Türen, die rechts und links abgingen, noch weitere Betsys verbargen. Eine Tür ging auf, eine rote Haarmähne erschien, erfaßte, was vorging, und verschwand wieder.
Betsy führte ihn in das erste Zimmer links; in ebendas mit dem hohen, schmalen Fenster. Es blickte auf ein Lagerhaus. Wie zu erwarten, wurde das Zimmer von einem enormen Bett beherrscht. Melrose verschlug es den Atem – eine Antiquität, Tudor oder Renaissance, ein Himmelbett mit Intarsieneinlagen. Außer dem Bett gab es noch einen Toilettentisch mit einem dreiteiligen Spiegel, von dem die hellgrüne Farbe teilweise abblätterte, eine Kommode nicht identifizierbarer Herkunft und einen einzigen, bemalten Stuhl. Auf der schmuddeligen Tapete krochen kleine gebundene Sträußchen auf und ab, als wollten sie längst verblaßte Erinnerungen an Blumenmädchen wachrufen.
Mit der einen Hand schloß sie die Tür, die andere streckte sie mechanisch nach ihm aus – ohne Zweifel, um etwas zu entfernen. «Warum nimmst du deine Brille nicht ab? Du hast hübsche Augen, grün wie eine Flasche Abbot.»
Er glaubte nicht recht, daß das zur Routine gehörte – Komplimente waren hier wohl kaum notwendig. Sie lächelte ein wenig, was ihre Kindlichkeit nur betonte: Sie hatte ganz kleine Zähne, von denen einer fehlte.
Als er ihre Hand beiseite schob (wohl wissend, daß sie ihm nach der Brille auch noch andere Sachen abnehmen würde), zuckte sie mit den Schultern und wandte sich ab. «Mach dir’s bequem.» Sie warf sich aufs Bett und begann, an ihren Jeans zu zerren. Ihr Blick verfinsterte sich, was nicht ihm, sondern den Jeans galt, die an ihrem Körper klebten. Es war klar, daß sie sich hinlegen mußte, um sie überhaupt ausziehen zu können. «Komm her, Schatz, hilf mir aus den verdammten Hosen raus.» Sie hatte sie bereits so weit runter, daß er ihr geblümtes Bikinihöschen sehen konnte.
«Betsy, wäre es möglich, daß wir uns unterhalten?»
«Unterhalten?» Sie hörte mit dem Gezerre auf und sah ihn an, als finde sie die Idee ganz neu und ziemlich ausgefallen. «Über was denn?» Sie kämpfte ungeduldig weiter mit ihren Hosen: Sie brauchte beim Jeans-Ausziehen genauso Hilfe wie John Wayne beim Umgang mit seinen Stiefeln. Melrose fragte sich, ob sie das je allein schaffte; aber das muß sie wohl auch nie, dachte er dann.
«Ich suche jemanden.»
Uninteressiert zuckte sie die Achseln, gab die Sache mit den Hosen auf und wandte sich den Knöpfen ihrer Jacke zu. «Tun wir das nicht alle?»
Ihre metaphorische Auslegung dieser nüchternen Feststellung verblüffte ihn. Er zog sein Zigarettenetui heraus und bot ihr eine Zigarette an.
Sie schüttelte ihre Locken und begann ihre Strickjacke wie ein kleines Kind mit zusammengezogenen Augenbrauen aufzuknöpfen. Es war klar, daß Betsy, einmal in Fahrt geraten, nicht mehr zu halten war. Aber er war mehr an Informationen als an Betsy interessiert. Er war in seinem Leben nur wenigen faszinierenden Frauen begegnet, Frauen, die intelligent und interessant waren. Die meisten waren bestenfalls reizvoll, so wie Betsy, die jetzt mit den Knöpfen beinahe fertig war und versuchte, sich der Strickjacke zu entledigen, wobei ihre Shirley-Temple-Locken in Aufruhr gerieten. Es war ein schwieriges Unternehmen, da ihre Jeans sie wie in einer Zwangsjacke festhielten. Unter der Jacke trug sie einen Mini-BH, geblümt wie ihr Slip. Einer der Träger wurde von einer Sicherheitsnadel festgehalten. Ihn überkam ein Gefühl der Trostlosigkeit – er wußte nicht, warum.
