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Heute nachmittag stand jedoch weder Froschauge noch die Polizei, sondern Melrose Plant vor seiner Tür. Bertie versuchte sich zu konzentrieren; er kniff vor Anstrengung die Augen zusammen und fing an, Grimassen zu schneiden. Dabei enthüllte er eine Zahnlücke und mehrere reparaturbedürftige Zähne. Von einem Wirbel stieg ein Büschel brauner Haare wie eine kleine Flagge senkrecht in die Höhe. Seine schmutzigbraune Kniebundhose war am Knie gestopft und seine braune Wolljacke falsch geknöpft; sie wellte sich an seiner Schulter und verlieh ihm ein leicht buckliges Aussehen.
Alles in allem, dachte Melrose, war der karamelfarbene Terrier mit seinen glänzenden braunen Augen eindeutig der hübschere von beiden. Melrose trug einen Mantel mit Samtkragen, auf dessen Schulter sein silberbeschlagener Spazierstock lag. «Kannst du deinen Vater holen. Sei so nett.»
Bertie musterte ihn argwöhnisch. «Mein Vater ist tot.»
«Oh. Tut mir leid. Na ja, dann würde ich gern mit deiner Mutter sprechen.»
Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. «Meine Mami ist weggefahren. Außer mir und Arnold ist niemand zu Hause.»
«Vielleicht kann mir auch Arnold weiterhelfen. Scotland Yard schickt mich», fügte Melrose mit großem Vergnügen hinzu.
Der Junge schnappte nach Luft. «Sie sind vom Yard?»
«Nein, nicht wirklich. Ich helfe nur aus. Mein Name ist Melrose Plant.» Er suchte immer noch hinter dem Jungen nach einem Erwachsenen. «Und du, wie heißt du?»
«Bertie Makepiece.» Er riß die Tür weit auf. Melrose sah, daß sich in dem Haus nichts rührte, und die Räume, die er sehen konnte – eine Ecke von einem Wohnzimmer, ein Stückchen von einer Küche –, schienen leer zu sein. Zwei unerfreulich aussehende Zimmerpflanzen flankierten die enge Diele. Irgendwo tickte eine Uhr.
«Das ist Arnold.»
Melrose blickte auf den Boden. «Das ist ja ein Hund.»
«Ja, weiß ich.»
Melrose versuchte zu lächeln, während er im geheimen Jury verfluchte. Er fragte sich, wie er den Bengel bei Laune halten sollte.
Um ein paar Dinge hatte Melrose schon immer einen Bogen gemacht – kleine Kinder und Tiere gehörten dazu. Er wußte nie, wie er reagieren sollte, wenn sie ihn mit großen Augen anschauten, als erwarteten sie etwas ganz Tolles, eine Tafel Schokolade, einen Knochen. Gelegentlich hatte er auch irgendwelche Süßigkeiten in der Tasche, um für unerwartete Begegnungen – in Zügen zum Beispiel – gewappnet zu sein. Aber er wollte sich damit die Störenfriede nur vom Hals halten und war fassungslos, wenn es gerade die entgegengesetzte Wirkung hatte – warum nur wurde er in diese endlos langen, verwickelten Geschichten über Schulen, Kindermädchen oder innig gehaßte Schwesterchen hineingezogen? Wenn man jemandem freundlich lächelnd ein Bonbon in die Hand drückte und zu dem Empfänger sagte: «Ich glaube, deine Tante hat nach dir gerufen, zisch mal los», sollte man dann nicht annehmen, daß dieser Wink verstanden würde? Dem war aber nicht so. Es bewirkte nur, daß sie einen noch aufdringlicher anlächelten oder noch heftiger mit dem Schwanz wedelten und ihre Erwartungen noch höher schraubten. Manchmal fragte er sich, ob er nicht von völlig falschen Voraussetzungen ausging.
«Hm, hm, das ist aber ein hübsches, kleines Haus», sagte Melrose mit einer Herzlichkeit, die keineswegs von Herzen kam. Er würde Jury die Sache übergeben. Auf Ardry End gab es weder Kinder noch Hunde (abgesehen von Mindy, die sich einfach an ihn rangehängt hatte) und auch keine Zimmerpflanzen. Während es in diesem Haus nur so davon wimmelte. Und all diese Dinge gruppierten sich um ihn, als wollten sie sich mit ihm ablichten lassen.
Der Junge hatte ein idiotisches Grinsen aufgesetzt, und als Melrose auf die dunkle Hundeschnauze hinunterblickte, hatte er das Gefühl, der Hund würde auch grinsen – als ob sie von ihm gleich etwas sehr Komisches erwarteten.
«Kommen Sie mit in die Küche. Ich dachte, Sie seien Frosch – Miss Frother-Guy.»
Melrose warf seinen Mantel über das Geländer, stellte seinen Spazierstock in den Blumenkübel und folgte Bertie in die blitzsaubere Küche.
