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Die Tür, die mit einer Kette gesichert war, öffnete sich einen Spalt. Die Augen, die ihn durch den Türspalt fragend anschauten, waren von einem sanften verletzlichen Braun. Jury nahm an, sie gehörten Josie Thwaite.
«Miss Thwaite? Ich bin Inspektor Jury von …»
Die Art, wie sie tief Luft holte, ließ ihn innehalten. «Sie kommen wohl wegen dem ‹Anfänger›-Schild.»
«Nein. Ich möchte Ihnen nur ein paar Fragen stellen. Wegen Ihrer Freundin Gemma Temple.»
«Oh, Verzeihung!» Die Tür ging kurz zu, als sie die Kette löste. Dann machte sie sie weit auf, wobei sie ihre langen, schwarzen Haare von der Schulter nach hinten schob. Der weiße Pullover, den sie trug, betonte ihre mageren Schultern. Als sie zurücktrat und ihn mit einer Handbewegung zum Eintreten aufforderte, sah er, daß sie überhaupt mager war. Sie hielt sich auch ein wenig krumm. Ihre Haltung, ihr Blick, ihre Stimme – alles an ihr wirkte wie eine Entschuldigung. Ein trauriges Wesen.
Offenbar jedoch nicht wegen ihrer Mitbewohnerin, denn sie kam ohne Umschweife zur Sache. «Sehen Sie, Gemma hat meinen Wagen geborgt, weil sie ihr Anfänger-Schild erst vor kurzem bekommen hatte. Sie wollte unbedingt diesen Ausflug machen, sagte aber nicht wohin und hatte Angst, mit ihrem Schild in eine Kontrolle zu geraten.» Sie bemerkte, daß Jury noch stand, sagte: «Oh, entschuldigen Sie!» und bedeutete ihm, auf einem quadratischen Etwas von einem Sessel Platz zu nehmen. Der Überzug jagte ihm kalte Schauer über den Rücken. «Und so kam es, daß man meinen Wagen dort fand.»
«In Rackmoor. In Yorkshire.»
«Ja, richtig. Vor zwei Tagen war auch ein Polizist aus Yorkshire hier. Sie sind also nicht der erste.»
Jury mußte lächeln. Es klang, als habe sie den Verlust ihrer Unschuld eingestanden. Er zog das Bild, das ihm Harkins gegeben hatte, aus der Tasche. «Ist das Gemma Temple?»
«Ja, das könnte sie sein. Obwohl da zuviel Sonne im Gesicht ist. Doch, das ist Gemma.»
Jury nahm den Schnappschuß wieder an sich. «Sie sagten, Sie wüßten kaum was über ihre Vergangenheit, nur daß sie mal eine Familie namens Rainey erwähnt hat.»
«Das stimmt. Ich glaube, sie hat sie ein paarmal besucht, als sie bei mir wohnte.»
«Wie haben Sie Gemma kennengelernt?»
«Durch eine Annonce. Ich brauchte jemanden, mit dem ich die Miete teilen konnte.» Sie blickte unsicher um sich. «Obwohl die Wohnung nicht so groß ist, nur dieses Zimmer hier und ein Schlafzimmer, aber immerhin besser als nur ein Wohnschlafzimmer, das müssen Sie zugeben.»
«Sie ist viel besser als meine. Zigarette?» Er reichte ihr seine Schachtel.
Sie war offenbar keine starke Raucherin, denn sie schaute das Päckchen an, als wäre es eine exotische Vogelart. Schließlich nahm sie sich vorsichtig eine Zigarette, beugte sich ebenso vorsichtig vor und schob mit der einen Hand ihre Haare zurück, um sie vor dem Feuer, das Jury ihr anbot, zu schützen. Dann lehnte sie sich zurück und blies zaghaft kleine Rauchwölkchen in die Luft, wobei sie die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger hielt. Sie sah inzwischen ganz entspannt aus, als hätte sie eine Opiumpfeife geraucht; kreuzte ihre Beine und wippte mit dem Fuß, der in einem pelzgefütterten Pantoffel steckte. Das Bild von einem kleinen Mädchen, das mit Mamas Make-up und Zigaretten spielt, war perfekt.
«Also, sie kam auf Ihre Annon…»
«Ja.»
«Sagen Sie, haben Sie Gemma gemocht? Sind Sie gut miteinander ausgekommen?»
Sie sah ihn an und wandte den Blick wieder ab. «Nun, wir hatten keine Streitigkeiten in dem Sinne, wenn Sie das meinen, aber ich mochte sie nicht besonders. Und sie war, wenn es um sie selber ging, nicht sehr gesprächig. Ich hätte Referenzen von ihr verlangen müssen, nicht wahr?» Aus großen Augen blickte sie Jury entschuldigend an, als könnte er sie wegen ihrer Dummheit bestrafen.
«Nachträglich ist man immer schlauer, Josie. Auf diese Weise habe ich schon Hunderte von Fällen gelöst. Glauben Sie, Gemma Temple hatte überhaupt Referenzen vorzuweisen, oder war sie eine von denen, die so in den Tag hinein leben?»
