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Fiona Clingmore war eine blasse Blondine, die Schwarz bevorzugte. Heute trug sie einen engen, schwarzen Pullover, der in einem engen, schwarzen Rock steckte. Sie war Racers Sekretärin und Mädchen für alles. Jury hoffte nur, daß sie nicht auch für anderes mißbraucht wurde.
Fiona lebte in den vierziger Jahren. Sie wirkte wie eine Figur aus einem alten Theaterstück, die sich auf eine moderne Bühne verirrt hatte. Jedesmal, wenn er sie ansah – ihre altmodische Frisur, ihre rot nachgezogenen Lippen, ihre Pillbox-Hüte, die sie mit Vorliebe trug –, überkam Jury ein nostalgisches Gefühl, das er sich nicht ganz erklären konnte. Ein paarmal schon hatte er Fiona zum Essen ausgeführt und dabei insgeheim gehofft, daß etwas von dieser Vergangenheit auf ihn abfärben würde. Immer wenn er die Rede auf den Krieg brachte, tat sie so, als hätte sie keine Erinnerungen daran, dennoch vermutete er, daß sie älter war als er. Einmal, als sie ihre Brieftasche herausgenommen hatte, sah er zwischen Kreditkarten und anderen Fotos das alte Bild eines gutaussehenden jungen Mannes in Fliegeruniform. Er hatte sie gefragt, ob das jener Joe sei, von dem sie immer sprach; hochrot im Gesicht hatte sie geantwortet, es sei ein Freund ihrer Mutter. Für Fiona wäre er jedenfalls viel zu alt.
Jury fragte sich, ob Fiona vielleicht nicht doch in zwei verschiedenen Welten lebte. Ob die Sachen, die sie trug, vielleicht gar nicht der letzte Schrei aus der Carnaby Street waren, sondern wirklich noch aus jener Zeit stammten: Kleider, die damals eingemottet worden waren.
«Wie läuft’s mit der Arbeit, Fiona?» fragte Jury, während er ihr die Zigarette anzündete.
«Mich haben schon Bessere rumgejagt als der da.»
«Das glaub ich Ihnen gern.» Jury nahm einen Briefumschlag aus der Tasche und gab ihn ihr: «Bitte, finden Sie heraus, was diese Initialen bedeuten. Es könnte ein Hotel in S. W. I. sein.»
«Für Sie tue ich doch alles», sagte Fiona und überreichte ihm einen beigen Briefumschlag.
«Was ist das?»
Fiona, die damit beschäftigt war, ihre Fingernägel sorgfältig zu feilen, zuckte mit den Achseln. «Woher soll ich das wissen? Einer von den diensthabenden Polizisten brachte ihn herauf. Er sagte, er sei gestern nacht abgegeben worden, war irgend so ein feiner Pinkel in einem teuren Schlitten, der meinte, daß da unten ein öffentlicher Parkplatz ist, und beinahe Ärger bekam. Der Polizist sagte ihm, daß er abhauen soll …»
Jury riß den Umschlag auf, zog das Notizblatt heraus und bückte sich nach dem Foto, das auf den Boden gefallen war. Er achtete nicht weiter auf Fionas Geplapper, sondern las:
«Lieber Inspektor Jury,
ich hoffe, der Inhalt wird Sie interessieren – ich fand es in Julian Craels Zimmer. Ich hoffe auch, Sie haben nichts dagegen, wenn ich das andere zwecks weiterer Nachforschungen behalte. Sie und Wiggins waren offensichtlich schon auf dem Weg nach London, noch bevor ich Sie erreichen konnte. Aber so hatte ich die Möglichkeit, in York haltzumachen, um Agatha zu treffen: Sie werden sicher erfreut sein, zu erfahren, daß sie nun für Sie arbeitet. Sie gibt einen ausgezeichneten Maulwurf ab. Ich werde im ‹Connaught› sein und dachte, daß wir uns dort später treffen könnten, um gemeinsam nach Rackmoor zurückzufahren. Ich habe einen sehr schnellen Wagen.
Plant.»
Jury betrachtete aufmerksam das Bild. Es konnte ein Foto von Gemma Temple sein – oder eins von Dillys March? –, aber eines, das erst vor kurzem aufgenommen worden war, keines aus einem alten Fotoalbum. Er nahm an, Plant hatte sich dieselbe Frage gestellt: Was hatte das Bild in Craels Zimmer zu suchen?
