12
Der Blick, mit dem sie ihn von oben bis unten musterte, hätte den Lack von einem Stuhl abkratzen können.
«Roberta Makepiece.»
Über die Türkette hinweg sah er, wie ihre Kiefer den Kaugummi bearbeiteten, den sie schon die ganze Zeit über langsam hin- und herbewegt hatte. «Ich heiße Cory. Mrs. Cory. Sie haben sich in der Tür geirrt.» Sie versuchte, die Tür zu schließen, aber Jury hielt seine Hand dagegen.
«Kriminalpolizei, Mrs. Cory. Chefinspektor Richard Jury.» Er schob ihr seine in Plastik eingeschweißte Ausweiskarte unter die Nase.
«Was ist los …?» Ihre Augen weiteten sich. «Joey? Ist es wegen Joey?» Ihre Stimme klang weniger besorgt als erleichtert, was Jury veranlaßte, sich über Liebe und Loyalität Gedanken zu machen.
«Dürfte ich vielleicht hereinkommen …? Es wird nicht lange dauern.»
Sie schloß die Tür für einen kurzen Moment, um die Kette zu entfernen. Dann hielt sie die Tür auf und bedeutete ihm mit einem kurzen Nicken hereinzukommen. «Ich wollte gerade einkaufen gehen.»
«Es wird nicht lange dauern. Können wir uns setzen?»
Sie zuckte die Achseln. «Machen Sie sich’s bequem.» Jury setzte sich auf den Rand eines glänzenden Kunstledersessels. Sie nahm auf einer weißen Couch aus Webpelz Platz. Alles in dieser Wohnung – die Möbel, die Gardinen, die Kleidung, die sie trug –, alles sah billig, neu und sauber aus, als sei das Leben, das hier gelebt wurde, unmittelbar den Steinen von Wanstead entsprungen. Die Wohnung glich einem Schaustück in einem Kaufhausschaufenster – einschließlich der Puppe. Roberta Makepiece war zwar ganz hübsch, aber ausgesprochen steif und hölzern – eine abweisende, starre Frau. Behindert durch einen engen, wadenlangen Rock, hatte sie sich mit kleinen, gezierten Schritten auf die weiße Couch zurückgezogen. Über dem Rock trug sie einen engen, gestreiften Pullover, unter dem sich ihre kleinen, spitzen Brüste abzeichneten. Die kunstvollen, mit Schildpattkämmen hochgehaltenen und mit Haarspray fixierten Locken ließen ihr Gesicht noch schmaler erscheinen.
Jury fragte sich, was Cory wohl an diesem Gebilde gefiel. Sie ständig um sich zu haben mußte schlimmer als Zahnschmerzen sein. Er vermutete auch, daß sie nicht wirklich Mrs. Cory war; wie die Möbel war auch sie jederzeit austauschbar.
Mit einem leuchtend lackierten Daumen und Zeigefinger nahm sie den Kaugummi aus dem Mund und ließ ihn in einen riesigen Glasaschenbecher fallen. Dort lag er dann traurig – das einzige Ding im Raum, das gebraucht aussah.
Neben ihr auf der weißen Couch lagen ihre Tasche und ihr Mantel. Daß sie im Begriff war wegzugehen, schien die Wahrheit zu sein. Jury bezweifelte allerdings, daß sie häufig die Wahrheit sagte.
Warum hatte er sich die Szenerie so anders ausgemalt? Eine schlampige, hübsche Frau in einem Morgenrock, ein ungemachtes Bett, Schnappschüsse von Bertie, die an der Spiegelkommode steckten … Er schien hier überhaupt nicht zu existieren, kein einziges Foto und nichts in ihrem Gesicht erinnerte an ihn. «Also, worum dreht’s sich denn?» Die Hand mit den rot lackierten Fingernägeln fuhr hoch zum Haar, um sich zu vergewissern, daß das künstliche Gebilde durch diesen unwillkommenen Eindringling auch nicht in Unordnung geraten war.
«Ich bin gekommen, um mit Ihnen über Ihren Sohn zu sprechen, Mrs. Cory.»
Sie sah schnell weg und nahm den Kaugummi aus dem Aschenbecher. «Ich habe» – sie steckte ihn in den Mund – «keinen Sohn. Ich weiß nicht, wovon Sie reden.»