Der Tisch war für zwei Personen gedeckt. Arnold kroch unter den Tisch, legte den Kopf auf eine Vorderpfote und blickte trübe zu Melrose hoch. Melrose fragte sich, welche Technik der Yard bei dieser Altersgruppe anwandte. Sollte er ihn zum Beispiel hochnehmen und schütteln? Er entschied sich für einen Ton, der, wie er hoffte, sowohl freundlich wie auch bestimmt war.
«Euer Haus steht gleich neben der Engelsstiege, wo die Leiche gefunden wurde. Wir dachten, vielleicht hättest du was gesehen.»
«Ich hab gehört, sie hat ein gutes Dutzend Messerstiche abgekriegt. Sie soll voller Blut gewesen sein.»
Melrose hätte einen weniger lüsternen Ton vorgezogen. «Das ist übertrieben. Hör zu: Hast du irgend etwas gesehen oder gehört?»
«Nein.» Selbst diese eine Silbe drückte seine ganze Enttäuschung aus. Er nahm eine Schale vom Tisch und stellte sie auf den Boden. «Sei nicht beleidigt, Arnold.» Zu Melrose gewandt, erklärte er: «Sie sitzen nämlich auf Arnolds Stuhl.»
«Oh, ich kann mich ja unter den Tisch setzen.»
«Nicht nötig. Trinken Sie doch eine Tasse mit. Ich mach mal den Tee naß.»
Da er im allgemeinen mit Leuten dieser Altersgruppe nie zusammentraf, dachte Melrose, er sollte die Gelegenheit nutzen und ihm etwas beibringen. «Denkst du nicht, daß ‹die Blätter ziehen lassen› deiner Mutter wesentlich besser gefallen würde?»
Bertie zuckte die Achseln, und die breite weiße Schürze, die er sich umgebunden hatte, hob und senkte sich. «Kann ich auch sagen. Aber meine Mutter iss ja nicht da. Außerdem isses viel umständlicher. Und die Teeblätter werden doch dabei naß, also kann ich das genausogut sagen. Möchten Sie was von dem Madeira oder ein Obsttörtchen?»
«Nein danke. Aber vielleicht einen Keks.»
Bertie hatte den Arm in einen Karton gesteckt. «Aber die sind für Arnold. Er kriegt immer zwei zu seinem Tee.» Er legte die Kekse unter den Tisch neben Arnolds Schale. Arnold ließ Melrose jedoch nicht für eine Sekunde aus den Augen. Sein Blick war nicht feindselig, sondern nur wachsam.
Melrose fand, daß sie vom Thema abgekommen waren. «Oberinspektor Jury –»
Gebannt starrte ihn Bertie an. «Das ist der Inspektor vom Yard?»
«Ja. Hast du irgend etwas gesehen oder gehört?»
Bertie ließ den Teekessel kreisen. «Nein, nichts. Halt, jetzt fällt’s mir wieder ein, ich hörte so was wie ’n Schrei, aber das hätte auch eine Möwe sein können.»
Oder pure Einbildung, dachte Melrose. «Wann war das?»
«Weiß ich nicht genau. So gegen elf, halb zwölf.»
«Solltest du um diese Zeit nicht im Bett sein? Du mußt doch ziemlich früh aufstehen, wenn du Schule hast?»
«An dem Tag war aber keine Schule.»
«Du hast gesagt, dein Vater sei tot. Wo ist denn deine Mutter?»
«Weggefahren.» Er hielt die Teekanne noch höher. «Was ist nur mit Miss Frother-Guy heute los? Sie kümmert sich um mich, bis meine Mami wieder zurückkommt.»
«Oh. Und wann kommt deine Mutter wieder zurück?»
«Bald.»
Melrose wußte nicht, was er ihn noch fragen sollte. Arnolds starrer Blick irritierte ihn. Er versetzte seiner Schnauze einen kleinen Stubser, um ihn abzulenken. Aber Arnold legte sie einfach nur auf die andere Pfote. «Denkst du, hier in Rackmoor passieren irgendwelche komischen Dinge?» Jury stellte gern allgemeine Fragen wie diese. Um die Reaktionen zu sehen. Um die Leute zu melken; manchmal fielen ihnen dann wieder Dinge ein, an die sie überhaupt nicht mehr gedacht hatten.
Bertie nahm achselzuckend wieder Platz. «Nicht komischer als sonst.»
«Du lieber Himmel, was heißt ‹als sonst›?»
«Oh, weiß nicht.» Er nahm ein Rosinenbrötchen von dem Teller und knabberte wie eine Maus daran herum. «Percy Blythe meint … Sie kennen Percy?»
«Nein.» Melrose beobachtete, wie Arnold auf seinem Keks herumkaute, ohne seine braunen Augen von ihm abzuwenden.
