13

Wo Maud Brixenham auch entlangging, hinterließ sie Schleier und Haarnadeln.

Zumindest gewann Jury diesen Eindruck; er beobachtete gerade, wie das graue Tülltuch auf den Boden flatterte, während ihre knochige Gestalt sich zwischen Couch und Bücherschrank bewegte. Er fragte sich, ob sie es trug, um irgendwelche Alterserscheinungen zu verbergen – die hervortretenden Adern am Hals, die winzigen Fältchen.

«Sherry?» fragte sie über die Schulter.

Jury und Wiggins, die beide auf der Couch saßen, lehnten ab.

«Ich werd mir ein Gläschen einschenken, wenn Sie gestatten.» Ihre Stimme wehte wie das Tuch zu ihnen hinüber. Die Flasche, aus der sie sich eingoß, war nicht zu sehen. Jury blickte auf das Taschentuch, das aus ihrer Tasche oder ihrem Ärmel gerutscht war, als sie sich bückte, um die Flasche zurückzustellen. Und er betrachtete die Haarnadeln, die wie die Stacheln eines Stachelschweins aus ihrem braunen, lose im Nacken geschlungenen Knoten herausragten. Sie schienen jedoch wenig zu bewirken, da aus dem Knoten lauter kleine Strähnen heraushingen wie Hühnerfedern.

Maud Brixenham kam zurück und setzte sich ihnen gegenüber, das Sherryglas auf dem Handteller. Sie seufzte. «Ich nehme an, Sie sind wegen dieser rätselhaften jungen Frau gekommen?»

Jury lächelte. Sie hatte weder «unglückselige» noch «arme» junge Frau gesagt. Offensichtlich verschwendete Maud Brixenham keine Zeit darauf, Gefühle vorzutäuschen. Sie nahm einen Schluck Sherry und stellte das geriffelte Glas auf den Tisch. Jury bemerkte, daß die Flüssigkeit eigentlich zu hell war für einen Sherry. War es Gin? «Wieso rätselhaft, Miss Brixenham?»

«Eine höfliche Umschreibung. ‹Intrigant› wäre richtiger.»

«Intrigant?»

«Ja, klar. Diese ganze Dillys-March-Nummer.»

«Nummer?»

Sie schaute ihn an. «Spielen Sie immer Echo, Inspektor? Sie sind ja noch schlimmer als mein Psychiater, und der ist schon schlimm genug. Auch gut – ich tue so, als hielte ich Sie für völlig ahnungslos und erzähl Ihnen die ganze Geschichte: Eines Tages taucht also diese Temple im Old House auf, gibt sich als Titus’ lang vermißten Schützling zu erkennen und läßt sich inmitten von Kristall und den Goldrahmen häuslich nieder, fest davon überzeugt, in den Schoß der Familie aufgenommen zu werden.» Sie machte eine verächtliche Handbewegung und griff nach ihrem Glas.

«Sie haben ihr das also nicht abgenommen?»

«Keine Sekunde. Sie etwa?» Sie nahm eine Zigarette aus einer Lackdose und steckte sie in einen dreißig Zentimeter langen Halter aus Onyx. Ihre Hand war mit Ringen überladen.

«Aber Sir Titus schien keinerlei Verdacht zu hegen?»

«Er ist einfach zu leichtgläubig; ich muß das leider sagen, auch wenn er mein bester Freund ist. Er hat die Kleine als Kind ungeheuer verwöhnt, wohl aus Enttäuschung darüber, daß er selbst keine Enkelkinder hat. Julian scheint ihm diese Freude ja – nicht machen zu wollen.»

«Sie sind mit Sir Titus befreundet?»

Die Antwort waren zwei leuchtendrote Flecken, die auf ihrem breiten, flächigen Gesicht erschienen. Maud Brixenham war zwar keine Schönheit, aber sie hatte Charakter. Es war anzunehmen, daß der Colonel das zu schätzen wußte; sie kam aus einem guten Stall und würde sich immer auf die richtige Seite schlagen.

«Sie waren auch auf dem Ball?»