Jury fühlte, wie ihm kalt wurde, wie sein Griff um die Kante der Armlehne härter wurde. «Ich rede von Bertie. Bertie Makepiece.» Er kam sich wie ein Idiot vor, weil er es sagte, als müßte der Name in ihr eine Erinnerung wachrufen. Als würde sie «Oh, ja, der», sagen und mit den Fingern schnippen.
Seine Miene mußte sie eingeschüchtert haben, denn sie sagte: «Hören Sie mal, was hat eigentlich Scotland Yard damit zu tun? Was hat die Polizei hier zu suchen. Haben Sie mit dem Jugendamt zu tun, oder was?» Ihre Stimme wurde eindringlicher. «Ich nehme an, Sie wollen mich dazu bringen, daß ich zurückgehe?»
«Ich bin nicht dienstlich hier. Nur aus Interesse. Ich traf Bertie, als ich an einem Fall arbeitete, und fand, daß die Geschichte, mit der er Ihre Abwesenheit erklärte, irgendwie seltsam klang. Bertie behauptet, daß seine Mutter wegfahren mußte, um eine kranke Großmutter zu pflegen. In Nordirland. Sieht aber so aus, als seien Sie in London, nicht?»
«Nordirland? Ich hab nie was von Irland gesagt! Ich hab zwar eine alte Oma, die da lebt, aber ich hab nie gesagt, daß ich dahin fahre.» Jetzt war ihrer Meinung nach wohl Bertie der schuldige Teil. «Also, so was!»
«Bertie erzählt jedem, daß die alte Oma in Nordirland lebt, auf der Bogside.» Jury mußte gegen seinen Willen lächeln. Aber sie blickte nur stumpf vor sich hin. War er gekommen, um zu sehen, ob sie genug Humor besaß, um über den Einfallsreichtum ihres Sohnes zu lachen? Um noch etwas von einer Mutter in ihr zu entdecken?
«Er erfand immer irgendwelche Geschichten. Er phantasierte alles mögliche zusammen …» Ihre Stimme verlor sich, während sie an dem Couchfell zupfte.
«Bertie? Ich habe genau das Gegenteil festgestellt. Vernünftig, ausgeglichen, umsichtig.» Wenn jemand von den beiden ein Phantasieleben führte, dann war es die Mutter und nicht der Sohn. Und was für eine dürftige Phantasie noch dazu, dachte er, als er sich noch einmal im Zimmer umsah.
«Ja, das stimmt. Umsichtiger als ich. Bertie konnte alles, machte auch alles, wenn ich arbeitete. Kochen, abwaschen, putzen. Er hat sogar den alten Köter dazu gebracht, daß er einkaufen ging. Er ist doch noch da, oder? Arnold?»
Es klang, als würde sie nach einem Bekannten aus ihrer Kindheit fragen. Jury nickte. Ihre Stimme wurde kriegerisch, sie lehnte sich vor, und ihre Hände umklammerten ihre Knie. «Hören Sie. Bert kriegt Geld, dafür sorge ich. Ich hab ihm gesagt, er soll nur weiterhin die Schecks mit der Rente einlösen …»
«Dazu muß er unterschreiben. Das ist Unterschriftenfälschung.»
«Nun, trotzdem. Sehen Sie, das müssen Sie verstehen: Ich hab ihm einige Male geschrieben. Ich habe es ihm erklärt, ich meine, daß ich es dort nicht aushalten kann. Ich bin nicht einfach weggegangen und hab ihn seinem Schicksal überlassen.»
Versuch nicht, mir was weiszumachen, dachte Jury. «Sie haben also Miss Cavendish und einige andere gebeten, sich um ihn zu kümmern. Sie erzählten Miss Cavendish, daß Sie nach London fahren würden, stimmt das?»
Sie nickte eifrig, als spreche er jetzt ihre Sprache. «Sehen Sie, ich gebe ja zu, daß ich keine gute Mutter bin.» Sie lächelte grimmig, als werde durch dieses Eingeständnis alles geklärt. «Glauben Sie mir – ich wollte keine Kinder. Ich hab zu früh geheiratet. War erst achtzehn …»
Ihre Rechtfertigung glich dem Zelebrieren einer alten, bedeutungslos gewordenen Messe: langweilig und zur Genüge bekannt, da er diese oder ähnliche Geschichten schon zu oft gehört hatte: die schwierigen Umstände in ihrem Leben, in dem kleinen Fischerdorf. Eine gescheiterte Ehe mit einem nichtsnutzigen Kerl. Und immer das leidige Geld. Nur Ärger, keine Zukunftsperspektiven, und sie, die doch noch so jung war … Und dann Rackmoor selbst. Die fürchterliche Langeweile dort oben im Norden, keine Neonlichter, keine Unterhaltung, nichts. Ihre Begegnung mit Joey Cory, Ein gutaussehender Mann, der sie zum Lachen brachte und Geld hatte. Aber er wollte sie nicht mit Kind. Keine Kinder, sagte er.
