12
Percy Blythe saß immer noch an seinem Tisch, als Melrose durch das Fenster spähte. Und soweit Melrose das beurteilen konnte, war er auch noch immer damit beschäftigt, seine Muscheln zu sortieren.
«Gehn wir rein, Inspektor. Ich hoffe, er läßt Sie überhaupt zu Wort kommen.»
Jury lächelte nur.
Jury wartete erst gar nicht darauf, Percy vorgestellt zu werden. Er durchquerte einfach den Raum, der seit dem letzten Mal, als Melrose ihn gesehen hatte, noch voller und dunkler geworden war, streckte die Hand aus und sagte: «Hallo, Percy, ich bin Jury. Von Scotland Yard.»
Melrose grinste, als Jurys Hand ungeschüttelt in der Luft hängenblieb. Der Inspektor schien sich jedoch nicht aus der Fassung bringen zu lassen; er zog seine Hand einfach wieder zurück, schob einen Stapel Bücher von einem Hocker, zog ihn zum Tisch und setzte sich darauf, die Füße auf dem Querstab. Melrose wischte den Staub von einer Fensterbank, um darauf Platz zu nehmen. Er konnte nicht umhin, Jurys Unverschämtheit zu bewundern. Aber was zum Teufel hatte er denn da gerade aus der Tasche gezogen und zu Percy hinübergeschubst?
«Bedienen Sie sich, Percy.»
Neugierig pirschte Melrose sich an die Regale heran und tat so, als würde er den schwarzen, leblos aussehenden Klumpen in der Wasserschüssel inspizieren. Er behielt jedoch Percy im Auge, der die Sache, die Jury ihm zugeschoben hatte, in die Hand nahm und gegen seine Zähne oder sein Zahnfleisch preßte – was auch immer er im Mund hatte. Kautabak. Melrose warf Jury einen fragenden Blick zu. Seit wann kaute der Inspektor Tabak? Es gab jedoch keinen Zweifel: Sein Kiefer bewegte sich rhythmisch hin und her. Beide Kiefer! Und jetzt kickte Percy einen Spucknapf in Jurys Richtung. Der Klumpen drehte sich. Melrose starrte darauf und stieß die Schüssel weg.
«Ich hab gehört, Sie sind Dachdecker, Percy? Eine vergessene Kunst! Sie kommen aus Swaledale, stimmt’s?»
Melrose beobachtete, wie Percy Blythe seinen Tabak kaute; sein Gesicht glich einer Ziehharmonika, es wurde auseinandergezogen und zusammengedrückt, auseinandergezogen und zusammengedrückt.
«Swardill, stimmt. Vierzig Jahre hab ich Dächer gedeckt und Hecken geschnitten.»
«So was ist rar geworden.»
«Bah! Keiner macht sich mehr die Mühe; sie schneiden nicht richtig und putzen überhaupt nicht mehr aus. Keiner macht’s, wie sich’s gehört. Ruinieren die Rinde und lassen die Reiser eingehen. Und hauen die Pfropfen zu weit rein.» Betrübt schüttelte er den Kopf. «Ich bin Strohdachdecker, Heckenmacher, Besenbinder; in Swardill konnt’s keiner mit mir aufnehmen! Da drüben an der Wand hängt das Schälmesser.» Er bog den Daumen nach hinten über seine Schulter und zeigte auf ein paar Werkzeuge, die sehr ordentlich aufgereiht wie Bilder an der Wand hingen. «Ich hab die Weiden im Handumdrehen zugeschnitten. Und die Bandstöcke auch. An einem Tag schaffte ich beinahe ein ganzes Feld Besenginster.»
Über den Seeigel weg starrte Melrose auf Jury, der anscheinend ganz hingerissen lauschte und seinen Tabak kaute, das Kinn zwischen den Händen und die Ellbogen auf dem Tisch.
«Fünfzig Jahre halten die schwarzen Reetdächer, wie ich sie gemacht hab. Und Besenbinder bin ich auch gewesen. Gib mir mal die Besennadel.» Diese Aufforderung war an Melrose gerichtet, der sich wohl nützlich machen sollte, statt nur herumzustehen.
«Besennadel?»