«Ja. Ganz Rackmoor war da. Er findet einmal im Jahr statt. Ein rauschendes Fest – aber das wissen Sie ja. Sie trug dieses Kostüm, als sie ermordet wurde. Ein sehr auffallendes Kostüm, schwarz und weiß. Lily hat sich das ausgedacht. Wirklich originell und sehr seltsam, wie eine Picasso-Zeichnung mit diesen gegeneinander verschobenen Hälften … Ich ging als Sebastian. Das fand ich ganz passend. Und Lily als Viola. Zugegeben, sie war der hübschere Zwilling von uns beiden, aber sie ist nun mal auch eine sehr hübsche junge Frau. Les – das ist mein Neffe – ging als Les. Er trägt immer ein Kostüm. Cowboyhut, Stiefel, Fransenjacke oder Jeansanzug. T-Shirts mit irgendwelchen furchtbaren Bildern drauf, eine herausgestreckte Zunge oder unerforschliche Botschaften wie Frizday. Ich hab mich immer geweigert, ihn nach der Bedeutung zu fragen. Wissen Sie denn, was das heißt?»

«Frisbee», sagte Wiggins. Beide schauten ihn an. «Das ist dieses Plastikding zum Werfen.»

Wiggins konnte eine wahre Fundgrube sein, was alltägliche Banalitäten anbelangte; Jury hatte das schon des öfteren festgestellt.

«Wie scharfsinnig, Sergeant.» Sie blickte zur Decke. «Er ist oben. Ich frage mich, wieso keine Musik zu hören ist.»

«Sie wollten uns mehr über die Party erzählen, Miss Brixenham.»

«Ach, entschuldigen Sie. Es müssen ungefähr vierzig oder fünfzig Leute dort gewesen sein. Ein riesiges Buffet. So gegen neun ging es los. Die meisten Gäste waren im Bracewood-Salon versammelt – Titus hat die Räume nach seinen Pferden benannt, ist das nicht komisch? Der Rest war im Haus verstreut. Auf dem Treppenabsatz spielte sogar eine Band. Wie auf einer Empore sieht das aus. Und die Musiker hatten sich als fahrende Musikanten kostümiert. Manchmal mischten sie sich auch unter die Leute. Das Essen kam von … ach, ich weiß nicht. Überall standen befrackte Kellner herum. Die Leute aus dem Dorf hatten sich die komischsten Kostüme ausgedacht. Miss Cavendish, die Bibliothekarin, kam als Madame Dubarry – stellen Sie sich das vor! Die Steeds, das junge Paar, das in der Scroop Street wohnt, entschied sich für Heinrich den Achten und eine seiner Frauen. Ich erinner mich nicht mehr, für welche. Eine ziemlich langweilige Zusammenstellung. Und die Honeybuns –»

«Um wieviel Uhr sind Sie angekommen?»

«Ungefähr um halb zehn. Ich bin mir aber nicht ganz sicher. Vielleicht erinnert sich Les. Nein, bestimmt nicht. Er hat ein Gedächtnis wie ein Sieb. Aber Lily vielleicht. Wir sind bei ihr vorbeigegangen und haben sie abgeholt.»

«Und wann sind Sie wieder gegangen?»

«Ziemlich früh. Kurz nach zehn. Lily fühlte sich nicht wohl. Das Essen ist ihr nicht bekommen. Ich hab sie nach Hause begleitet und bin noch eine Weile bei ihr geblieben.»

«Haben Sie an diesem Abend auch Gemma Temple gesehen?»

«Nein, warum? Ich habe ja schon Inspektor Hawkins –»

«Harkins.»

«Ja. Gemma Temple ist auf dem Fest nie aufgetaucht.» Ihr Blick wanderte von Jury zu Wiggins, als hätte sie eine Eingebung gehabt. «Ich dachte eben, die Umstände waren im Grunde denkbar günstig, jemanden um die Ecke zu bringen. Das ganze Dorf war im Old House, abgesehen von den Stammgästen des ‹Alten Fuchs› und der ‹Glocke›. Und die würden keine zehn Pferde da rauskriegen.»

«Welchen Weg nahmen Sie und Miss Siddons – und Les, richtig? –, als Sie sie nach Hause begleiteten?»

«Wir – Lily und ich. Les ging durch den Wald, soviel ich mich erinnere. Jedenfalls kamen wir an der Kaimauer vorbei. Ist zwar ein bißchen länger, aber der andere Weg, der, den Les gegangen ist, ist so dunkel und unheimlich …» Sie erschauerte und griff nach ihrem Glas.

«Sie waren also nicht in der Nähe der Engelsstiege?»

«Nein.»

