10

Das Gesicht des Mädchens, das ihm die Tür öffnete, war zu schmal, um nach traditionellen Maßstäben noch als schön zu gelten; sie war jedoch von einer zerbrechlichen Blondheit, die etwas Durchscheinendes, Gläsernes an sich hatte. Es war fünf Uhr und bereits dunkel. Zwischen Jury und dem Mädchen waberte der Nebel. Eine Petroleumlampe hinter ihr verwischte die Umrisse ihres Kleides; es war weiß, weit und formlos und sehr tief ausgeschnitten, eine Wolke, die sie einhüllte und ihr ein seltsam geisterhaftes Aussehen verlieh. Es fehlte nur noch das Talglicht in ihrer Hand, und Jury hätte sich in ein Schauermärchen versetzt gefühlt.

«Miss Siddons?» Jury zeigte seinen Dienstausweis. «Ich bin Richard Jury. Kriminalpolizei. Ich hoffe, ich komme nicht sehr ungelegen. Ich hab ein paar Fragen.»

«Oh.» Sie nahm das Kleid in der Taille zusammen, als wäre ihr vor allem seine Weite peinlich. «Ich war gerade dabei, dieses Kleid hier abzustecken. Ich hab keine Schneiderpuppe und hab’s mir deshalb selbst übergezogen. Soviel gibt’s da aber gar nicht abzustecken. Kommen Sie doch rein.» Er leistete ihrer Aufforderung Folge, und sie schloß die Tür hinter ihm. «Ich zieh mich schnell um, wenn Sie nichts dagegen haben.»

Er sah die Nadeln, die den Ausschnitt und die Schultern markierten. «Sie haben es selbst genäht?»

«Nicht für mich. Für eine Frau aus dem Dorf. Ich mach das ab und zu. Im Winter, wenn im Café nichts los ist. Mir gehört das Café ‹Zur Brücke›.»

Jury nickte. «Ich weiß. Das Kleid steht Ihnen aber ausgezeichnet.» Er konnte jetzt auch sehen, wie ungewöhnlich ihr Gesicht war. Dreieckig mit bernsteinfarbenen Augen. Ihre Haut schimmerte wie Perlmutt.

Ihre Hand bedeckte den Ausschnitt; offensichtlich hatte sie bemerkt, daß Jurys Blick weitergewandert war. «Es dauert nur eine Minute, wirklich», sagte sie so besorgt, als könnte nach einer Minute eine Katastrophe über sie hereinbrechen. Er nickte, und sie lief aus dem Zimmer und die Treppe hoch.

Jury schaute sich in dem Wohnzimmer um, das mit gemusterten Chintzsesseln und allem möglichen Krimskram vollgestopft war. In jeder Ecke Nippsachen und Bilder – Tische, Regale, Simse, alles war vollgestellt mit Tassen und Untertassen, Krügen aus geriffeltem Glas, kleinen Porzellandosen. Überrascht entdeckte er auf einer Unterlage aus schwarzem Samt eine Kristallkugel. Er nahm sie in die Hand, drehte sie und starrte in ihre Tiefen, konnte aber nichts Schicksalsträchtiges herauslesen. Er legte sie wieder auf ihre samtene Unterlage. Neben ihr befanden sich bemalte Souvenirs aus Bognor Regis, Tunbridge, Southend-on-Sea, alles ehemalige Seebäder, in denen früher die Damen der Gesellschaft mit ihren Sonnenschirmen und Fächern die Strandpromenade entlangspazierten; inzwischen waren sie jedoch durch Rummelplätze und dicke kleine Kinder mit Plastikeimerchen ersetzt worden. Auch Tische und Wände waren mit Fotografien bepflastert, und viele davon schienen in diesen Seebädern aufgenommen worden zu sein. Eines zeigte eine junge Frau in einem altmodischen Kleid aus den Fünfzigern; sie stand auf dem Pier und hielt ihren Hut fest. Es mußte ein windiger Tag gewesen sein; die Brise hatte ihren Rock aufgebläht, und sie versuchte, ihn sittsam mit ihrer freien Hand festzuhalten. Für einen Schnappschuß war das Foto sehr gut gelungen; es war zumindest besser als die andern, die auf dem Tisch herumstanden, da es so frisch und lebendig wirkte und das Mädchen auch außergewöhnlich hübsch war. Als er es sich aber genauer anschaute, stellte er fest, daß die Bildkomposition überhaupt nicht stimmte und daß sie praktisch am linken Bildrand klebte. Er stellte das Bild wieder an seinen Platz zurück und studierte die anderen Fotos in den rechteckigen und ovalen Rahmen. Die meisten zeigten dieselbe Frau, jedoch an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten. Eines war im Old House aufgenommen worden; er erkannte den Hof mit den Ställen. Er nahm an, daß es sich um Lily Siddons Mutter handelte.

