5

Im Bracewood-Salon saßen Jury und Julian sich auf der Couch gegenüber. Julian saß nach vorn gebeugt, die Hände gefaltet, und sah auf den Boden, so daß Jury lediglich seinen hellen Haarschopf sehen konnte. Er wirkte verletzbar – der Kopf eines jungen Mannes. «Zigarette?»

Julian schüttelte den Kopf und stand auf. «Ich könnte aber einen Drink vertragen. Sie auch?»

«Warum nicht? Aber nur einen kleinen.» In Anbetracht der Einsamkeit, in der Julian all die Jahre gelebt haben mußte, und des Schmerzes, der ihm unmittelbar bevorstand, brachte Jury es nicht übers Herz, ihn auch noch allein trinken zu lassen.

Julian füllte zwei Gläser mit Whisky und fügte seinem noch ein wenig Soda hinzu. «Es tut mir leid wegen Olive. Ich kannte sie fast so lange, wie ich lebe.» Er stellte sich vor den Kamin. «Aber das nehmen Sie mir wohl nicht ab?»

«Warum sollte ich nicht?»

«Weil ich den Eindruck habe, daß Sie trotz meines Alibis glauben, ich hätte diese Temple ermordet.» So wie er dastand, den Arm auf dem Kaminsims, bedeckt von dem dunklen Stoff seines Blazers, schien seine Pose identisch mit der seiner Mutter zu sein. Er sah wirklich jung aus. Obwohl er kaum jünger war als Jury, wirkte Julian immer noch unberührt.

Jury überging seine Bemerkung. «Wo waren Sie heute morgen?»

«Ich bin ausgeritten. Ich kam so gegen neun zurück. Und ich war nicht draußen im Howl-Moor. Bis zu der Mauer wäre es ohne Frühstück im Bauch etwas weit.»

«Waren Sie allein?»

Julian starrte ihn an. «Nein, ich hatte mein Pferd dabei.»

«Haben Sie Olive Manning heute morgen gesehen?»

«Nein.»

«Ich wollte Sie wegen Dillys March fragen.»

«Zum hundertsten Male, diese Frau war nicht Dillys March.»

«Ich weiß.» Jury nahm einen Schluck Whisky; er brannte ihm auf der Zunge. «Olive Manning hat sie hierhergebracht, damit sie sich als Dillys March ausgibt.»

Diese Enthüllung schien ihn genauso aus der Fassung zu bringen wie den Colonel. Er mußte seine Stellung am Kamin aufgeben, um sich hinsetzen zu können. «Olive? Oh, mein Gott, aber warum –?»

«Wegen des Geldes und aus Rache, nehme ich an. Ihrer Meinung nach hatten die Craels schuld an Leos traurigem Schicksal.»

«Es fällt mir schwer zu glauben, daß sie meinen Vater auf diese Art betrogen hat. Wie haben Sie es herausgefunden?»

«Indem ich ins Hotel ‹Sawry› ging.» Julian erblaßte.

«Vielleicht war es Miss Temple, die die Streichhölzer liegenließ. Mit Absicht, natürlich.»

Es entstand ein langes Schweigen, das nur von einem funkensprühenden, berstenden Holzscheit im Kamin unterbrochen wurde. «Sie wissen es also», sagte Julian.

Er holte das Bild aus seiner Tasche, das Melrose gefunden hatte, und legte es auf den kleinen Tisch neben Julians Stuhl. Julian betrachtete es eine ganze Weile und murmelte leise: «Wie dumm von mir.» Er ließ den Kopf zurückfallen und sagte: «Es war dumm, die Bilder aufzuheben. Ich erspar mir die Frage, wie Sie an die Fotos gekommen sind. Es ändert schließlich nichts an der Sache. Ich nehme an, das beantwortet alle Ihre Fragen?»

«Nein. Haben Sie sie in London kennengelernt?»

