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Als er den Bracewood-Salon betrat und das Bild über dem Marmorsims des Kamins erblickte, wußte Jury sofort, daß das Lady Margaret sein mußte; es beherrschte den ganzen Raum, einschließlich der Person, die sich in ihm aufhielt, Julian Crael. Die Frau auf dem Bild saß auf einer Chaiselongue oder einem Sofa mit einer geschwungenen Rückenlehne aus dunklem Holz. Der Maler schien sein Modell von hinten überrascht zu haben, da der Betrachter auf die Rückseite des Sofas blickte. Die Frau war von den Schultern an aufwärts im Profil zu sehen. Ihr Kopf war nach links gewandt. Ihr Blick folgte dem in schwarzes Tuch gehüllten Arm, der auf dem Mahagonirahmen des Sofas ruhte. Über das Sofa war ein seidig schimmerndes Stück Stoff geworfen – ein spanischer Schal vielleicht mit schwarzen Fransen. Man mußte schon ganz genau hinschauen, um die Einzelheiten, die Seide, die Fransen und das Holz, erkennen zu können, da der Schal mit dem schwarzen Kleid und das Kleid mit dem dunklen Hintergrund verschmolzen, so daß alles, außer dem Haar und dem durchscheinenden Profil, dunkel war. Das blaßgoldene Haar fiel lose über ihre Schultern; ein Windhauch schien es ihr aus dem Gesicht geweht zu haben. Die leicht hohle Handfläche zeigte nach oben; die Finger waren gestreckt und leicht gespreizt, als wolle sie jemanden, der sich irgendwo im Raum befand, auffordern, näher zu treten. Jury wandte den Blick ab.
«Ich bin Julian Crael», sagte der Mann unter dem Porträt, und mit einem Blick auf das Bild fügte er hinzu: «Das ist meine Mutter.»
Julian Crael hätte sich nicht erst als ihren Sohn zu erkennen geben brauchen, jeder, der Augen im Kopf hatte, würde sehen, daß das ihr Sohn war. Wäre Julian Crael eine Frau, ein junges Mädchen gewesen, hätte er ihre Zwillingsschwester sein können.
Der zarte Teint, die tiefliegenden blauen Augen, das schimmernde blonde Haar – er sah selbst so aus, als wäre er einem Bild entstiegen.
«Es ist wunderschön», sagte Jury. Eine ziemlich überflüssige Bemerkung.
«Sieht ihr auch erstaunlich ähnlich. Wenn man bedenkt, daß Rees sie nach einem Foto gemalt hat. Rees ist ein Künstler, der hier im Dorf lebt. Gelegentlich gibt er sich dazu her, Porträts zu malen. Wahrscheinlich um seine Miete bezahlen zu können. Sie ist vor achtzehn Jahren gestorben.» Crael leerte sein Glas und starrte über Jurys Schulter hinweg ins Leere.
«Eine traurige Geschichte. Ich habe mich noch nicht vorgestellt. Richard Jury. Kriminalpolizei. Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen, Gemma Temple betreffend, Mr. Crael.»
Julian hatte sich vom Kamin entfernt, um sein Glas wieder aufzufüllen. Er hob die Karaffe und blickte Jury fragend an. Jury lehnte den Whisky ab. «Was ist mit ihr?» fragte Julian, während er sich einschenkte. «Sie wollen wissen, warum mein Vater sie für Dillys March hält und ich nicht? Das ist nicht weiter erstaunlich, wir sind uns auch sonst nie einig.» Er hob sein Glas, schenkte Jury ein frostiges Lächeln und nahm einen Schluck. Dann postierte er sich wieder neben dem Kamin, den Arm auf dem Sims ausgestreckt, eine Geste wie die der Frau auf dem Porträt. Jury war sich jedoch sicher, daß Julian das völlig unbewußt tat.
«Sie sind sich ganz sicher, daß sie nicht Dillys March war?»
«Ja, absolut. Es war ein Schwindel. Das heißt, ein Versuch.»
«Dann haben Sie sich bestimmt auch gefragt, wer mit ihr unter einer Decke steckte, Mr. Crael? Diese Gemma Temple muß von jemandem, der Dillys gekannt hat, unterrichtet worden sein.»