«Das ist meine Mutter.» Ihre Stimme, die seine Vermutung bestätigte, kam von hinten. «Sie lebt nicht mehr. Sie ist jung gestorben.» Jury drehte sich um. «Die Herzogin von Malfi?»

«Was?»

«Ich dachte, Sie würden aus dem Stück zitieren.»

Sie legte den Kopf zur Seite, und in ihren bernsteinfarbenen Augen fing sich das Licht des Feuers. «Kenn ich nicht.»

«Ihr Bruder sagt das. Der Bruder der Herzogin. ‹Bedeckt ihr Gesicht; sie ist jung gestorben.›» Vorsichtig stellte Jury das Foto zurück, als könne er das Leben der Frau in Gefahr bringen. «Er war verrückt, ihr Bruder.» Er fühlte sich seltsam beklommen; ein Gefühl der Angst schnürte ihm die Kehle zu; er konnte es sich nicht erklären.

«Sie meinen wie Julian Crael?» Sie kreuzte die Arme über der Brust, eine unwillkürliche, typisch weibliche Abwehrgeste.

«Julian Crael?»

«Er war schon immer ziemlich seltsam.» Lily setzte sich auf ein kleines, chintzbezogenes Sofa. «Möchten Sie einen Kaffee?»

Jury schüttelte den Kopf. «Inwiefern?»

Sie zuckte die Achseln, als wolle sie Julian Crael abschütteln. Dann sagte sie: «Hat er sie umgebracht?»

Die Frage überraschte Jury genauso wie ihr unbeteiligter Ton. «Warum fragen Sie das?»

«Weil er dazu fähig wäre.»

Jury lächelte. «Dazu fähig sind wir alle. Die Umstände müssen nur entsprechend sein.»

Sie schüttelte den Kopf. «Das glaub ich nicht.» Kühl blickte sie ihn aus ihren Katzenaugen an. «Könnten Sie? Ich meine, jemanden umbringen?»

«Ja. Ich denke schon. Aber Sie sprachen von Julian.»

Sie strich ihr helles Haar, das von zwei Schildpattkämmen gehalten wurde, nach hinten über die Schultern zurück. «Ich hab ihn noch nie gemocht. Sie wissen bestimmt, daß ich ziemlich lange bei ihnen gewohnt habe; eigentlich meine ganze Kindheit. Bis meine Mutter … starb.» Ihre Augen wanderten von seinem Gesicht zu dem kleinen runden Chippendale-Tischchen, auf dem die Fotos standen.

«Colonel Crael hat’s mir erzählt. Er hat Sie sehr gern.»

«Er ist auch der einzige, der in Ordnung ist. Ein Gentleman.»

«Und Julian ist das nicht?»

«Julian!» Mit einer kurzen Handbewegung tat sie diese Möglichkeit ab. «Ganz bestimmt nicht.»

Jury fragte sich, ob nicht etwas anderes dahintersteckte, Gefühle, die nicht erwidert worden waren. Aber irgendwie bezweifelte er es. «Waren Sie nicht an dem Tag vor dem Mord bei den Craels zum Abendessen?»

«Ja. Der Colonel hatte mich eingeladen. Zuerst dachte ich –» sie zögerte. «Zuerst dachte ich wirklich, sie –» Lily Siddons schien verwirrt oder auch nur in Gedanken versunken zu sein; sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wolle sie den umherirrenden Schatten eines Gedankens verscheuchen.

«Was?»

«Hat Ihnen der Colonel nicht erzählt, daß sie seiner Pflegetochter wie aus dem Gesicht geschnitten war? Der, die vor fünfzehn Jahren verschwunden ist. Hat er nichts von Dillys erzählt?»

«Erzählen Sie.»

