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DIE VIERTE GEWALT

Sergeant McCallister war ein schroffer, altmodischer Polizist, der mit den neuesten Verfahren zur Spurensicherung und der methodischen Polizeiarbeit nicht vertraut war und den ich deshalb leicht unterschätzte.

Das fiel mir auf, während ich ihn bei der Pressekonferenz beobachtete. Es war meisterhaft. Er ging selbstbewusst auf die Fragen ein und war liebenswürdig, aber entschieden. Er spielte die reißerischen Aspekte des Falls herunter und teilte den Medien lediglich mit, dass wir es mit einer Person zu tun hätten, die bislang zwei der Homosexualität Verdächtige ermordet hätte und damit drohen würde, weitere zu töten. Das sei alles, was wir zum jetzigen Zeitpunkt sagen könnten.

Auf die Frage, woher wir wüssten, dass die beiden Morde von ein und derselben Person verübt worden seien, antwortete er, dass es forensische Ähnlichkeiten und gewisse Merkmale gäbe, die wir zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht bekanntgeben könnten.

Es war allerdings kaum Presse da. Von den amerikanischen Schmierenschreibern war keiner erschienen, von den Briten nur drei Mann, von der Sun, dem Guardian und der Daily Mail.

Blieben noch die Lokalzeitungen: Belfast Telegraph, die Irish News, der Newsletter und der Carrickfergus Advertiser; dazu aus Dublin die Irish Independent und die Irish Times.

Das Revier hatte einen eigenen Dieselgenerator im Keller, deshalb kümmerte uns der Stromausfall nicht sonderlich. Ich hörte McCallister zu und sah aus dem Fenster hinüber zum riesigen grauen Kilroot-Kraftwerk eine Meile weiter die Küste entlang, und zum ersten Mal, seit ich nach Carrick gekommen war, stieg kein schwarzer Qualm aus dem hundertachtzig Meter hohen Kamin.

»Was glaubst du, warum sind die Amis nicht gekommen?«, flüsterte Matty, während McCrabban den Schreiberlingen die Tatorte der beiden Morde auf einer Landkarte zeigte.

»Schätze, nach amerikanischen Begriffen ergeben zwei Morde wohl noch keinen ›Serienkiller‹«, flüsterte Brennan zurück.

Ich sah das anders. Ich ging davon aus, dass die Amis nicht gekommen waren, weil dieser kleine Zwischenfall die ach so einfache Geschichte von den friedliebenden irischen Patrioten, die sich zu Tode fasteten, um die bösen britischen Imperialisten zu vertreiben, nur verkomplizierte.

Das allerdings wäre auch meine Ansicht gewesen, wenn ich nach New York gegangen und dort geblieben wäre. Manchmal war mir richtig danach.

»… wird von Sergeant Duffy geleitet, einem erfahrenen Detective, der im Augenblick mehreren Spuren folgt.«

»Können wir Sergeant Duffy ein paar Fragen stellen?«, meldete sich der Kerl vom Belfast Telegraph. Ich wurde rot und begutachtete meine frisch geputzten Doc Martens.

»Sergeant Duffy ist mit dem Fall beschäftigt, aber ich kann Ihnen versichern, meine Herren, dass wir Sie bei größeren Entwicklungen weiterhin informieren werden …«

Es gab noch ein paar Fragen, dann wollte der Typ von der Daily Mail wissen, ob die Tatsache, dass Homosexualität in Nordirland verboten sei, die Untersuchungen beeinflussen würde.

»Tauben züchten ohne Erlaubnis ist ebenfalls verboten, aber wir werden nicht zulassen, dass irgendwelche Leute herumspazieren und Taubenzüchter abknallen, richtig? Es ist Aufgabe der RUC, für Recht und Ordnung in Nordirland zu sorgen, nicht die der paramilitärischen Gruppierungen, der Bürgerwehren oder der ›besorgten Bürger‹. Das liegt ganz allein in unserer Verantwortung«, erklärte McCallister, und ich war richtig stolz auf ihn. Mir kamen zwar nicht gerade die Tränen, aber warm ums Herz wurde mir schon.

