21

An Melroses Tür war die Andeutung eines Klopfens zu hören. Er schob die Fotos unter sein Kissen und sagte: «Herein!»

Wood, mumienhaft reserviert, sagte: «Entschuldigen Sie, Sir, Sie werden am Telefon verlangt. Und Colonel Crael würde Sie auch gern sprechen, wenn Sie herunterkommen. Er ist im Red-Run-Salon, seinem ‹Nest›.»

Melrose sah den Schatten der Mißbilligung auf Woods Gesicht: ein Gentleman, der vollständig angezogen um zwölf Uhr mittags auf dem Bett herumliegt und auch noch die Schuhe anhat? Sein eigener Butler, Ruthven, hätte sich nichts anmerken lassen. Er bedankte sich bei Wood und nahm die Beine vom Bett.

«Wo finde ich hier ein Vergrößerungsglas, Wood? Ich muß ein paar Dinge unter die Lupe nehmen.»

«Colonel Crael hat eines für seine Schmetterlingssammlung. Ich bringe es Ihnen.»

«Ich komme sofort runter. Könnten Sie wohl noch etwas Tee und Toast für mich auftreiben? Ist zufällig Inspektor Jury am Apparat?»

«Nein, Sir. Ich soll Ihnen ausrichten, daß der Inspektor nach London gefahren ist. Es ist Lady Ardry.»

Verflucht, dachte Melrose. Jury in London. Was sollte er nur mit den Fotos machen? «Ist Sergeant Wiggins auch mitgefahren?»

«Kann ich Ihnen nicht sagen. Sie sind zumindest zusammen aus dem Haus gegangen. Ihr Tee kommt sofort, Sir.» Bevor Wood sich wieder entfernte, fügte er nachdenklich hinzu: «Ein vielbeschäftigter Mann, dieser Inspektor Jury.»

 

Agathas Stimme klang erschreckenderweise so, als befände sie sich in dem Zimmer nebenan.

Wo sie auch, wie sie sagte, innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden sein würde. Die gute, alte Teddy war ebenfalls von Sir Titus eingeladen worden. Sie würden sich also gemeinsam auf den Weg machen.

Natürlich hatte sie sich selbst eingeladen. Melrose wußte, daß er weder durch Argumente noch durch Beleidigungen oder Drohungen etwas erreichen würde. Sie würde sich einfach taub stellen. Er könnte sie zum Schweigen bringen, indem er sie totprügelte – nur war sie leider in York, und er war hier. Alles, was er tun konnte, war, sie zu überlisten.

«Wie nett», sagte er und schloß gequält die Augen. «Hör zu, Agatha, wenn du noch ein paar Tage warten könntest, dann würde ich vorbeikommen.» Er senkte die Stimme. «Du solltest nämlich noch etwas für Jury erledigen, etwas sehr Wichtiges. Er hat eigens um deine Hilfe gebeten.» Jury würde ihn umbringen.

Gespanntes Schweigen. Die Leitung vibrierte förmlich. Sie erinnerte ihn daran, daß sie immer bereit war, der Polizei zu helfen. Ob er denn vergessen hatte, wie hilfreich sie in Northants gewesen war?

Als Melrose schließlich wieder auflegte, hatte er keine Ahnung, mit welcher Aufgabe er Agatha in York betrauen sollte. Er würde sich jedoch noch etwas einfallen lassen.

Aber ein guter Gedanke war ihm beim Telefonieren gekommen. Als Wood wie ein schwarzer Schwan in sein Gesichtsfeld schwamm, fragte ihn Melrose, ob er auch ein Londoner Telefonbuch auftreiben könne. Wood meinte, er würde es ihm zusammen mit dem Vergrößerungsglas bringen.

 

«Ich habe mich eben sehr angeregt mit Ihrer Tante unterhalten», sagte Sir Titus Crael und klappte sein Whythe-Melville-Buch zu. «Hier ist Ihr Tee. Sie sind wohl ein ziemlicher Langschläfer, hmm?»

Mit einem starren Lächeln nahm Melrose den Tee entgegen. «Wie nett von Ihnen, Colonel, sie hierher einzuladen. Wie ungeheuer nett.»

«Melrose, Sie haben mir leider verschwiegen, daß sie ganz in unserer Nähe weilt. Von hier bis York sind es nur ein paar Stunden.»

Ist mir bekannt! dachte Melrose. Er rieb seine Goldrandbrille blank, stopfte sein Taschentuch wieder in die Tasche und ließ den Blick über die Ruinen von Rackmoor schweifen. Jemand wie Agatha konnte man einfach nicht hierher einladen, an einen Ort, der ein solches Kleinod war, daß er unter Denkmalschutz stand. Es war, als würde man eine Kuh auf die Treppen des Howard Castle stellen. Er ließ seine Augen im Zimmer umherschweifen, während er sich in Gedanken durch die Jahre mit Agatha quälte, und er fragte sich, warum ausgerechnet sie von seiner Familie übriggeblieben war. «Halten Sie denn den Zeitpunkt für so geeignet, Colonel?»