Lily blickte auf die gefalteten, in ihrem Schoß ruhenden Hände und wirkte, als läse sie eine Geschichte aus einem Buch ab. «Sie haben sie nach dem Tod ihrer Eltern bei sich aufgenommen. Als sie acht oder neun Jahre alt war. Ich war damals noch ein Baby. Obwohl uns fünf Jahre voneinander trennten, wuchsen wir trotzdem zusammen auf. Es machte ihr Spaß, mich rumzukommandieren. Ich war für sie immer nur die Tochter der Köchin. Bei unsern Spielen war ich die Küchenmagd und sie die Prinzessin. Lady Margaret hat sie maßlos verwöhnt. Natürlich gingen wir auch auf verschiedene Schulen. Dillys und Julian gingen aufs Gymnasium, ich ging auf die Hauptschule. Das war später, als wir etwas älter waren. Ich könne machen, was ich wolle, sagte sie immer, ich würde doch nie … als ob das meine Absicht gewesen wäre …»

«Und was dachten Sie, als Sie Gemma Temple sahen?»

«Ich hatte Angst, sie würde zurückkommen.» Sie blickte ihm in die Augen. «Wenn Sie jemanden mit einem Motiv suchen, ja, ich hätte eines gehabt. Nachdem mein Vater uns verlassen hatte – meine Mutter und mich –, sind wir zu ihnen gezogen. Es war ja auch sehr anständig von den Craels, mich bei sich aufzunehmen. Aber Dillys war wie ein Baumstamm: Ich konnte sie nicht beiseite schieben und kam auch nicht an ihr vorbei.» Lily verstummte und starrte ins Feuer.

«Als der Colonel sagte, sie sei eine entfernte Verwandte, haben Sie ihm das geglaubt?»

Erstaunt blickte sie ihn an. «Warum nicht, warum hätte er lügen sollen?»

«Fanden Sie es denn nicht merkwürdig, daß Dillys einfach abhaute und das ganze Geld sausenließ, das sie einmal geerbt hätte?»

«Wollen Sie damit sagen, daß diese Person Dillys war?»

«Nein. Es war nur eine Frage. Sie haben Inspektor Harkins erzählt, der Mörder von Gemma Temple hätte es eigentlich auf Sie abgesehen. Was ist denn das für eine Geschichte, Miss Siddons, können Sie mir das erklären?»

«Irgend jemand hat versucht, mich umzubringen.» Sie lehnte sich mit einem matten Seufzer zurück und blickte ins Feuer. Die Flammen verliehen ihrer blassen Haut einen goldenen Schimmer, ließen ihre bernsteinfarbenen Augen aufleuchten und zauberten goldene Streifen auf ihre Seidenstrümpfe. Ihre Beine waren, wie Jury bemerkte, sehr wohlgeformt. Sie reizte jedoch weniger seine Sinne als seine Neugierde. In dieser Umgebung erschien sie ihm wie ein seltener Schmetterling, der sich in ein fremdes Gebiet verirrt hatte. Eine goldgelbe Wolke in einem kalten Klima.

«Erst passierte diese Sache beim Reiten. Das war letzten Oktober – ich hatte Red Run gesattelt – das ist das Pferd, das mir der Colonel zur Verfügung gestellt hat – und sprang mit ihm bei Tan Howe über eine Mauer; dabei wäre ich beinahe in einer großen Heugabel gelandet, die jemand auf der anderen Seite liegengelassen hatte. Ein paar Zentimeter, und das Pferd wäre darauf getreten. Das Ding lag mit den Zinken nach oben auf dem Boden.»

«Aber hat denn jemand gewußt, wohin Sie reiten würden – angenommen, die Gabel wurde mit voller Absicht dort liegengelassen?»

«Das ist es ja gerade. Ich hatte an dieser Stelle schon öfters mit Red Run geübt. Während der Jagd ist er nämlich ein paarmal vor der Mauer stehengeblieben, und ich versuchte, ihm die Angst zu nehmen. Damals glaubte ich natürlich, es sei purer Zufall gewesen. Ich hab dem Colonel davon erzählt, und er sagte, er wolle dafür sorgen, daß das nicht mehr passiert. Er war außer sich.»

«Und was passierte als nächstes?»

«Das war dann drei oder vier Wochen später, im November. Die Bremsen meines Autos fielen aus. Ich hatte den Wagen auf dem oberen Parkplatz gleich am Ortseingang abgestellt. Kennen Sie ihn?» Jury nickte. «Ich benutze das Auto eigentlich nie im Dorf. Es war wirklich eine Ausnahme, ich wollte etwas einladen – ein paar Torten und Kuchen für ein Kirchenfest in Pitlochary. Als ich dann im Auto saß, erinnerte ich mich, daß ich noch ein paar Einkäufe in Whitby erledigen wollte. Ich fuhr also nicht den Berg runter, sondern in die andere Richtung. Gott sei Dank. Sie haben ja gesehen, wie steil der Hang ist. Ich wäre gegen die ‹Glocke› gerast. Was das alles zu bedeuten hatte, wurde mir aber erst klar, nachdem diese Sache mit Gemma Temple passiert ist. Es waren keine Zufälle, diese ersten beiden Male. Die Leute hier haben gewußt, daß ich an diesem Tag den Wagen nehmen würde.»

