13
Als Jury um sechs Uhr ins «George» kam, sah er Jimi Haggis an der Bar sitzen. Seine langen Beine waren um einen Hocker geschlungen, und er spießte gerade ein Stück kalte Fleischpastete auf.
«Hallo, Jimi», sagte Jury und setzte sich auf den Hocker neben ihm.
«He, Richard.» Jimi klopfte ihm auf die Schulter und wandte sich wieder den Silberzwiebeln zu, die er mit der Gabel auf seinem Teller herumschubste. Jimi war vom Rauschgiftdezernat, und Jury vermutete, daß es ihm da so gefiel, weil er bei der Arbeit sein Haar lang und sein Hemd offen tragen konnte. Jimi wischte sich einen Krümel aus dem herunterhängenden Schnauzer.
Für ein paar Minuten saßen sie schweigend nebeneinander. Der Pub füllte sich mit den Stammgästen, die nach der Arbeit hierherkamen, und mit vielen zufälligen Besuchern. Eine besonders attraktive junge Dame machte es sich auf dem Hocker rechts neben Jimi bequem.
«’tschuldigung, Süße», sagte Jimi und streckte den Arm nach dem Senftopf vor ihr aus; die Gelegenheit war günstig, da sie noch damit beschäftigt war, sich auf ihrem Sitz zu installieren. Er schaffte es, ihren Busen zu streifen, und Jury sah, daß sich ihre Augenbrauen in mildem Ärger zusammenzogen, als sie Jimi ansah. Als sie bemerkte, daß Jury sie beobachtete, sah sie weg und dann gleich wieder zu ihm hin. Jury lächelte sie an, als teilten sie ein Geheimnis. Durch den Rauch ihrer Zigarette hindurch erwiderte sie es. Es war jedoch schon mehr als ein Lächeln.
Jimi machte sich ganz viele Senfpünktchen auf seine Pastete und sagte: «Was ich nicht verstehe, ist: Hier bin ich mit meiner Alten und drei Kindern, zwei davon noch in den Windeln. Also hier bin ich –» Er breitete seine Arme aus, streifte erneut den Busen neben sich und murmelte: «Tut mir leid, Süße – jung, sexy, gutaussehend, ein freier Geist, jedenfalls fühle ich mich so. Und da bist du … groß, solide, zuverlässig wie ein Safe – deine Augen erinnern mich an die Londoner Silberschätze, weißt du das? – egal, da also bist du, hast keine Verpflichtungen, und die Frauen liegen dir zu Füßen. Da kommt eine von ihnen.» Jimi zeigte mit seiner Gabel auf Polly, das Barmädchen.
«Hallo», sagte sie zu Jury, ohne Jimi dabei anzusehen. «Was soll’s sein?»
«Ein Bitter und eins von den Soleiern, Polly.» Zwischen Jury und Jimi stand unter einer hohen Plastikhaube eine Platte. Polly faßte die Haube am Knauf, hob sie hoch und rollte ein Ei auf einen kleinen Teller. Sie lehnte sich über den Tresen, wodurch sie einen noch größeren Einblick in ihr Dekollete gewährte. «Wo bist du denn gewesen? Dieser Typ ist fast jeden Tag hier. Arbeitet der nie?»
Jimi blickte finster auf ihren tiefen, gerüschten Ausschnitt.
«Er arbeitet gerade.»
Polly bemerkte Jimis Blickrichtung, winkte Jury zu, zwinkerte mit den Augen und ging an die andere Seite des Tresens.
«Das ist es, was ich meine», sagte Jimi. «Ich versteh das einfach nicht.»
«Ich auch nicht.»
«Du mußt zugeben, daß ich einen gewissen Charme habe.» Er hielt inne, als wäre sein ganzes Identitätsgefühl abhängig von Jurys Nicken. «Gestern abend, das muß ich dir erzählen, hatte ich eine mit ein Paar Titten wie …» Er hielt seine Handflächen nach oben und bewegte sie, als würde er Kürbisse wiegen, dann packte er die Haube, unter der die Pyramide von Soleiern aufgebaut war, und preßte seine Stirn gegen das Plastik.