«An der Victoria Station. Ich hatte den Zug nach London genommen … das war letztes Jahr. Ich ging in das Café, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Sie saß da, aß ein Stück Kuchen und trank Tee. Ich konnte es nicht fassen, jenes Mädchen, das Dillys hätte sein können, da sitzen zu sehen. Natürlich nur ein wenig älter. Man sah es ihr allerdings kaum an.» Sein Lächeln war schwach, nervös. «Es ist nicht meine Art, Frauen anzusprechen, wirklich, aber ich nahm all meinen Mut zusammen, und es ging gut. Ein albernes Gespräch über die Züge und das Wetter. Sie war sehr freundlich.»

«Prostituierte sind bekannt dafür.»

Julian wurde rot. «Aber sie war keine, ich meine, nicht wirklich.»

Jury lächelte. «Nur so ein bißchen.»

«Denken Sie, was Sie wollen. Eigentlich war sie eine arbeitslose Schauspielerin. Dafür gibt es Beweise, wenn ich nicht irre?»

«Ja. Sie kannten Gemma Temple also ungefähr ein Jahr. All ihre Reisen nach London …»

«Offensichtlich eine unkluge, gefährliche Liaison. Aber ich konnte mir nicht helfen. Ich frage mich, wie viele Männer das schon gesagt haben? Aber es war – als würde mir etwas wiedergegeben. Als Mutter und Rolfe und dann auch Dillys verschwanden, fühlte ich mich beraubt. Ich war nicht nur allein, sondern auch, nun ja, beraubt, verletzt. Als ob man dieses Haus geplündert und alles entfernt hätte. Ich kann es nicht erklären. Aber mit ihr zusammen war es … als ob alles wieder gut wäre.» Er verstummte. Julian ließ die Vergangenheit weniger los als seinen Vater. «Sie müssen Dillys sehr gemocht haben, sonst hätten Sie wohl nicht versucht, sie in der Person von Gemma Temple wiederauferstehen zu lassen.»

Julian warf ihm einen Blick zu. «Eine fixe Idee, meinen Sie das? Eine Art Verrücktheit?» Er wandte sich um und starrte auf das Porträt Lady Margarets. «Ich war ihr Schoßhündchen. Schoßhündchen, objet d’art – sie reichte mich herum wie eine vollendet geschnittene Gemme. Ich war schön.» In seiner Stimme lag eher Verachtung und Bitterkeit als Eitelkeit und Stolz. «Ich war jemand, der verhätschelt und geputzt wurde, den sie aber, sobald sie damit fertig war, wieder in das Schmuckkästchen zurücklegte – eine Puppe mit Flachshaar und Saphiraugen. Ich glaube nicht, daß sie mich überhaupt zur Kenntnis nahm, außer wenn ich der Öffentlichkeit vorgeführt wurde. Es war, als existierte ich einfach nicht, wenn es niemanden gab, dem ich vorgezeigt werden konnte. Aber ich habe sie vergöttert, sie über alles geliebt. Nachts lag ich wach und habe darauf gewartet, daß sie nach Hause kommt, von einer Party zurückkehrt. Wenn ich den Wagen kommen hörte, schlich ich mich ans Fenster, um sie zu sehen. Wenn es zu finster war, um etwas erkennen zu können, dann horchte ich; sie trug diese raschelnden Kleider. Es ist merkwürdig, wie die Kleider anderer Frauen einfach nur an ihnen hingen, ohne ein Geräusch zu machen. Aber an dem Rascheln erkannte ich immer, daß sie es war.» Er saß zurückgelehnt im Stuhl und hatte die Augen geschlossen. «Warum mußte sie mit Rolfe zusammen sterben? Eigentlich hätte ich es sein sollen.»

«Aber was ist mit Dillys March? Wir sprachen von ihr. Sah sie Ihrer Mutter wirklich so ähnlich?»

«Nein, nicht äußerlich. Aber in allem anderen erinnerte sie mich an Mutter. Sie war der Schützling meiner Mutter, beinahe ihr anderes Ich.»

«Ihre frühere Aussage – daß Sie Dillys nicht mochten – entsprach also nicht ganz der Wahrheit.»

Julian drehte den Kopf beiseite und lächelte ein wenig. «Es war aber auch nicht gerade Lüge.» Seine Augen schimmerten im Licht des Kaminfeuers, ein Schimmern, das von Tränen oder vom Aufblitzen eines Säbels hätte herrühren können.