Keine weiteren Fragen mehr.

»Okay, meine Herren, ich schätze, das reicht für heute«, sagte McCallister.

Ich zeigte ihm einen hochgereckten Daumen, er zwinkerte mir zu.

Ich rief mein Team ins Ermittlungszimmer. Tommy Littles aktuelle Adresse war endlich aufgetaucht, aber nicht vom Nachrichtendienst der RUC, sondern vom bescheuerten Finanzamt. Er hatte an der Falls Road gewohnt – ein weiterer haariger Besuch in West Belfast.

»Okay, eins nach dem anderen«, fing ich an. »Lucy Moore: Die Pathologin sagt Selbstmord, was der Untersuchungsrichter zweifellos bestätigen wird. Ich habe die Sache noch mal überschlafen und beschlossen, die Akte noch nicht zu schließen. Wir haben jede Menge auf dem Schreibtisch, aber ich möchte, dass ihr in jeder freien Minute, die ihr abzwacken könnt, nach Spuren sucht, wo sie gelebt hat, mit wem sie zusammen war und was aus dem Baby geworden ist.«

McCrabban hob einen Finger und klappte sein Notizbuch auf. »In der letzten Woche wurden in der St Jude Mission, im Royal Victoria Hospital, im Whiteabbey Hospital, im City Hospital und im Mater Hospital vierzehn Babys abgegeben. Das entspricht offenbar ziemlich genau dem Durchschnitt. Die Zahlen in der Vorwoche waren ähnlich. Alles anonym, natürlich.«

»Gut. Ich werde morgen ihre Eltern und ihren Ex aufsuchen und sehen, ob sie uns weiterhelfen können. Zumindest möchte ich den Fall endlich abschließen.«

Crabbie klappte ungläubig den Mund auf und wieder zu. »Hast du gerade gesagt, du willst zu ihrem Ex?«, fragte er.

»Aye.«

»Aber du weißt schon, dass er im Hungerstreik ist, oder? Im Maze.«

»Ich weiß.«

»Und du willst in dieses Wespennest?«

»Ja.«

»Also, mit mir brauchst du dabei nicht zu rechnen«, erklärte Crabbie kopfschüttelnd.

»Also gut, geh ich eben allein.«

»Ich geh mit«, sagte Matty.

Ich schaute Crabbie an und wies auf Matty. »Siehst du? Der Bursche denkt mit. Wer hat jetzt die bessere Story für seine Memoiren?«

»Erst mal wird er tippen lernen müssen«, erwiderte McCrabban.

»Okay, zurück zum Geschäft. Wir müssen den Wagen von diesem Tommy Little auftreiben. Matty, kümmer dich darum.«

»Aye.«

»Und wir müssen auf jeden Fall in sein Haus. Heute noch. Wohnte er allein? Mit einem Freund? Einer Katze? Das müssen wir herausfinden. Crabbie, ruf das betreffende Revier an und lass sie einen Uniformierten rüberschicken, um die Beweise zu sichern.«

»Wird denen nicht gefallen.«

»Du schaffst das schon.«

»Aye.«

»Also, gehen wir noch mal durch, was wir bislang haben …«

Wir lasen gemeinsam den Bericht der Gerichtsmedizin und gingen noch einmal alle Beweise durch. Wir diskutierten mögliche Motive und Theorien. Ich war der Einzige, der sich überhaupt ein Stück weit mit Serienmördern auskannte, also vermittelte ich ihnen das Basiswissen – Kindheitstrauma, Zeuge von Gewalt, Ausgrenzung –, aber das traf unglücklicherweise auf die halbe Bevölkerung von Belfast zu. Ein weiterer wichtiger Punkt waren irgendwelche Haftstrafen als Jugendlicher oder Erwachsener, aber auch das deckte einen ziemlich hohen Prozentsatz der Bevölkerung ab.