«Und sind Sie unterwegs jemandem begegnet?»

«Nein.»

Sie schwiegen und musterten sich kühl; Maud leerte ihr Glas mit dem wasserklaren Sherry.

«Sie haben aber im ‹Alten Fuchs› mit Miss Temple gesprochen?»

«Ja, ich verbringe eigentlich ziemlich viel Zeit im ‹Fuchs›. Viele schwere Stunden, wenn ich nichts zu Papier bringe, wenn ich nicht inspiriert bin. Ich nehme auch ganz gern die Atmosphäre dort auf. Wenn ich doch nur Krimiautorin wäre. Aus dieser Geschichte ließe sich was machen.»

Wiggins blickte von seinem Notizbuch hoch und fragte erstaunt: «Sie sind Schriftstellerin, Miss?» Er blickte sich in dem Raum um, als wäre er in Merlins Zauberhöhle. «Was schreiben Sie denn?»

«Oh, den üblichen Schund: die Fleischtöpfe Europas, Frauenhandel, Seifenopern – schwache Charaktere, aber um so stärkere Ausdrücke. Rosalind van Renseleer, das ist mein Pseudonym.»

«Ich hab schon von Ihnen gehört – Sie nicht, Sir?» fragte Wiggins.

Jury war der Name neu, aber er nickte lächelnd. «Über was haben Sie sich denn mit Miss Temple unterhalten?»

«Es war nichts von Bedeutung. Sie sah nicht aus wie eine von hier, soviel steht fest. Sie trug einen Webpelz, der ihr beinahe bis zu den Knöcheln reichte. Carnaby Street. Modische Stiefel, die bei diesem Wetter überhaupt nichts taugen. Sie sprach über London, das schlechte Wetter, das Meer und so weiter. Wenn Sie mehr wissen wollen, sollten Sie Adrian Rees fragen.» Maud Brixenham entfernte einen Faden von ihrer Bluse.

«Rees?»

«Ich hab sie nämlich einmal abends zusammen gesehen.» Vielsagend blickte sie Jury an. «Sie gingen die High Street hoch. Wahrscheinlich hat er sie mit nach Hause genommen.»

Jury sagte nichts darauf.

«Das war an dem Tag vor Titus’ kleinem Abendessen. Komisch, da tat er nämlich so, als würde er sie überhaupt nicht kennen. Es war ganz intim, das Essen. Nur Titus, Lily Siddons, Adrian und diese Temple. Wir saßen im Bracewood-Salon. Ich erinnere mich, daß Miss Temple vor dem Feuer saß. Julian und ich standen mit unserm Sherry in der Hand herum. Ich glaube, in diesem Augenblick kam dann auch Lily herein. Es muß ein Schock für sie gewesen sein, die Anwesenheit dieser Temple. Sie erstarrte und blieb auf der Schwelle stehen. Starrte sie an wie eine Erscheinung.»

«Hat sie die Ähnlichkeit mit Dillys March denn so überrascht?»

«Überrascht? Geschockt war sie. Ihr Gesicht war weißer als ihr Kleid. Na ja, die Ähnlichkeit soll ja auch frappierend gewesen sein. Aber deswegen muß diese Frau noch nicht Dillys March gewesen sein …» Sie zuckte die Achseln. «Julian ist natürlich meiner Meinung. Die ganze Geschichte ist einfach absurd.»

«Hat sie Ihnen gegenüber im Gasthof irgendeine Bemerkung fallenlassen, die darauf hinwies, daß sie sich in Rackmoor auskannte. Daß sie hier schon gelebt hatte?»

«Nein. Aber diesen Leckerbissen hat sie sich bestimmt für später aufgehoben. Sie machte, wie Les sagen würde, auf cool. Nicht der Typ, den man aus dem Weg räumen muß. Nicht schlau genug.»

So kann man’s auch sehen, dachte Jury. «Ich verstehe nicht ganz.»

«Na ja, sie schien eher zu den Ausführenden als zu den Planern zu gehören. Aber vielleicht hat das gar nichts zu sagen.»

«Was hat sie denn von sich gegeben?»

«Daß sie Ferien mache. Und daß sie ein paar Freunde in Rackmoor habe. Ausgerechnet die Craels, wie sich herausstellte: Mit denen hätte ich sie nie in Verbindung gebracht. Nicht eine von ihrer Sorte.»