«Sie war faszinierend, ja, das schon, aber überhaupt nicht liebenswert. Sie hätte einen Tag wie heute gemocht: die Jagd und den anschließenden Tötungsakt, um es metaphorisch auszudrücken. Der Tod hat sie fasziniert. Ich glaube, sie war jemand, der einen Selbstmordpakt wundervoll gefunden hätte. Bereits mit sechzehn, ja schon mit vierzehn, hatte sie Liebhaber und reichlich davon.»

«Sie haben Gemma Temple sehr viel über sich erzählt, oder?»

«Ja, sehr viel.»

«Auch über Olive Manning und ihren Sohn?»

«Das floß an einem Punkt auch in die Unterhaltung ein, ja. Die Geschichte meines Lebens. Ich erzähle sie nur selten.»

«Haben Sie daran gedacht, sie zu heiraten, Mr. Crael?»

«Vollkommen undenkbar.» Es klang wie das Zuschnappen der Zigarettendose, aus der er sich eine Zigarette genommen hatte.

«Vielleicht nicht für Gemma Temple. Sie hat bestimmt gedacht, daß sie einen dicken Fisch an Land gezogen hat.»

«Ich glaube, ich weiß, was Sie sich zurechtgelegt haben, Inspektor. Gemma Temple, die durch mich einiges erfahren hatte und der Olive Manning die übrigen Einzelheiten erzählt hatte – Gemma kam also hierher, in der Absicht, sich als Dillys auszugeben. Und aus Wut, Rache oder was auch immer habe ich sie getötet. Ganz einfach.»

«Nein, Sir, ganz so einfach nicht. Es gibt da noch den Mord an Olive Manning. Warum sollten Sie Olive Manning umbringen, sie wäre doch noch am ehesten für die Mörderin von Gemma Temple gehalten worden. Ein Raubmord wird es wohl kaum gewesen sein.»

«Aber Inspektor, wollen Sie etwa doch noch meinen Kopf retten?»

«Tun Sie doch nicht so, als wäre es Ihnen völlig egal. Ihnen ist vieles nicht egal, mehr als Sie verkraften können, fürchte ich. Erzählen Sie mir, was passiert ist, nachdem die Temple hier auftauchte.»

«Ich sah sie zum erstenmal, als ich in dieses Zimmer trat; sie waren alle hier versammelt – mein Vater, Gemma und Olive Manning. Wood hatte gerade den Sherry serviert. Ich öffnete die Tür und blickte ihr direkt in die Augen.» Er sah Jury an. «Da saß die Frau, die ich, wie ich meinte, zum letztenmal gesehen hatte, als ich sie in Tränen aufgelöst und völlig hysterisch verließ, weil ich sie nicht heiraten wollte. Und sie lächelte», sagte Julian, als wolle er damit sagen, daß ihr Lächeln alles Unheil dieser Welt mit sich gebracht hätte. «Ich glaube, jedes Wort, das an diesem Nachmittag gesprochen wurde, hat sich in mein Gedächtnis eingeätzt. ‹Hallo, Julian›, sagte sie und streckte mir die Hand entgegen. ‹Was zum Teufel machst du denn hier›, sagte ich.

‹Ich kann verstehen, daß du fassungslos bist›, sagte mein Vater. ‹Ich konnte es auch nicht glauben.› Er war völlig außer sich vor Freude. ‹Sie ist zurückgekommen – Dillys ist wieder da. ›»

Julian schloß die Augen. «Beinahe wäre ich herausgeplatzt – vor versammelter Mannschaft, aber etwas in ihren Augen hielt mich zurück. Die ganze verdammte Situation war so unmöglich, daß ich lachen mußte. Der Gedanke, daß sie sich als Dillys ausgeben könnte …»

«Sie haben sie getötet, nicht?»

Müde drehte Julian den Kopf, um Jury anzusehen. «Nein, aber ich weiß, Sie werden mir nicht glauben –»

Jury schüttelte den Kopf. «Nicht Gemma Temple, Dillys March.»