Jury schüttelte den Kopf. Jimi war einer der besten Männer, die sie hatten, wahrscheinlich sogar der Beste im Rauschgiftdezernat, obwohl er jünger als die meisten von ihnen war, ungefähr zehn Jahre jünger als Jury. Bei der Arbeit strahlte er äußerstes Selbstvertrauen aus; aber außerhalb brauchte er jede Krücke, die sich ihm anbot, und Jury war derjenige, der das meiste Gewicht tragen konnte.
«Diese Rothaarige, mit der du mal gegangen bist», fragte Jimi. «Was ist mit der passiert?»
Maggie war ein Foto in Jurys Schreibtischschublade. Da hatte er sie vergraben. Aber hin und wieder exhumierte er die Leiche. «Sie hat einen anderen geheiratet, einen Australier.»
Jimi schaute ihn total ungläubig an. «Verheiratet mit einem anderen? Und auch noch mit einem Australier? Jesus! Gab es nicht irgendeinen …?»
«Warum lassen wir das Thema nicht fallen, Jimi?» Jury sah das Mädchen neben Jimi an. Sie war bordeauxrot gekleidet, ihr Arm hob sich wie Seide gegen das dunkle Mahagoniholz ab.
«Okay, Mann, okay.» Jimi hielt die Hände hoch und wandte sich wieder seinem Essen zu. «Habe gehört, daß du jetzt endlich befördert wirst.»
«Verdammt unwahrscheinlich, wie das Blumenmädchen sagen würde.» Jury hatte keine Lust mehr, über Frauen oder Beförderungen zu reden; er warf einige Münzen auf den Tresen und stand auf. «Ich habe eine Verabredung, Jimi. Wir sehen uns später.»
Auf dem Weg durch den Raum spürte er, wie der Samtblick des Mädchens in Bordeauxrot ihm folgte.
Die Tür öffnete sich, und Melrose Plant kam herein. Er ließ seinen Blick über die Köpfe schweifen, entdeckte Jury und kämpfte sich einen Weg durch die Menge, die sich mittlerweile schon an der Bar drängte. «Benderby, alter Knabe!» sagte Melrose.
Jury stieß einen Stuhl vor. «Setzen Sie sich, Mr. Plant, Benderby und ich danken Ihnen für Ihre Benachrichtigung. Und für das Bild. Also, erzählen Sie schon, wie Sie das gemacht haben!»
«Scotland Yard meine Methoden verraten? Warum um Himmels willen sollte ich? Ich bin dafür, daß ich einen Drink bekomme. Wollen Sie auch noch einen?» Plant zeigte mit dem Silberknauf seines Stocks auf Jurys Glas.
«Ich hab nichts dagegen.»
Melrose nahm das Glas, legte seinen Stock auf den Tisch und kämpfte sich zurück durch die Menge. Jury zog unter dem Tisch einen Stuhl heran und legte seine Füße darauf. Hundemüde war er. Er rollte den Stock hin und her, hob ihn hoch, wurde neugierig und spielte an dem Knauf herum. Er zog daran. Ein Stockdegen. Himmel noch mal.
Melrose kam mit den Getränken zurück, setzte sich und erzählte, was sich in den letzten vierundzwanzig Stunden zugetragen hatte; er begann mit dem Bild, das er Jury hinüberschob. «Wir wissen also, daß Crael sie kannte. Aber welche von beiden kannte er? Ich meine, welche von beiden war sie?»
«Gemma Temple», antwortete Jury und steckte das Bild in seine Tasche. «Sie fuhr mit dem Wagen ihrer Zimmergenossin nach Rackmoor, weil ihrer ein Anfängerschild hatte. Gemma Temple hatte gerade ihren Führerschein gemacht.»
«Du lieber Himmel, und Dillys March fuhr immer diesen roten Wagen.»
Jury nickte, und dann starrten beide schweigend in ihr Bier.
Jury lehnte sich zurück und schaute durch den oberen Teil des bleiverglasten Fensters, durch den die Lampen draußen zu sehen waren. Das aprikosenfarbene Licht eines ungewöhnlich sonnigen, aber kalten Tages war von den Tulpenornamenten der Scheibe verschwunden, und London dämmerte in den frühen Abend hinein. Aber es erzeugte kein Gefühl der Melancholie in Jury, der sogar in dem verrauchten Pub den Schnee riechen konnte, der bald fallen würde. London im Winter war für Jury die beste Jahreszeit. Die Straßen feucht wie alte Handschuhe, der Geruch von Gummistiefeln; dampfende Pferde mit ihren Reitern vor dem Palast. Er liebte London und wurde manchmal von diesem Gefühl geradezu überwältigt.
