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»HE KISSED ME AND IT FELT LIKE A HIT«

Ich wartete in einem ausgeweideten ehemaligen Wohnzimmer zwischen Ratten und menschlichen Exkrementen, Drogenbestecken und toten Tauben. Der Regen draußen war so stark, als würde der Hass ihn auf Rathcoole prasseln lassen, nicht die Schwerkraft.

Ich konnte den Billardsalon und die traurige kleine Einkaufsmeile sehr gut überblicken. Nur das Wettbüro machte noch Geschäfte, aber das war nicht überraschend; das Derby war ja bald, und auf einen Hengst wie den rotbraunen Shergar konnte man selbst bei einer Quote von 1 zu 6 seine Rente setzen.

Abend.

Langsam beruhigte sich das Treiben im Billardsalon, und Billy fuhr pünktlich um sieben in seinem Mercedes davon. Eine Minute später kam Shane heraus und zog sich in Ermangelung eines Regenmantels die Lederjacke über den Kopf. Ich klappte den Kragen meines Mantels hoch und folgte ihm in sicherem Abstand durch die Siedlung, dann die Doagh Road entlang durch Abbots Cross (dort, wo Bobby Sands geboren worden war), vorbei am Whiteabbey Hospital zur Station Road.

Er machte Halt an der Bahnhofsbar und trank etwas. Ich folgte ihm und nahm einen Whiskey gegen die Kälte. Im Fernsehen liefen die Lokalnachrichten. Die Ermordung von Tommy Little und Andrew Young kam erst an sechster Stelle. Niemanden interessierte das noch. Ich fragte mich, ob das unseren Mörder verärgern würde. Vielleicht würde er was Größeres abziehen oder mit seinem Spielchen auf der anderen Seite des Wassers weitermachen, wo das besser ankam. Die Story dauerte keine Minute, inklusive einer weiteren Hetzrede des Stadtrats George Seawright, der erklärte, Homosexuelle sollte man auf eine Insel im Atlantik deportieren und dort ohne Wasser und Brot aussetzen.

Shane trank aus, kaufte sich ein Streichholzbriefchen und ging durch die Nebentür hinaus. Ich wartete zehn Herzschläge und folgte ihm.

Mehrmals sah er sich um, um sicherzugehen, dass er nicht verfolgt wurde, kontrollierte aber nie die andere Straßenseite sechzig Meter weiter hinten. Es gab viele Möglichkeiten, einen Verfolger abzuschütteln, aber er kannte keine davon. »Was glaubst du, wer dir folgt, Shane? Oder hast du nur Angst vor der Dunkelheit?«

Er bog links in die Shore Road und lief einen halben Kilometer bis zum Loughshore Park, einem hübschen kleinen Fleckchen Grün gleich am Wasser. Wir waren in der Nähe der University of Ulster, doch statt wie erwartet in die Jordanstown Road abzubiegen oder geradeaus weiterzugehen, überquerte er die stark befahrene Shore Road und ging auf die öffentliche Toilette am Park.

Ich wartete. Er kam nicht wieder heraus.

Der Wind peitschte die Schiffe auf dem Lough und warf Gischt auf den Highway. Es war frostig, und der Regen lief mir in den Nacken. Ich sah, dass die Toilette einen Ausgang zur Parkseite hin hatte, also überquerte ich die Shore Road und wartete unter den Ästen einer kleinen Gruppe von Weißeichen.

Wenigstens wird es wegen des Regens heute Nacht keine Unruhen geben, sagte ich mir. Ich wette auch, die Frauen der Kraftwerksarbeiter haben ihre Männer gezwungen, Licht und Heizung anzulassen. Die Minuten tickten vorüber. Das ist der Grund, warum Polizisten immer ein Buch bei sich haben. Ein kleines Buch, das in die Tasche passt.

Ich stand eine gute Viertelstunde da. »Ist er vielleicht ins Loch gefallen?«, murmelte ich. Dann hatte ich einen düsteren Verdacht. Schließlich waren wir einem Mörder auf der Spur …

Ich zog die Dienstwaffe aus der Manteltasche und sah nach, ob wirklich sechs Patronen in der Trommel steckten. Ich trat unter den Bäumen hervor und ging auf die Klos zu.

Auf halbem Weg sah ich jemanden an der Shore-Road-Seite aus der Toilette kommen und schnell auf einen parkenden VW Käfer zugehen, der mir gar nicht aufgefallen war. Ich lief los, aber der Mann rannte ebenfalls, um schnell aus dem Regen zu kommen.