«Hat sie denn etwas über ihre Beziehung zu ihnen gesagt?»

«Nein, sie sagte nur, sie kenne sie von früher her. Aus ihrer Kindheit. Das war alles.»

«Welchen Weg durchs Dorf haben Sie genommen? Ich meine, nach der Kaimauer?»

«Wenn Sie nichts dagegen haben, gieß ich mir noch einen Sherry ein. Heute abend scheine ich eine ganz besonders trockene Kehle zu haben. Ich komme mit meiner Arbeit nicht voran.» Sie sprang auf; ein paar Haarnadeln fielen zu Boden, und der Lederriemengürtel, der locker über ihrem indischen Hemd hing, löste sich ebenfalls. Am Buffet hielt sie wieder sehr geschickt die Flasche außer Sicht und kam mit einem randvollen Glas auf dem Handteller zurück. Wiggins holte sein Inhaliergerät hervor, als wolle er sich der Zecherei höflich anschließen.

«Wir sind die Fuchsstiege runtergegangen, das ist die Treppe, die zur Kaimauer führt, am Gasthof vorbei und zu Lilys Häuschen. Wie ich schon sagte, blieb ich noch ein Weilchen bei ihr; sie hätte ja vielleicht etwas brauchen –»

Ein Knall – nein, eher ein Hupen – ließ ihre Köpfe in die Höhe gehen. Was anfangs nur ein ohrenbetäubender Krach gewesen war, wurde zum Zusammenspiel verschiedener, aber kaum unterscheidbarer Instrumente: elektrische Gitarren, Trommeln, Bässe. Rhythmische Laute wurden ausgestoßen, aber obwohl alles sehr lautstark war, konnte man kein gesungenes Wort verstehen.

«Hab ich’s nicht gesagt», meinte Maud. Ohne aufzustehen, beugte sie sich zu dem Bücherregal hinüber, an dem eine lange Stange lehnte, die offensichtlich einem bestimmten Verwendungszweck diente: Ein paar dumpfe Schläge gegen die Decke, und die Musik wurde leiser.

«Wunderbar. The Grateful Dead. Wenn er nicht bald in die Staaten zurückgeht, werde ich ihrem Verein beitreten.»

«Ist das Ihr Neffe? Ein Amerikaner?»

«Sie brauchen ihn nur anzuschauen. Er ist der Sohn meiner Schwester. Er kommt aus Michigan oder Cincinnati oder so ähnlich; sie dachte, Weihnachten in England könnte seinen Horizont etwas erweitern. Und hier ist er nun, die Ferien sind längst vorbei, und ich kriege ihn nicht mehr los. Ich glaube, er hat eine kleine Freundin in dem neuen Wohnviertel. Er hat keine große Lust, auf seine Schule zurückzugehen, und meine Schwester scheint ihn auch nicht zu vermissen – was ich natürlich gar nicht verstehe.» Sie stieß noch einmal gegen die Decke, und der Lärm nahm wieder ab. «Seit er hier ist, muß meine Geräuschempfindlichkeit dramatisch abgenommen haben. Angeblich soll das menschliche Ohr nur ungefähr fünfzehn Minuten eine Lautstärke von hundertfünfzehn Dezibel ertragen können. Ein durchschnittliches Rockkonzert – wie ich es täglich höre – erreicht ungefähr hundertvierzig. Die Schmerzschwelle.» Sie schenkte ihnen ein strahlendes Lächeln, während die Stimme des Sängers langsam verröchelte und die Musik aufhörte. Auf der Treppe war das Gepolter von schweren Stiefeln zu hören.

Wiggins, immer auf der Hut vor irgendwelchen ansteckenden Krankheiten – Gehörschäden zählten auch dazu –, nahm gereizt die Hände von den Ohren.

Ein ungefähr sechzehnjähriger Bursche schob sich ins Zimmer; er hatte den Nacken eingezogen, als würde ein heftiger Regenguß auf ihn herunterprasseln. Cowboyhut, Jeans, Stiefel, Fransenjacke, dunkle Gläser waren wie einzelne Sterne hier und da an ihm angebracht wie eine seltsame Konstellation am Nachthimmel; irgendwie wirkte Les dadurch bedeutender als die Summe all dieser Teile.

«Mein Neffe, Les Aird. Das ist Chefinspektor Jury von Scotland Yard.»

