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Melrose Plant lag zwar im Bett oder vielmehr auf dem Bett, aber Jury hatte sich trotzdem getäuscht.
Er war voll angezogen und starrte auf die kunstvoll bemalte Decke mit ihren Göttern, Göttinnen und Putten. Er lächelte; er dachte an Julian Craels Räume – drei Türen von seinen entfernt.
Melrose hatte das Foto, das er in der Hand hielt, aus genau diesen Räumen entwendet. Und er war zufrieden mit sich.
Zuerst hatte Melrose sich vergewissert, ob Julian auch seinen Morgenspaziergang machen würde: Er bot ihm seine Begleitung an, worauf ihm Julian einen Blick zuwarf, als hätte er ihm vorgeschlagen, gemeinsam in die Badewanne zu steigen. Jemand, der es vorzog, eine Stunde lang im Moor herumzuirren (was Julians Absicht war), statt am Kaminfeuer zu sitzen und Cockburns Very Superior Port zu trinken, konnte nicht ganz normal sein. Für Melrose war es jedoch eine gute Gelegenheit gewesen, seinen Plan durchzuführen.
Sie mochten sich nicht, das war klar. Auch Gemeinsamkeiten wie Alter, Rang, Reichtum und gesellschaftliche Stellung brachten sie einander nicht näher. Melrose fühlte sich schuldig: Es war wirklich seine Absicht gewesen, etwas über Julian in Erfahrung zu bringen, wenigstens einen Eindruck, was den Colonel beruhigt hatte. Er würde es zwar abstreiten, aber Melrose spürte, daß der alte Crael sehr besorgt um den Jüngeren war. Alibi hin oder her.
Ein hoffnungsloses Unterfangen. Aus Julian Crael war nichts rauszukriegen, obwohl das wahrscheinlich seine, Melroses Schuld war. Er dachte an Jury, der wie in der Bibel Wasser aus dem Felsen schlug: Er brauchte nur den Fuß auf Percy Blythes Schwelle zu setzen, und schon fing Percy an zu reden.
Melrose beschloß, daß er sich, wenn es auf die eine Weise nicht ging, seine Informationen eben auf andere Art beschaffen würde. Und das hatte er auch getan. Es war vielleicht nicht gerade fein, die Zimmer eines Gentleman zu durchsuchen. Aber Mord war auch nicht gerade fein.
Er hatte sich in Julians Räume geschlichen, ohne recht zu wissen, welche Beweisstücke er eigentlich zu finden hoffte. Und er hatte auch nicht damit gerechnet, auf etwas zu stoßen. Er war jedoch fündig geworden.
Im Haus hatte sich nichts gerührt. Der Colonel trieb sich in seinen Hundezwingern in Pitlochary herum. Olive Manning war nach Whitby gefahren, und die Dienstboten drehten Daumen.
Melrose hatte also das Haus praktisch für sich allein gehabt. Er war aber schlau gewesen und hatte die Tür zu Julians Zimmer sperrangelweit offenstehen lassen, falls doch jemand vorbeikommen sollte. Dann wäre erst gar nicht der Verdacht aufgekommen, er würde bei ihm herumschnüffeln; er hätte einfach behaupten können, er habe sich ein Buch ausleihen wollen oder etwas dergleichen. Julian besaß eine großartige Sammlung wertvoller, alter Bücher über Yorkshire.
Melrose hatte lautlos jede Schublade, jedes Regal, jeden Wandschrank durchsucht. Es hatte nicht viel Zeit in Anspruch genommen, da die Räume mit den moosfarbenen Vorhängen und den schweren Tudor-Möbeln sehr spartanisch, ja schon beinahe trostlos leer waren.
Melrose zog die Vorhänge auf und schaute aus den hohen Fenstern, die alle aufs Meer hinausgingen; er wollte sich vergewissern, daß Julian Crael nicht doch beschlossen hatte, wieder umzukehren. Da sich der Nebel etwas gelichtet hatte und die Sonne durchgekommen war, konnte er den Weg, der an den Klippen entlangführte, bis zur nächsten, großen Biegung verfolgen. Von Julian war jedoch nichts zu sehen.
Es gab zwei Räume, ein Schlafzimmer und ein kleineres Arbeits- oder Lesezimmer. Er fing mit dem Schlafzimmer an. Die Kommode enthielt die üblichen Accessoires einer gepflegten Herrengarderobe, einschließlich einer viktorianischen Geldkassette und einer Toilettengarnitur mit zwei silbernen Haarbürsten (die Melrose in die Hand nahm und neidisch betrachtete). Außerdem lagen noch Schlüssel, ein Fläschchen Bittersalz und ein Foto von Lady Margaret herum. Sehr interessant war das alles nicht. In dem Schrank hingen ein paar tadellos geschnittene Anzüge, ein Bademantel und eine Reitjacke. Er hatte gesehen, wie Julian einmal in aller Frühe eines der Pferde aus dem Stall holte; an der Jagd selbst wollte er jedoch nicht teilnehmen.
