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Es fehlte nur noch die Eule auf seiner Schulter.
Percy Blythe saß hinter einem monströsen Arbeitstisch aus der Zeit Jakobs I., inmitten eines dunklen, staubigen, sehr romantischen Wirrwarrs aus präparierten Fischen, ausgestopften Vögeln, Talgkerzen, Treibholz, Fischnetzen, Lumpen, alten Zeitungen und Büchern. Obwohl Bücher und Papiere seine Tätigkeit sehr seriös und wissenschaftlich erscheinen ließen, tat Percy Blythe nichts weiter, als ein paar Muschelstückchen hin- und herzuschieben. Es war ein kleines, verhutzeltes Männchen mit spitzen Teufelsohren und einer randlosen Brille. Als Bertie sie einander vorstellte, blickte er Melrose ohne großes Interesse über seine Brille hinweg an. Er trug – oder ertrug – eine Jacke, einen Pullover, einen Schal und eine ähnliche Zipfelmütze wie Bertie. Danach wandte er sich wieder seinen Muscheln zu.
«Wir haben Sie hoffentlich nicht beim Essen gestört», sagte Melrose, der eine dunkle Brotrinde und ein Glas mit einem Milchrand am andern Ende des Tischs entdeckt hatte – beides schien schon mehrere Tage alt zu sein. Percy Blythe beugte sich nur noch tiefer über seine Muscheln.
«Eine interessante Arbeitsstätte, Mr. Blythe, wirklich sehr interessant.»
Als auch darauf keine Antwort kam, blickte Melrose sich unschlüssig um, auf der Suche nach einem Gesprächsthema. Da kein elektrisches Licht den Raum erhellte, war es ziemlich schwierig, in der Masse der ausgestopften, von Glasglocken bedeckten oder sonstwie hinter Glas verwahrten Gegenstände noch etwas zu erkennen und eine Bemerkung darüber zu machen. Auf dem Milchglas der Gehäuse flackerten kleine, schwache Flammen und warfen bedrohliche Schatten an die Wände.
Es war das schmalste Terrassenhaus, das Melrose je gesehen hatte. Es befand sich in der Dark Street, die eigentlich eher ein privater Durchgang war als eine Straße. Sie mündete in die Scroop Street und ließ sich nur über die Dagger Alley erreichen, ein steiniger Weg, der von der «Glocke» zu einem Warenhaus in der High Street führte.
«Sie sind wirklich ein Sammler, Sir», sagte Melrose, der nicht recht wußte, wie er seine Gegenwart erklären sollte. Bertie war auch keine große Hilfe; er schien sich hier ganz zu Hause zu fühlen. Im Augenblick war er damit beschäftigt, ein seeigelähnliches Gebilde auf einem Regal zu inspizieren. Arnold hatte sofort von einem alten Flickenteppich in der Ecke Besitz ergriffen. Außer dem Kratzen, das durch das Hin- und Herschieben der Muscheln verursacht wurde, war nichts zu hören. Einmal flatterten mehrere lose Blätter auf den Boden, aber Percy Blythe schien die Abfallberge, die ihn umgaben, überhaupt nicht wahrzunehmen – Papierstöße, die wie Sandbänke wegzudriften schienen; in sich zusammengefallene Büchertürme, die Tische, Fensterbänke und Boden bedeckten.
Melrose war noch nie in seinem Leben einem Menschen begegnet, der eine solche Verachtung selbst für die elementarsten Umgangsformen zeigte.
Bertie sagte: «Ich hab ihm erzählt, daß Sie alles mögliche hier rumstehen haben. Was ist denn das?» Bertie hielt etwas Knochenähnliches in die Höhe. Percy Blythes hartnäckiges Schweigen schien ihn offensichtlich nicht zu stören, denn er legte den Gegenstand einfach wieder auf seinen Platz zurück und untersuchte einen auf einem Brett befestigten Fisch.
Melrose ließ seinen silberbeschlagenen Spazierstock von einer Hand in die andere wandern und verlagerte sein Gewicht entsprechend. Percys Schweigen wäre sehr viel erträglicher gewesen, wenn er sie aufgefordert hätte, Platz zu nehmen oder zumindest abzulegen, aber Percy Blythe schien fest entschlossen zu sein, diese wie auch alle andern Förmlichkeiten zu ignorieren. Sie standen also immer noch in ihren Mänteln herum. Nur Arnold lag auf seinem Flickenteppich und pennte. Bertie fühlte sich jedoch ganz wohl; er untersuchte alles, was ihm unter die Finger kam, und summte dabei vor sich hin, während Melrose von Percy Blythes monumentalem Schweigen erdrückt wurde. Er räusperte sich und nahm einen neuen Anlauf.