Jury wußte, daß er mit sechzehn genauso reagiert hätte wie Les Aird jetzt: Er gab sich redlich Mühe, unbeeindruckt zu erscheinen. Jury fragte sich, ob er wirklich selbst einmal sechzehn gewesen war. Er konnte sich nur an etwas Qualliges, Undefinierbares erinnern, an einen stumpfen, verwirrten Halbwüchsigen.

Les Aird versuchte eine bestimmte Haltung einzunehmen, die gleichzeitig gelangweilt und respektvoll wirken sollte. Die dunklen Gläser wurden zurechtgerückt, der Kaugummi am Gaumen festgeklebt, die Stimme klar gemacht und die Hände in die Taschen der Jeans gesteckt. Ein Manöver, um Zeit zu gewinnen. Schließlich entschloß er sich, einfach nur die Hand auszustrecken, mit einem kurzen, bedeutungsvollen Nicken die Kiefer zusammenzuklappen und ein «Hey, geht in Ordnung, Mann» loszulassen.

Weder der Tonfall noch die Begrüßung selbst ließen den nötigen Respekt vermissen. Es entsprach dem «Wie geht’s, alter Junge» eines Brigadegenerals. Les war nur gerade in der lässigen Phase eines Sechzehnjährigen.

«Ich würde dir gern ein paar Fragen stellen, Les.»

Ein Mordfall kann aufregend, aber auch nervend sein; Jury bemerkte jedenfalls, daß Les’ Stimme umzuschlagen drohte. «Okay, fragen Sie.» Les nahm auf dem Sofa neben seiner Tante Platz; er setzte sich ganz auf die Kante, beugte sich etwas vor, legte den einen Arm auf den Schenkel in den strammsitzenden Bluejeans, winkelte den andern an und stemmte die Hand in die Hüfte. «Schießen Sie los!»

Das hätte auch wörtlich gemeint sein können. Heftige Kaubewegungen.

«Es dreht sich um die Frau, die hier ermordet wurde. Bist du ihr auch mal über den Weg gelaufen?»

«Oh, jahhh. Eine scharfe Braut war das, Mann.» Er lächelte, und seine Augenbrauen schoben sich über den Brillenrand.

«Hast du versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen?»

«Was?» Sein ausdrucksloser Blick wurde richtig bohrend.

«Hast du mit ihr gesprochen, Les?»

«Hmmm.»

«Aber du hast sie gesehen», sagte Jury.

«Mal hier, mal da.»

«Auch an dem Abend, an dem sie ermordet wurde?»

«Nein.» – «Ja.»

Sie sagten das beide gleichzeitig, Les Aird und Maud Brixenham. Maud machte einen höchst erstaunten Eindruck.

«Ich hab sie aber gesehen, Tante Maud.»

«Davon hast du mir aber nichts erzählt!»

Les zuckte die Achseln. «Ich wußte es nur nicht.»

«Und Inspektor Harkins gegenüber hast du auch nichts verlauten lassen, Les.»

«Weil ich es nicht wußte – ich meine, daß sie das war. Er hat nur gesagt, daß diese Frau abgemurkst worden sei. Nichts darüber, wie sie aussah. Woher hätte ich denn wissen sollen, daß sie diese Frau war, die ich gesehen habe. Wir kamen von dem Fest. Es muß so gegen halb elf oder Viertel vor elf gewesen sein. Da so viele in Kostümen herumrannten, dachte ich, sie sei auch eine von denen, die zum Herrenhaus hochwollten. Ich fand’s ja ziemlich blöd, dieses Fest. Aber sie haben tüchtig was aufgefahren. Das Essen war nicht zu verachten. Als ich aber die ganzen Osterhasen rumhüpfen sah, hat’s mir gereicht.»

Jury blinzelte. «Osterhasen?»

«Ein halbes Dutzend Hasen rannte da herum. Total bescheuert.»

Maud erklärte. «Drei Leute aus dem Dorf haben sich als Flopsy, Mopsy und Cottontail verkleidet.»

«Auf welchem Weg bist du ins Dorf zurückgegangen?»

«Auf dem, der an der Kirche und der Psalter Lane vorbeiführt.»

«Und anschließend, wie bist du da gegangen?»