Als ihre Hände nach hinten langten, um den BH zu lösen, sagte er: «Lassen Sie das, Betsy!»
Sie wandte ihm ihr jungenhaftes Gesicht zu: «Bist du schwul, oder was? Willst nur zugucken? Bist du so eine Art Wojer?»
Melrose nahm an, sie meinte Voyeur. «Schon möglich», sagte er und zog den Schnappschuß, den er aus Julian Craels Zimmer entwendet hatte, zusammen mit einer Zehnpfundnote aus seiner Brieftasche. Er reichte ihr beides. «Ich will wirklich nur eine Information haben.»
Sie schaute erst ihn, dann das Geld an. Sie lächelte, und ihr abgebrochener Zahn wurde sichtbar. «Arm sind wir nicht gerade, was? Und feine Klamotten hast du auch.» Sie stopfte das Geld in ihren BH. Ihre Augen verengten sich: «Verflixt! Bist du ein Polyp?» Sie kämpfte wie wild mit ihren Jeans, um sie wieder hochzukriegen.
«Nein. Sehen Sie sich das Bild an. Haben Sie diese Frau je in den «Sun Palace» reingehen oder rauskommen sehen?»
Sie schüttelte ihre Locken und schaute sich das Bild genau an. «Ein Luxusfummel, was? Sieht teuer aus.»
«Das Kleid ist teuer, die Dame aber nicht.»
«Ist sie im Gewerbe?»
Melrose rauchte, den Ellbogen auf das Knie gestützt. «Würde mich nicht wundern.»
Geistesabwesend spielte Betsy mit einer Locke und drehte sie zu einem Korkenzieher um ihren Finger. «Sieht ein bißchen überkandidelt aus, wenn Sie mich fragen.»
«Das sind nur die Kleider, Betsy.»
Sie blickte ihm in die Augen. «Klingt nett, wie Sie meinen Namen sagen.»
«Wie viele Möglichkeiten gibt es denn, ihn zu sagen?»
Sie zog die Schultern hoch. «Die meisten sagen ihn gar nicht.» Sie lehnte sich zurück, noch immer ohne Strickjacke, und merkte gar nicht, daß die Träger des BHs herunterrutschten und ihre Brüste freilegten. Sie hatte jedes Interesse an dem Foto verloren. Statt dessen schien sie ihm gleich ihre Lebensgeschichte erzählen zu wollen.
Er kam ihr zuvor: «Vielleicht weiß eine andere etwas – ich nehme an, es gibt hier noch andere?»
«Sie sind aber hartnäckig», sagte sie, ohne zu lächeln. Sie schob die Träger des BHs hoch und schwang ihre Beine, die jetzt wieder in den Jeans steckten, vom Bett. «Soll ich rumfragen?»
«Ich wäre Ihnen sehr dankbar. Zeigen Sie das Bild herum, vielleicht erkennt sie jemand wieder.»
Betsy gähnte. Er fügte noch hinzu: «Für denjenigen, der über sie was herausfindet – wer sie ist und wo sie gelebt hat –, ist ein Fünfziger drin.»
Das brachte sie schnellstens auf die Beine: «Ein Fuffziger? Heiliger Strohsack! Bin gleich zurück.» Sie wackelte kokett mit den Hüften. «Gehen Sie ja nicht weg.»
Er hätte auch kaum dafür Zeit gehabt. Fünf Minuten später hörte er ein Geschnatter an der Tür. Drei andere, alle größer als Betsy, standen davor: die Rothaarige, eine Afrikanerin mit langen, lila Ohrringen und eine Dicke, die ihre vierzig Lenze schon längst überschritten hatte. Alle trugen kimonoartige Wickelkleider, als hätten sie gerade ihren Bühnenauftritt hinter sich. Und alle fingen gleichzeitig an zu reden. Aber der Dicken gelang es, sich durchzusetzen.
