16
Über der Tür des Cafés «Zur Brücke» bimmelte ein kleines Glöckchen, als Jury eintrat. Der Raum war ziemlich klein, hatte eine tiefe Holzbalkendecke und weißgetünchte Wände; um die Tische standen kleine Stühle mit leiterförmigen Rückenlehnen. Auf einer breiten Anrichte stand ordentlich gestapelt blaues und weißes Porzellan. Ein hübscher, sehr sauberer Raum, in dem niemand zu sehen war. Aber mitten im Winter waren wohl auch keine Gäste zu erwarten.
Lily Siddons erschien; sie hatte ein Kopftuch umgebunden, das ihr helles Haar verdeckte, und trug eine Schürze. Jury nahm an, daß sie aus der Küche kam. «Oh, guten Morgen.»
Er tippte an seinen Hut und war überrascht, als er den weichen Stoff fühlte. Er hatte vergessen, daß er seinen Tweedhut aufgesetzt hatte. «Miss Siddons, dürfte ich Ihnen noch ein paar Fragen stellen?»
Sie wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. «Natürlich, ich habe nichts dagegen, wenn Sie nichts dagegen haben, mit in die Küche zu kommen; ich könnte dann dabei weiterarbeiten.»
In der Küche sah er, daß sie gerade Gemüse klein geschnitten hatte. Jury zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Sie arbeitete an einem Holztisch, einer riesigen Fleischerbank in der Mitte des Raums. «Ich möchte mit Ihnen über Ihre Mutter sprechen.»
Einen Augenblick lang schwieg sie. Dann sagte sie: «Ich kann mir nicht vorstellen, warum.» Sie nahm eine Kaffeetasse vom Tisch und schüttete den kalt gewordenen Inhalt in den Ausguß.
Während er darauf wartete, daß sie sich ihm wieder zuwandte, fuhr er mit dem Finger durch ein Mehlhäufchen, das auf dem Tisch liegengeblieben war, wahrscheinlich noch vom Brotbacken. Den Teig hatte sie zum Aufgehen in große Schüsseln gefüllt und mit Tüchern bedeckt. An der Wand neben dem stattlichen Herd hingen die Kupfertöpfe und -pfannen. Von den hohen, schmalen Fenstern blickte man auf das Flüßchen, das unter einer Brücke hindurchfloß. Über die Simse strömte die Morgensonne, malte Rhomben auf den Fußboden und ließ die Böden der Kupfertöpfe funkeln.
«Sie machen alles selbst?»
Lily ging an den Tisch zurück, nickte und nahm das Messer in die Hand. «Im Winter schon, im Sommer hilft mir jemand. Es ist dann ziemlich voll hier.» Noch nie in seinem Leben hatte Jury jemanden so schnell Gemüse schneiden sehen. Die Finger ihrer rechten Hand lagen auf dem Rücken des großen Messers, und mit der linken hob und senkte sie den Griff. Ihre Bewegungen waren schnell und rhythmisch, und die Karotte zerfiel in immer kleinere Teile, während das Messer auf und nieder wippte. «Sie gehen sehr geschickt mit diesem Messer um.» Jury suchte in seiner Hemdtasche nach einer Zigarette und klopfte die Hosentaschen nach Streichhölzern ab.
«Der Trick dabei ist, daß die Klinge immer auf dem Holz bleibt.» Ohne ihn anzublicken, fügte sie hinzu: «Oder wollen Sie damit andeuten, daß ich auch einen Menschen wie eine Karotte zerhacken könnte?»
«Wurde sie denn mit einem Messer umgebracht? Das ist mir ganz neu.»
Lily hielt inne und stemmte verärgert die Hand in die Hüfte. «Kann ich bitte mein Foto zurückhaben? Das Foto, das Sie gestern abend mitgehen ließen?»
Jury griff in seine Tasche. «Entschuldigen Sie, Lily, das war ein Versehen.»
Sie wandte sich wieder dem Gemüse zu. «Ich bezweifle, daß Sie jemals etwas aus Versehen tun.»
