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Der Sherry Club war ein unauffälliges, cremefarbenes Gebäude mit einer glatten Fassade ganz in der Nähe von Shambles, im Schatten der Kathedrale. Sie hatten sich offensichtlich bemüht, alles zu vermeiden, was nach Reklame aussah. Nur ein kleines Messingschild rechts neben der eichenen Eingangstür wies auf den Club hin. Er hatte das Aussehen und die Funktion eines Men’s Club, aber in seinem Speisesaal wurden inzwischen auch Frauen zugelassen, solange sie sich weiblich-diskret verhielten und lautlos bewegten (zumindest hatte man diesen Eindruck).
Nicht der geeignete Ort, sich mit Agatha zu treffen.
Melrose war wütend, daß er eine, wenn nicht gar zwei Stunden opfern mußte, um mit seiner Tante Tee zu trinken, aber er wußte, daß sie sehr viel umgänglicher war, wenn sie sich den Bauch vollgeschlagen hatte. Und dann war dieses Treffen ja nur ein kleines Opfer, wenn es ihm gelang, sie von Rackmoor fernzuhalten. Ganz zu schweigen von dieser Teddy.
Er hatte sich an einen Tisch bei einem der hohen Fenster gesetzt, um die Straße im Auge behalten zu können. Nicht, daß er scharf war auf diesen ersten Blick von seiner Tante, aber trotz seiner Anweisungen war sie durchaus in der Lage, vorbeizulaufen, denn der Sherry hatte den Club nicht gerade bekannt gemacht. Hier konnte er ans Fenster klopfen, falls es nötig sein sollte.
Er war absichtlich etwas früher gekommen, um sich die andern Gäste anschauen zu können, bevor sie auftauchte. So kurz nach der Lunchzeit war der Saal jedoch fast leer. An einem Tisch weiter hinten entdeckte er einen Mann und zwei Frauen; sie schieden aus. Außer ihnen gab es nur noch zwei weitere Personen, ein kleines, vogelartiges Männchen, das sich mit Gebäck vollstopfte, und einen anderen Mann, der für Melroses Zwecke schon eher in Frage kam: dunkler Anzug, Schirm und Melone wie ein Gardeoffizier. Er hatte habichtartige, starre Züge. Die Melone lag vor ihm auf dem Tisch; der fest zusammengerollte Schirm (der bestimmt noch nie geöffnet worden war) hing an dem Stuhl. Er las eine Zeitung.
Melrose winkte den Kellner heran. «Dieser Herr da drüben kommt mir sehr bekannt vor. Ich glaube, wir sind zusammen in Harrow gewesen, es liegt allerdings schon etwas zurück. Es ist doch Sir John Carruthers-White, nicht wahr?»
Der Kellner blickte in die Richtung des Gastes. «O nein, Sir. Das ist Mr. Todd, Sir. Er ißt immer bei uns zu Mittag, weil er von hier so rasch wieder in der Kathedrale ist.»
«Ist doch nicht zu fassen!» sagte Melrose und starrte ihn verblüfft an. «Er sieht Carruthers-White zum Verwechseln ähnlich. Die Kathedrale? Was hat Mr. Todd denn dort zu suchen?»
«Er macht die Führungen, Sir.» Der Kellner fegte mit seiner weißen Serviette ein paar imaginäre Krümel vom Tisch. «Sie ist sehr populär, die Kathedrale.»
Als wäre die Kathedrale von York eine neue Rock-Gruppe. «Kann ich mir vorstellen. Und macht Mr. Todd diese Führungen auch im Winter? Ich meine, zur Zeit?»
Der Kellner schien sich nicht zu fragen, warum Mr. Todd, der offensichtlich nicht dieser Carruthers-White war, immer noch Melroses Interesse erregte. «O ja. Heute nachmittag gibt es noch eine oder zwei Führungen. Ich glaube, so gegen drei.»
Er würde also nicht mehr lange bleiben. Verdammt, wo blieb Agatha? «Bitte decken Sie für zwei Personen.»
Der Kellner verschwand. Ein paar Minuten später tauchte er wieder mit seinem Tablett auf und stellte Kanne, Tassen und Kuchen auf den Tisch. Melrose entdeckte seine Tante. Sie stand vor dem Sherry Club und wirkte wie immer völlig fehl am Platz – wie von einem anderen Sonnensystem. Der Hut, den sie trug, verstärkte diesen Eindruck: eine wilde Mischung aus Violett und Blau mit einer langen, grünen Feder. Sie verschwand.