Melrose ging in das Arbeitszimmer, wo in einer Nische zwischen den Regalen ein hübscher, kleiner Sekretär stand. Er klappte die Platte hoch, fand aber nur die üblichen Schreibutensilien – keine privaten Briefe, nur ein paar Rechnungen von einem Londoner Schneider. Systematisch durchsuchte er jede Schublade, stieß aber auf nichts von Bedeutung: Briefpapier, Füllfederhalter und in einer Schublade ein paar Schnappschüsse, die er sich etwas genauer anschaute. Es waren vor allem Moorlandschaften und Ansichten von dem Haus, die schon etwas älter sein mußten. Er schloß die Schubladen und wandte sich den Bücherregalen zu. Sie machten einen sehr ordentlichen Eindruck; nichts schien sich hinter ihnen zu verbergen, keine Geheimfächer oder geheimen Dokumente.
Auf den Regalen standen mehrere gerahmte kleine Fotografien. Eigentlich waren es nur Schnappschüsse, ein Dutzend ungefähr. Sie hatten diese bräunliche Farbe, die sich im Lauf der Jahre einstellt. Auf einigen erkannte er Julian in jüngeren Jahren und die elegante Lady Margaret am Arm ihres Mannes; er wußte auch, daß das schwarzhaarige Mädchen Dillys March sein mußte – er hatte die Fotos gesehen, die der Colonel der Polizei zur Verfügung gestellt hatte.
Dillys war auf mindestens einem halben Dutzend zu sehen, und wenn man die Fotos dazuzählte, auf denen sie mit den andern zusammen posierte, waren es sogar noch mehr. Eines zeigte sie mit Lady Margaret, ein Schnappschuß, der im Garten gemacht worden war; sie war noch beinahe ein Kind, zehn oder elf Jahre vielleicht. Ein anderes mit Julian und einem jungen Mann, der Julians Bruder Rolfe sein mußte. Alle drei saßen auf ihren Pferden. Neben Dillys und Julian, die sich mitten in der Pubertät befanden, sah Rolfe schon sehr erwachsen aus. Er war sehr hübsch, aber nicht vergleichbar mit Julian, abgesehen vielleicht von den blonden Haaren, die er von seiner Mutter geerbt hatte. Dann gab es noch zwei Fotos mit Dillys und Julian, die wohl etwas später aufgenommen waren: Beide standen stocksteif auf der Treppe zum Old House. Auf drei weiteren war Dillys allein zu sehen, einmal auf ihrem Pferd, die beiden andern Male gegen die Stange eines Zauns gelehnt. Sie sah eher schüchtern aus; den Kopf hielt sie gesenkt, und ihre Augen waren von dem Pony und den Wimpern halb verdeckt. Sie konnte noch keine zwanzig gewesen sein und trug noch dasselbe leichte Seidenkleid, das sie schon auf der Treppe getragen hatte.
Er zählte zusammen: sieben Fotos von Dillys. Niemand war so häufig vertreten, und trotzdem behauptete Julian Crael, er könne sie nicht ausstehen.
Melrose wußte nicht, wieso ihm gerade jetzt ein alter Trick seiner Mutter einfiel. Wenn sie mehr Fotos als Rahmen hatte oder wenn sie eines der alten Fotos durch ein neueres ersetzen wollte, nahm sie einfach den Karton heraus und schob das neue vor das alte. Er fing mit den Fotos von Julian und Dillys an, aber hinter der samtartigen Verstärkung steckte immer nur das Stückchen Karton. Er versuchte bei vier verschiedenen Fotos sein Glück. Bei dem fünften, auf dem Dillys gegen den Zaun lehnte, entdeckte er dann noch einen zweiten Schnappschuß: Dillys in einem Park. War es der Regent’s Park? Oder der Hyde Park?
Jedenfalls war dieses Mädchen kein Teenager mehr; es war eine junge Frau. Dillys March? Oder Gemma Temple? Melrose hatte die Fotos von Gemma Temple nicht gesehen, aber wenn die Ähnlichkeit wirklich so groß war …
Auch in dem nächsten Rahmen entdeckte er noch ein zweites Foto. Sie stand vor einem Gebäude gegen ein eisernes Gitter gelehnt. Das Gebäude unterschied sich nicht von tausend andern Backsteinbauten der Stadt. Er hätte gerne noch weitergemacht, fürchtete aber, Julian könnte zurückkommen. Seit einer guten halben Stunde war Melrose nun schon in Julians Arbeitszimmer.
Er öffnete die Schreibtischschublade mit den Schnappschüssen, nahm zwei davon heraus und schob sie hinter die Fotos von Dillys. Das war natürlich etwas riskant, aber Julian würde sich wahrscheinlich zufriedengeben, wenn er an dem Rahmen erkannte, daß zwei Fotos dahintersteckten, und er würde sich nicht die Mühe machen, die hinteren hervorzuholen. Auf jeden Fall hatte sich die Sache gelohnt. Er mußte unbedingt Jury von seinem Fund unterrichten.
Als er wieder in seinem Zimmer war und sich auf dem Bett ausstreckte, wurde ihm klar, daß er auf eine heiße Spur gestoßen war. Ob diese Frau nun Dillys March oder Gemma Temple war, interessierte ihn in diesem Augenblick schon nicht mehr – egal, wer sie war, sie hätte nicht in London auftauchen dürfen. Und auch nicht in einem Bilderrahmen in Julian Craels Zimmern.