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Jane Yang war ein feines, zierlich gebautes Mädchen. Sie trug ein türkisfarbenes Kleid mit Stehkragen. Ihre schwarzen Haare lagen wie ein Helm um ihren Kopf. Als Melrose das ‹Sun Palace› betrat, stand sie an der Kasse hinter dem Tresen. Es war noch nicht Mittag, aber das kleine, enge Restaurant war bereits voll. Mürrisch dreinblickende Kellner mit Tabletts voller Speisen unter silbernen Warmhalteglocken hasteten zwischen den Tischen hindurch und gingen durch die Schwingtüren, die zur Küche führten, ein und aus. Von der Atmosphäre konnte die Beliebtheit des Lokals nicht herrühren, also mußte es am Essen liegen. Geheimnisvolle Gewürzmischungen erfüllten die Luft.
Melrose stellte sich in die Schlange hinter das halbe Dutzend Leute, die ihre Rechnungen bezahlen wollten. Als er an die Reihe kam, hielt er dem Mädchen eine Zwanzigpfundnote und das Foto hin. «Sie sind Jane Yang? Die dicke Bertha sagte mir, Sie würden die Frau auf dem Bild vielleicht kennen.»
Miss Yang sah verwirrt aus: Wäre es nicht ratsam, dieses Geschäft und die zahlenden Gäste auseinanderzuhalten? Aber sie behielt den Geldschein in der Hand.
Ein stämmiger Mann hinter Melrose seufzte: «Mach schon, Kumpel. Wir sind hier nicht bei der Blumenschau von Kew Gardens.» Mit dem Zahnstocher führte er zwischen seinen Zähnen geradezu akrobatische Bewegungen aus.
«Könnten Sie dort drüben warten?» sagte Miss Yang entschuldigend. «Ich bin gerade sehr beschäftigt.»
Melrose ignorierte einfach das hörbare Aufatmen der Leute in der Schlange hinter sich und legte ihr eine zweite Zwanzigpfundnote hin. «Und ich sehr reich.»
Baß erstaunt blickte sie auf das Geld, das plötzlich vor ihr lag, und auf Melroses Chesterfield. Zugleich nahm sie die Rechnung des Mannes mit dem tanzenden Zahnstocher entgegen.
Mit der Schulter gab sie Melrose ein Zeichen, er möge hinter den Tresen gehen, und winkte eine kleine Frau herbei, deren Gesicht so verschrumpelt war wie ein chinesisches Tee-Ei. Die Alte kam schlurfend herbei und ließ mit ausdruckslosem Gesicht den chinesischen Redeschwall des Mädchens über sich ergehen – wahrscheinlich waren es Anweisungen, was sie als Kassiererin zu tun hatte.
Das Mädchen führte Melrose in eine Ecke neben der Küche, nahm den zweiten Zwanziger entgegen, faltete sorgfältig beide Scheine zu einem sauberen Quadrat zusammen und ließ sie zwischen einem Paar schwarzer Frösche, die als Verschluß ihres türkisfarbenen Kleides dienten, verschwinden. Er fragte sich, warum Frauen gerade diese Stelle als so sicher betrachteten.
Sie hielt das Foto in der Hand. «Ich kenne sie, ja. Sie Bedienung hier, oh, ich denken, es war drei Wochen.» Und sie hielt drei Finger hoch, als wolle sie Melrose eine neue Sprache lehren.
«Wie hieß sie?»
«Gemma, Gemma Temple.»
«Und dann, was geschah mit ihr? Ich meine, nachdem sie wegging?»
«Sie treffen einen Mann. Ich glaube, sie zu ihm ziehen.»
«Hat sie ihn hier getroffen, als sie hier arbeitete?»
Jane Yang schüttelte den Kopf, und der seidene Haarhelm tanzte auf ihren Schultern. «Irgendwo – ich vergessen – in London. Vielleicht Bahnhof? Sie geht einmal Freunde besuchen. Hören Sie –» sie breitete ihre Arme aus. «Wir nicht sehr befreundet, wissen Sie. Sie mir nicht viel über Privatleben sagen.»
Melrose nickte. «Sie wissen also nicht, wer dieser Mann war? Aber da Sie wissen, daß sie mit ihm wegging, muß sie Ihnen doch etwas gesagt haben.»
Erneut bewegte sich ihr schwarzes Haar. «Nein, ich sah ihn nur.»
«Sie sahen ihn?»