«An der Wand.» Ungeduldig schnellte Percys Finger hervor und wies auf die Werkzeuge an der Wand. Melrose ging zu der Stelle, an der die merkwürdigsten Werkzeuge hingen. Sie waren sorgfältig beschriftet. Traufhaken, Dreher. Und was zum Teufel war ein Hufmesser? Er entdeckte die Besennadel und nahm sie vom Nagel. Es war ein langer, pfriemähnhcher Gegenstand mit einer Schlinge, eine Nähnadel für einen Riesen.
Percy Blythe machte sich nicht die Mühe, ihm zu danken, als er sie ihm hinüberreichte. «Ja, einer von den Besten, das können Sie mir glauben. Und mein Alter vor mir, der war der beste Schnitter, den’s hier gegeben hat. Einmal hat er drei Morgen an einem Tag gemäht. Er schnitt das Gras und bündelte das Heu so schnell, wie ein anderer drüberging. Und er mähte sich einen Weg frei mit einem Sixpencestück auf dem Sensenblatt. Von ihm hab ich auch gelernt, wie man das Korn in Haufen setzt. Den ganzen Tag lang hab ich das gemacht – einen Haufen nach dem andern –, damals, als ich noch ein ganz junger Kerl war. Man muß ganz nahe rangehen und, wie der Alte sagte, dem eigenen Schwung folgen. Sieht großartig aus, so ’n Feld voller Haufen. Nur der alte Bob Fishpool mit seinen Schaufelhänden kam an meinen Alten ran. Er legte sich erst schlafen, wenn das Korn geschnitten und aufgeschichtet war. Solche wie ihn gibt’s heutzutage gar nicht mehr.»
Melrose spürte, wie ihn sein zorniger Blick streifte, als wolle er damit zu verstehen geben, daß es seinesgleichen seien, die an die Stelle dieser sehr viel tüchtigeren alten Garde getreten waren.
«Was von dem Gagelbier, junger Mann?» fragte Percy Blythe Jury. «Oder vielleicht etwas Lachs?» Ohne Jurys Antwort abzuwarten, hievte er sich hoch und holte einen Krug von dem Regal herunter.
«Ihr von der Polizei dürft euch doch wohl nie einen genehmigen?» Er kicherte, als würde er das sehr komisch finden. Jury lachte und leerte sein Glas.
Melrose fragte sich, was wohl darin war; da er aber nicht aufgefordert worden war, sich zu ihnen zu setzen, bestand wenig Hoffnung, es jemals zu erfahren.
«Ausgezeichnet», sagte Jury und wischte sich den Mund mit dem Handrücken hab. «Hab ich noch nie getrunken.»
«Macht ja auch keiner mehr. Die Hefe und das Geröstete schwimmen oben.»
Melrose bedauerte nicht mehr, übergangen worden zu sein.
Percy Blythe bog den Daumen nach hinten und sagte: «Ihr seid wohl wegen dieser Frau gekommen, die hier abgemurkst wurde?»
«Richtig, Percy. Wenn Sie was wissen, was uns weiterhelfen könnte?»
«Vielleicht, vielleicht auch nicht.» Schweigen.
«Bertie Makepiece meinte, Sie hätten sie von früher her gekannt.»
«Vielleicht doch nicht. Hab sie im ‹Alten Fuchs› gesehen, dachte, wär ’n Geist. Vor fünfzehn Jahren ist sie abgehauen und hat sich seitdem nicht mehr blicken lassen.»
«Sie meinen Dillys March?»
«Ja. Ein Luder war das.»
«Ein Luder? Wieso?»
Percy Blythe schloß jedoch die Augen vor den Sünden der Jugend und wandte sich seinem Bier zu.
«Sie haben Mr. Plant gesagt, er solle jemanden namens Evelyn fragen.»
Percy Blythe drehte sich nach Melrose um, und sein Blick war wie ein Faustschlag auf die Nase. «Na ja, haben Sie doch», sagte Melrose über einen versteinerten Seestern hinweg. «Ist gerade zwei Stunden her. Sie sagten, ich soll mich wegen der kleinen March am besten an sie wenden.»