Und tauchte im Speisesaal wieder auf; der Kellner führte sie an den Tisch. Melrose blickte zu Todd hinüber; er hoffte nur, daß er nicht gerade jetzt, wo Agatha eingetroffen war, aufbrechen würde. Nein, er schien sich mit seiner Zeitung und seinem Kaffee für längere Zeit eingerichtet zu haben.
«Wie ich sehe, Melrose, hast du schon ohne mich angefangen.» Sie klappte den Deckel der silbernen Kanne hoch, spähte hinein und inspizierte dann die belegten Brote und den Kuchen. Sie stocherte mit dem Finger in jeder Platte herum und zählte dann laut auf, was sie entdeckte. «Hmm, keine Buttercremetörtchen.»
«An besserem Ort gibt es sie nicht, Agatha. Oder hast du etwa schon bei Fortnum welche gekriegt? Du wirst dich mit dem Gebäck begnügen müssen.»
Sie legte ihren schäbigen Fuchs ab und machte es sich bequem. «Hast du mich hierher beordert, um mit mir über Kuchen zu reden, Melrose? Du hast wohl wieder getrunken?»
Er wünschte, er hätte sich vor ihrem Treffen mit ein paar doppelten Brandys gestärkt. Mit ihr zu reden war schwieriger, als gegen einen Schwarm Karpfen anzuschwimmen. Sie leerte ihre erste Tasse Tee und verschlang ein mit Fischpastete bestrichenes Brot, das war jedoch nur der Anfang.
Melrose bestrich sich ein Brötchen. Eigentlich mochte er diese Brötchen mit den Fruchtstückchen obendrauf überhaupt nicht. «Ich – wir – wollten dich bitten, uns behilflich zu sein. Die Sache ist aber streng geheim.»
«Worum handelt es sich? Und wie geht es Jury? Warum ist er nicht mitgekommen? Der Ärmste wird auch immer in die entlegensten Gegenden geschickt. Ist er denn für London nicht gut genug?»
«Du weißt ganz genau, daß er gut genug ist. Er gehört zur Mordkommission. Es tut ihm aufrichtig leid, daß der Mord nicht in einem schickeren Viertel begangen wurde, in Belgravia oder Mayfair zum Beispiel. Ich dachte immer, du würdest Jury bewundern.»
«Oh, bewundern, das ist zuviel gesagt. Er ist schon ein ganz tüchtiger Bursche.» Sie ließ einen Klacks Schlagsahne auf ihr Törtchen fallen.
Offensichtlich empfand sie Jurys Fernbleiben als grobe Beleidigung.
«Agatha, da drüben links hinter dir sitzt ein Herr – nein, dreh dich nicht um, du machst ihn sonst auf dich aufmerksam!»
Sorgsam vermied sie es. Als sie ihr Törtchen gegessen hatte, knabberte sie an einem der Plätzchen herum, überlegte es sich dann aber plötzlich wieder anders, und wie ein unartiges Kind legte sie es auf den Teller zurück und nahm sich ein Stück Obsttorte. «Was ist mit ihm?»
«Ich glaube, er verfolgt mich. Hundertprozentig sicher bin ich mir natürlich nicht, aber – nein, dreh dich nicht um! Jury hält ihn für einen Agent provocateur.»
Agatha würde, um ihre Neugierde zu befriedigen, vor nichts zurückschrecken. Melrose schob sein Besteck hin und her und fuhr fort: «Ich – ah, das heißt Jury – wollte dich und Mrs. Harries-Stubbs bitten –»
«Teddy? Um was denn?»
«Ich muß gestehen, daß mir hier etwas ziemlich Peinliches passiert ist …» Sie lächelte, zufrieden, daß er endlich in Ungnade gefallen war. «Ein Aufbewahrungsschein ist verlorengegangen. Er war in meiner Brieftasche. Ich kann nicht verstehen, wie er rausfallen konnte. Aber ich weiß, daß ich ihn bei Teddy verloren haben muß, es ist mir nämlich gleich danach aufgefallen.»
«Für was ist der Zettel denn?»
Melrose erwog verschiedene Möglichkeiten und entschied sich für die Gepäckaufgabe von Victoria Station. Ließen die Leute nicht dauernd ihre Sachen dort stehen?
«Und was hat dieser Todd damit zu tun?»
«Mr. Todd interessiert sich ebenfalls für den Schein.» Melrose zündete sich so unbekümmert eine Zigarette an, als gebe es weit und breit keine Geheimagenten.
Agatha traten die Augen aus dem Kopf. «Ist er nicht gefährlich?»