Er steckte das Foto wieder in seinen Rahmen und stellte es auf den Tisch. «Ihr Vater scheint nicht besonders zuverlässig gewesen zu sein – einfach so abzuhauen und Sie beide Ihrem Schicksal zu überlassen.» Lily gab keine Antwort. «Seltsam, daß sie ihn so schnell geheiratet hat; sie kann ihn doch kaum gekannt haben. Wie lange waren sie denn verheiratet?»
Das Messer stand still. «Sie versuchen, ihr da was unterzuschieben, wahrscheinlich, daß er ihr ein Kind gemacht hat und daß sie ihn heiraten mußte.»
«War’s so?»
«Nein.» Sie verlieh dieser einen Silbe noch mehr Nachdruck, indem sie mit einer ausholenden Armbewegung das Gemüse in eine Stahlschüssel schob.
«Hat Ihre Mutter aufgehört zu arbeiten, als Sie geboren wurden?»
Lily wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. «Mr. Jury, Sie wissen das doch alles, warum fragen Sie?»
Um zu sehen, ob es noch eine andere Version gibt, dachte Jury. Er beobachtete ihr Mienenspiel und sagte: «Weil es irgendeinen Grund geben muß für den Selbstmord Ihrer Mutter und diese Anschläge auf Ihr Leben, Lily.» Niedergeschlagen starrte sie auf die Schüssel in ihren Händen, sagte aber nichts. «Könnte es denn wegen Ihrer Mutter sein?»
Bestürzt blickte sie auf. «Wie meinen Sie das?»
«Vielleicht ist damals, als sie noch lebte, etwas passiert. Vielleicht hat sie etwas hinterlassen – ich tappe auch im dunkeln.»
Lily wandte sich ab, schüttelte heftig den Kopf und ließ die Schüssel und das Messer in das Spülbecken fallen.
Jury drang weiter in sie: «Sie können ja völlig ahnungslos sein. Es reicht schon, wenn jemand glaubt, Sie wüßten etwas. Vielleicht sind Sie für jemanden gefährlich?»
«Gefährlich? Das ist doch lächerlich.»
«Wie steht’s mit den Craels?»
Sie wirbelte herum, und ihr Gesicht war so weiß wie das Mehl auf dem Tisch. «Ich und gefährlich. Ich.» Sie preßte die Handflächen gegen die altmodische Ginghamschürze, als wolle sie ihre Identität beweisen. «Ich war doch nur die Kleine der Köchin. Alle nannten mich so – die Kleine der Köchin. Nicht Lily, sondern die Kleine der Köchin.» Zwei rote Flecken erschienen auf ihren Wangen, als hätte sie reingekniffen, um etwas Farbe zu kriegen. «Ich dachte sogar, ich hieße so. Meine Mutter erzählte mir, auf der Straße hätte mich mal jemand nach meinem Namen gefragt, und ich hätte geantwortet: ‹Die Kleine der Köchin.› Sie fand es komisch!»
«Aber Sie offensichtlich nicht.»
Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und den Kopf gesenkt.
Er sah, wie ihre Hand zu ihrem Gesicht hochfuhr und wieder herunterfiel, und nahm an, daß sie weinte. Sie drehte den Wasserhahn auf, bespritzte sich das Gesicht und zog ein Küchenhandtuch herunter. Dann drehte sie sich wieder um und fuhr fort: «Der Colonel war der einzige, der mich anständig behandelte. Für ihn war ich wenigstens Lily. Und er war auch der einzige, der meine Mutter in Schutz nahm, als –» Sie stockte und wandte den Blick ab. «Dillys haßte mich, aber er hat das nie erfahren. Wir waren nur so häufig zusammen, weil der Colonel uns beide ins Herz geschlossen hatte. Ich glaube, er hätte gerne eine Tochter gehabt. Er ist auch nicht so elitär wie die andern – wie Lady Margaret, Julian, Rolfe. Rolfe, das war auch ein ziemlicher Snob, wenn auch etwas lebenslustiger. Manchmal nahm mich der Colonel mit auf Schmetterlingsjagd. Das fand ich ganz toll.» Sie blickte durch das Fenster auf die Äste, die in der schwachen, winterlichen Sonne ganz golden aussahen.