«Sehen Sie, alles neu! Cory kauft immer alles neu. Wenn irgend etwas kaputtgeht oder schmutzig wird, dann schmeißen wir es einfach weg und kaufen es neu.» Ihr verkrampftes, schiefes Lächeln war triumphierend, als hätte sie einen Weg gefunden, das Haus zu überlisten.
Ein Wegwerfleben. Jury konnte sich vorstellen, daß die Tage in diesem Zimmer genauso aussahen wie die einzelnen Blätter eines Kalenders – unbeschrieben, kein einziger Eintrag. Er stand aus dem Sessel auf. «Und was macht er mit Ihnen, wenn Sie kaputt und schmutzig sind?»
Zornig sprang sie von der Couch auf; ihr schmales Gesicht glich einer weißen, kalten Flamme. Der Schlag, den sie ihm versetzte, ließ ihn zwar zurückweichen, tat aber kaum weh. Ihre Hand war so leicht, daß er sich eher wie die hysterische Berührung eines Vogelflügels anfühlte. Sie hatte sich damit nur selbst erschreckt. Sie fing die schuldige Hand mit der anderen ein. Er sah jetzt, wie dünn ihre Hände waren, dünn und blau geädert. Er wunderte sich über ihre Hagerkeit, über die einst sicher hübsch gerundeten Linien, die immer eckiger wurden. Die Wangen unter den Backenknochen wirkten schon richtig eingefallen.
«Sie haben kein Recht hierherzukommen und mir solche Dinge zu sagen», ihre Wut flackerte noch einmal auf. «Und ich vermute, daß Sie jetzt gleich zum Jugendamt gehen und denen alles brühwarm erzählen. Ich werde nicht nach Rackmoor zurückgehen, soviel kann ich Ihnen sagen. Wenn ich ihn nehmen muß, dann muß er schon hierherkommen und …» Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als ob sie Kopfschmerzen hätte. Diese Idee wurde offensichtlich durch den Gedanken an Cory in Frage gestellt.
«Ich werde nichts weitermelden», sagte Jury. «Ich will nicht, daß man Sie findet.»
Sie blinzelte und starrte ihn in der sich ausbreitenden Stille an. Sie wirkte jedoch nicht erleichtert. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Es war, als hätte sich ihr Leben lediglich in ein neues, schwieriges Puzzle verwandelt, das aus noch kleineren Gras- und Himmelsteilchen bestand, deren Farben verblaßt waren und die sich deshalb noch schwerer zusammensetzen ließen.
Jury dachte daran, wie Bertie sich bei ihr fühlen würde. Ihr Ärger darüber, ihn wie ein sperriges Gepäckstück an ihrer schmerzenden Hand mit sich schleppen zu müssen, würde ihn erdrücken. Jeder und nahezu alles wäre besser als sie: selbst Einsamkeit, Entbehrung, Mangel, Verlust. Verläßlicher, fühlbarer, etwas, wonach er die Hand ausstrecken konnte, um es anzufassen. Wohingegen Roberta Makepiece keine Person zu sein schien, die man anfassen konnte. In ihren sauberen dunklen Kleidern stand sie vor dem weißen Hintergrund wie ein zorniger Hieb, den ein Künstler seiner Komposition versetzt hat, weil er sie nicht mehr sehen kann.