Julian rauchte und spielte mit einem silbernen Feuerzeug; die Hand lag immer noch auf dem Kaminsims. «Das ist anzunehmen.»
«Aber von wem, Mr. Crael?»
Julian ließ das Feuerzeug in seine Tasche gleiten, nahm den Arm von dem Kaminsims und stellte sich mit dem Rücken zum Feuer, die Zigarette in der Hand. «Keine Ahnung.»
«Aber Sie würden auch sagen, daß das die einzige Erklärung ist, wenn man davon ausgeht, daß sie nicht Dillys March war.» Jury wollte wenigstens diese Bestätigung von ihm haben und wunderte sich, warum Julian sich so dagegen sträubte. «Mr. Crael?»
Julian nickte kurz. «Ja.»
«Sagen Sie: Wie erklären Sie sich Dillys’ plötzliches Verschwinden?» Julian rauchte und schüttelte den Kopf. «Colonel Crael sagte, sie wäre auch vorher schon ab und zu verschwunden?»
Er nickte. «Dillys war eigensinnig, egoistisch und verwöhnt. Sie haben ihr wohl jeden Wunsch erfüllt, um sie über den Verlust ihrer Eltern hinwegzutrösten. Ich hätte ihr alles zugetraut.»
In dem Kamin brach ein Holzscheit auseinander, Funken sprühten, kleine, züngelnde Flammen schossen empor. Julians Augen loderten wie die bläulichen Enden der Flammen. Jury war aufs neue überrascht von der Schönheit dieses Gesichts, einer Schönheit, die irgendwie nicht hierherpaßte. Sie schien einer andern Zeit, einem andern Ort anzugehören, Arkadien vielleicht. «Sie haben Dillys March nicht besonders gemocht?»
Julian wandte sich einen Augenblick lang ab und schwieg. Jury nützte die Gelegenheit und nahm die Streichhölzer aus der Kristallschale neben seinem Stuhl, mit denen er sich eine Zigarette angezündet hatte. Streichholzmäppchen kamen von den seltsamsten Orten. Er fragte sich auch, was die Streichhölzer hier überhaupt zu suchen hatten neben den beiden Tischfeuerzeugen – das eine war aus grünem Muranoglas, das andere aus Porzellan – und Julians silbernem Feuerzeug.
«Sollten Sie mich nicht wichtigere Dinge fragen, Inspektor? Zum Beispiel, wo ich mich in der Mordnacht aufgehalten habe.»
Jury lächelte. Sein Vater hatte dasselbe gefragt. «Sie haben erklärt, Sie hätten sich in Ihrem Zimmer aufgehalten.»
«So war es. Ich hasse diese Kostümbälle zum Dreikönigsfest. Meine Mutter hat damit angefangen. Sie mochte Parties, und der Colonel auch. Mir sind sie ein Greuel. Ich bin auch sonst ziemlich ungesellig.» Er schien darauf zu warten, daß Jury widersprach. «Ich möchte Ihnen etwas zeigen.» Julian ging zu den Flügeltüren hinüber, öffnete sie und bedeutete Jury, ihm zu folgen. Sie traten auf die eiskalte Terrasse hinaus. Rauhreif lag auf der Balustrade, an der Julian nun stand, das Meer und die Brandung im Rücken. Julian blickte die glatte Fassade hoch. Er streckte den Finger aus. «Das sind meine Fenster.» Dann ging er auf die andere Seite und zeigte auf das Dorf. «Da drüben ist ein Pfad, der von den Stufen der Terrasse bis zum Dorf führt. Ein hübscher Weg an den Klippen entlang. Am andern Ende ist die Treppe zur Kaimauer. Am einfachsten und schnellsten kommt man hier hinauf, wenn man die Fuchsstiege nimmt, an der Kaimauer entlanggeht und dann dem Pfad bis zur Terrasse folgt. So sind auch die meisten gekommen und gegangen.» Er trat zu Jury. «Die ganze Nacht lang, Inspektor Jury.» In seinen Augen blitzte zum erstenmal so etwas wie Humor auf. «Drinnen sieht es folgendermaßen aus: Meine Räume haben zwei Türen, die beide auf den Treppenabsatz gehen, auf dem die Musiker die ganze Nacht über gespielt haben. Sie haben zwar auch mal eine Pause gemacht, aber irgend jemand stand immer rum. Ich habe mich um zehn zurückgezogen. Die Party war schon im Gang. Ich hätte mein Zimmer wohl kaum unbemerkt verlassen können. Aber nehmen wir mal an, es wäre doch möglich gewesen – zurückgekommen wäre ich bestimmt nicht auch noch, ohne daß mich jemand gesehen hätte.»
