5
Inspektor Ian Harkins von der Kriminalpolizei Pitlocharys war außer sich. Es war der erste wirklich interessante Fall, der ihm hier beschert worden war, und der Polizeidirektor wollte ihn an jemanden aus London verschleudern. Nur über meine Leiche, dachte Harkins und grinste über seinen Galgenhumor. Harkins hatte auch das entsprechende Aussehen – klapperdürr mit tiefliegenden Augen.
Er hielt den Hörer so fest umklammert, daß seine Knöchel weiß hervortraten. «Ich sehe keine Veranlassung, London hinzuzurufen. Ich war noch nicht einmal am Tatort, und Sie sprechen schon von Scotland Yard. Seien Sie so nett und geben Sie mir eine Chance.» Es lag eine gewisse Schärfe in diesem Seien Sie so nett.
Zögernd bewilligte ihm Polizeidirektor Bates vierundzwanzig Stunden. Es sah ganz so aus, als würde ihnen dieser Fall noch Probleme bescheren; Leeds würde sich bestimmt nicht freuen.
Harkins beendete seine Toilette. Ian Harkins verstand darunter nicht ungebügelte Anzüge und bunt zusammengewürfelte Socken. Einen Drehspiegel hielt er für unerläßlich. Und er hatte nicht nur einen Schneider in der Jermyn Street, sondern auch eine reiche Tante in Belgravia, die ihn maßlos verwöhnte, obwohl sie seine Vorliebe für den kalten Norden nicht begriff und über seine Arbeit sprach, als wäre sie eine Art Hobby, auf das er sich plötzlich versteift hatte.
Es war jedoch kein Hobby; Harkins war ein hervorragender Polizist. Und er besaß einen glasklaren, durchdringenden Verstand, dem Gefühle nichts anhaben konnten.
Harkins knotete den Gürtel seines für die harten Winter von Yorkshire eigens gefütterten Kamelhaarmantels zu und zog sich ein Paar Handschuhe über, deren Leder so weich war, daß es auf den Händen zu zergehen schien. Auch wenn er ein ausgezeichneter Kriminalbeamter war, so brauchte man ihm das, verdammt noch mal, nicht schon von weitem anzusehen.
Aber ein Mann von der Kripo sollte seine Zeit nicht über seiner Garderobe vertrödeln. Um die verlorene Zeit wieder wettzumachen, sprang er in seinen Lotus Elan, jagte den Motor auf hundertfünfzig hoch und hoffte beinahe, irgendeine idiotische Streife würde versuchen, ihn auf der fünfundzwanzig Kilometer langen und total vereisten Strecke zwischen Rackmoor und der Küste anzuhalten.
«Die hat ihr Fett abgekriegt, was?»
Sergeant Derek Smithies verzog das Gesicht. So redete man vielleicht beim Fußball, aber nicht bei einem blutigen Mord.
Ian Harkins erhob sich von der Stelle, an der er gekniet hatte, und rückte die Schultern seines Mantels zurecht. Sein ausgemergeltes Gesicht ließ ihn zehn Jahre älter erscheinen, als er tatsächlich war. Um den skelettartigen Eindruck etwas zu mildern – die Backenknochen ragten hervor wie Balkone –, trug er einen langen, vollen Schnurrbart. Er hatte seine schönen butterweichen Handschuhe ausgezogen, um die Leiche zu inspizieren; wie ein Chirurg streifte er sie nun wieder über.
Von dem Polizeirevier in Pitlochary, einer Stadt, die fünfmal so groß war wie Rackmoor, aber trotzdem nur eine kleine Polizeieinheit besaß, hatte Inspektor Harkins ein halbes Dutzend Männer angefordert, unter ihnen den Arzt des Orts und den Wachtmeister, der hinter ihm stand und sich Notizen machte. Der Tatort-Sachverständige war bereits wieder gegangen. Der Spezialist für Fingerabdrücke, ein Mann, der angeblich selbst von den Flügeln einer Fliege Abdrücke nehmen konnte, wurde noch erwartet. Der Pathologe stand auf, grunzte und wischte sich die Hände ab.
«Und?» fragte Harkins und schob sich eine dünne, handgerollte kubanische Zigarre in den Mund.
Der Arzt zuckte mit den Schultern. «Ich weiß nicht. Es sieht aus, als hätte jemand mit einer Mistgabel auf sie eingestochen.»
Harkins blickte ihn an. «Eine ziemlich unhandliche Waffe. Raten Sie noch mal.»
Genauso bissig erwiderte der Arzt: «Vampire.»
«Sehr komisch.»
«Ein Eispickel, eine Ahle, weiß der Himmel; sie sieht aus wie ein Sieb. Der Eispickel scheidet aus – was immer es war, es muß mehr als einen Zinken gehabt haben. Wenn ich die Leiche genau untersucht habe, kann ich Ihnen mehr sagen.»