«Was Sie tun werden, ist folgendes», sagte Jury. «Sie werden drei Briefe schreiben. Einen an Bertie – ihm werden Sie die Wahrheit schreiben; das, was Sie mir erzählt haben. Achten Sie darauf, daß Sie nicht lügen, nichts beschönigen oder ihm irgendwelche Hoffnungen machen. Außer der einen Hoffnung: daß er nie, unter keinen Umständen, in ein Heim kommen wird. Daß Sie ihm vorübergehend bei den Lügen helfen werden, die er gezwungenermaßen erzählen muß. Das ist auch der Zweck des zweiten Briefes: Sie werden Miss Cavendish genau das schreiben, was Bertie den Leuten erzählt. Sie seien in Nordirland, in Belfast, und pflegten Ihre Großmutter. Formulieren Sie es so, daß es zu Herzen geht, und sagen Sie, daß sich die Krankheit noch lange hinziehen wird – so lange, daß Sie nicht wüßten, ob Sie in absehbarer Zeit zurückkommen können. Das bedeutet, daß Sie in Rackmoor jemanden brauchen, der sich um Bertie kümmert. Und darum geht es im dritten Brief, den an Kitty Meechem. Ich würde sagen, daß Kitty dazu recht geeignet ist –»
«Kitty! Sie meinen die, die den ‹Fuchs› betreibt? Hören Sie, ich will nicht, daß mein Junge in einem Pub lebt –»
Jury konnte sich über dieses «mein Junge», über diese merkwürdig verdrehte Moral nicht mal ärgern, da er schon halb erwartet hatte, daß Roberta Makepiece protestieren würde, weil sie den drohenden Verlust jetzt als real empfand.
«Das ist ein durchaus respektabler Laden, und Kitty ist eine großartige Person. Sie mag Bertie sehr. Und Arnold auch. Natürlich gibt es da immer noch Froschauge und Stockfisch, wenn Sie lieber wollen, daß –»
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, das sie aber schnell unterdrückte. «Nein, die wohl kaum. Aber sehen Sie …»
Jury überging ihre Einwände: «Dann nehmen Sie die Briefe und stecken sie in einen Umschlag und schicken sie zu dieser alten Oma, damit sie in Irland gestempelt werden. Das wird uns mindestens so lange weiterhelfen, bis die Sache geklärt ist …»
«Auf legalem Wege», wollte er nicht hinzufügen, das hätte für sie zu unabänderlich geklungen. Es war merkwürdig. Obwohl sie so kalt war und dieses schneeweiße Zimmer sie noch kälter machte – kalt, berechnend und egoistisch –, spürte er trotz allem die Furcht in ihr, etwas ganz zu verlieren, was sie in Wirklichkeit schon längst weggeworfen hatte.
«Und wenn ich es nicht tue?» Ihre Stimme verriet, daß die Herausforderung nur vorgetäuscht war.
«Dann werde ich zurückkommen. Auf Wiedersehen, Mrs. Cory.»
Als er die Tür öffnete, zog sie ihn am Ärmel. «Warten Sie noch –» Sie schien nicht zu wollen, daß er ging, aber auch nicht zu wissen, warum er bleiben sollte. Sie versuchte Zeit zu gewinnen und sagte: «Robert. Er heißt eigentlich Robert.»
«Was?» Jury wußte nicht, was er davon halten sollte.
Sie lächelte vage; in Gedanken schien sie ein altes Album durchzublättern. «Er wird Bertie gerufen. Aber er heißt Robert. Hab ihn nach mir genannt. Ja, so war’s.»
Es traf Jury wie ein winziger Pfeil, daß sie doch einmal das Bedürfnis gehabt haben mußte, ihr Kind als einen Teil ihrer selbst auszugeben – Robert und Roberta.
Sein Ärger über sie war lange zuvor verflogen. «Ich werde es mir merken.» Er lächelte. Ein Lächeln, das diesmal auch bei Roberta Makepiece ein Lächeln hervorrief. «Auf Wiedersehen.»
Die Tür schloß sich hinter ihm.
Er ging die Straße zur Underground Station zurück. Die Gegend war wie ausgestorben, mit Ausnahme einer räudigen Katze mit rötlichem Fell, die sich auf einer Veranda putzte. Das Fell sah hoffnungslos struppig aus, dennoch ließ die Katze nicht davon ab. Ein Wind kam plötzlich auf und blies eine Zeitungsseite an Jurys Bein. Sie wurde weitergetrieben, gegen einen Baum geweht und blieb dann schließlich an einem Eisengeländer hängen, wie ein alter Rentner, der seine Haustür sucht und nicht findet.
Er ging die Straße entlang – die Zeitung wurde immer weiter durch die Gegend geweht – und fragte sich, warum er hierhergekommen war. Er hatte das Gefühl, nur wenig erreicht zu haben. Dennoch schien etwas in ihm sein Tun zu billigen. Er erinnerte sich an eine Lehrerin, die er als kleiner Junge gehabt hatte. Diese Lehrerin hatte er mit der Leidenschaft eines Kindes geliebt. Sie hatte ihm die Hand auf den Kopf gelegt, auf ihn heruntergelächelt und ihn gelobt, weil er eine kreideverschmierte Tafel besonders sauber gewischt hatte.