Was sie wohl sah? Sommer – dieses riesige Haus mit seinen weiten, samtigen Rasenflächen, dahinter den dunkelblauen Teppich des Meeres und davor das mit Heidekraut bewachsene Moor? Als er ihr lichtumflossenes Profil betrachtete, hatte er das Gefühl, er könne in ihren Kopf schlüpfen, sie über das Gras rennen und das Netz schwingen sehen. «Sie sagten, der Colonel sei der einzige gewesen, der Ihre Mutter verteidigt hat. Vor wem hat er sie denn in Schutz genommen?»
Lily saß ihm direkt gegenüber. Sie machte einen erschöpften Eindruck. «Vor Lady Margaret. Sie vermißte irgendwelchen Schmuck, ein paar Smaragde oder Diamanten, ich weiß nicht mehr. Und sie behauptete, meine Mutter hätte sie gestohlen. All diese Jahre hatte meine Mutter bei ihnen gearbeitet … Sie fing als Küchenhilfe an. Und plötzlich soll sie auf den Gedanken gekommen sein, etwas zu stehlen?»Sie blickte weg und wandte ihm wieder ihr Profil zu. Sie hatte sich auf einen der hohen Hocker gesetzt, die Beine übergeschlagen und die Ellbogen mit den Händen umfaßt. Man hätte denken können, sie hätte ihren Körper verlassen und sich in eine Marmorplastik verwandelt.
«Wegen so was bringt man sich doch nicht um?»
Langsam drehte sie den Kopf, und Jury bemerkte, daß ihre Bernsteinaugen sich verdunkelt hatten und wie gestern im Schein des Feuers beinahe kornblumenblau wirkten. Ihre Stimme klang ganz ruhig, obwohl sie offensichtlich sehr erregt war. «Sie wissen wohl ganz genau, wegen was man sich umbringt?»
«Nein. Aber man muß schon sehr, sehr verzweifelt sein. Auf falsche Anschuldigungen – und Sie scheinen sich ja ganz sicher zu sein, daß sie unschuldig war – reagiert man gewöhnlich empört und denkt nicht gleich an Selbstmord. Halten Sie es denn für möglich, daß sie sich deshalb das Leben genommen hat?»
Ausweichend antwortete sie: «Ich war erst elf Jahre alt, als sie starb.»
«Ich weiß. Aber halten Sie es für möglich?»
«Ich weiß nicht.» Ihr Gesicht, ihre Stimme waren völlig ausdruckslos.
«Was ist dann mit Ihnen geschehen? Nach ihrem Tod?»
«Ich ging zu meiner Tante Hilda nach Pitlochary. Ich fand es schrecklich. Sie wollte mich auch gar nicht haben, aber sie betrachtete sich als eine gute Christin, und es war sozusagen ihre Pflicht, mich aufzunehmen.»
«Mich wundert es eigentlich, daß die Craels Sie nicht bei sich aufgenommen haben. Wo der Colonel Sie doch so gern hatte.»
«Du lieber Himmel, Inspektor. Ich war doch nur das Kind einer Angestellten. So weit ging die Liebe nun auch wieder nicht. Selbst wenn er gewollt hätte, die andern wären bestimmt dagegen gewesen. Julian, Olive Manning, Dillys. Sie hatte ihn um den Finger gewickelt, und sie war nicht einmal sein Fleisch und Blut. Aber er hat sich darum gekümmert, daß genug Geld für mich da war, daß ich anständig angezogen war und daß ich auf eine Schule ging. Er hat meiner Tante bestimmt einiges zugeschoben, sonst hätte sie mich als Kellnerin oder etwas Ähnliches arbeiten lassen, als ich alt genug war.»
«Als diese Cousine, Gemma Temple, plötzlich im Old House auftauchte, hatten Sie da nicht auch das Gefühl, sie könnte den Colonel ganz einfach um ihren kleinen Finger wickeln?»
«Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen.»
«Wirklich nicht?»
Jury war überzeugt, daß sie log.