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Die graugestreifte Katze streckte sich auf dem Fenstersims, fixierte Jury, gähnte ihn durch das Glas hindurch an und rollte sich wieder zu einer Kugel zusammen. Zwischen der Scheibe und dem Fensterrahmen steckte ein kleines Schild: GEÖFFNET. Ein zweites hing an der Tür: TRETEN SIE EIN. Was Jury und Wiggins auch taten.
Ein Glöckchen bimmelte, aus den oberen Regionen ließ sich ein kräftiger Bariton vernehmen, der sie bat, sich einen Augenblick zu gedulden. Kurz darauf kam ein Mann, dem die Baritonstimme gehörte, die Stufen heruntergepoltert. Er trug Jeans, einen blauen Wollpullover, eine Schirmmütze (der glänzende Schild saß im Nacken), eine mit Magentarot verschmierte Lederschürze und eine Zigarre hinter dem Ohr.
«Mr. Rees? Mein Name ist Jury.»
«Chefinspektor. Von der Kriminalpolizei. Scotland Yard. Und Sergeant Wiggins. Ich bin auf dem laufenden.»
Jury ließ seinen Ausweis wieder in die Tasche gleiten. «Hat sich ja schnell rumgesprochen.»
Rees zog den Zigarrenstumpen hinter seinem Ohr hervor und zündete ihn an. «Sonst gibt’s ja nichts, was sich rumsprechen könnte, Inspektor. Sie wollen mich wegen diesem Mord vernehmen. Reicht es, wenn ich Ihnen sage, daß ich’s nicht war?»
Jury lächelte. «Wird nicht lange dauern, Mr. Rees.»
«Oh, das kenn ich. Zu Thomas More hat man das wahrscheinlich auch gesagt, als er aufs Schafott stieg.»
«Worauf er antwortete: ‹Helft mir rauf. Runter brauch ich keine Hilfe mehr.›»
Adrian war verblüfft, jedoch weniger über den Ausspruch Mores als über Jurys Belesenheit. «Hat er das tatsächlich gesagt?»
«Soviel ich weiß. Ich war natürlich nicht dabei.»
Adrian schüttelte den Kopf. «Weiß der Himmel, damals besaßen die Leute noch Haltung. Warum fangen wir nur gleich zu winseln an, wenn wir den Tod zu Gesicht bekommen? Warum sind wir so erbärmlich?»
«Raskolnikows Philosophie?»
«Heiliger Strohsack!» Adrian griff sich ins Haar und ballte die Hände zu Fäusten. «Das wird mich noch bis ans Ende meiner Tage – aber lassen wir das.»
Jurys Blick wanderte über die Bilder an den Wänden des langen, schlauchartigen Raums, in dem sie sich aufhielten. «Gute Sachen. Aber dort hinten, diese Postkartenmalerei von der Klosterkirche, die stammt bestimmt nicht von Ihnen?»
Adrian sah sich um.
«Allerdings nicht. Ich muß dieses Zeug in Kommission nehmen, damit die Kasse stimmt. Einheimische Künstler, Lokalkolorit, Folklorescheiße, so was verkauft sich im Sommer.»
«Kann ich mir denken. Was halten Sie denn von dem da, Wiggins?»
Sergeant Wiggins schlenderte zu einem Ölbild mit einem zerlegten Akt. Er räusperte sich. «Interessant.»
«Hören Sie, können wir nicht nach oben in mein Atelier gehen und dort weiterreden? Ich will nicht den großen Künstler markieren, aber wenn die Farbe trocken ist, läßt sich nichts mehr machen. Sie haben doch nichts dagegen?»
«Nein, natürlich nicht.» Jury zog Wiggins am Ärmel. Der Sergeant hatte den Kopf verdreht, um den Akt – oder die Akte, es schienen mehrere zu sein – besser sehen zu können. Die einzelnen Körperteile bildeten eine kubistische Collage; sie verflochten sich zugleich auf eine Weise, der Jury im Augenblick nicht weiter nachgehen wollte.
Jury und Wiggins stiegen hinter Adrian Rees die enge, steile Treppe hinauf und kamen in einen sehr großen Raum, erfüllt von grauem Licht, das durch ein Oberlicht hereinfiel. «Deswegen hab ich dieses Haus auch gekauft», sagte Adrian. «Alle andern Häuser, die ich mir anschaute, waren dunkel wie Grüften. Weil das ganze Dorf in die Klippen hineingebaut ist. Die oberen Hauser nehmen den unteren das Licht weg. In manchen muß den ganzen Tag über elektrisches Licht brennen.»
Abgesehen von den Leinwänden, von denen gleich mehrere übereinander gegen die Wände gelehnt waren, befand sich nichts in dem Raum: Landschaften, Stilleben, abstrakte Bilder, die so aussahen, als hätte der Maler die Finger in einen Farbtopf gesteckt und die Farbe auf das Bild gespritzt. Und Porträts. Rees hatte offensichtlich Talent. Der Beweis war das traditionelle Porträt einer Frau in einem langen, grünen Gewand. «Sehr hübsch», sagte Jury.