Er stieg ein und fuhr in Richtung M5 und den Zubringern nach Belfast davon.

»Verdammt! Du hast es versaut, Duffy!«, schimpfte ich. Du wolltest es ja unbedingt trocken haben, also hast du dich unter die Bäume gestellt statt an eine Stelle, die von beiden Ausgängen gleich weit entfernt ist. »Du Blödmann!«, sagte ich zum Regen und den hereinbrechenden Wellen.

Ich hatte nicht mal das Kennzeichen, aber wenn es Shane und sein Auto gewesen war, dann würde das leicht herauszufinden sein.

»Also gut, wollen wir mal sehen, was er in den letzten fünfundzwanzig Minuten auf dem Klo getrieben hat«, sagte ich und ging, die Waffe voran, hinein.

Aus irgendeinem Grund rechnete ich mit einem Junkie, aber natürlich war es eine Schwuchtel. Er war neunzehn oder zwanzig, blaue Augen, blasse Haut, schwarze Haare, Elvistolle. Hohe Wangenknochen und rot lackierte Fingernägel. Er war viel zu attraktiv, um nicht schwul zu sein, und er trug Lederjacke, Jeans und Converse – die übliche Berufskleidung eines Strichjungen. Er sah die Waffe, ich steckte sie ein.

»Ach, Sie sind Polizist«, sagte er nonchalant.

»Deine gute Fee bin ich jedenfalls nicht.«

Er ging einen Schritt auf mich zu. »Warum denn gleich so grob?«

»Du bist mir ja ein ganz Tapferer. Wie heißt du?«

»John Smith. Sie können mich Johnnie nennen.«

Er schien sich überhaupt keine Sorgen zu machen, ich könne ihn umlegen oder ins Knie schießen. Ich besah mir die Graffiti an der Wand: die üblichen Sprüche: »Fuck the Pope«, »Denkt an 1690«, »UVF«, »UDA«, »UFF«, aber nicht so viele, wie man nahe Rathcoole erwartet hätte.

»Wer war vorhin mit dir hier drin?«, fragte ich ihn.

»Ein Name?«

»Aye, ein Name.«

»Ich hab ihn schon mal gesehen, Herr Polizist, aber ich kenne seinen Namen nicht. Nicht ganz mein Typ.«

»Was hat er hier gemacht?«

Der Bursche lächelte. »Das wissen Sie doch.«

»Keine Spielchen, Junge, ich verpass dir sonst ein paar Ohrfeigen.«

»Ach, macht Sie das an?«

»Also gut, Sonnenschein, Schluss mit den schlauen Sprüchen. An die Wand«, sagte ich.

»Das höre ich heute Abend nicht zum ersten Mal.«

Ich drückte sein Gesicht gegen die Fliesen, klopfte ihn ab und durchsuchte ihn. 100 Pfund in der einen Jackentasche, ein Tütchen mit in Folie gewickeltem Haschisch in der anderen. Nicht genug, um ihn wegen Drogenhandels dranzukriegen, und sicherlich nicht den Papierkram wert.

»Wo hast du das her?«, fragte ich.

Er antwortete nicht. Ich zog meine Waffe wieder raus und drückte ihm den Lauf an die Wange. »Wo hast du das her?«

»Von dem Mann«, antwortete er. »Von dem wir gerade gesprochen haben.«

Ich nickte und steckte das Haschisch in die Manteltasche.

»Was wollte er von dir?«, fragte ich weiter.

Der Bursche drehte sich um und starrte mich an. Ein langer, suchender Blick. Selbst in der Dunkelheit wirkten seine Augen ausgesprochen blau. Er kam einen Schritt näher und drückte den Revolver mit dem Finger beiseite.

»Das, was du auch willst«, sagte er.

Er schob mir eine Hand in den Nacken, zog mich zu sich heran und küsste mich auf den Mund. Ich wich erschrocken und entsetzt zurück. Er hielt die Hand weiter in meinem Nacken und küsste mich erneut, erst sanft, dann fest, und massierte mir mit den Fingern den Kopf.

»Was zum Teufel machst du da?«, zischte ich.

»Wenn du gehen willst, dann solltest du das jetzt tun, Polizist.«

Natürlich wollte ich weg. Aber ich blieb, wo ich war.

Er ließ seine Hände in mein Hemd gleiten und fuhr mir über den Rücken. Er sieht aus wie ein Mädchen, sagte ich mir. Dabei stimmte das überhaupt nicht. Er erforschte mit der Zunge meinen Mund. Ich war verwirrt, schuldbewusst, wollte mehr.