«Ein schönes Durcheinander», sagte Superintendent Racer, nachdem Jury den Rackmoor-Fall geschildert hatte. Die Bemerkung war nicht Ausdruck seines Mitgefühls, sondern eher die Unterstellung, Jury sei für das Durcheinander verantwortlich. «Warum zum Teufel sind Sie nicht in diesem gottverlassenen Nest und kümmern sich um die Sache? Was haben Sie eigentlich hier in London verloren?»
«Ich sagte es doch. Ich muß Erkundigungen einziehen …»
Racer, die Arme ausgebreitet, schaute ihn mit gespieltem Entsetzen an: «Merkwürdig, ich hätte schwören können, daß wir hier eine ganze Polizeieinheit haben, alle möglichen Leute, die Erkundigungen einziehen können.» Seine Miene veränderte sich, auf seiner Stirn traten wieder die bekannten Furchen zutage. «Wenn schon jemand nach London kommen mußte, warum haben Sie dann nicht Wiggins geschickt?» Jury suchte nach einem Grund. «Ich brauchte ihn dort, es gab da was, worauf er sich besser verstand.»
Racer wieherte. «Es gibt nichts, worauf sich Wiggins besser versteht als ein anderer, Sie eingeschlossen, Jury.» Racer setzte ein mörderisches Lächeln auf, als hätte er nur gescherzt.
Mit unschuldiger Miene fragte Jury: «Warum geben Sie ihn mir dann immer mit? Sie müssen ja denken, daß ein Blinder den Blinden führt?»
Obwohl Jury geschworen hatte, sich in keinerlei Wortgefecht mit Racer einzulassen, brachte der ihn doch immer wieder so weit, daß er seinen Schwur brach.
«Er steht doch noch in der Ausbildung, oder? Ich nehme an, Sie sind der Ansicht, einer Ihrer Kollegen sollte Sergeant Wiggins erdulden, wollen Sie das sagen? Immer nur die anderen, was?»
Racers verquere Logik war auf ihre Weise so perfekt wie der tadellose Schnitt seines Anzugs aus der Savile Row. «Einzelgänger zu sein ist nicht gut, Jury. Ein Polizist muß im Team arbeiten. Sie wissen, meine Politik ist, zwei Männer bei jeder Ermittlung. Wie würde es in diesem Land aussehen, wenn die Premierministerin überall selbst hinrennen würde, statt einen Untergebenen zu schicken.»
«Ich wußte gar nicht, daß Sie mich so hoch einschätzen», sagte Jury und lächelte.
«Sehr witzig!» Racer spuckte einen Tabakrest aus. «So meine ich das nicht, aber Sie spielen sich ganz schön auf, nicht? Zu dumm, daß Sie nicht mehr Ehrgeiz haben.»
Jury ahnte, woher der Spruch über den Ehrgeiz kam. «Ist noch mal über meine Beförderung gesprochen worden?»
«Ja, der Vize hat Sie erwähnt.» Es klang neidisch.
Jury machte sich nicht die Mühe zu lächeln. Als Racer, die Daumen in die Westentasche gesteckt, von seinem Schreibtisch aufsah, wußte Jury, daß jetzt der Vortrag kam. Die Abrechnung. Racer würde in blumigen und klischeegeschwängerten Worten Jurys gesamte Laufbahn bis ins kleinste analysieren. Er fing damit an, daß er um seinen Schreibtisch herumwanderte, wobei die rote Nelke in seinem Knopfloch bei jedem seiner federnden Schritte erzitterte.
Während Racer sich endlos über Jurys Schwächen ausließ, starrte Jury aus dem Fenster und über die verrußten Schornsteine hinweg, zwischen den hohen Gebäuden hindurch, wie durch einen Tunnel, an dessen Ende ein kleines Stück von der Themse zu sehen war. Der Himmel war taubengrau, und ein paar Schneeflocken schmolzen auf der Scheibe.
«… Geben Sie auf, Jury, wenn Sie keine Beförderung anstreben.» Er hielt in seiner Wanderung inne und bedachte Jury mit einem dünnen Lächeln. «Oder haben Sie kalte Füße bekommen, liegt es daran?»
Jury hatte keine Lust, darauf einzugehen. «Ich werde es tun. Irgendwann mal.»
«Irgendwann mal? Irgendwann mal? Warum nicht jetzt? Wenn ich an Ihrer Stelle wäre …»
Er tönte weiter. Jury nahm an, daß dieses fürsorgliche Gerede Racer im Grunde nur als Vorwand diente, über seine eigene, ziemlich steile Karriere zu sprechen. Es gelang ihm immer, sie hier und da noch aufzupolieren, indem er sie mit Jurys verglich. Racer schien zu vermuten, daß Jury sich vor einer Schlappe fürchtete; Jury war jedoch nur seiner eigenen Unschlüssigkeit wegen noch nicht vor dem Beförderungsausschuß erschienen.