«Mr. Blythe. Ich bin bei den Craels zu Gast. Sir Titus ist ein Freund von mir.» Ein kurzer, finsterer Blick streifte ihn, dann beugte sich Percys Kopf wieder über seine Muscheln.
«Percy, Sie haben mir doch erzählt, wie komisch dieser Julian Crael geworden ist, erinnern Sie sich?» Bertie hielt eine Schale mit Wasser hoch, in der etwas Dunkles schwamm. «Was ist denn das? Sieht aus, als wäre es lebendig.»
Melrose bezweifelte das, aber er griff Berties indirekten Hinweis auf das Verbrechen auf. «Ein schrecklicher Gedanke, daß in einem kleinen Fischerdorf wie diesem ein so bestialisches Verbrechen begangen wurde.» Keine Antwort. Melrose machte auf gut Glück weiter. «Sie waren bestimmt genauso schockiert wie alle andern hier in Rackmoor.» Nichts in Percy Blythes Miene verriet, daß er einen Schock erlitten hatte. «Auch Sie», sagte Melrose, und sein Spazierstock wechselte wieder die Seite, und er verlagerte sein Gewicht, «müssen doch ganz fassungslos gewesen sein, daß in Ihrem Dorf so was passieren konnte.» Ein gekrümmter Finger schob die Muscheln vor sich her und schubste dabei eine auf den Boden; Percy machte sich jedoch nicht die Mühe, sich danach zu bücken. «Vielleicht interessiert es Sie, Mr. Blythe, daß wir in Northamptonshire gleich eine ganze Serie von Morden hatten. Das war letztes Jahr, ungefähr um diese Zeit. Und Oberinspektor Jury ist damals auch in unser Dorf gekommen. Ich nehme an, er wird Sie noch aufsuchen, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen.»
«Percy, krieg ich die Muschel, die du mir versprochen hast?»
Der Arm unter dem Schal führte eine vage, fahrige Bewegung aus.
«Ist Ihnen in der Nacht, in der sie ermordet wurde, irgend etwas aufgefallen?» bedrängte ihn Melrose. Percy Blythe blickte lediglich über seine Brille hinweg zu ihm auf, schüttelte den Kopf und widmete sich wieder seinen Muscheln. Vielleicht ist der Mann einfach nur krankhaft scheu, dachte Melrose. Vielleicht fühlt er sich nur bei seinen ausgestopften und sonstwie präparierten Objekten wohl.
«Klar ist dir was aufgefallen, Percy», sagte Bertie. «Du hast doch gesagt, daß dich das überhaupt nicht überraschen würde. Als diese Frau wieder aufgetaucht ist, hast du doch gleich gedacht, daß das nicht gutgehen würde.»
Bertie traf ein langer, böser Blick, offensichtlich eine Warnung, Percy Blythe nicht in diese geistlose Unterhaltung hineinzuziehen.
Aber Melrose hakte sofort nach. «Wieso haben Sie das gedacht, Mr. Blythe?» Natürlich kam auch darauf keine Antwort; Melrose hatte das Gefühl, mit den Muscheln und dem Treibholz ins Meer gespült zu werden. Komisch, dabei hatte er sich immer für einen guten, wenn nicht brillanten Unterhalter gehalten. «Soll Jury sich mit ihm rumschlagen», seufzte er und streifte seine Handschuhe über.
Es machte ihm Spaß, sich dieses Zusammentreffen auszumalen, er hoffte nur, Jury würde ihn mitnehmen. «Na gut, dann machen wir uns am besten mal wieder auf den Weg. Ich hab noch eine Verabredung.»
«Und ich muß arbeiten, Percy. Bis später. Los, Arnold, komm schon!»
Erschrocken fuhr Melrose zusammen; eine Katze, die Berties Befehlston aus dem Schlaf gerissen hatte, war plötzlich von einem der Regale heruntergesprungen. Melrose hatte geglaubt, sie sei ausgestopft. Er ging auf die Tür zu.
«Fragen Sie Evelyn», sagte Percy Blythe.
Melrose blickte zurück, aber Percy Blythe war damit beschäftigt, die Muscheln in Beutel zu füllen; die geheimnisvolle Botschaft schien nie über seine Lippen gekommen zu sein.