Das Tageslicht war so schnell aus dem Zimmer gewichen, als hätte jemand mit den Fingern eine Kerze ausgelöscht. Außer dem halbrunden Lichtschein des Kaminfeuers war das Zimmer in Dunkelheit getaucht. Die verschwommenen Konturen der Stühle und Tische ließen sie wie Überbleibsel aus einer anderen Welt erscheinen. Julian schwieg eine Weile, dann sagte er: «Wie zum Teufel sind Sie darauf gekommen?»

«Ich habe es schon länger vermutet. Sie schien nicht jemand zu sein, der eine größere Summe Geld einfach so sausen läßt. Aber eigentlich haben Sie es mir selbst vor ein paar Minuten gesagt.»

«Inwiefern?»

«Wie Sie Ihre Begegnung in der Victoria Station beschrieben haben. Bisher wurde doch immer angenommen, daß Dillys nach London weggelaufen sei. Da fand man auch ihren Wagen. Warum haben Sie also nicht angenommen, daß diese junge Dame, ihre Doppelgängerin, tatsächlich Dillys war? Doch nur weil Sie wußten, daß sie tot ist.»

«Mein Gott», sagte Julian kaum hörbar und schloß wieder die Augen.

Jury nahm Julians Glas, goß ihm noch einen Whisky mit Soda ein und hielt es ihm hin. Einen Augenblick lang stand er über ihm. «Erzählen Sie.» Abwesend nahm Julian Drink und Zigarette entgegen und sagte dann: «Als wir jünger waren, haben Dillys und ich einen Pakt geschlossen, daß wir keine Geheimnisse voreinander haben würden. Wir haben ihn sogar mit Blut besiegelt, indem wir uns in die Finger schnitten – das war Dillys’ Idee; sie hatte eine Vorliebe für dramatische Dinge. Sie wollte, daß wir unser Blut mischen. Ich bin beinahe in Ohnmacht gefallen. Wörtlich. Ich kann kein Blut sehen, und Dillys fand das furchtbar komisch … Aber ich nehme an, daß Sie das alles gar nicht hören wollen –»

«Doch, erzählen Sie weiter.»

Er lehnte sich zurück, seine Finger umschlossen das Glas, als wäre es ein Gesangbuch, das er an seine Brust drückte. «Dillys war auf Lily eifersüchtig, das war ganz offensichtlich; nur wäre sie eher gestorben, als daß sie das zugegeben hätte. Der Colonel hatte Lily sehr gern, und Lily war eigentlich auch hübscher als Dillys. Aber Dillys war ‹jenseits› von hübsch, wenn Sie verstehen, was ich meine. In dieser Hinsicht war sie wie meine Mutter. Sie hatten beide ein – inneres Feuer, ja, so könnte man es wohl nennen. Aber dieses Feuer war nicht immer so wunderbar. Manchmal war es auch das reinste Höllenfeuer. Mama konnte furchtbar wütend werden. Dann warf sie mit Dingen um sich and kreischte wie ein Fischweib. Armer Vater, dachte ich dann. Andererseits war es irgendwie aufregend …

Dillys war klug und sehr überzeugend – sie konnte einem alles einreden. Die Geschichte, daß Mary Siddons den Schmuck, diesen Ring oder was es auch war, gestohlen hat, war eine glatte Lüge. Mary hätte so etwas nie getan. Wenn etwas gestohlen wurde, dann hat es Dillys getan, glauben Sie mir. Die Geschichte mit Leo Manning brachte dann das Faß zum Überlaufen. Der arme Kerl war ziemlich hinüber. Olive hat entweder gelogen oder sich selbst etwas vorgemacht, als sie behauptete, Dillys sei für seinen Zusammenbruch verantwortlich. Dillys war durchaus imstande, jemand an den Rand des Wahnsinns zu treiben, und daß sie keine Wohltat für ihn war, steht außer Zweifel. Aber Leo war schon in einem schlimmen Zustand, als er hierherkam. Manchmal kam er mir vor wie ein schmeichlerischer Heuchler, ein moderner Uriah Heep; dann wieder sah ich sein Lächeln und dachte, daß es so scharf wie eine Rasierklinge sei. Er erinnerte mich an eine Figur aus einem Stück, an einen Mann, der mit seinem Kopf in der Hutschachtel herumspaziert. Das war genau der seelische Zustand, den Dillys als eine Herausforderung begriff, sie konnte ihn formen wie ein Bildhauer Lehm, ihn einmal in die eine und dann wieder in die andere Richtung biegen. Nun, die beiden hatten ein Verhältnis. Es gab ein Sommerhaus in der Nähe der Klippen, wo sie sich trafen … da waren sie auch in jener Nacht.