»Ich bin keine Schwuchtel«, sagte ich.

»Halt den Mund und genieß es«, erwiderte er.

Ich glitt mit der Hand über seine Wirbelsäule. Dann legte ich sie auf seinen festen, mädchenhaften Hintern und schloss die Augen. Ließ mich von ihm küssen. Entspannte mich.

Einen Augenblick lang holten wir Luft.

»Und?«, fragte er, lehnte seinen Kopf gegen meine Stirn und grinste.

»Jetzt habe ich endlich mal was Neues zu beichten«, sagte ich.

Er lachte. »Ein katholischer Knabe! Wie charmant.«

»Ich … ich geh jetzt besser«, murmelte ich.

»Sicher?«

»Ja.«

»Nächstes Mal vielleicht.«

»Vielleicht.«

Ich ging die sieben Meilen nach Carrickfergus an der Shore Road entlang. Es goss in Strömen. Ich versuchte, ein Taxi anzuhalten, doch es hielt keins an, und jedes einzelne Telefon unterwegs war mutwillig zerstört worden.

Ich ging ins Dobbins, ließ mir ein Pint Guinness geben und saß dampfend am Kamin. Ich war der einzige Gast. Ich starrte in die Flammen und den schwarzen Kamin, und die Torfbriketts wurden grau und dann weiß.

Alle Zeitungsstände hatten geschlossen, also bat ich Derek hinter der Theke, mir Zigarettenblättchen, Streichhölzer und Tabak zu verkaufen. Ich ging zum Carrickfergus Castle und nahm die Schmugglerstufen bis hinunter an das schwarze Wasser des Lough. Ich nahm ein Blättchen und krümelte etwas Tabak darauf. Dann wickelte ich das Haschisch aus dem Cellophan, erhitzte es in einer Streichholzflamme, krümelte die Hälfte davon auf den Tabak und drehte mir einen Spliff.

Ich zündete ihn an, saß da, beobachtete den Verkehr auf dem Lough und den Armeehubschrauber, der gelegentlich von Krisenpunkt zu Krisenpunkt knatterte. Das Cannabis war harter Stoff, und als ich über den Hafenparkplatz ging, den Marine Highway überquerte und zu Lauras Haus kam, war ich ordentlich zugedröhnt.

Ich klopfte an die Tür, klopfte und klopfte.

Es hatte angefangen zu stürmen, Blitze schlugen in die Stromkabel auf der anderen Seite des Lough. Der Regen war eisig und fiel waagerecht.

Laura öffnete die Tür. Sie trug einen orientalischen Bademantel und ein Handtuch um den Kopf gewickelt, auf diese rätselhafte Weise, wie das nur Frauen können.

»Was willst du?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht … Was will man überhaupt? Heidegger meint, der Tod ist nach dem Sein der Kernpunkt des Lebens. Wir können unseren eigenen Tod nicht erfahren, aber fürchten.«

Laura schüttelte den Kopf. »Nein, Sean, was willst du von mir? Was machst du hier?« Eine Strähne löste sich aus dem Handtuch. Sie sah wunderschön aus.

»Kino«, sagte ich. »Der Film mit den Läufern. Lass uns gehen, bevor sie das Kino anzünden.«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schnüffelte. »Ich habe deine Blumen bekommen«, sagte sie.

»Darf ich reinkommen?«, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf, lächelte aber. »Ruf mich an. In ein, zwei Tagen«, erklärte sie und machte die Tür zu.

Ich ging aufs Revier. Das obere Stockwerk war dunkel. Ich sah auf meinem Schreibtisch nach. Ein Fax von Special Branch, die Antwort auf Mattys Anfrage: Sie hatten nichts über Freddie Scavanni und auch nichts von den Gerüchten gehört, dass Tommy Little etwas mit der Innenrevision der IRA zu tun hatte. Genies.

Dann machte ich mich auf den Weg zur Coronation Road und kam dabei über die Eisenbahngleise. Am Barn Halt blieb ich stehen. Ich überquerte die Gleise zur Belfaster Seite. Ein Blitz schlug in das Stromkabel auf dem 180 Meter hohen Schornstein des Kraftwerks Kilroot ein.

»Ihre Mutter sitzt im Zug und schaut aus dem Fenster nach Lucy, sieht sie aber nicht. Wie zum Teufel soll das gehen? Ein paar Sekunden vorher hat sie doch der Typ vom Auto aus gesehen.«

Ich ging zu dem kleinen Unterstand. Drei Wände und ein Dach, mehr nicht. Darin konnte man sich nicht verstecken.