«Wer wußte das?»

Ungeduldig sagte sie: «Viele. Kitty Meechem und ich haben im ‹Fuchs› darüber gesprochen. Adrian stand daneben, und die Craels wußten es auch. Ich hatte es bei dem Essen erwähnt.» In der Dämmerung sah ihr Gesicht wächsern aus. Das Feuer war die einzige Lichtquelle.

«Sie denken also, es war das Kostüm?» Sie nickte. «Warum hat Gemma Temple Ihr Kostüm getragen?»

«Bei diesem Essen hatte der Colonel erwähnt, daß Gemma Temple kein Kostüm habe; er fragte mich, ob ich ihr nicht eines leihen könne. Maud sagte, wir – Maud und ich – könnten auch als Sebastian und Viola aus Was ihr wollt gehen. Das kam uns ganz passend vor. Also überließ ich es ihr.»

«Warum ist sie denn nicht als Viola mit Mrs. Brixenham losgezogen?»

Lily zuckte die Achseln. «Sie war fremd hier und hat Maud ja auch kaum gekannt.»

«Und warum ging sie nicht mit Ihnen zusammen auf das Fest? Kitty Meechem sagte, sie sei erst nach zehn aus dem Haus gegangen?»

Lily lachte. «Das ist doch offensichtlich. Sie wollte ihren Auftritt haben – für sich.» Ihre Stimme klang bitter. «Schauspielerin! Eine aufgedonnerte kleine Verkäuferin, weiter nichts.»

«Dann wußten also alle, die bei dem Essen waren, daß Sie nicht das schwarzweiße Kostüm tragen würden?»

Lily schüttelte den Kopf. «Nein. Nur Maud und der Colonel. Die andern waren gerade nicht im Raum, als wir darüber sprachen. Auf der Party wurde mir jedenfalls schlecht. Ich glaube, es waren die Brote mit der Fischpaste, ich hab sie noch nie vertragen. Oder vielleicht auch der Punsch. Das reinste Teufelszeug, was sie da im Old House zusammenbrauen. Ich hab mit kaum jemandem gesprochen. Der Colonel und Maud sind die einzigen, die mit Sicherheit keinen Anschlag auf mich geplant hatten. Sie wußten, daß Gemma mein Kostüm trug.»

Sie würden also aus dem Kreis der Verdächtigen ausscheiden, falls der Täter Lily und nicht Gemma Temple hatte beseitigen wollen.

«Wenn ich ihr nicht mein Kostüm geliehen hätte, wäre sie vielleicht … ich fühle mich irgendwie schuldig.»

Jury zog sein Notizbuch hervor. «Sie haben Inspektor Harkins gesagt, Sie seien Viertel nach zehn zu Hause gewesen.»

«Ja, richtig. Maud blieb noch eine Weile bei mir. Um sicherzugehen, daß ich keine Lebensmittelvergiftung hatte. Dann ist sie gegangen. Ich saß noch ein bißchen im Bademantel rum und hab gelesen, ungefähr bis elf Uhr.»

«Adrian Rees hat kurz darauf Gemma Temple die Grape Lane herunterkommen sehen, ungefähr um Viertel nach elf, kurz bevor der ‹Fuchs› zumachte. In der Nähe der Engelsstiege.»

Lily starrte in das Feuer und nickte. «Ich weiß.»

«Ist sie hier gewesen?»

Ihr Kopf fuhr herum. «Hier? Warum sollte sie hier gewesen sein?»

Jury gab keine Antwort. Er musterte sie mit ausdruckslosem Gesicht. «Irgendwo muß sie gewesen sein. Wir wissen, wann sie aus dem Gasthof weggegangen ist – zehn nach zehn, sagt Kitty Meechem –, und wir wissen, wann Rees sie gesehen hat. Aber wo war sie in der Zwischenzeit? Auf dem Weg zum Old House war sie offensichtlich nicht.»

«Wie kommen Sie darauf?»