«Ich denke nicht, schließlich hat er keine Ahnung, daß der Schein bei Teddy herumliegt.» Melrose lächelte strahlend. So konnte er sichergehen, daß sie das ganze Haus auf den Kopf stellen würden, bevor Mr. Todd sie heimsuchte. «Du und Teddy, ihr müßt alles gründlich durchsuchen. Man übersieht ihn leicht, weil er so klein ist.»
«Und wenn ihn die Putzfrau schon rausgefegt hat?»
Melrose starrte auf den Filter seiner Zigarette. «Dann müßt ihr in den Mülltonnen nachsehen.»
Als sie sich dagegen zu sträuben schien, legte er seine Hand auf ihre. Diese Geste war so ungewöhnlich für ihn, daß sie darauf starrte, als wäre ein Fisch auf ihrem Tisch gelandet. «Agatha, dieser Zettel ist verdammt wichtig. Du wirst mich – uns – doch nicht im Stich lassen?»
Sie ließ ein paar Krümel von ihrem Brötchen auf Melroses Ärmel fallen und sagte: «Na ja, was tut man nicht alles für alte Freunde …» Anscheinend kam sie überhaupt nicht auf die Idee, daß Jury die Polizei von ganz Yorkshire zur Verfügung stand, wenn er eine Hausdurchsuchung durchführen wollte. «Wann sehe ich ihn denn? Um Bericht zu erstatten?»
Ein klarer Fall von Erpressung. Vielleicht konnte er Jury dazu überreden, auf der Rückfahrt von London kurz bei ihr vorbeizuschauen. Eigentlich mußte ihm genausoviel daran gelegen sein, sich Agatha vom Leib zu halten. Nein, zum Teufel, es würde ihm überhaupt nichts ausmachen. Jury würde es schaffen, sie um den Finger zu wickeln und gleichzeitig zu ignorieren, ohne daß sie etwas merkte. Wo hatte er das nur gelernt? Percy Blythe fiel ihm wieder ein. «Jury wird mit mir zurückfahren. Morgen, übermorgen oder auch erst in drei Tagen.» Oder überhaupt nicht. Es war zwar nicht anzunehmen, daß Agatha die Kathedrale besichtigen würde, aber vielleicht sollte er diese Sache vorsichtshalber auch noch abklären. «Mr. Todd macht übrigens die Führungen in der Kathedrale. Um sich zu tarnen, spielt er den Fremdenführer.»
«Tatsächlich? Aber was hat dieser Todd denn überhaupt mit den Craels zu tun?»
Melrose hätte ihr einen ganzen Roman über Todd und die Craels erzählen können, aber er wollte so schnell wie möglich nach London. Und er sah auch, daß Todd seine Zeitung zusammenlegte und nach seinem Regenschirm tastete. Wenn Melrose Wert darauf legte, von ihm verfolgt zu werden, mußte er sich beeilen. Hinter vorgehaltener Hand sagte er zu Agatha, die sich gerade einen Brandy-Snap in den Mund schob: «Wenn wir jetzt gehen, können wir ihn vielleicht abschütteln, Agatha.»
Verdrossen antwortete sie: «Ich hab meinen Tee noch nicht ausgetrunken, aber wenn es unbedingt sein muß …» Er hakte sich bei ihr unter und half ihr hoch.
Als sie vor dem Sherry Club standen, versuchte Melrose etwas Zeit zu gewinnen und ließ seinen Wagenschlüssel fallen. Er beobachtete, wie sich die Tür hinter ihnen öffnete und Todd heraustrat. «Wir waren doch nicht schnell genug», flüsterte er. «Tu so, als würdest du ihn nicht sehen. Er muß dann weitergehen; er kann schlecht stehenbleiben und in den Himmel starren.»
Und wie Melrose vorausgesagt hatte, ging Mr. Todd völlig sorglos die Straße hinunter.
«Wirklich gerissen», sagte Agatha. «Man würde nie auf den Gedanken kommen, daß er dir folgt.» Beruhigend tätschelte sie den Arm ihres Neffen. «Vergiß nie, Melrose, wenn irgend etwas passieren sollte, Ardry End ist in guten Händen.»
Melrose blickte auf die plumpe Hand auf seinem Arm und zweifelte nicht an ihren Worten. Zwei von den Ringen seiner Mutter steckten bereits an ihren Fingern.
«Sehr anständig von dir, Tante.» Er tippte an seinen Hut.
Und alle drei – Melrose, Agatha und Mr. Todd – gingen ihrer Wege.