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Während der Auspuff des Lotus Elan noch in Jurys Ohren röhrte, machte Kitty Meechem sich daran, die Bar für die Elfuhrkunden herzurichten; sie wischte die Porzellangriffe der Bierpumpe ab und rieb den dunklen Tresen blank. Jury entschied, daß er sich lieber mit Kittys seidigen Locken hätte abgeben sollen als jemals mit Harkins. «Welche Zimmer haben Sie uns denn gegeben, Kitty?»

Sie warf die Serviette über die Schulter und zog ihr Kleid zurecht, so daß Jury etwas mehr Busenansatz sehen konnte. «Ach ja, ich zeig sie Ihnen –»

«Ist nicht nötig. Sergeant, Wiggins wird sie schon finden. Sagen Sie ihm nur, wo. Ich würde gerne noch etwas mit Ihnen plaudern.»

Sie zeigte durch die Tür auf eine dunkle, enge Treppe rechts neben der Bar. «Ich hab nämlich nur drei Zimmer. Und die Polizei will nicht, daß ich ihres vermiete.» Jury lächelte in sich hinein; anscheinend galten sie hier nicht als Polizei. «Sie können sie nicht verfehlen, Sergeant. Es sind die ersten beiden auf dem ersten Stock. Mit Blick aufs Meer. Viel frische Luft für Sie. Sie sehen ziemlich angegriffen aus.»

Wiggins lächelte trübe.

«Ruhen Sie sich aus», sagte Jury. «Ich hol Sie, wenn ich Sie brauche.»

Wiggins sandte ihm einen dankbaren Blick zu, schnappte sich die beiden kleinen Koffer neben der Tür und ging hinauf.

«Sie kommen nicht aus Dublin, Kitty, oder?» Jury lächelte. Mit diesem Lächeln hatte Jury schon härtere Herzen erweicht als das von Kitty Meechem.

«Sie sind ein ganz Schlauer. Was meinen Sie denn, woher?»

«Aus dem Westen. Sligo vielleicht.»

Sie war verblüfft. «Sie haben’s erraten. Wirklich sehr schlau, Inspektor. Daß Sie solche Unterschiede heraushören können!»

«So schlau auch wieder nicht.» Er hob den Umschlag hoch und warf zwei Fünfzig-Pence-Stücke auf den Tresen. «Harkins hat alles aufgeschrieben. Wie wär’s mit einem Bier, Kitty?»

Sie lachte. «Ich hab nichts dagegen.»

«Ein Guinness, bitte. Das ist Medizin.»

«Da haben Sie recht. Meine Mutter mußte einen Liter pro Tag trinken; der Doktor hatte ihr das verordnet, als Stärkungsmittel.»

«Warum sind Sie hier in Yorkshire, Kitty? Irland ist doch ein schönes Land?»

«Mein Mann ist aus Yorkshire. Ich hab ihn in Galway kennengelernt, als er Urlaub machte. Eine Zeitlang haben wir in Salthill gewohnt. Aber er mochte Irland nicht. Wie alle Engländer. Wegen der Unruhen.»

«Die gibt es schon seit zweihundert Jahren, Kitty.»

Sie hatte die Arme in die Hüften gestemmt und wartete darauf, daß sich der Schaum setzte. «Haben Sie schon Bertie Makepiece kennengelernt, Sir? Er wohnt in dem Cross Keys Cottage in der Scroop Street.» Jury schüttelte den Kopf. «Das ist direkt neben der Engelsstiege. Seine Mutter ist jedenfalls vor ein paar Monaten nach Irland zurückgegangen. Ich schau ab und zu mal nach dem Rechten, aber ich versteh das nicht – einfach abzuhauen und das Kind seinem Schicksal zu überlassen! Hin und wieder hab ich einen kleinen Job für ihn. Ihre Großmutter sei krank, hat sie gesagt.» Kitty schüttelte den Kopf, füllte die Gläser bis zum Rand und schob Jury das eine über den Tresen.

«Cheers», sagte Jury und hob sein Glas. «Was ist an dem Abend passiert, als sie ermordet wurde, Kitty? Haben Sie Gemma Temple gesehen?»

«Ja, hab ich. Ich ging gegen zehn auf mein Zimmer, und sie war auf ihrem. Sie rief mich herein – ich sollte mir ihr Kostüm anschauen. Es war auch wirklich toll, der weiße Satin und der schwarze Samt. Und dazu die schwarzen Stiefel. Sie sagte, sie wolle sich noch das Gesicht schminken. Die eine Hälfte weiß, die andere schwarz. Und eine Maske aufsetzen …» Kitty stockte und wandte den Blick ab. «Sie soll schrecklich ausgesehen haben, als sie gefunden wurde.»

Jury äußerte sich nicht dazu. «Sie sagten, das war um zehn?»

Kitty nickte.

«Zehn oder kurz danach.»

«Und sie wollte sich nur noch schminken und dann gehen?»

