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INS GRAB BEISSEN

Wenn man den Zeitungen Glauben schenken konnte, dann gab es in der Welt nur zwei wichtige Dinge: die Royal Wedding und den Hungerstreik der IRA; ein Brennpunkt war die Barockkuppel der St Paul’s Cathedral, London, der andere die Mitte eines sauren, sumpfigen Teils des Lagan Valley westlich von Lisburn – das Maze-Gefängnis.

Das Maze war 1971 im Nachklang der desaströsen Operation Demetrius errichtet worden, dem verzweifelten Versuch, die Unruhen einzudämmen, indem man Hunderte vermeintliche IRA-Mitglieder verhaftete. Zu Beginn waren sie in Hütten auf dem Gelände der früheren RAF-Basis in Long Kesh untergebracht worden, doch schließlich wurde um sie herum das Maze-Gefängnis errichtet, mit seinem riesigen Zaun und den acht aus Beton errichteten »H-Blocks«.

Viele der Einsitzenden hatten keinerlei Verbindung zur IRA gehabt, doch das hatte sich nach sechs Monaten oder gar einem Jahr Inhaftierung durch die Briten mit Sicherheit geändert. Die Briten waren schon immer Experten darin gewesen, in Irland bei jeder sich bietenden Gelegenheit Öl ins Feuer zu gießen: Niederschlagung des Osteraufstandes, Bloody Sunday, »Internment«-Politik – alles hervorragende Rekrutierungsmaßnahmen für die Radikalen.

Nach dem Ende der Internierungen und der Freilassung der Gefangenen wurde entschieden, dass IRA-Mitglieder nur dann ins Gefängnis kommen sollten, wenn sie auch tatsächlich wegen eines Verbrechens verurteilt worden waren: Mord, Verschwörung mit dem Ziel eines Bombenattentats, illegaler Waffenbesitz usw. Zu Beginn waren den IRA-Häftlingen allerdings besondere Bedingungen zugestanden worden, weil man ihre Verbrechen als politisch bedingt erachtete.

1976 entzog der Staatssekretär für Nordirland ihnen diesen Status allerdings wieder. Die Gefangenen protestierten auf vielerlei Weise dagegen; am bekanntesten waren die Weigerung, Gefängniskleidung zu tragen, und das Beschmieren der Zellenwände mit Exkrementen.

1979 kehrten die Tories an die Macht zurück, und natürlich weigerte sich Mrs Thatcher, »Terroristen nachzugeben«, und wollte nichts vom Sonderstatus wissen. Damit begannen die Hungerstreiks. Ich hatte dafür durchaus Sympathien gehegt. Bobby Sands, Frankie Hughes und die anderen versuchten einfach nur, den Status quo ante von 1976 zu erwirken.

Bobby Sands’ Wahl zum Parlamentsabgeordneten und sein Ableben nach sechsundsechzig Tagen Hungerstreik waren in Irland das Medienereignis des Jahrzehnts gewesen, und die Rekrutierungsoffiziere der IRA hatten Hunderte von jungen Männern und Frauen abweisen müssen. Es tat meinem Seelenfrieden durchaus nicht gut zu wissen, dass ich für dieselben Leute in London arbeitete, die sich derartig inkompetent gezeigt hatten.

Matty fuhr bis an die Gefängnismauern, grau und dick und gekrönt von Bandstacheldraht. Ich schaltete die Kassette mit Led Zeppelins Presence aus, das selbst nach einem Dutzend Hörversuchen immer noch beschissen war. Matty seufzte erleichtert.

Es regnete wie aus Eimern, und der Wachoffizier verließ gar nicht erst sein Wachhäuschen, um den Dienstausweis zu kontrollieren, den ich hochhielt. Auch das weckte nicht gerade tiefstes Vertrauen in mir.

»Alles, was du brauchst, um hier reinzukommen, ist ein geklauter Polizei-Land-Rover«, murmelte ich Matty zu. Wir beide waren noch nicht mal in Uniform. Ich trug einen schwarzen Pullover mit Polokragen unter meiner Lederjacke, Matty so eine Art Piratenbluse, die er wohl an Adam Ant bei Top of the Pops gesehen hatte.

Das schwere Stahltor glitt beiseite, und ich fuhr auf einen kleinen Parkplatz im Windschatten eines Wachturms aus braunem Beton.

»Es wird fürchterlich hier drin, richtig?«, fragte Matty.

Ich nickte grimmig. Ich konnte ahnen, wie es im Krankenhausflügel des Gefängnisses aussehen musste, mit einem Dutzend ausgemergelter Männer am Tropf, die herzzerreißend langsam dahinsiechten, während Familienangehörige weinten und Priester die Letzte Ölung gaben.

»Aye, Matty, so wird’s wohl sein.«

Zum Glück waren wir früh aufgekreuzt. Es war noch nicht neun, die Journaille lag noch im Bett, und der Regen hatte die Demonstranten verjagt, mit denen wir vor den Toren hätten rechnen sollen, wie man uns gesagt hatte.

Ein untersetzter, blaugesichtiger Mann beäugte mich mürrisch durch das kugelsichere Glas.

»Sergeant Duffy, Carrickfergus RUC. Ich möchte zu Seamus Moore«, erklärte ich.

»Unterschreiben Sie hier«, erwiderte er und schob mir durch einen waagerechten Schlitz ein Klemmbrett hin.