«Was für übers Sofa. Langweilig.» Adrian beugte sich über eine riesige Leinwand. Sie war auf dem Boden ausgebreitet und auf der einen Seite etwas in die Höhe gezogen; auf der andern war eine lange Rinne angebracht, die die Farbe auffing; sie sah aus wie ein der Länge nach aufgeschnittenes Aluminiumrohr. Er nahm einen kleinen Eimer in die Hand und kippte ihn darüber. Wie ein Schwall Blut ergoß sich die rote Farbe über die Leinwand, verästelte sich nach links und sammelte sich dann in dem Behälter. Wiggins war fasziniert.
«Sie gießen einfach die Farben drüber und lassen sie ineinanderfließen? Und damit hat’s sich dann?»
«Ja, damit hat’s sich, Sergeant.»
Wiggins zog sein Taschentuch heraus und blickte Jury mit wäßrigen Augen an. «Könnte ich nicht auch allergisch gegen Farben sein, was meinen Sie, Sir?»
Jury wollte nicht Wiggins’ Hausarzt spielen. Er setzte sich auf einen von oben bis unten mit Farbe bespritzten Hocker. «Sie haben Gemma Temple noch gesehen, kurz bevor sie ermordet wurde, Mr. Rees?»
Adrian, der damit beschäftigt war, eines der roten Rinnsale nach links zu leiten, nickte und sagte: «Ich ging die Grape Lane hoch. Vom ‹Fuchs› aus.»
«Auf welcher Höhe? In der Nähe der Engelsstiege?»
Er nickte. «Kurz danach. Ich war schon ein paar Meter weiter. Sie kam mir von oben entgegen.» Adrian richtete sich auf und versuchte mit einem Streichholz, das er durch einen Schnipser mit dem Fingernagel zum Brennen gebracht hatte, seine Zigarre anzuzünden, auf der er schon die ganze Zeit über herumgekaut hatte. «Sie hätte jedem die Show gestohlen. Zuerst dachte ich, ich hätte vielleicht einen zuviel getrunken. Aber das tu ich ja immer. An dem Abend hatte ich nur nicht genügend Kleingeld bei mir.» Er schnappte sich einen Eimer mit leuchtendblauer Farbe und goß sie langsam über die Leinwand. Dann rannte er auf die andere Seite und leitete den dünnflüssigen blauen Strom mit einem dicken Pinsel um, so daß er über die rote Farbe lief, Schleifen bildete und wieder zurückfloß. «Ich sah sie nur über die Straße hinweg. Und es war neblig. Wie immer.»
«Wollen Sie damit sagen, daß Sie sie nicht richtig gesehen haben?»
«Nein, das nicht. Ich hab sie mir ganz genau angeschaut. Ich werd das auch nie vergessen.» Er richtete sich wieder auf. «Kommen Sie.» Jury folgte ihm auf die andere Seite des Raums, wo Adrian ein Tuch von einer kleinen Leinwand zog. Die Figur war zwar noch nicht ganz fertiggemalt, aber der Hintergrund wirkte um so atmosphärischer: Dunkel, Nebel, der Schein der Straßenlaterne und die undeutlichen Umrisse einer in einen Umhang gehüllten Figur.
«Soll das Gemma Temple sein?» Adrian nickte. «Können Sie das nicht fertigmalen, vielleicht hilft es uns weiter.»
Adrian bedeckte es wieder. «Ich hatte vergessen, daß es die Nacht vor dem Dreikönigsfest war. Ich geh nie auf solche Bälle, ich finde sie schrecklich. Aber sagen Sie das bitte nicht dem Colonel. Er ist ein Förderer der schönen Künste und beschafft mir immer ein zinsloses Darlehen. Ab und zu gibt er auch was in Auftrag.» Sie standen wieder neben der großen Leinwand, und Adrian brachte einen Eimer mit grüner Farbe in die richtige Position. Zu Wiggins, der fasziniert jede seiner Bewegungen verfolgte, sagte er: «Sergeant, können Sie mir mal zur Hand gehen? Wenn das Grün auf Ihre Seite läuft, kippen Sie es bitte wieder zurück.»
Wiggins schien sich geschmeichelt zu fühlen. «Oh, wenn Inspektor Jury –»
Jury nahm ihm das Notizbuch ab, Wiggins krempelte die Ärmel hoch und ging in die Hocke. Kopfschüttelnd holte Jury seinen Federhalter aus der Tasche. «Fahren Sie fort, Mr. Rees.»
«Ich glaube nicht, daß sie mich gesehen hat. Sie blieb einen Augenblick lang unter der Straßenlaterne in der Nähe der Treppe stehen.» Er stand auf und warf sich einen imaginären Umhang über die Schultern. «Schwarzes Cape, weißes Hemd.» Er bedeckte eine Gesichtshälfte. «Die linke Hälfte war weiß, die rechte schwarz. Außerdem trug sie noch eine schwarze Maske –»
«Woher wußten Sie denn, daß es Gemma Temple war?»