«Ja. Er kommen ins Restaurant. Sehr vornehm war er.» Sie musterte Melrose von oben bis unten. «Wie Sie.» Sie lächelte.
«Der Prinz.» Als Melrose fragend die Augenbrauen hochzog, sagte sie: «So hat sie ihn genannt: Der Prinz. Es war Spaß. Aber er sah aus …» Sie schien nach Wörtern zu suchen, und dabei fielen ihre Augen auf ein Bild über der Kasse, das zu dem Drachendekor des Restaurants überhaupt nicht paßte. Es war eine Reproduktion des Gemäldes von Millais, das dieser für den Seifenfabrikanten Pears gemalt hatte. «Wie er. Ich meine, der Prinz so ausgesehen haben muß, als er klein war.»
Die Beschreibung paßte genau auf Julian Crael. Ein wunderschönes Kind in grünem Samtanzug mit langen, goldenen Locken: Genauso mochte Julian einmal ausgesehen haben.
«Kam er hierher, um sie zu treffen?»
Sie nickte. «Er kommen hier mit ihr. Sie aufhören zu arbeiten hier, wissen Sie. Ich glaube, sie ihn den anderen Mädchen zeigen wollen. Der Prinz aber verlegen. Der Gentleman ein anderes Leben gewöhnt.»
Melrose mußte über ihre knappe, sehr anschauliche Ausdrucksweise lächeln.
«Hat sie Ihnen erzählt, wohin sie gehen würde?»
Sie überlegte, und ihre makellose Haut kräuselte sich. «Da war was. Sie mir sagen, er wohnen in elegantem Hotel …» Sie schüttelte den Kopf. «Ich kann Namen nicht erinnern.»
In diesem Augenblick stürmte ein kleiner Mann aus der Küche, der der Zwillingsbruder der kleinen alten Frau hätte sein können. Als er sah, daß Jane sich mit einem Gast unterhielt, ließ er eine Tirade auf chinesisch los, wobei er heftig gestikulierend auf die Kasse zeigte. Im Laufe ihrer Unterhaltung war die Schlange an der Kasse mal kleiner, mal größer geworden, hatte sich aber niemals völlig aufgelöst. Zu ihrer Rechten waren die Küchenschwingtüren in ständiger Bewegung. Der Lärm, der aus der Küche kam, übertönte sogar den Lärm, den die Gäste machten. Wahrscheinlich waren sie in der Küche dabei, Hühner zu schlachten, dachte Melrose.
«Entschuldigung», sagte sie zu Melrose. «Papa sehr böse, ich verlassen die Kasse. Ich muß gehen.»
Melrose zog eine Visitenkarte hervor und schrieb ihr mit seinem goldenen Füllfederhalter sowohl die Nummer seines Hotels als auch die vom Old House auf. «Hören Sie, sollte Ihnen noch etwas zu dieser Gemma Temple einfallen, ihrem Leben, ihrer Familie –» Jane Yang schüttelte den Kopf. «Sie hat keine. Ich glaube, sie im Heim groß geworden. Das war alles, was sie mir sagen.»
«Und Sie können sich auch nicht an das Hotel, in dem er wohnte, erinnern?»
Sie waren wieder an der Kasse, und das Mädchen löste ihre Mutter ab. «Wenn ich mich erinnere, ich anrufen.» Sie zog ihre türkisfarbenen Schultern hoch, und auf ihrem Gesicht erschien ein Lächeln, das ihr Gesicht, die Maske aus Porzellan, aufblühen ließ wie eine Lotusblüte auf einem blauen See. Sie war wirklich sehr hübsch, aber so zerbrechlich, daß ein Mann Angst haben mußte, sie anzufassen. «Entschuldigung», sagte sie erneut und zuckte mit den Schultern.
Melrose drehte sich um und ging. Er hatte bereits die Hand an der Tür, als er durch den Lärm der Gäste hinter sich ihre Stimme vernahm: «Mister!» Sie winkte ihn mit einem breiten Lächeln zurück. Als er am Tresen ankam, sagte sie: «Ich hab’s. Das Hotel. Sawry. Das ‹Sawry Hotel›.»
Sie sprach es fast wie «sorry» aus, das «r» kaum hörbar. Melrose grinste. Nur die grimmigen Blicke der Gäste hielten ihn davon ab, ein weiteres Mal seine Brieftasche zu zücken. Er dachte, sie könnten sich vielleicht alle auf einmal auf ihn stürzen, also verließ er das Restaurant.
Als er draußen war, fing er an, den «Limehouse Blues» zu pfeifen.