15

Die graugestreifte Katze sprang von der Fensterbank und verzog sich in den hinteren Teil der Rackmoor-Galerie, den sie offensichtlich als ihr Terrain betrachtete. Jury hatte sie aus dem Schlaf gerissen, als er die Hände vors Gesicht hielt und gegen die Scheiben preßte.

Jury trat ein und wäre beinahe auf einen Umschlag getreten, den jemand unter der Tür durchgeschoben hatte. Er hob ihn auf. Er war aufgegangen, und eine Pfundnote ragte heraus, eine von mehreren. Die Adresse, die auf dem billigen Papier stand, war die von Bertie Makepiece; der Brief schien jedoch schon vor Monaten abgesandt worden zu sein. Jury interessierte vor allem der Absender: R. V. H. London S. W. 1. Er wollte ihn gerade genauer inspizieren, als Adrian Rees in einer völlig verschmierten Schürze und mit einer kleinen Schüssel in der Hand auftauchte. Er stellte sie auf den Hartholzfußboden, und die Katze kam angerannt.

«Hereinzubitten brauche ich Sie ja offensichtlich nicht mehr», gähnte Rees.

Jury hielt ihm den Umschlag hin. «Das lag auf dem Fußboden.»

Adrian warf einen Blick darauf, und eine leichte Röte überzog seinen Hals und sein Gesicht. «Aha, ein kleines Darlehen von Bertie.» Als Jury ihn einfach nur anschaute, fügte er hinzu: «Was denken Sie denn, um Himmels willen? Daß ich ihn erpresse? Bertie ist der einzige in Rackmoor, auf den man sich verlassen kann, wenn man ein bißchen Kleingeld braucht.»

«Kann ich mir vorstellen. Er scheint ja alles im Griff zu haben. Könnten Sie vielleicht diesen Umschlag erübrigen?»

Adrian sah ihn sich an, nahm die Scheine heraus und gab ihn dann Jury. «Gibt’s denn im ‹Fuchs› keine Umschläge mehr?» fragte er grinsend. Dann zog er die Brauen hoch. «Verdammt, kleine Jungs sollte man nicht um Geld anhauen, ich weiß! Aber ich bin wirklich total pleite – das macht wohl keinen sehr guten Eindruck.» Er seufzte und fuhr mit einem Pinsel über seine Schürze, mal in die eine, mal in die andere Richtung.

«Was halten Sie von dieser Geschichte?»

«Von welcher?»

«Der von Bertie. Daß seine Mutter nach Irland gefahren ist?»

Adrian lächelte. «Kaum zu glauben, daß jemand solche Umstände macht wegen einer kranken Oma.»

«Haben Sie seine Mutter gekannt?»

«Roberta? Nur vom Sehen. Ein Leichtgewicht, zumindest was intellektuelle Kraftakte betrifft. Aber unsere Betschwestern scheinen es ja geschluckt zu haben. Stockfisch, Fischauge & Co. Sie müssen zugeben, die Idee ist gar nicht so schlecht. In Belfast wird bestimmt niemand nachschauen wollen. Sind Sie deswegen gekommen?»

«Nein. Eigentlich wegen Gemma Temple. Ihre Beziehung war wohl doch etwas enger, als Sie uns glauben machen wollten.»

Daraufhin erfolgte eine längere Pause, in der Adrian automatisch mit dem Pinsel über seine Schürze fuhr. Dann sagte er achselzuckend: «Jemand hat uns wohl gesehen?» Jury nickte und wartete. «Na ja, eine ‹Beziehung› würde ich es nicht nennen. Es blieb bei diesem einen Mal.»

«Auch bei einem Mal kann viel passieren.» Jury fand diese numerische Betrachtungsweise einfach unverständlich. Er dachte an die Frauen, die er in den letzten Jahren kennengelernt hatte. Ein einziges Mal hatte häufig genügt, um den Stein ins Rollen zu bringen. «Warum haben Sie mir das nicht erzählt, Mr. Rees? Es war doch anzunehmen, daß ich es rauskriegen würde. Und wie Sie sehen, hab ich’s auch rausgekriegt. Haben Sie Gemma Temple eigentlich auch an dem Abend getroffen, an dem sie ermordet wurde – ich meine, bevor Sie ihr auf der Grape Lane begegnet sind?»

«Was? Nein, glauben Sie mir! Wer das behauptet, lügt!»

«Sie wurde in der High Street gesehen, ganz in der Nähe von hier.»