»Jemand, der Schwule hasst, hat womöglich in der Kindheit schlechte Erfahrungen mit einem gemacht«, schlug Crabbie vor und warf mir heimlich einen Blick zu. Wie ich wusste, waren Protestanten grundsätzlich der Auffassung, dass alle katholischen Messdiener in ihrer Kindheit von Priestern missbraucht worden seien. Es ergab keinen Sinn, darum zu streiten, deshalb fand ich, dass Logik vielleicht der bessere Weg wäre: »Ich schätze, dass diese Art von Wut sich wohl gegen eine bestimmte Person richten würde, nicht gegen zufällige Opfer«, erklärte ich, doch dann kam mir ein Gedanke: »Wenn es sich denn um zufällige Opfer handelt.«

McCrabban nickte. »Die Hände und die Kugeln haben sie gemeinsam. Könnte es auch noch andere Verbindungen geben?«

»Guter Punkt. Matty, schau dir das an.«

Matty nickte. Sergeant McCallister steckte den Kopf durch die Tür.

»Kann ich mich dazusetzen, Jungs? Ich halte auch den Schnabel.«

»Alan, wir wären Ihnen für jeden Beitrag dankbar.«

McCallister setzte sich neben mich. Ich trank einen Schluck Kaffee und fuhr dann fort: »Ich weiß nicht, was Sie davon halten, aber ich schätze, der Schlüssel zu dieser Untersuchung ist Opfer Nummer eins. Tommy Little. Wo wurde er umgebracht, wann wurde er umgebracht, mit wem lebte er zusammen?«

Matty nahm ein Blatt Papier in die Hand. »Den Unterlagen zufolge gibt es keine Verwandten in Irland. Ein älterer Bruder in Australien. Little hat als Fahrer und, Zitat: ›Sicherheitsmann‹ für Sinn Fein gearbeitet. Ein einsamer Mensch, könnte ich mir vorstellen.«

»Ja, trotzdem müssen wir herausfinden, wo er sich herumgetrieben hat, oder? Ein Nachbar, ein Freund. Irgendjemand muss doch was wissen«, beharrte ich.

»Es wird keiner mit uns reden. Und wenn wir dorthin fahren, werden wir gelyncht. Er hat in der Falls Road gewohnt«, sagte Matty.

»Er hat recht. Die haben da eine klare Politik Bullen gegenüber: Egal, was du sagst, sag nichts«, fügte Crabbie hinzu.

Ich schüttelte den Kopf. »Einer von denen wurde von einem Verrückten ermordet. Ich schätze, die werden kooperieren.«

Alan legte mir eine Hand auf den Arm. »Entschuldigung, Sean … Die IRA findet heraus, dass einer von denen bei irgendeiner schäbigen Schwulennummer umgebracht wurde? Ich gehe davon aus, dass sie die ganze Angelegenheit unter den Teppich kehren und so tun würde, als hätte es ihn nie gegeben. Was, wenn die Geldgeber in Massachusetts herauskriegen, dass ihre schwer verdienten Dollar an einen Haufen Schwuchteln gehen? Nein, nein, nein. Wenn Sie da hingehen, werden Sie auf eine Wand des Schweigens stoßen.«

Da hatte er wohl recht. Aber wenn wir die Sache mit Tommy Little nicht verfolgten, hatten wir gar nichts. Andrew Young war in seinem Haus ermordet worden, es gab keine Zeugen, keine Spuren. Youngs Akte war weiß wie Schnee, keine Anschuldigungen wegen Missbrauchs, keine Beschwerden. Er mochte schwul gewesen sein, aber er schien sechzig Jahre lang ein weitgehend zölibatäres Leben geführt zu haben. Klar, wir verfolgten jede Spur, die wir bei Andrew Young finden konnten, aber es wäre dumm, nicht auch alles auszugraben, was wir über Little finden konnten, selbst wenn das hieß, dem Feindesland einen weiteren Besuch abzustatten.