«Und die Mauer hätten Sie auch nicht hinunterklettern können», sagte Jury. Sie waren in den Salon zurückgegangen, und Jury hatte sich wieder in seinen Sessel gesetzt; er zog das Streichholzmäppchen aus der Tasche und bog ein Streichholz nach dem andern um.
Julian, der wieder vor dem Kamin stand, breitete scheinbar hilflos die Hände aus; er machte einen belustigten Eindruck.
«Übernachten Sie häufig im ‹Sawry Hotel›, Mr. Crael?»
«Was –?»
«Im ‹Sawry›. Sehr exklusiv, in Mayfair, wenn ich mich nicht irre?»
Einen Augenblick lang schien Julian verwirrt, bis dann seine unterkühlte Sorglosigkeit wieder die Oberhand gewann. «Unsere Familie pflegt dort abzusteigen. Ich fahre gelegentlich nach London, wie alle Welt. Warum fragen Sie?»
Jury hielt das Streichholzmäppchen hoch, so daß er die bedruckte Seite sehen konnte.
Julian starrte darauf und wandte den Blick wieder ab.
«Gemma Temple kam aus London.»
«Ja, gut, Inspektor. Adrian Rees kommt auch aus London. Und Maud Brixenham. Olive Manning war kürzlich ebenfalls dort. Jeder zweite kommt aus London.» Er trank seinen Whisky.
Er hatte sich elegant aus der Affäre gezogen. Jury wechselte wieder das Thema. «Können Sie mir etwas über Lily Siddons erzählen?»
Julian, der gerade sein Glas in die Hand genommen hatte, setzte es abrupt wieder ab. «Was um Himmels willen hat sie damit zu tun?»
«Weiß ich auch nicht. Deshalb frage ich ja. Sie hatten doch an dem Abend vor dem Ball ein paar Gäste zum Abendessen?»
«Ah, ja. Miss Temples Debut. Vater hatte auch Lily eingeladen. Zusammen mit Rees und Maud Brixenham. Aber ich verstehe nicht –»
«Das Kostüm. Das Kostüm, das Gemma Temple trug, gehörte Lily Siddons. Irgendwie wurde getauscht.»
Julian starrte ihn an. «Wollen Sie damit sagen, daß der Mörder es auf Lily abgesehen hatte?» Jury antwortete nicht, sondern blickte ihn einfach nur an. Julian schnaubte und schüttelte den Kopf wie ein Spürhund, der durch eine falsche Fährte verwirrt worden ist. «Ich muß gestehen, daß ich der Unterhaltung nicht richtig folgte, und ich erinnere mich auch nicht, daß von Kostümen die Rede war. Ach ja, diese Temple fing zu lamentieren an, weil sie keines hatte. Ich habe mich kurz darauf zurückgezogen. Sie müssen meinen Vater fragen. Oder Maud. Oder Lily selbst, warum fragen Sie nicht einfach Lily?»
«Das werde ich auch tun. Hat Lily Siddons nicht auch einmal hier gewohnt? Damals, als ihre Mutter noch Köchin war?»
«Ja, ein paar Jahre als Kind.»
Jury dachte kurz nach. «Wissen Sie, manchmal habe ich das Gefühl, daß Morde eine lange Vorgeschichte haben. Daß der Mörder gewöhnlich schon lange gewartet hat – daß er diesen Gedanken bereits wie eine Leiche mit sich herumgeschleppt hat. Schließlich setzt er ihn dann in die Tat um. Und läßt die Leiche in der Gegenwart liegen. Auf der Engelsstiege. Oder sonstwo.» Er verstummte, als er den Ausdruck auf Julians Gesicht sah: Es war aschfahl und völlig verzerrt. Er fing sich jedoch sehr schnell wieder, aber die paar Sekunden hatten genügt, um Jury zu der Überzeugung gelangen zu lassen, daß Julian drauf und dran gewesen war, ein Geständnis abzulegen: ein Schritt über dem Abgrund, aber dann hatte er schnell wieder den Fuß zurückgezogen.