«Das hat sie gesagt. Sie wollte gleich weg. Und das war auch das letzte, was ich von ihr gesehen habe. Die Ärmste, ich hab sie ja kaum gekannt, aber leid tut sie mir doch.»

«Ja, natürlich. Sie hat sich also auf den Weg zur Party gemacht, soweit Sie wissen?»

Wieder nickte Kitty.

«Anscheinend hat sie keiner von den Gästen weggehen sehen. Wie kommt das?»

«Na ja, das überrascht mich nicht. Sie waren ja alle stockbesoffen. Außerdem brauchte sie hier gar nicht durch. Sie konnte die Treppe runter und gleich aus der Tür gehen. Ich hab mich ja auch gefragt, was sie auf der Engelsstiege zu suchen hatte. Wissen Sie, am einfachsten kommt man nämlich zum Herrenhaus, wenn man Richtung Meer geht, die Fuchsstiege nimmt und dann an der Kaimauer entlanggeht. Wir haben sie die Fuchsstiege genannt, um die beiden Treppen auseinanderhalten zu können.» Jury nickte. «Von der Kaimauer führt ein Pfad die Klippen hoch bis zum Old House.»

«Das ist aber nicht der einzige Weg?»

«O nein, man kann auch die Engelsstiege bis zur Kapelle hochgehen, dann die Psalter Lane nehmen und anschließend durch den Wald gehen. Aber wer will das schon? Ist dunkel und unheimlich.»

«Hat sie sich denn in den paar Tagen, die sie hier war, mit jemandem angefreundet?»

Kitty schüttelte den Kopf. «Nein, mit keinem, nur mit Maud Brixenham hat sie ein paarmal gesprochen. Maud kommt jeden Mittag hier vorbei. Sie wohnt in der Lead Street. Auf der anderen Seite der Mole. Und Adrian, mit dem –» Sie zögerte.

«Adrian?»

«Adrian Rees. Ich glaube, mit dem hat sie auch mal geredet.»

«Warum wollten Sie das unter den Tisch fallen lassen?»

«Oh …» Sie beugte sich über den Tresen und ließ Jury noch etwas tiefer in ihren Ausschnitt blicken. «Ich möchte nicht, daß Adrian Ärger kriegt. Aber er war hier an dem Abend, an dem sie ermordet wurde, und er sprach über irgendwelche Mordgeschichten. Über eine Romanfigur. Schlimm ist nur, daß Adrian sie als letzter lebend gesehen hat. Dieser Mr. Harkins hat ihn ganz schön in die Mangel genommen.»

«Und was halten Sie von der Sache?»

Kitty winkte ab. «Bah, Adrian könnte keinen Mord begehen. Angeben, rumkrakeelen, das ja, aber –» Sie schüttelte den Kopf und trank ihr Bier.

«Und die Craels? Die Frau war anscheinend befreundet oder verwandt mit ihnen.»

«Davon weiß ich nichts, ich weiß nur, daß sie zum Old House hochgegangen ist. Diese Kneipe hier gehört dem Colonel zur Hälfte. Als er sie kaufte, hieß sie ‹Zum Kabeljau›. Ich arbeitete hinter dem Tresen. Der Colonel ist ein richtiger Gentleman und sehr beliebt hier in Rackmoor.»

«Was hat Gemma Temple über die Craels gesagt?»

«Nichts. Wir haben uns nicht weiter unterhalten. Aber dieser Julian, der Sohn, der ist schon ein ziemlich komischer Vogel.»

«Komisch? Warum?»

«Immer für sich. Kommt kaum ins Dorf runter. Vierzig und nicht verheiratet.»

Sie sagte das, als wäre es der Gipfel aller möglichen menschlichen Verirrungen.

«Ich bin auch vierzig und noch nicht verheiratet, Kitty.»

Sie starrte ihn an. «Kaum zu glauben. Ist wohl nicht nach Ihrem Geschmack?»

«Oh, es ist schon nach meinem Geschmack. Das Mündel der Craels, diese Dillys March, haben Sie wohl nicht gekannt? So lange sind Sie wahrscheinlich noch gar nicht hier.»

«Nein. Aber ich kenne die Geschichte: Sie haute ab und heiratete, stimmt’s?»

Das Heiraten schien es ihr angetan zu haben. «Das ist uns nicht bekannt. Das Kostüm soll einer gewissen Lily Siddons gehört haben?»

Kitty nickte. «Lily, ja, Sir, das stimmt, sie hat es ihr gegeben oder geliehen, das weiß ich nicht genau. Und Lily ging zusammen mit Maud Brixenham als –» Kitty schob die Unterlippe vor, «als irgendwas aus Shakespeare. Ich kann mich nicht mehr erinnern.»

«Ist Lily Siddons mit den Craels befreundet?»

«Ja, ihre Mutter war bis zu ihrem Tod Köchin im Old House – Mary Siddons.»