Sir Titus blickte ihn überrascht an: «Aber sie sagte doch, sie sei eine gute, alte Bekannte von Inspektor Jury. Sie hätten sogar schon einmal zusammengearbeitet, damals bei den Gasthofmorden in Ihrem Dorf in Northants. Davon haben Sie mir gar nichts erzählt, Melrose!»

Melrose lächelte matt. «Ich dachte, Sie hätten schon genug am Hals …» Er verstummte, während er hilfesuchend verschiedene Gegenstände fixierte und auf eine Eingebung wartete. Er könnte dem Colonel erzählen, sie hätte sich eine Erkältung zugezogen oder sie sei verschieden – was auch immer. Melroses Blick fiel auf eine Folge von Jagdszenen, die derjenigen im «Fuchs» sehr glich.

«Haben Sie die Jagd erwähnt, Sir Titus?»

«Hmm? Die Jagd, nein, hab ich nicht. Warum?»

Melrose schlug sich gegen die Stirn. «Ach, du meine Güte, das ist wirklich zu dumm. Agatha ist nämlich allergisch gegen Pferde.»

Fassungslos starrte ihn Sir Titus an. Melrose hätte ihm genausogut sagen können, seine Tante habe eine Geschlechtskrankheit.

«Ja. Sie braucht ein Pferd nur zu riechen, und schon kriegt sie einen Anfall.» Er zuckte die Achseln. «Wenn ich ihr erzähle, daß in drei Tagen hier eine Jagd stattfindet, wird sie es sich wohl wieder anders überlegen, befürchte ich. Mit Allergien ist das so eine Sache.»

Er hatte Agatha einmal auf Bouncer sitzen sehen: Wo Bouncer anfing und Agatha aufhörte, ließ sich von hinten nicht erkennen. Bouncer war sie jedoch schnell wieder losgeworden.

Wenn ihm das nur auch gelänge. Melrose seufzte und trank seinen Sherry.

Als er wieder auf seinem Zimmer war, nahm Melrose sich als erstes das Foto mit dem Backsteingebäude vor.

Zuerst dachte er, der weiße Fleck hinter der Frau sei ihr weißes Kleid, das sich in dem Fenster spiegelte. Als er aber das Vergrößerungsglas darüber hielt, erkannte er, daß es eine Gestalt in einem weißen Jackett war, ein Kellner wahrscheinlich. Auf dem Fenster, das unterhalb ihrer rechten Schulter endete, standen drei Buchstaben: A C E. War das ein Wort für sich oder nur der Teil eines Wortes? Er hielt das Vergrößerungsglas über die undefinierbaren Formen hinter dem Fenster. Laternen. Höchstwahrscheinlich diese Papierlaternen, die in billigen orientalischen Restaurants als Dekoration verwandt wurden. Das würde auch das weiße Jackett erklären. Und wie viele solcher Restaurants hatte das Gebäude auch diesen Lagerhaus-Charakter. ACE – es konnte alles bedeuten. Melrose schnappte sich das Londoner Telefonbuch, schlug die Seiten mit den Gaststätten auf, und der Mut verließ ihn. Es gab über hundert chinesische oder fernöstliche Restaurants. Als er aber die Spalten überflog, fiel ihm ein ziemlich häufiger Name auf: das Wort Palace. Er schaute auf das Foto. Möglicherweise waren die drei Buchstaben die letzte Silbe dieses Wortes.

Er ging noch einmal die Seiten mit den Restaurants durch und schrieb sich, angefangen mit «China Palace», alle Zusammensetzungen mit Palace heraus. Als er damit fertig war, hatte er ungefähr zwanzig Namen auf seiner Liste stehen, aber das war auf jeden Fall besser als einhundert.

Melrose klappte das Telefonbuch zu und überlegte sich, was zu machen war. Da Jury und Wiggins nicht da waren, sollte er die Fotos vielleicht Harkins unterbreiten. Aber Harkins konferierte, wie er gehört hatte, mit dem Polizeidirektor in Leeds.

Zum Teufel damit, er konnte ja zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Er konnte selbst nach London fahren, New Scotland Yard die Beweisstücke übergeben, Jury bei der Suche nach jenem Palace-Restaurant behilflich sein und in York Zwischenstation machen, um sich durch irgendeinen schlauen Trick Agatha vom Hals zu schaffen. (Nicht allzu schlau, da es sich um Agatha drehte.) Er schaute auf die Uhr: noch nicht einmal ein Uhr. Er könnte in York noch zu Mittag essen oder schon seinen Tee einnehmen und um halb zehn oder zehn in London sein. Ohne sich beeilen zu müssen.

Melrose war zufrieden mit sich. Drei Fliegen auf einen Schlag.

Oder vielmehr zwei Fliegen und einen Brummer.

Inspektor Jury spielt Domino
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