Julian bemerkte nur: «Will Papa mich mit Lily verkuppeln? Wahrscheinlich, er hatte schon immer eine Schwäche für sie. Daß sie die Tochter der Köchin ist, scheint ihn nicht zu stören.»
«Ich könnte mir vorstellen, daß es ihm gefallen würde, wenn Sie heirateten. Sie müssen ja sehr begehrt sein: Adlig, reich, gutaussehend, intelligent – wie konnten Sie sich überhaupt retten?»
«Und gleich in der richtigen Reihenfolge! Mit dem Adel ist es nicht weit her. Nur ein Baronstitel. Das, was unser Gast, Mr. Plant, aufgegeben hat, werde ich nie erreichen. ‹Sir Julian› ist das höchste der Gefühle.» Es schien ihm nicht viel daran zu liegen. «Was Lily betrifft – ja, mein Vater hat sie sehr gern. Sie erinnert ihn an früher. Sie hilft ihm, die Illusion aufrechtzuerhalten, daß noch nicht alles vorbei ist.»
«Lily Siddons kann also damit rechnen, in seinem Testament bedacht zu werden, Mr. Crael?»
Julian runzelte die Stirn. «Wahrscheinlich. Warum?»
«Ganz einfach, weil jeder, der irgendwelche Ansprüche zu haben glaubt – sie können legaler oder emotionaler Natur sein –, daran interessiert sein könnte, Dillys March aus dem Weg zu räumen.»
Julian starrte ihn nur an. Dann lachte er. «Heiliger Strohsack! Zuerst war Lily das Opfer und jetzt ist sie die Mörderin! Die Vorstellung, daß sie mit diesem Messer zugestochen hat, ist einfach absurd. Ganz abgesehen davon, daß das eine ziemlich mühsame Art und Weise ist, sein Erbe zu kassieren», fügte er trocken hinzu.
«Warum absurd? Es könnte durchaus eine Frau getan haben.»
«Lily ist eine durch und durch vernünftige Person. Sie arbeitet Tag und Nacht in ihrem Restaurant. Außerdem fehlt ihr –» er schien nach einem Wort zu suchen, das diesen Mangel ausdrückte – «das Temperament dazu. Lily ist ein richtiger kleiner Eisberg. Kalt wie ein Fisch.» Jury unterdrückte ein Lächeln. «Hübsch ist sie ja. Helle Haut, blondes Haar. Ja, eine durchaus attraktive Frau.» Er schien darüber nachzudenken, als hätte er diese Entdeckung eben erst gemacht. «Der Colonel ist sehr demokratisch gesonnen, finden Sie nicht?»
«Wer hat es Ihrer Meinung nach getan, Mr. Crael?»
Er stieß ein kurzes Lachen aus. «Keiner. Oh, schauen wir uns doch mal um: Da ist Adrian Rees. Er ist einer von der kämpferischen Sorte. Immer hat er irgendwelche Geschichten am Hals. Wirtshausschlägereien. Er bemüht sich jedenfalls redlich, seinem Image gerecht zu werden.»
«Sie mögen ihn nicht?»
«Er ist mir gleichgültig.»
Diese Gleichgültigkeit, die sich auf die meisten Dinge und die meisten Leute seiner Umgebung erstreckte, erschien Jury zu forciert, um echt zu sein.
«Rees würde ich auch zutrauen, daß er sich mit jemandem zusammentut, um ein Ding zu drehen. Er braucht Geld für seine Galerie, das weiß ich. Vater hat ihm schon eine ganze Menge geliehen.»
«Hat er denn genug über Dillys March gewußt, um Gemma Temple instruieren zu können?»