«Die Tochter von Craels Köchin? Sir Titus scheint ja sehr demokratisch zu sein –» Jury half Kitty aus der Verlegenheit. «Ich meine, wenn er sogar die Kinder seiner Dienstboten um sich schart.»

«Oh, mit Lily ist es was anderes. Sie ist ihm ans Herz gewachsen. Als ihr Vater einfach weglief, hat sie mit ihrer Mutter eine Zeitlang bei ihnen gewohnt.»

«Hier scheinen ja viele Leute zu verschwinden! Haben Sie Lily in der Mordnacht gesehen?»

«Ja, hab ich. Wenn ich den Laden dichtmache, unterhalten wir uns meist noch ein bißchen. Sie wohnt gleich da drüben, in dem komischen kleinen Haus, wo sich High Street und Grape Lane treffen. Nach Feierabend bin ich zu ihr rübergerannt.»

Jury zog sein Notizbuch heraus. «Wann war das?»

«Fünf vor halb zwölf. Ich sah, daß sie noch Licht anhatte.»

«Ich dachte, sie wäre auf das Fest gegangen?»

«Sie ist gleich wieder zurückgekommen. Mit Maud Brixenham und Mauds Neffen, Les Aird. Lily sagte, es wäre ihr schlecht geworden.» Sie beobachtete, wie Jury den Umschlag öffnete, und fügte hinzu: «Ist wohl wichtig, weil um diesen Dreh auch Gemma Temple umgebracht wurde?»

Jury blickte zu ihr hoch. «Sie wissen, um wieviel Uhr das passiert ist?»

«Sicher. Jeder in Rackmoor weiß das. Zwölf Messerstiche hat sie abgekriegt.»

«Wie lange braucht man von hier zur Engelsstiege, Kitty?»

Kitty setzte ein gewinnendes Lächeln auf. «Genau das hat mich Mr. Harkins auch gefragt. Zehn Minuten bis zu der Stelle, wo sie ermordet wurde. Ich kann’s also unmöglich gewesen sein, wo ich doch fünf vor halb zwölf schon bei Lily war!»

Jury lachte. «Sie und Lily haben ein ganz gutes Alibi.» Kitty strahlte, und er fügte hinzu: «Aber hieb- und stichfest ist es nicht. Eine von Ihnen könnte ja gerannt sein wie der Teufel …»

Kitty fühlte sich sicher genug, um zu lachen. «Oh, das ist doch nicht Ihr Ernst, Sir.» Sie senkte die Stimme. «Womit wurde sie denn umgebracht?»

«Ich dachte, das könnte ich von Ihnen erfahren. Sie wissen doch sonst alles. Hören Sie, Kitty, wer könnte Interesse daran haben, Lily Siddons um die Ecke zu bringen?»

Schockiert blickte sie ihn an. «Lily, Sir? Wie meinen Sie denn das?»

«Sie sind doch mit ihr befreundet. Hat sie Ihnen nicht erzählt, daß sie dachte, der Mörder habe sie mit Gemma Temple verwechselt? Die Temple trug ja auch ihr Kostüm.»

«Du lieber Himmel! Nein, davon hat sie nichts gesagt.»

«Sahen sie sich denn sehr ähnlich?»

«Nein, aber das Kostüm … ist schwer zu sagen, ich meine bei dem Nebel und der Dunkelheit …»

«Hmm, ich glaube, ich schau mir am besten mal das Zimmer von der Temple an.»

Sie ging mit Jury durch die Tür und die enge Treppe hinauf; das Zimmer lag am Ende des Flurs, ein großer, heller Raum, von dem aus man auf den Wellenbrecher und auf das schiefergraue Wasser blickte.

Während Jury das Zimmer inspizierte – die Schränke öffnete und hinter die Möbelstücke und Spiegel schaute –, erzählte Kitty, daß sie ihre Zimmer selten vermiete. «Im Winter kommt doch niemand. Gestern nachmittag ist mir zum erstenmal seit zwei Monaten wieder ein Fremder über den Weg gelaufen, ein Herr, der sich in eine Ecke setzte, ein französisches Buch las und dabei Old Peculiar trank – wer trinkt das heutzutage noch?

Bitsy, die hier serviert, falls sie überhaupt etwas tut, sagte, er sei auf dem Weg zum Old House gewesen und hätte sich nur noch ein bißchen im Dorf umschauen wollen. Bitsy hat natürlich mit ihm getratscht, solange es nur ging. Wenn sie nur nicht zu arbeiten braucht –»

Old Peculiar und ein französisches Buch. «Wie sah er denn aus?»

«Ziemlich groß. Helles Haar. Wirklich tolle Augen.»

«Grün?»

«Ja, grün. Sie glitzerten richtig. Woher wissen Sie das?»

Melrose Plant. Was zum Teufel tat er in Rackmoor?

Inspektor Jury spielt Domino
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