Ich machte einen Spaziergang. Nein, ich habe Dillys gesucht.

Ich sah ein schwaches Licht im Sommerhaus und ging ein Stück weiter auf dem Pfad zwischen den Klippen und spähte durch das Fenster. Und da stand sie, vollkommen nackt. In dem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Zuerst dachte ich, sie spielte nur mit ihm; ich dachte nicht, daß sie wirklich … Sie können sich nicht vorstellen, was ich in diesem Moment empfand. Der Ausdruck, jemand ‹sieht rot›, trifft es genau. Es kam mir so vor, als stünde ich da und sähe durch eine Fensterscheibe aus Blut. Ich stand da und habe in der Kälte gewartet; wie lange, weiß ich nicht mehr. Ich werde nie das Geräusch des Windes vergessen, der von der See kam und die Äste wie Säbel klirren ließ. Ich spürte, wie eine Welle des Hasses über mir zusammenschlug, aber sie war nicht kalt, sondern ganz warm und weich.

Schließlich kam sie aus dem Haus und nahm den Pfad zum Haus zurück. Ich höre noch heute ihre Schritte auf dem Kies und wie sie irgendein blödes Lied summt, als wäre nichts geschehen, während für mich eine Welt zusammengebrochen war. Ich versperrte ihr den Weg und fing an, sie anzuschreien. Dillys hat nur gelacht.

‹Wie lange geht das schon mit euch›, fragte ich sie.

‹Das geht dich zwar nichts an – aber ungefähr seit Leo hier ist.›

‹Dann wird er nicht sehr lange mehr hierbleiben. Zumindest nicht, wenn ich es Vater sage. Und du auch nicht. Das wird er nicht dulden.›

Darüber hat sie erst recht gelacht. ‹Dann erzähle es, wie ein petzender Schuljunge. Aber mir wird er eher glauben als dir. Ich werde ihm sagen, daß Leo versucht hat, sich an mich ranzumachen. Was auch stimmt. Auf dem Gebiet ist er ziemlich erfahren.›

Dann hat sie mir bis in alle Einzelheiten geschildert, was sie bei ihren Treffen im Laufe des Jahres alles getrieben hatten. Ich war gelähmt vor Wut. Das Ironische war, daß sie diesen knöchellangen Mantel und einen Hut trug und eher wie eine Nonne aussah. Ich nahm den nächstbesten Stein und zerschmetterte ihr damit den Schädel. Sie fiel zu Boden. Ich stand da und starrte eine Ewigkeit auf sie herab. Ich glaube, ich wartete darauf, daß sie einfach wieder aufstehen, sich den Staub abklopfen und lachen würde. Heute denke ich, mir war die Tatsache, daß sie tot dalag, gar nicht richtig bewußt.»

Julian saß nach vorne gebeugt und fixierte Jury, als würde er gerade einen sehr komplexen juristischen Sachverhalt erklären. «Ich wußte, ich mußte sie wegschaffen – nicht, weil ich Angst hatte – die kam später. Nein, ich mußte sie aus meinem Leben und aus meinen Gedanken entfernen, das Geschehene auslöschen. Ich wollte sie vor allem vor mir verstecken und nicht vor den anderen, auch nicht vor der Polizei. In dem Augenblick habe ich nicht einmal an die Polizei gedacht.