«Davon weiß ich nichts. Was die andere Sache betrifft: Gegen mich gab’s schon so viel belastendes Material, daß ich mir dachte, es wäre besser, mich darüber auszuschweigen. Ich hab sie als letzter gesehen, und das nach diesen blödsinnigen Tiraden über Raskolnikow und Mord im allgemeinen.»

«Sie glauben doch wohl nicht, daß ich darauf was gebe? Diese Art von Verbrechen ist vielleicht bei Dostojewskij überzeugend, aber auf den Straßen von London ist derlei äußerst selten.»

«Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Dann hätt ich Ihnen vielleicht auch was von meinem Abenteuer mit Gemma Temple erzählt.»

«Wir machen hier doch keine Geschäfte, Mann. Könnte ich nun bitte etwas über Gemma Temple erfahren?»

«Na schön», sagte Adrian aufsässig. «Sie ist mir einmal hier und dann noch paarmal im ‹Fuchs› begegnet. Natürlich ist sie mir auch gleich ins Auge gestochen. Wem wäre sie das nicht? Sie sah ja ziemlich gut aus, und außerdem war’s ein neues Gesicht. Eines Nachts, als der ‹Fuchs› gerade dichtgemacht hatte, ging sie noch spazieren, und ich folgte ihr. Sie ging an der Kaimauer entlang in Richtung Old House. Ich holte sie ein, wir sprachen miteinander, und ich schlug ihr vor, den letzten Drink bei mir zu nehmen. Nicht gerade originell, aber was anderes fiel mir nicht ein. Rackmoor ist leider nicht das Sodom und Gomorrha von England. Wir landeten also hier.»

«Und dann?»

«Was ‹und dann›? Das können Sie sich doch wohl denken. So viele Möglichkeiten gibt’s wohl nicht.»

«Sie brauchten sie wohl nicht lange zu überreden?»

«Inspektor, ich brauchte sie überhaupt nicht zu überreden. Und ich halte mich nicht gerade für unwiderstehlich.»

Wie bescheiden, dachte Jury. Adrian Rees war geradezu ein Ausbund von Männlichkeit, und die Tatsache, daß er Maler war, verlieh ihm auch noch einen gewissen exotischen Zug. «An welchem Abend war das?»

«Zwei Nächte vor dem Mord.» Adrian lächelte grimmig.

«Hat sie Ihnen was über sich erzählt?»

«Nichts, und das ist die reine Wahrheit. Nichts, was ich Ihnen nicht schon erzählt hätte. Sie lief mit einem Drink in der Hand im Atelier herum, sah sich meine Bilder an und machte irgendwelche blödsinnigen Bemerkungen; wahrscheinlich dachte sie, ich würde das von ihr erwarten. Und sie äußerte sich über das Dorf – etwas öde, fand sie. Aber schließlich haben wir ja nicht nur geredet», Adrian lächelte spitzbübisch.

«Sie hat nicht erwähnt, daß sie schon einmal hier gelebt hat?»

Adrian schüttelte den Kopf. «Als sie am nächsten Abend bei dem kleinen Essen auftauchte, war ich derjenige, der zu stottern anfing und rot wurde. Man hätte denken können, sie hätte mich noch nie in ihrem Leben gesehen. Ich hatte keine Ahnung, daß sie eine Cousine der Craels war.»

«Was wissen Sie über Dillys March?»

«Sie meinen das Mündel der Craels, dieses Mädchen, das eines Tages verschwunden ist?» Jury nickte. «Nur, was der Colonel über sie erzählt hat. Über sie, Lady Margaret und seinen Sohn Rolfe. Als ich dieses Porträt von Lady Margaret malte, saß er häufig hier im Atelier … Was meinen Sie denn genauer?»

Jury gab keine Antwort. «Sind Sie sicher, daß Sie Gemma Temple nicht früher schon mal gesehen haben – bevor Sie nach Rackmoor kamen?»

Adrian starrte ihn wütend an. «Verflucht, natürlich bin ich mir sicher!»

Jury lächelte kurz. «Regen Sie sich nicht auf. Es wäre nicht das erste Mal, daß Sie was verschweigen.» Er blickte in die dunkle Ecke, in der sich die Katze putzte. «Haben Sie das Bild von Gemma Temple fertiggemalt? Ich würde es gerne sehen.»

«Nein, aber ich war gerade dabei, als Sie kamen.»

Jurys Blick wanderte nach unten. «Mit einem trockenen Pinsel?»

Der Ärger, der sich bereits aus seinem Gesicht verflüchtigt hatte, kehrte wieder zurück. «Mein Gott, Ihnen entgeht auch nichts.»

«Dafür werde ich schließlich bezahlt. Bis bald.»

Inspektor Jury spielt Domino
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