«Ich bin bis zur Scroop Street die Engelsstiege runtergegangen. Arn war auch unterwegs. Wir sind also gemeinsam die Scroop Street runtergezittert. Scroop Street, Dagger Alley, High Street. Das war vielleicht komisch, Mann, als dieses Gesicht urplötzlich aus dem Nebel auftauchte. Der Ball der Vampire. Die eine Gesichtshälfte war weiß, die andere schwarz –» Er zog eine unsichtbare Linie von der Stirn bis zur Nasenspitze und bedeckte die linke Gesichtshälfte. «Sogar Arn fing an zu bellen. Und das will was heißen.»

«Das war auf der High Street?»

«Ja. Ich dachte, sie sei vielleicht aus der ‹Glocke› gekommen.»

«Und wohin ist sie gegangen? Die Dagger Alley hoch?»

«Kann ich nicht sagen, Mann. Entweder das oder die High runter.»

«Das war gegen halb elf?»

«Ja, so um den Dreh.»

«Vom Old House bis zur High Street hast du also eine halbe Stunde gebraucht?»

Les nickte unbehaglich. «Ja. Ich bin eine Straße zu weit gegangen und mußte wieder zurück.»

Jury hakte nicht weiter nach; wahrscheinlich hatte Les unterwegs eine Zigarettenpause eingelegt; er bezweifelte, daß etwas von Bedeutung dahintersteckte. Was aber diese Temple betraf, so fragte er sich doch, was sie in der Zwischenzeit getrieben hatte.

«Du hast sie gegen halb elf gesehen. Und Adrian Rees sah sie Viertel nach elf, kurz bevor der ‹Fuchs› zumachte. Wo war sie in der Zwischenzeit?» Die Frage war weniger an Les als an sich selbst gerichtet, aber Les sagte: «Keine Ahnung, Mann. Ich bin weitergezogen. Zu dem Strawberry-Wohnsilo. Um meiner Freundin einen Besuch abzustatten.»

«Wer wohnt in diesem Viertel, Wiggins? Schauen wir doch mal auf dem Plan nach.» Adrian Rees natürlich. Ein sicherer Tip.

Wiggins zog die Karte des Dorfs hervor, die Harkins ihnen zur Verfügung gestellt hatte, und entfaltete sie. «Da ist mal Percy Blythe. Er wohnt in der Dark Street. Gegenüber von der Leihbücherei wohnen die Steeds; sie ist am Ende der Scroop Street. Die meisten Häuser stehen um diese Jahreszeit leer.»

Jury beugte sich über den Plan. Noch nie in seinem Leben hatte er ein so dichtes Netz von Straßen und Gäßchen gesehen. Nein, «Netz» war nicht die richtige Bezeichnung. Spinnennetze waren sehr viel symmetrischer als die Straßen von Rackmoor. Dark Street war eine Sackgasse und nur über die Scroop Street zu erreichen. Dagger Alley war nichts weiter als ein schmaler Pfad zwischen der «Glocke» und einem leeren Warenhaus.

«Gut, vielen Dank, Les. Falls dir noch was einfällt, ruf mich an.»

«Ja, alles Gute.» Er drückte sich seine dunkle Brille auf die Nase.

Maud Brixenham begleitete Jury und Wiggins zur Tür; zurück blieben ein Fetzen Papier, der an ihren Schuhen klebte, und ein winziger Knopf, der endlich dem Gesetz der Schwerkraft gefolgt war. Jury fragte sich, wie Maud Brixenham je einen Mord begehen wollte: Sie würde eine Spur hinterlassen, die von Rackmoor bis Scarborough reichte.

Als er wieder draußen im Nebel stand, drehte Jury sich noch einmal nach ihr um und sagte: «Vielen Dank, Miss Brixenham.»

«Verlaufen Sie sich nicht in dem Nebel.»

Jury lächelte: «In Rackmoor kann man sich wohl kaum verlaufen.»

«Glauben Sie das mal nicht. Früher haben sich hier Seeräuber und Schmuggler versteckt. Geht leicht bei den verwinkelten kleinen Straßen.»

Jury hatte den Eindruck, daß Wiggins sich nur ungern auf den Weg machte. «Haben Sie noch irgendwelche Fragen, Sergeant?»

«Sagen Sie», meinte Wiggins zu Maud Brixenham, «ist es denn sehr schwer, Bücher zu schreiben?»

Jury seufzte und zündete sich eine Zigarette an. Versuchte Wiggins in Rackmoor seine eigentliche Berufung zu entdecken?

Inspektor Jury spielt Domino
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