«Das weiß ich nicht. Der Colonel vertraut sich allen möglichen Leuten an. Maud Brixenham zum Beispiel. Daß sie gerne Lady Crael wäre, springt einem geradezu ins Auge. Papa sieht ja auch noch ganz repräsentabel aus. Er ist zwar fünfzehn, zwanzig Jahre älter als sie, aber man sieht’s ihm nicht an. Und schließlich ist sie auch schon fünfundfünfzig, es kommt also sowieso nicht mehr darauf an.» Jury lächelte über diese jugendliche Betrachtungsweise, die dem Alter kurzerhand alle Leidenschaften absprach. «Der Colonel ist sehr aktiv. Diese verdammten Fuchsjagden!»
«Hegt Ihr Vater ihr gegenüber ähnliche Gefühle?»
«Er spricht zwar gern über seine Privatangelegenheiten, aber nicht mit mir.» Julian warf Jury einen spöttischen Blick zu. «Nein, die gute alte Maud wäre bestimmt nicht begeistert, wenn Dillys zurückkäme und Ansprüche emotionaler Art, wie Sie es nannten, anmelden würde. Genausowenig wie Olive Manning. Ich glaube, sie gibt meinem Vater insgeheim die Schuld an dieser schmutzigen Affäre zwischen Leo und Dillys. Ihr Sohn ist in einer Anstalt. Aber man sollte auch dem Teufel – in diesem Fall Dillys – Gerechtigkeit widerfahren lassen: Leo Manning war schon lange bevor sie hier auftauchte, reif dafür. Mein Vater hat ihn nur als Fahrer eingestellt, um Olive einen Gefallen zu tun. Er taugte nichts, weder als Fahrer noch als Mensch. Aber seine Mutter sieht das natürlich anders. Nein, Dillys hatte an allem schuld. Oder wir alle. Papa kommt für die Kosten der Anstalt auf. Er ist sehr großzügig. Wahrscheinlich hat er in seinem Testament allen möglichen Leuten eine Rente ausgesetzt.» Julian blickte Jury an. «Nein, Inspektor, er würde mich wegen Dillys March nicht enterben. Er könnte natürlich auch alles dem Hundeverein oder einer Organisation für notleidende Jäger vermachen.» Er rauchte und schwieg einen Augenblick. «Vielleicht wollte diese Gemma Temple einfach nur Dillys Marchs fünfzigtausend Pfund kassieren und dann wieder verschwinden.»
«Oder sich häuslich einrichten.»
«Das hätte sie nicht geschafft. Niemals.»
«Sie scheint sich aber ganz gut eingeführt zu haben.»
«Aber sie hätte es unmöglich durchziehen können. Achtundvierzig Stunden als jemand anderes zu posieren ist nicht so schwierig. Aber ganz in die Rolle eines andern zu schlüpfen –»
Julian schüttelte ungläubig den Kopf.
«Dillys March war wohl nicht sehr beliebt?»
«Da haben Sie recht.»
«Aber sie war doch erst achtzehn, als sie sich absetzte.»
«Nach dem Paß, ja.»
«Wie war ihr Verhältnis zu Männern?»
«Sie hatte wahrscheinlich eines mit jedem, der ihr über den Weg lief. Es machte ihr Spaß, den Männern den Kopf zu verdrehen, kleine Brände zu legen.»
«Die Frage bleibt bestehen. Wenn diese Frau nicht Dillys March war, wo ist dann Dillys? Warum ist sie nie wieder aufgetaucht?»
Julian blickte auf den Boden und studierte den Teppich, als könne sein Muster darüber Aufschluß geben. «Ich dachte schon, daß sie vielleicht gar nicht mehr lebt.»
Der Winter schien bei diesen Worten in den Raum einzudringen. Jury hatte das komische Gefühl, Schnee würde in die Ecken geweht, während sich Fenstersimse und Spiegel mit einer Eisschicht zu überziehen schienen und graues, ungefiltertes Licht bleischwer im Raum hing. Von seinem Platz aus blickte er auf die hohen Flügeltüren zur Terrasse. Nebelmassen drückten dagegen. Und die Melancholie, die ihn sowieso nie aus ihren Fängen ließ, hüllte ihn in ihren grauen Mantel ein.