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Plant hatte sich diskret entschuldigt und war auf sein Zimmer gegangen. Wood, der seine Überraschung kaum verbergen konnte, ging Olive Manning holen.
Alle anderen im Haus schienen zu schlafen, worüber Jury ganz froh war; er wollte sowenig Aufsehen erregen wie möglich.
Jury stand im Red-Run-Salon, dem «Nest» des Colonels, als Olive Manning erschien. Im Bademantel, ohne Schlüsselbund und ohne ihre kunstvolle Frisur sah sie fast menschlich aus. Sie verschwendete auch keine Zeit, wie Jury mit Erleichterung feststellte.
«Fanny hat schon immer zuviel geredet», war das erste, was sie sagte. Wie Jury zog sie es vor, beim Reden zu stehen.
«Wie hat Gemma Temple Sie ausfindig gemacht?»
«Durch Julian natürlich. Er war höchst indiskret. Wie auch immer, die ganze Sache hatte sich zu meinem Vorteil entwickelt – oder hätte es getan, sollte ich vielleicht lieber sagen, wenn nicht irgend jemand diese Frau ermordet hätte.»
«‹Irgend jemand›? Nicht Sie, Mrs. Manning?»
«Ich ganz bestimmt nicht. Obwohl es bestimmt schwierig wird, Sie davon zu überzeugen, da bin ich sicher.»
«Ihre Verbindung zu Gemma Temple würde das vermuten lassen. Aber alles schön der Reihe nach, die Details zuerst: Woher wußte Gemma Temple, daß Sie Ihre Schwester besuchten?»
«Sie rief erst hier an. Wood oder sonst jemand sagte ihr, ich sei in London bei meiner Schwester. Daraufhin rief sie mich dort an und sagte, sie hätte mir etwas von großer Wichtigkeit über Dillys March mitzuteilen. Ich war überrascht. Wer war diese Fremde, die etwas über ein Mädchen wußte, das vor fünfzehn Jahren verschwunden war? Sie wohnte im Hotel «Sawry». Julian war an diesem Morgen gerade nicht da, wie ich später herausfand. Als ich sie sah –» Olive Manning schloß die Augen. «Die Ähnlichkeit war frappierend. Nun, ich dachte natürlich, sie sei Dillys. Die Frau war wenigstens so schlau einzusehen, daß die Informationen, die sie über Dillys und über ihre Vergangenheit im Old House hatte, einer genaueren Prüfung nicht standgehalten hätten. Sonst hätte sie es wohl auf eigene Faust versucht. Sie brauchte sozusagen noch den letzten Schliff; da mußte so einiges ausgebügelt werden, damit sie sich als Dillys ausgeben konnte.» Olive Manning sagte das gleichmütig und ohne Reue.
«Und Sie übernahmen das Ausbügeln?»
«Ja.»
«Wie dachten Sie, damit bei Julian durchzukommen? Er hätte es nie zugelassen, daß die Frau sich hier einnisten würde und die Rolle seiner Cousine –»
«Hier einnisten. Um Gottes willen. Das hätte ich auch nicht gewollt. Sie hätte die fünfzigtausend bekommen, und wir hätten sie uns dann geteilt. Das ist alles. Warum Julian das zugelassen hätte? ‹Zulassen› ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Hätte er denn den Colonel überzeugen können, daß sie nicht Dillys March war? Gemma hätte sich immer herausreden können und hätte zudem ihren Spaß an dem ganzen Schauspiel gehabt.»
«Warum haben Sie es sich nicht einfacher gemacht und Julian erpreßt?»
«Zum einen glaube ich nicht, daß Julian bezahlt hätte. Er gehört eher zu der Sorte, die sich stellen und dann verreißen lassen. Zum anderen hätte er gar nicht so schnell das Geld auftreiben können.» Sie lächelte kurz. «Dichterische Gerechtigkeit, verstehen Sie. Die Craels ließen es zu, daß Dillys March meinen Sohn zugrunde richtete. Ich dachte, ich hätte es verdient, zu sehen, wie ‹sie› Julian in die Knie zwingt.»
Was für eine zartfühlende Frau, dachte Jury. «Wie hatten Gemma und Julian sich überhaupt kennengelernt?»
«Durch Zufall. Auf einem Bahnhof – Victoria Station, glaube ich.»
«Zuerst haben Sie bestritten, daß sie Dillys ist. Sie haben also erst ganz zum Schluß die Möglichkeit eingeräumt, daß sie vielleicht doch Dillys sei, um Ihrer Meinung mehr Gewicht zu verleihen?»
«Ganz recht, Inspektor. Ich dachte, es sei besser, nicht gleich darauf einzugehen.»
«Es gab keine Beweise.»
«Ich hatte Zugang zu einigen Papieren. Der Geburtsurkunde von Dillys March und anderen. Falls ich sie wirklich gebraucht hätte. Aber Sie kennen Colonel Crael schlecht, wenn Sie glauben, daß es dazu gekommen wäre. Er hätte ihr ihre ‹Erbschaft› gegeben, keine Angst. Trotzdem hatte ich etwas in der Hand, was diese Dillys im passenden Moment hätte vorzeigen können.»
«Dieser Moment ist nie gekommen.»
Es folgte ein langes Schweigen. Sie seufzte. «Gut, Inspektor. Bevor Sie die Hunde auf mich hetzen, möchte ich Ihnen einen kleinen Handel vorschlagen.»
Daß sie gar nicht mehr dazu in der Lage war, schien ihr überhaupt nicht in den Sinn zu kommen. Sie hätte ebensogut über den Preis des grünen Samtsofas feilschen können, auf das sie ihre Hand gelegt hatte. In dem trüben Schein der Milchglaskugel – der einzigen Lampe, die Wood angemacht hatte – glitzerte der rosa Topasring an ihrem Finger.
«Was für einen Handel, Mrs. Manning?»
«Wissen Sie, ich habe mich offen zu dem Betrug – so nennen Sie das doch – bekannt. Und ich werde Ihnen da auch keine Schwierigkeiten bereiten. Dennoch denke ich, daß ich das Recht habe, meinen Namen von der Mordanklage reinzuwaschen. Das kann ich aber nicht, wenn Sie mich jetzt mitnehmen.»
Jury lächelte. «Das ist unsere Aufgabe – ich meine, Sie von der Anklage reinzuwaschen, falls es möglich ist.»
Sie schüttelte den Kopf. «Es gibt da keine Erfolgsgarantie. Inspektor, ich möchte nur vier bis fünf Stunden Zeit haben. Morgen findet eine Jagd statt – ich sollte wohl eher heute morgen sagen. Wenn Sie mir bis dahin meine Bewegungsfreiheit lassen könnten –»
«In vier bis fünf Stunden können Sie über alle Berge sein –»
Sie schnaubte. «Ich bitte Sie, Inspektor. Ich wüßte nicht, wohin ich gehen wollte. Mein Leben ist das Old House und mein Sohn, und wie könnte ich ihn jemals wiedersehen, wenn ich abhaue?»
Ihm gefiel, wie sie das Wort aussprach. Er lächelte. «Was haben Sie vor? Was habe ich davon, wenn ich Ihnen diese Stunden zugestehe?»
«Vielleicht gelingt es mir, Ihnen einen Fuchs aus dem Bau zu scheuchen. Morgen holen wir, um eine Lieblingsformulierung des Colonels zu gebrauchen» – sie lächelte – «das gute alte Stück hervor.»