Unterhalb von dem Pfad gibt es zwischen den Felsen eine Stelle mit einer teuflischen Strömung. Sie ist so gefährlich, daß sich nicht einmal ein Taucher dort hinunter wagt. Sie würde dort einfach verschwinden, und der Körper würde nie gefunden werden. Ich stand genau darüber. Ich brauchte sie nur hinunterzurollen …

Ich lief zum Haus zurück, ging auf ihr Zimmer, packte ein paar Sachen von ihr in einen Koffer und warf mir dann eines ihrer Lieblingscapes um. Es war kaum etwas von mir zu sehen. Als Olive zum Fenster hinaussah, dachte sie natürlich, es sei Dillys, die in ihr Auto stieg. Ich fuhr den Wagen zum Parkplatz, der oberhalb von Rackmoor liegt, und stellte ihn dort ab; er war dort einer von vielen. Dann ging ich zurück. Niemand hat mich gesehen, niemand hat mich vermißt.» Er sagte das, als werde ihn nie mehr jemand vermissen. «Am nächsten Morgen herrschte natürlich Aufregung, weil Dillys abgehauen war, andererseits tat sie das öfter. Ich sagte, ich würde den Tag über nach York fahren. Ich nahm mein Auto und fuhr zum Parkplatz. Dort stieg ich in Dillys’ Wagen, fuhr damit nach London und ließ ihn einfach stehen. Dann nahm ich den Zug zurück nach York und von dort den Bus nach Pitlochary und ging am selben Abend zu Fuß nach Rackmoor, um meinen Wagen zu holen.» Er sah Jury an. «Glauben Sie mir, ich weiß, wie das klingt. Sehr kaltblütig und bis ins letzte Detail geplant: der Umhang, das Auto, die Fahrt nach London – aber zu dem Zeitpunkt war es nicht so. Es war der reinste Irrsinn; ein Gefühl, als wäre alles vom Zufall gesteuert, sofern man überhaupt von einem Gefühl sprechen kann. Ich hätte mich auch unter Wasser bewegen können, alles war schwer wie Blei. Nur Teile meines Gehirns funktionierten noch. Das übrige fühlte sich wie … eingeschlafen an. Danach war ich eine Woche lang krank, ich meine buchstäblich krank. Als würde sich alles in mir sträuben gegen das, was passiert war; wie der Organismus nach einer Herztransplantation. Ich habe es einfach abgestoßen. Diese Nacht war etwas, was es nicht geben durfte, wie ein Baum, der plötzlich über den Weg fällt, auf dem man geht, wie – oh, mein Gott, ich weiß nicht, wie ich es erklären soll.»

Jury stand wieder auf, nahm sein leeres Glas und goß sich ein. «Sie haben das schon ganz gut hingekriegt, würde ich sagen.» Er zündete sich eine Zigarette an und setzte sich wieder hin. «Und nachdem sich die Aufregung gelegt hatte, mußte der Verdacht natürlich auf Leo fallen – fehlte nur die Leiche.»

«Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Sie fragen sich wohl, ob ich schweigend zugelassen hätte, daß sie ihn dafür aufknöpften, falls es dazu gekommen wäre?»

«Ich frage mich nicht viel.»

«Das würde ich Ihnen gern glauben.»

«Zurück zu Gemma.»

«Die ich nicht getötet habe.»

«Dafür hatten Sie allerdings ein handfestes Motiv. Sie wußte von Dillys, oder?» Julians aschfahles Gesicht beantwortete seine Frage. «Das ist auch der Grund, warum Sie ihre wahre Identität nicht verraten wollten, nicht wahr?»

«Ich hätte es getan. Ich war drauf und dran, dem Colonel die ganze erbärmliche Geschichte zu erzählen –»

«Nur brauchten Sie es nicht zu tun, so wie die Dinge sich entwickelten.»

Es entstand ein langes Schweigen. In dem schummrigen Licht sah Jury, wie eine Träne langsam über Julians Gesicht rollte. Er sah zum Porträt seiner Mutter auf. «Ich habe gehört, daß sie nicht aus dem Auto rauskommen konnte. Und dieser gottverfluchte Rolfe war betrunken, als sie abfuhren. Ich frage mich, ob ich sie hätte retten können, wenn ich dabeigewesen wäre?»

Jury sah an Julian vorbei, ohne das Gemälde anzusehen. Er sah zum Fenster, in den unerbittlichen Nebel hinaus, der vorbeidriftete und sich ständig veränderte, als würde er nach einer passenden Form suchen und dabei gespenstisch an das Fenster pochen. «Nein», sagte er nur.

Inspektor Jury spielt Domino
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