«Wußte ich natürlich nicht. Das hab ich erst erfahren, als ich ein paar Stunden später mit den andern Schaulustigen herumstand. Ich hatte die Polizeisirenen gehört. Polizeisirenen in Rackmoor? Ich konnte es nicht glauben. Zuerst dachte ich, es sei vielleicht ein Krankenwagen. Obwohl ich nun schon gut fünf Jahre hier wohne, hab ich noch nie einen gesehen. Die Leute hier sterben nicht, Percy Blythe ist der Beweis. Ich schaute aus dem Fenster und sah den Auflauf. Daraufhin zog ich mir die Hose an und ging auch auf die Straße.»
«Haben Sie die Leiche gesehen?»
«Nein. Wie denn auch? Auf der Engelsstiege wimmelte es nur so von Polizisten. Ich hab aber gehört, daß es einer von den Ballgästen sei, eine Frau in einem schwarzweißen Kostüm.»
«Und was haben Sie dann getan?»
«Ich bin wieder nach Hause gegangen. War aber zu aufgeregt, um schlafen zu können, und hab dieses Bild in Angriff genommen.»
«Sie haben doch auch mit ihr gesprochen? Ein- oder zweimal in dem Gasthof?»
Adrian blickte ihn aufmerksam an und zog an seiner Zigarre. «Ja, ein- oder zweimal. Sie sprach aber nicht über sich; sie sagte nur, daß sie aus London sei – Kentish Town, soviel ich mich erinnere – und daß sie die Craels schon lange kenne.»
«Sind Sie auch gut bekannt mit ihnen?»
«Ja. Zumindest mit dem Colonel. Mit Julian ist wohl keiner gut bekannt.» Adrian tauchte den Pinsel in Ocker und verschmierte die Farbe zum Rand hin.
«Hat sie gesagt, wieso sie hierhergekommen ist?»
Adrian schüttelte den Kopf. «Verdammt merkwürdig, das Ganze. Wer fährt schon im Januar nach Rackmoor? Ich glaube, sie sagte, sie sei Schauspielerin oder so was Ähnliches.»
Jury dachte einen Augenblick nach. «Kennen Sie Lily Siddons?»
Er blickte erstaunt auf. «Ja, natürlich. Ihr gehört das Café ‹Zur Brücke›.»
«Könnte denn jemand Interesse daran haben, sie aus dem Weg zu räumen?»
Er war schockiert. «Lily? Um Himmels willen, nein. Warum fragen Sie?»
Jury gab keine Antwort. Er stand auf und nickte Wiggins zu, der sich daraufhin von der Leinwand losriß. «Ach, noch was, Mr. Rees, vermissen Sie nicht ein Stück Leinwand?»
«Leinwand. Ahh …» Sein Blick wanderte in eine Ecke, in der Farbtöpfe, Keilrahmen und Leinwände herumstanden. «Ich hab nicht nachgeschaut. Warum?»
«Schließen Sie gewöhnlich Ihren Laden ab, wenn Sie weggehen?»
«Du lieber Himmel, nein. Die Vorstellung, jemand könnte meine Bilder klauen, ist etwas …» Er zuckte die Achseln.
«Vielen Dank, Mr. Rees. Und auf Wiedersehen.»
«Bestimmt werden Sie mich wiedersehen wollen.» Adrian wischte sich die Hände an dem Lappen ab und führte sie die Treppe hinunter.
Als sie durch die Galerie gingen, blieb Wiggins noch einmal vor dem Akt – oder den Akten – stehen.
«Gefällt Ihnen wohl?» fragte Rees. «Ich nenne es die Zielscheibe.»
«Interessant», sagte Wiggins. «Man könnte meinen, hier in der Mitte seien lauter kleine Löcher. Hat es damit zu tun, daß die Männer die Frauen als Zielscheiben oder Lustobjekte betrachten? Was in der Art?» Er schneuzte sich sorgfältig, zuerst das eine, dann das andere Nasenloch.
Wiggins als Kunstkritiker war für Jury ein neues Phänomen.
«Nicht schlecht, haut aber nicht ganz hin. Eigentlich war’s so, daß ich eines Nachts nicht wußte, was ich tun sollte, und die Leinwand über Kork spannte und eine Zielscheibe darauf malte. Hier –» Sie beugten sich darüber: «Hier können Sie noch die Ringe unter dem flockigen Weiß sehen. Nur die Löcher konnte ich nicht übermalen. Der Effekt ist aber ganz hübsch. Die Akte sehen wie von Kugeln durchsiebt aus.»
«Als hätten sie die Pocken oder so was.»
«Hmm. Der Vergleich gefällt mir. Prima Idee. Ich werd’s Pax Britannica nennen und den Preis um fünfzig Pfund erhöhen.»
«An Ihrer Stelle würde ich in dieses Gesicht noch ein paar Pfeile reinhauen. Dann sieht es noch mehr nach Pocken aus.» Wiggins lächelte und bot Adrian ein Hustenbonbon an.