«Ich glaube, daß Julian Crael Gemma Temple irgendwo begegnet ist und von ihrer Ähnlichkeit mit Dillys March völlig geblendet war. Ich vermute, Dillys bedeutete Julian mehr, als er je zugeben würde. Er fing also mit Gemma ein Verhältnis an. Gemma sah darin die Möglichkeit, an ein Vermögen ranzukommen. Er muß ihr viel erzählt haben von sich, seiner Familie und seinem Zuhause – und von Olive Manning. Ich glaube, er wollte sie verlassen; vielleicht, weil er gemerkt hatte, wie fadenscheinig sein Phantasiegebilde war. Also setzte sich Gemma mit Olive in Verbindung, und die beiden arbeiteten diesen Schwindel aus.»
«Warten Sie mal. Olive Manning bestritt vom ersten Augenblick an, daß die Frau Dillys March sei. Wie konnte sie da gleichzeitig den Colonel glauben machen wollen, Dillys sei zurückgekommen.»
«Stimmt. Das verstehe ich auch nicht. Ich weiß nur, daß Gemma und sie gemeinsame Sache gemacht haben. Und wenn die Sache mit dem Diebstahl schiefging, dann hätte das ja ein verdammt gutes Motiv für einen Mord …»
«Es gibt noch ein besseres, oder? Julian Craels Motiv.»
«Ich weiß, er ist Ihr Kandidat. Aber warum sollte er sie ermorden? Warum nicht seinem Vater die ganze Geschichte erzählen? Julian wußte, daß die Frau nicht Dillys March war. Und vergessen Sie nicht sein Alibi …»
«Sie glauben also wirklich nicht, daß er es war, oder? Immer verteidigen Sie ihn.»
«Ich weiß nicht, wer es getan hat, mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Und ich ‹verteidige› ihn nicht.» Jury fragte sich, ob er nicht doch recht hatte. Was lag ihm an diesem Mann, der so distanziert, so kalt war und – genaugenommen – das einleuchtendste Motiv hatte. Julian Crael beschäftigte ihn, und wahrscheinlich wollte er Plants vollkommen berechtigten Verdacht einfach mit Argumenten aus der Welt schaffen. Er dachte an Julian, wie er im winterlichen Licht des Wohnzimmers stand, seine Arme auf dem Kaminsims, unter dem Bild jener schönen Frau mit dem Seidenschal, die seine Mutter gewesen war. Und er fühlte in dem Lärm des verrauchten Pubs das gleiche Frösteln wie dort in der Stille des Wohnzimmers, als er Julian Crael zugehört hatte. «Ich dachte, Sie wüßten, daß sie tot sein könnte.» In den Worten schwang eine leise Frage mit, als verstehe der Sprecher selber nicht, was er gesagt hatte, als erwarte Julian eine Antwort von etwas, was außerhalb lag, von etwas Großem – von den Mooren vielleicht, oder der See.
Wer könnte denn tot sein, fragte sich Jury.
«Sie wollen nicht, daß er schuldig ist.» Plants Bemerkung unterbrach seine Gedanken, und er bemerkte, daß er die ganze Zeit über das Mädchen in Bordeauxrot, das immer noch an der Bar saß, angestarrt hatte.
Verärgert über sich selbst, leerte er schnell sein Glas und sagte: «Es ist fast sieben. Wir sollten lieber losfahren. Die Fahrt zurück nach Rackmoor dauert sechs Stunden. Ich würde ganz gern noch mit Olive Manning sprechen.»
Plants Blick glich einem Pfeil. «Ja, ich habe gehört, was Sie sagten. Ob ich will, daß jemand schuldig oder unschuldig ist, steht nicht zur Debatte. Vergessen Sie nicht, daß Crael ein Alibi hat.»
Plant saß immer noch da und fixierte seinen Spazierstock. «Ist das alles? Es soll schon mal vorgekommen sein, daß ein Alibi durchlöchert worden ist.»