«Weil sie die Engelsstiege hochging.»

«Sie wird schließlich auch benutzt.»

«Aber doch nicht im Winter? Und nicht, wenn ein Warnschild dranhängt. Sie muß sich mit jemandem getroffen haben.» Jury wartete, aber Lily äußerte sich nicht dazu. «Kitty Meechem kam also kurz nach Feierabend bei Ihnen vorbei. Das war gegen halb zwölf oder etwas früher. Fünf vor halb zwölf, sagte sie.»

Lily ließ den Kopf auf dem Chintzbezug des Sofas hin- und herrollen und meinte mit matter Stimme: «So genau weiß ich das nicht mehr. Es wird wohl stimmen. Ich hab nicht auf die Uhr geschaut.»

«Es ist aber sehr wichtig. Sie hätten sich schon mit Lichtgeschwindigkeit bewegen müssen, um die Strecke von hier bis zur Engelsstiege und wieder zurück in zehn Minuten zu schaffen.»

Sie schaute ihn an, und ihre Augen verdunkelten sich, bis sie beinahe kornblumenblau waren. «Sie glauben mir nicht, stimmt’s? Sie glauben nicht, daß jemand versucht hat, mich umzubringen?»

«Darum geht es nicht. Ich nehme Ihnen ab, daß Sie es glauben. Aber welches Motiv käme denn in Frage? Geld? Rache? Eifersucht?»

«Geld scheidet aus. Und soviel ich weiß, hab ich auch niemandem was getan. Eifersucht – worauf?»

«Männer. Fangen wir doch mal damit an.»

«Sie meinen, ein eifersüchtiger Liebhaber oder so was Ähnliches?» Sie lachte, es klang aber nicht sehr glücklich. «In Rackmoor ist das höchst unwahrscheinlich.»

«Halten Sie es für möglich, daß der Colonel schon daran gedacht hat, Sie und Julian könnten …» Ihr Gesicht überzog sich mit einer brennenden Röte, und er verstummte.

«Julian? Ich und Julian? Das ist doch albern! Ein Crael heiratet nicht die Tochter der Köchin.»

«Was ist mit Ihrem Vater passiert, Lily?»

«Ich war ein kleines Kind, als er fortging. Ich kann mich kaum noch an ihn erinnern.»

Sie lehnte sich zu dem kleinen Tischchen hinüber und nahm die Kristallkugel von dem Samtpolster. «Ein netter Zeitvertreib. Percy Blythe hat sie mir geschenkt. Im Sommer nehm ich sie mit ins Café und tu so, als könnte ich die Zukunft voraussagen, als würde ich darin etwas sehen. Die Touristen finden das ganz toll. Zeigen Sie mal Ihre Hand!» Jury streckte seine rechte Hand aus; sie ergriff sie und hielt sie fest. «Sie haben einen breiten Handteller, das heißt, Sie sind sehr großzügig. Und einen langen Daumen – das bedeutet Durchsetzungsvermögen. Gerade Finger – ein angenehmes Wesen. Eine sehr gute Hand!» Sie ließ sie wieder fallen, als wäre sie alles andere als gut, und ihre Augen wanderten zu dem Chippendale-Tischchen mit den Fotos. Sie griff nach dem Bild mit der Frau auf dem Pier.

«Sie haben Ihre Mutter wohl sehr gemocht?»

«Ja.»

«Es tut mir leid, darüber zu sprechen; es muß für Sie sehr schmerzlich sein …» Er spürte, daß er eine offene Wunde berührte, daß er den Schmerz in kleinen Dosen verteilte. «Ich spreche von dem Tag, an dem sie ertrunken ist.» Lily hielt den Kopf gesenkt. «Warum ist Ihre Mutter bei Beginn der Flut diesen gefährlichen Weg gegangen?» Lily schüttelte den Kopf; offensichtlich war sie den Tränen nahe.

«War es ein Unfall?»

Lily starrte auf das Foto und weinte.

Jury ließ sich auf den Rand seines Sessels gleiten, nahm ihr das Foto aus der Hand und gab ihr statt dessen sein Taschentuch. «Tut mir leid, Lily. Ich lasse Sie jetzt in Ruhe.»

Jury ging aus dem Haus und um die kleine Bucht herum zum «Alten Fuchs». Die blauen und grünen Fischerboote schaukelten auf dem dunklen Wasser wie große, exotische Blüten.

Das Foto hatte er in der Tasche.

Inspektor Jury spielt Domino
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