«Percy sagt, diese Frau, die, Sie wissen schon –» Bertie fuhr sich mit dem Zeigefinger über den Hals – «Percy sagt, sie hätte früher mal hier gelebt. Ein richtiges Luder, sagt Percy. Sie hieß March und wohnte im Old House. Es gab immer nur Ärger wegen ihr. Bis sie dann eines Tages abgehauen ist; das war vor zig Jahren, und jetzt soll sie wieder zurückgekommen sein, hat Percy erzählt. Eine böse Überraschung. Percy hat recht gehabt.»
«Aber diese Frau hieß gar nicht March. Das hat dein Freund Percy wohl übersehen.» Bertie zuckte mit den Schultern und zog das geriffelte Papier von einem Törtchen ab. Melrose dachte an Agatha, die ihn innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden zweimal angerufen hatte.
«Davon weiß ich nichts», sagte Bertie. «Percy sagt, sie hätte es ganz schlimm getrieben, als sie noch bei ihnen wohnte. Ein Luder. Deswegen ist dieser Mr. Crael auch so komisch geworden, sagt Percy.»
Melrose war überrascht. «Meinst du den alten oder den jungen?»
«Ah, diesen Julian. Iss doch ’n komischer Kauz. Kommt nie ins Dorf runter oder macht mal was. Spaziert nur die ganze Nacht auf den Klippen rum. Percy sagt, er sei ihm mal im Nebel begegnet, und es sei ihm kalt den Rücken runtergelaufen.»
«Und was hat dieser Percy bei Nacht und Nebel dort zu suchen?»
«Er arbeitet für den Colonel. Stöbert die Füchse in ihrem Bau auf.» Bertie hielt seine Tasse mit beiden Händen fest und nahm einen Schluck Tee. «Percy sagt, Mr. Crael sei die ganzen Jahre schon so komisch – seit diese Frau weggelaufen ist. Und jetzt ist sie wieder da. Ich meine, sie war wieder da.» Bertie fuhr sich mit dem Finger über die Kehle.
«Wenn Percy so viel weiß, dann hat er bestimmt auch einen Verdacht?»
«Iss schon möglich. Gesagt hat er nichts.»
«Ich würde gern mal mit diesem Orakel sprechen.» Melrose schaute auf seine Uhr. Es war noch nicht fünf, und er könnte vielleicht Jury, der ihn auf diesen seltsamen Vogel angesetzt hatte, endlich einmal zuvorkommen.
Berties Augen weiteten sich hinter seinen dicken Brillengläsern. «Wir könnten gleich mal zu ihm rübergehen. Ich hab Zeit, meine Arbeit fängt erst später an. Percy wohnt in der Dark Street. Ecke Scroop Street, bei der Leihbücherei um die Ecke. Er hat bestimmt schon seinen Tee genommen, und er quasselt überhaupt sehr gern.» Bertie stand vom Tisch auf, seinen Kuchen ließ er angebissen auf dem Teller liegen.
Während Melrose noch seine Zustimmung murmelte, stand Bertie schon auf dem Flur vor der Garderobe und kämpfte mit einem riesigen schwarzen Mantel. Er warf einen unschlüssigen Blick in die Küche, auf den Tisch mit den schmutzigen Tassen und Tellern. «Abwaschen muß ich dann eben später.»
«Laß das Arnold machen», sagte Melrose, der auch gerade in seinen Mantel schlüpfte und beobachtete, wie Bertie sich falsch zuknöpfte.
«Mein Gott, kannst du das nicht schön der Reihe nach machen, so wie sich’s gehört?» Melrose stellte seinen Stock beiseite und knöpfte Berties Mantel zuerst auf und dann wieder zu. Er war viel zu groß für ihn. Bertie hatte eine schwarze Zipfelmütze aufgesetzt, unter der nur noch sein schmales weißes Gesicht mit den dicken Brillengläsern zu sehen war. «Wo hast du bloß deine Klamotten her. Von einem Flohmarkt für Eisbären?»
«Klamotten», sagte Bertie mit einem Blick auf Melroses Samtkragen und silberbeschlagenen Spazierstock, «sind nicht das Wichtigste im Leben. Gehn wir?»
Als sie mit Arnold vorneweg die Grape Lane hochgingen, sagte Bertie: «Bei Percy dürfen Sie nicht so genau hinschauen. Er ist nicht besonders ordentlich, nicht so wie wir. Überall stehen diese ausgestopften Dinger rum. Und so sauber ist es auch nicht. Er hat die komischsten Sachen überall, an den Wänden, in Wannen und so weiter. In Rackmoor gibt es wirklich allerhand zu sehen.»
Melrose blickte auf die Schneewolke, die Arnold hinter sich aufwirbelte, und auf den kleinen schwarzen Gnom an seiner Seite und sagte: «Erzähl doch mal.»