«Ich hab sie gesehen», sagte sie, als sie sich nach Atem ringend auf dem Bett niederließ und einen ihrer fetten Schenkel hochzog.
Dabei kam ein Strumpf zum Vorschein, der unter dem Knie zu einem Wulst gerollt war und von einem Strumpfband gehalten wurde. «Ich kann nicht behaupten, daß ich sie kenne, aber ich hab sie gesehen.»
«Wo?»
Die Dicke nahm eine gebleichte Haarsträhne zwischen ihre kirschroten Lippen und kaute sichtlich angestrengt darauf. «Ich muß nachdenken.»
Das, dachte Melrose, mußte an sich schon anstrengend sein. Sie schnalzte mit ihren Wurstfingern. «Das war im ‹Sun …›» Sie schlug sich mit der Hand auf den Mund. Dann setzte sie ein geziertes Lächeln auf und fragte: «Krieg ich den Fuffziger, wenn ich Ihnen sage, wer sie kennt?»
«Fünfundzwanzig», sagte Melrose. «Und die Person, die etwas über sie weiß, bekommt die restlichen fünfundzwanzig. Das ist doch fair.»
Aber weder die Schwarze noch der Rotschopf fanden das – sie schienen zu glauben, daß sie allein durch ihre Verbindung zu der Dicken eine Belohnung verdient hätten. Er gab beiden eine Fünfpfundnote, und ihre Gesichter leuchteten auf. Die Dicke nahm ihre fünfundzwanzig Pfund und stopfte sie in den Wulst ihres Strumpfes. «Jane Yang kennt sie. Sie arbeitet im Restaurant. Da hab ich die hier auch gesehen. Als Bedienung im ‹Sun Palace›. Kann sein, daß sie auch auf den Strich geht, weiß ich aber nicht genau. Aber Jane Yang kann’s Ihnen sagen.»
Melrose stand auf. «Ich danke Ihnen. Was kann ich Miss Yang sagen, wer hat mich geschickt?»
«Sagen Sie einfach die dicke Bertha, dann weiß sie Bescheid.»
«Dicke Bertha. In Ordnung, danke.» Die Mädchen standen alle an der Tür herum. Zu Betsy sagte er: «Ist das Ihr Bett?» Er griff nach seinem Spazierstock mit dem Silberknauf und schob seinen Mantel zurecht.
Sie schaute verdutzt. «Ich hab doch drauf gelegen, oder? Ja, es ist meins.»
«Ich meine, gehört es Ihnen?»
«Nein, der Wirtin.»
Melrose konnte sich vorstellen, wovon die Wirtin lebte. «Denken Sie, sie würde es verkaufen?»
«Sicher, die würde ihre Großmutter verkaufen, wenn sie eine hätte.»
«Was glauben Sie, wieviel sie verlangen würde?»
«Wieso, wollen Sie’s haben? Für fünfzig bis sechzig hat sie’s mir schon angeboten.»
«Nein, ich will es nicht. Aber wenn Sie fünfzig aufbringen können, kaufen Sie es, Betsy.» Er zog seine Visitenkarte hervor, schrieb einen Namen auf die Rückseite und gab sie ihr. «Dann rufen Sie diesen Herrn an und lassen es schätzen. Ich weiß es zwar nicht genau, aber ich glaube, daß Sie leicht tausend dafür bekommen können.»
Ihre großen Augen wurden noch größer. «Wollen Sie mich auf ’n Arm nehmen?» Er schüttelte den Kopf. «Heiliger Strohsack!» Die Mädchen standen an der Tür Spalier, als er an ihnen vorbeiging. Betsy schlang ihre Arme um ihn und küßte ihn. Die anderen kicherten.