»Wir haben nichts anderes. Wir müssen das verfolgen«, sagte ich.

»Also, nach dem, was letztes Mal passiert ist, kriegt mich keiner nach West Belfast. Wir hocken da wie auf dem Präsentierteller. Ich geh mit ins Maze, aber nicht nach West Belfast«, erklärte Matty.

»Hast du nicht gehört, was Sean über deine Memoiren gesagt hat? Da könnte ein ganzes Kapitel draus werden«, flachste Crabbie.

»Wenn ich jemals ein Buch schreibe, dann übers Fliegenfischen. Ich fahre nicht in die Falls Road.«

Crabbie ging zum Automaten und holte uns Kaffee. Als er zurückkehrte, brachte er Neuigkeiten mit. »Die Uniformierten, die wir zu Littles Haus geschickt haben, sagen, es sei leer. Gut für uns, wenn das stimmt. Für ein leeres Haus brauchen wir keinen Durchsuchungsbefehl.«

»Toll. Ich meine, stellt euch mal vor, wenn da am Kühlschrank eine Nachricht klebt: ›Bin bei X, hoffentlich bringt er mich nicht um.‹«

Alan lachte.

»Er wollte sicher zu einem der bekannten Schwuchteltreffs«, riet Crabbie.

»Aye, aber wo? Wo geht man hin, wenn man in Carrickfergus oder Belfast schwul ist? Gibt es da ein Stammlokal? Eine öffentliche Toilette?«

Matty und McCrabban wirkten schon allein bei dem Gedanken peinlich berührt. Und sie hatten absolut keine Ahnung – oder taten so.

»Kennt hier überhaupt jemand einen Schwulen?«

»Nein, danke!«, erboste sich Crabbie.

»Es macht einen noch nicht zur Tunte, eine Tunte zu kennen«, beruhigte ich ihn.

»Aber helfen tut es auch nicht, oder?«

»Na, frag mal herum, okay?«, beharrte ich.

»Wen denn?«, wollte Matty wissen.

»Keine Ahnung. Lasst eure Phantasie spielen! Geht auf die öffentlichen Toiletten und fragt die Perverslinge, die da rumhängen.«

»Dann halten die mich ja auch für einen!«, sagte Matty entsetzt.

»Und lasst uns als Erstes den Wagen von Little finden, da müssen Spuren zu finden sein.«

Als sich alle Notizen gemacht hatten, stand ich auf. »Okay, Leute, wir sind uns also einig, wir schauen uns mal Tommy Littles Haus an der Falls Road an. Matty, du kontrollierst entweder die Toiletten oder fährst mit uns.«

»Na gut, ich übernehme die verdammten Klos. Ihr seid schon alt. Ich hab noch das ganze Leben vor mir. So was wie das letzte Mal mache ich nicht wieder mit.«

»Was war denn letztes Mal?«, wollte Alan wissen.

»Ach, nichts, ein paar Burschen haben ein paar Flaschen nach uns geworfen. Keine große Affäre«, wiegelte ich ab.

Alan schaute ernst. Natürlich hatte ich nichts davon in meinen Bericht geschrieben, das machte die Sache nur noch schlimmer.

»Ich gehe mit, ich fahre, und wir nehmen ein paar Mann Kanonenfutter mit, nur so zum Spaß«, sagte Alan.

Ich sah Crabbie an.

»Ich würde das Angebot annehmen, Chef. Sergeant McCallister ist der beste Fahrer des Reviers«, sagte er.

»Die Shankill Road sieht unseren Marsch, für die armen Bullen gibt’s nen Tritt in den Arsch«, sang Matty fröhlich.

»Na, hoffentlich nicht«, meinte Crabbie mit besorgtem Blick und gerunzelter Stirn.