Der Vortrag über Jurys Karriere war ein jährliches – vor einiger Zeit noch halbjährliches – Ritual. Es war vielleicht ein wenig abartig, aber Jury genoß Racers Verhalten. Es faszinierte ihn, welch übertriebene Bedeutung Racer diesem Thema, über das er so gerne sprach, beimaß. Die schwierige Balance zwischen Wort und Handlung hielt Racer beinahe tänzelnd. Wie ein Mann, der ein Ziergitter hochsteigt und immer neue Löcher für Zehen und Fingerspitzen im Ornament findet. Seit der Vizekommissar sich um Jurys Zukunft kümmerte, mußte Racer immer neue Gründe finden, dagegen anzugehen. Warum er das tat, war aber nicht einfach mit Rachsucht zu erklären. Jury fragte sich manchmal, ob Racer in ihm nicht sein jüngeres Ebenbild sah, ein unbeschriebenes Blatt, auf dem er seine Fehler vermerkte, um sich ihrer zu entledigen.
Racer sprach noch immer, während er im Raum auf und ab ging. Über seiner buntkarierten Weste erblühte, wie eine seltene Blume, eine Krawatte, in der eine Saphirnadel steckte. Das verschönte aber nur seine Kleidung. Woher er nur das Geld hatte? Jury erinnerte sich, gehört zu haben, daß Racers Frau vermögend war. Racer blieb vor einem Gemälde stehen. Es war eins der beiden schlechten Bilder, die er aus Regierungsbeständen erstanden hatte; eine erbärmliche Skizze von Westminster Bridge. Mit dem Rücken zu Jury fing er an, alle Fälle aufzuzählen, die Jury im Laufe der Zeit bearbeitet hatte; bei einem Fall, den Jury vor Jahren verpfuscht hatte, hielt er sich besonders lange auf. Das war so seine Art: Er brütete über Jurys Fehlern, als wären sie Gemälde, die er mit Muße bis in alle Einzelheiten untersuchte.
«… Ich wäre Ihnen also sehr verbunden, wenn Sie mir Bericht erstatten würden. Sie brauchen nur den Hörer abzuheben und zu wählen.»
Racer machte mit dem Zeigefinger eine kleine Kreisbewegung in der Luft. «Es ist ganz einfach. Sie werden nie Superintendent werden, wenn Sie die Spielregeln der Teamarbeit nicht einhalten, Jury.»
Jury verließ Racers erfrischende Gesellschaft und suchte Fiona Clingmore auf, die gerade dabei war, sich ihren schwarzen Hut aufzusetzen. Ihr schwarzer Mantel lag neben ihr auf dem Schreibtisch. «Hier, das habe ich für Sie rausgekriegt.» Sie nahm einen Block vom Tisch, riß ein Blatt ab und reichte es Jury. «Royal Victoria Hotel. In Victoria.»
«Fiona, Sie sind wunderbar! Ich würde Sie zum Lunch einladen, aber ich muß noch ein paar Leute aufsuchen.»
Sie winkte ihn mit verschwörerischer Miene und gekrümmtem Finger zu sich und sagte dann: «Eigentlich sollte ich darüber nicht sprechen, aber der Vize und der Super haben sich vor ein paar Tagen Ihretwegen ziemlich gestritten.»
«Sehr schmeichelhaft.»
«Sie wissen, Sie werden zum Superintendent befördert.»
«Ich wäre da nicht so sicher.» Jury nahm einen Schluck von Fionas bitterem Kaffee und setzte die Tasse wieder ab.
«Diesmal ist es anders. Sie hätten schon längst befördert werden sollen, das weiß doch jeder. Ich muß sagen, ich finde, es ist eine Schande, wie er sich Ihnen in den Weg stellt.» Sie zeigte mit dem Daumen zu Racers Tür. «Alle reden darüber.» Sie schloß ihre Tasche mit einem energischen «Klick» und legte sie samt ihrem Arm auf den schwarzen Mantel. «Ja, ich habe sogar jemanden sagen gehört, Sie sollten Commander werden. Komisch …»
«Was ist komisch?»
Sie zuckte die Achseln. «Es scheint Sie so gar nicht zu kümmern.»
Jury blickte auf ihren Arm. Die weiße Haut hob sich gegen den schwarzen Wollstoff ihres Mantels ab.
«Das mag schon sein», war alles, was er sagte.