Sie beugte sich etwas vor und senkte die Stimme, als hätte sie Angst, ihre Mama könnte jede Minute um die Ecke kommen und entdecken, daß sie hinter der Scheune rauchte und über Dinge redete, über die man nicht spricht. «Ich würde sagen, in den Tag hinein leben ist viel zu nett ausgedrückt. Sie brachte Männer herauf. Und soweit ich weiß, nicht zweimal denselben. Ich lag da drin im Bett und hörte alles …» Josie lehnte sich zurück. Sie schien darüber nicht empört, sondern einfach nur fassungslos zu sein. «Tatsache ist, daß Gemma mir sagte, sie sei Schauspielerin. Ich glaube aber, daß sie höchstens mal eine winzige Rolle in einem dieser Theater gehabt hat, die eigentlich nur eine Lagerhalle sind, wo die Stühle vor jeder Vorstellung erst aufgestellt werden. Also keineswegs was Großartiges. Gemma hat auch nie wirklich gearbeitet. Aber von Zeit zu Zeit bekam sie Geld …»
«Sie wollen sagen, sie ging anschaffen? Richtig?»
Josie nickte und konzentrierte sich erneut auf die Glut ihrer Zigarette, als versuche sie, Routine zu bekommen.
«Sagte sie nie etwas über ihre Vergangenheit?»
Sie schüttelte den Kopf.
«Warum haben Sie ihr dann Ihren Wagen gegeben, wenn Sie ihr nicht trauten?»
Sie ging sofort in die Defensive. «Nun, ihr Wagen war ja so viel besser, nicht wahr? Und sie schrieb mir auch so eine Art Quittung aus. Darin steht, daß ich, wenn mit meinem irgend etwas passiert, ihren haben kann. Es ist der gelbe, der vor der Tür steht, aber ich vermute, den werden sie mir jetzt wegnehmen.» Ihr Ton verriet, daß das Verschwinden Gemmas sie weniger bekümmerte als die Aussicht, den Wagen zu verlieren.
«Woher hatte sie eigentlich das Geld für den Wagen?»
Josie lächelte schief. «Wenn Sie’s mir verraten, werden wir’s beide wissen. Wahrscheinlich von einem dieser Kerle.»
«Haben Sie je einen von ihnen getroffen?»
«Nur auf der Treppe, wenn ich zur Arbeit ging. Einmal auch hier. Am hellichten Tag, stellen Sie sich vor!» Ja, am hellichten Tag war es immer sündhafter. «Und immer einen anderen. Ich war schon soweit, sie zu bitten, sich eine andere Bleibe zu suchen.»
«Sie haben keinen Namen gehört? Von jemandem, den ich nach ihr fragen könnte?»
Bekümmert meinte sie: «Nein, tut mir leid. Ich hab nie einen Namen mitgekriegt.»
«Das ist doch nicht Ihre Schuld.» Jury stand auf. «Wo arbeiten Sie?»
«In der Wäscherei an der Ecke.» Sie stand mit dem Gesicht zur Tür und blickte zu Jury auf, als bedaure sie, daß er schon wegging. Sie schlang die Arme um sich, als friere sie, und sagte: «Also dann, auf Wiedersehn. Glauben Sie, die können mir wegen des Wagens was anhängen? Ich meine, weil ich ihr erlaubt habe, damit zu fahren?»
Er gab ihr seine Karte. «Niemand wird Ihnen was tun, Josie. Wenn jemand hier auftaucht, rufen Sie mich einfach an. Aber ich bezweifle, daß jemand kommen wird. Sie haben schließlich kein Verbrechen begangen.»
Sie war sichtlich erleichtert. Sie lächelte, und ihre kleinen, weißen Zähne glänzten beinahe in der Dunkelheit. Er bemerkte das mit großer Genugtuung – zumindest hatte sie diesen einen netten Zug, der ihr über die Runden helfen würde. «Also, gute Nacht, Josie.»
Fehlanzeige, dachte er, als er wieder allein vor dem Wohnblock stand. Er schaute nach rechts und links die Straße entlang und entdeckte an der Ecke den Pub «Three Tuns». Er war unentschieden, ob er sich ein Bier genehmigen oder in Richtung Haltestelle Chalk Farm weitergehen sollte, um auf Mrs. Wasserman zu warten, der er versprochen hatte, sie dort abzuholen. Es war erst Viertel nach zehn, also noch viel zu früh. Nach einem Glas würde er sicher besser schlafen. Er warf seine Zigarette in den Rinnstein. Und in diesem Augenblick sah er im trüben Licht der Straßenlampe den kleinen schmutziggelben Wagen.
Ich bin vielleicht ein Arschloch, sagte er sich, während er das Anfänger-Schild anstarrte. Die ganze Zeit war von diesem Schild die Rede gewesen, und er war nicht darauf gekommen.