»Haben die verdammten Außerirdischen sie geholt?«, brüllte ich das Gewitter an.

Ich stand da, wurde nass, war angewidert von meiner eigenen Blödheit. Ich ging in den Unterstand und zündete den Spliff wieder an. Ich setzte mich auf den Beton.

Der Zug zur Fähre, Express von Belfast nach Larne, flog vorbei.

Der Fährenanschluss. Schon wieder.

Der Anschluss zur Fähre.

Aber natürlich!

Ihre Mutter hatte sie nicht sehen können, weil Lucy gar nicht nach Belfast gewollt hatte. Sie war auf dem Bahnsteig gewesen – auf dem anderen. Der Typ im Wagen hatte sie warten sehen, aber sie hatte auf der anderen Seite der Gleise gewartet. Sie hatte ihre Ma angelogen. Sie wollte nicht nach Belfast, sie fuhr nach Larne.

Sie wollte nach Larne, um die Fähre nach Schottland zu nehmen. Um abtreiben zu können.

Was hatte sie gesagt? »Vielleicht bleibe ich bei Freunden, aber am Weihnachtsmorgen bin ich wieder da.«

Zug nach Larne, Fähre nach Stranraer, Zug nach Glasgow. Abtreibung. Über Nacht im Krankenhaus. Zug nach Stranraer. Fähre nach Larne. Zug nach Carrickfergus. Zu Weihnachten daheim. Sie hatte eine Abtreibung geplant. Aber irgendetwas war schiefgelaufen. Stattdessen war sie verschwunden.

Ich warf die Kippe in den Gleisschotter und ging die Taylor’s Avenue und die Barn Road entlang nach Hause.

Trotz des schlechten Wetters machte die DUP Wahlkampf im Victoria Estate. Dr. Ian Paisley stand höchstpersönlich auf einem Kohlelaster. »Lasst nicht zu, dass die britische Regierung das Knie vor Terroristen beugt! Wählt DUP!«, tobte Paisley mit der Stimme eines alttestamentarischen Propheten. Hinter Paisley stand Stadtrat George Seawright, der ursprünglich aus Glasgow stammte und nun der militanteste und verrückteste der aufgehenden Sterne bei der DUP war. Dutzende von Sicherheitsleuten stapften neben dem Laster her. Dahinter rollte ein weiterer Kohlelaster, beladen mit Kartons voller Nahrungsmittel und Milch, die an alle verteilt wurden, die etwas haben wollten. Auf den Kartons stand »EWG-Überschuss. Nicht für den Verkauf bestimmt.«

Bobby Cameron winkte mich zum Laster heran. »Magst du Schinken?«, fragte er.

»Wer nicht?«

»Die verdammten Moslems und Juden. Hier«, sagte er. Er bot mir einen Karton mit deutschem Schinken an. Ich schüttelte den Kopf. »Na los«, beharrte er.

»Danke«, sagte ich und nahm den Karton. »Ach, Bobby, hör mal, die Zeiten sind hart, vielleicht solltest du noch mal die Schutzgelder überdenken, die du hier in der Gegend verlangst.«

»Haben sich Leute bei dir beschwert?«

»Nein, niemand, aber die Zeiten sind hart.«

Ich beließ es dabei und ging nach Hause. Den Schinken legte ich in den Kühlschrank, schnappte mir irgendein Buch, legte Liege and Lief auf, ging nach oben, zündete den Ofen an und ließ Badewasser ein.

Ich dachte an den Burschen. An das, was gerade geschehen war. Ich konnte es nicht leugnen. Was zum Teufel habe ich getan?, fragte ich mich. War ich eine Schwuchtel? Ein Schwuli? Eine Tunte? Na …?

Anders als diese verrückten Protestanten brauchte ich jemanden zum Reden, aber es war niemand da. Ich wärmte den Rest des Cannabis auf, krümelte ihn auf ein Blättchen mit Tabak und setzte mich in die Wanne. Ich rauchte den Joint, schwebte auf den Petroleumdämpfen dahin und schlug das Buch auf. Es handelte sich um einen Band mit deutschen Gedichten, ein Geburtstagsgeschenk von einem Onkel, das ich noch nie aufgeschlagen hatte.

Ich las Goethe, Schiller, Novalis.

»Nach innen geht der geheimnisvolle Weg«, schrieb der Dichter.

Wie wahr.