Percy Blythe spuckte in den Napf. «Nich an sie, du Depp! An ihn, Tom Evelyn.» Er wandte sich wieder Jury zu, als wäre er der einzig vernünftige Mensch in seiner Umgebung. «Der Aufseher der Jagdhunde. Kümmert sich um die Meute des Colonel. Wohnt auch bei den Zwingern, Richtung Pitlochary.»
«Er hat Dillys March gekannt?»
Aber Percy Blythe wollte sich nicht weiter über dieses Thema auslassen. Er konzentrierte sich auf sein Bier.
«Haben Sie Lily Siddons’ Mutter gekannt, Mary?»
«Sie hat doch im Old House gekocht. Klar hab ich die gekannt. Ist ertrunken. Schade.» Er schüttelte den Kopf.
«Und Lily, kennen Sie die auch?»
«Ja. Wenn sie vorbeikommt, schaun wir in die Kugel. Ich hab ihr das beigebracht. Die Touristen mögen sich gern wahrsagen lassen. Aber Lily –» Er schlug sich gegen die Stirn, «die sieht einiges, denk ich.»
«Und was?»
Er schüttelte jedoch nur vielsagend den Kopf.
Streng bewacht von der kämpferisch aussehenden Katze mit dem einen Auge, schaute Melrose sich Percy Blythes Werkzeugsammlung an. Das Gesicht der Katze erinnerte ihn an das Schälmesser.
«Percy», fragte Jury, «halten Sie es für möglich, daß Lily etwas über jemanden in Rackmoor weiß, was gefährlich für sie werden könnte?»
«Ah, weiß ich nicht, Mann. Vielleicht.» Eine längeres Schweigen senkte sich über sie, während Percy Blythe sich wieder seinen Muscheln widmete. Erleichtert bemerkte Melrose, daß Jury sich zum Gehen anschickte.
«Wir haben genug von Ihrer Zeit in Anspruch genommen. Wir machen uns jetzt mal wieder auf den Weg. Vielen Dank, Percy.»
«Komm wieder vorbei, Junge – auf ’n Bier.»
Melrose wurde nicht mit eingeladen, wie er sofort bemerkte.
Draußen blies Jury sich die Hände. «Ein bärbeißiger alter Knabe.»
Melrose betrachtete Jury aus dem Augenwinkel. «Schwarzer Kautabak, Strohdachdecker, Heckenmacher. Sie haben doch noch nie was von dem Mann gehört, bevor ich ihn erwähnte. Woher zum Teufel wußten Sie denn das alles?»
«Ganz einfach. Ich hab Kitty gefragt, bevor wir aus dem ‹Fuchs› gingen.» Jury schaute auf seine Uhr. «Ich werde mal nach Wiggins schauen. Es gibt da noch jemanden, den ich aufsuchen muß: Maud Brixenham.»
«Ich bin ihr schon begegnet. Erinnert mich an eine Antilope.»
«Wollen Sie mitkommen?»
«Nein, ich denke, ich werde auch mal meine Notizen sichten.»
Wiggins war nicht gerade begeistert, als er aus seinem warmen Zimmer im ‹Fuchs› gezerrt wurde, um mit Jury im Nebel herumzulaufen.
Als sie den Gasthof verließen, erzählte er Jury, daß einige Dienstboten sich noch vage an Dillys March erinnerten, daß aber alle hieb- und stichfeste Alibis für den Abend hatten, an dem der Mord geschehen war. «Das heißt, abgesehen von Olive Manning. Sie sagt, sie sei so gegen zehn – ungefähr zur selben Zeit wie Julian Crael – auf ihr Zimmer gegangen. Ihr Zimmer liegt aber in dem andern Flügel; sie kann es auch ganz einfach wieder verlassen haben. Das bringt uns nicht weiter. Auf Dillys March ist sie nicht gerade gut zu sprechen; Leo, ihr Sohn, hat wegen Dillys wohl einiges durchgemacht.»
«Ja, ich weiß. Ich muß mit ihr sprechen.» Sie waren auf der andern Seite der kleinen Bucht angelangt, und Jury fragte: «Wo ist die Lead Street?»
Wiggins zeigte auf eine halbmondförmige Häuserreihe; die Straße war so eng, daß zwei Personen gerade nebeneinander hergehen konnten. «Dort drüben. Umgebaute Fischerhäuser.»
«Verdammt chic», sagte Jury.