Harkins ließ sich wieder auf dem Boden nieder. «Das Gesicht … Können Sie mal Ihre Taschenlampe draufhalten!» rief er einem der Männer zu, die die Treppe absuchten. Wie riesige Glühwürmchen bewegten sich drei oder vier Taschenlampen die Stufen rauf und runter. Eine davon wurde zu ihnen herübergeschwenkt und beleuchtete das Gesicht der Frau. «Unter dem Blut scheint Make-up zu sein, sieht aus wie Theaterschminke. Die eine Hälfte ist schwarz, die andere weiß. Merkwürdig.» Harkins stand auf und klopfte mit seinen Handschuhen den Staub von seinen Hosen. «Zeit?» zischte er.
Umständlich zog der Arzt seine dicke Taschenuhr hervor und sagte: «Genau ein Uhr neunundfünfzig.»
Harkins warf seine Zigarre auf den Boden und zertrat sie mit dem Absatz. «Verdammt, Sie wissen genau, was ich meine.»
Der Arzt ließ seine Tasche zuschnappen. «Ich bin Ihnen nicht unterstellt, vergessen Sie das bitte nicht. Ich würde sagen, sie ist seit zwei, vielleicht auch schon seit drei Stunden tot. Ich bin nichts weiter als ein Landarzt, und Sie haben mich hierhergebeten. Also seien Sie höflich.»
Als wäre Höflichkeit nur eine Vokabel im Wörterbuch von Landärzten, wandte sich Harkins an Wachtmeister Smithies: «Lassen Sie die Treppe oben und unten absperren und ein paar Verbotsschilder dranhängen. Und jagen Sie die Leute da weg.» Seit Harkins und dann die andern Polizeiautos aufgetaucht waren, erschienen unten auf der Grape Lane ständig neue, gespenstisch wirkende Gesichter. Mehr und mehr Dorfbewohner taumelten aus ihren Betten, um nachzuschauen, was der Krach zu bedeuten hatte. Harkins schaffte es, seiner nächsten Frage, einer ganz simplen und naheliegenden Frage, einen absolut ätzenden Ton zu verleihen. «Temple war der Name, nicht wahr?»
Smithies versuchte, sich so klein wie möglich zu machen, was für einen Mann von seiner Größe nicht gerade einfach war. «Jawohl, Sir. Sie soll im ‹Fuchs› abgestiegen sein, dem Gasthof an der Mole.»
«Fremd hier?»
«Ich nehme an.»
«Sie nehmen an. Und wie erklären Sie sich diese seltsame Aufmachung? Tauchen in Rackmoor häufig solche Gestalten auf?» Als trüge Smithies persönlich die Verantwortung für das Auftauchen dieser Frau in Schwarz und Weiß.
«Es ist ein Kostüm, Sir …»
«Was Sie nicht sagen.» Harkins zündete sich eine neue Zigarre an.
«… der Abend vor dem Dreikönigsfest. Im Old House fand ein Kostümball statt. Sie muß auf dem Weg dahin gewesen oder von dort gekommen sein.»
«Wo zum Teufel ist das Old House?»
Smithies deutete die Engelsstiege hoch; sein Finger schnellte so heftig hervor, als wolle er die Kirche durchbohren. «Wenn Sie aus der Gegend sind, müssen Sie das Herrenhaus kennen, Sir. Es heißt ‹Zum Alten Fuchs in der Falle›.»
«Ich denke, so heißt der Gasthof?»
«Stimmt. Nur gehört der Gasthof dem Colonel zur Hälfte, und er hat ihn nach dem Haus benannt. Damit es keine Verwechslung gibt, nennen wir das eine Old House und das andere den ‹Fuchs›. Ursprünglich hieß Kittys Kneipe ‹Zum Kabeljau›. Aber der Colonel, Colonel Crael, ist ein passionierter Jäger –»
«Von mir aus kann es auch Tante Fannys Bierstübchen heißen, ist doch – Moment mal, meinen Sie Sir Titus Crael? Diesen Colonel Crael?»
«Ja, ihn, Sir.»
«Sie meinen, sie –» er zeigte auf die Stufe, von der die Leiche gerade in einem Plastiksack heruntergetragen wurde – «hat zu seinen Gästen gehört?»
«Ich nehm’s an, Sir.» Harkins murmelte etwas und blickte auf den mit Kreide markierten Umriß, als hätte er sie am liebsten wieder dort hingeschafft.
Inspektor Harkins hatte wenig Respekt vor seinen Vorgesetzten; sie mochten sich in Pitlochary, Leeds oder London befinden. Und vor seinen Untergebenen hatte er überhaupt keinen; er war vielmehr der Meinung, daß sie ihre untergeordneten Positionen innehatten, weil sie es nicht anders verdienten.
Vor einer Sache hatte er jedoch Respekt: vor einem guten Namen. Und die Craels gehörten zu den besten Familien von Yorkshire.
Er befand sich in einer Zwickmühle: Einerseits hätte er die Leiche am liebsten wieder auf ihren Platz zurückgelegt – sollte sich doch London den Kopf darüber zerbrechen.
Andererseits war er Ian Harkins.