Ich unterschrieb und reichte ihm das Klemmbrett zurück. Von meinem Ausweis wollte der Mann nichts wissen. Ich warf Matty einen sarkastischen Blick zu und schüttelte den Kopf. Ein Summer ertönte, eine Eisentür ging auf.

Damit waren wir im Hauptbereich des Gefängnisses. Die acht H-Blocks waren in getrennte Flügel für Republikaner und Loyalisten aufgeteilt – genauer gesagt, in verschiedene Flügel für die verschiedenen republikanischen und loyalistischen Splittergruppen. Es gab also einen Flügel für die Provisional IRA, einen Bereich für die INLA, die UVF, einen Flügel für die UFF/UDA und bestimmte Bereiche für die zahlreichen kleineren Gruppierungen.

»Sergeant Duffy?«, fragte ein älterer Mann mit traurigem Gesicht und grauem Schnurrbart in Gefängniswärteruniform unter einem schwarzen Regenschirm hervor.

»Das bin ich.«

»Ich bin Davey Childers, Verbindungsoffizier RUC.«

Wir gaben uns die Hand.

»Wir haben dafür gesorgt, dass Sie Moore im Besucherraum treffen können.«

»Er liegt nicht im Krankenhaus?«

»Nein, nein, er ist erst seit einer Woche im Streik. Ist noch nicht nötig.«

Ich sah Matty an, wir waren beide erleichtert.

Wir gingen durch eine Reihe von eng umzäunten Durchlässen, die mit Stacheldraht überspannt waren, bis wir zu einem bunkerartigen, eingeschossigen Gebäude kamen, das ebenfalls von Stacheldraht umringt war.

Hier sah es nicht aus wie in einem der viktorianischen Gefängnisse in England, deren achtunggebietende neogotische Architektur aus roten Ziegeln den Insassen die schiere Macht des Staates verbildlichen und sie dadurch einschüchtern sollte – nein, Maze wirkte zusammengeschustert, schäbig, provisorisch, und das Einzige, was es verbildlichte, war, wie sehr die gegenwärtige britische Irlandpolitik von kurzzeitigem Denken beherrscht war.

Wir durchquerten eine Reihe von Schleusen, gaben unsere Waffen ab, streichelten einen freundlichen Drogenhund und sahen uns recht bald einem recht gesund wirkenden Seamus Moore gegenüber, der an einem langen Resopaltisch saß und wartete. Er war bärtig, langhaarig und trug einen Pyjama. Er rauchte eine Zigarette und trank wohl Tee.

»Ich wusste gar nicht, dass man dabei Tee trinken darf«, murmelte Matty.

»Behalt das für dich, wir wollen nicht, dass er beleidigt abhaut«, zischte ich.

Wir setzten uns an den Tisch, ich stellte uns vor. Seamus war ein gut aussehender, kleiner nervöser Kerl mit grünen Katzenaugen, hochgezogenen Augenbrauen und einem leicht verschlagenen Grinsen. Eine violette Narbe reichte ihm vom Kinn bis zur Unterlippe, aber die lenkte nicht von seinem offenherzigen, hübschen Gesicht ab. Er war dünn, wirkte aber nicht sonderlich ausgemergelt. Er saß eine Haftstrafe wegen illegalen Waffenbesitzes ab, aber das hatte ihm nur zweieinhalb Jahre eingebracht. Warum er es auf sich genommen hatte, in den Hungerstreik zu treten, war mir ein Rätsel. Ein Lebenslänglicher oder einer mit zehn Jahren Haft vor sich, das konnte man ja verstehen, aber doch nicht einer, der in zwölf Monaten auf Bewährung rauskam. Vielleicht wollte er nur seine Position verbessern und würde zu denen gehören, die nach vierzehn Tagen »auf Drängen der Familie« wieder aufhörten.

»Du hast fünf Minuten, Bulle«, sagte er. »Ich habe um halb neun ein Interview mit dem Boston Herald

»Also gut. Ich möchte Ihnen als Erstes mein Beileid aussprechen, Seamus. Ich habe Ihre Frau gefunden«, erklärte ich.

»Ex-Frau.«

»Egal. Ex-Frau.«

»Selbstmord, richtig?«, fragte er.

»Sieht so aus.«

»Blöde Kuh. Und schwängern hat sie sich auch noch lassen, richtig?«

»Woher wissen Sie das?«, wollte ich wissen.

Er lachte und blies Rauch aus. »Man hört so manches, und man weiß nicht woher«, sagte er.

Seine Einstellung musste mal dringend überholt werden, aber das war nicht meine Aufgabe – ich musste sehr vorsichtig mit ihm umgehen. Jeden Augenblick konnte er sich umdrehen und in seine Zelle zurückmarschieren, und ich würde nicht das Geringste dagegen unternehmen können.

»Wann haben Sie das letzte Mal von Lucy gehört?«

Er schüttelte den Kopf. »Was weiß ich? Letzten November? Nachdem die Scheidung durch war. Sie meinte, ich würde ihr noch zweitausend Pfund für ihren Wagen schulden, aber das war völliger Blödsinn. Wir hatten uns geeinigt, dass meine Ma diesen winzigen Mini kriegen sollte. Ich schuldete ihr gar nichts.«

Er drückte die Kippe im Aschenbecher aus, zündete sich die nächste an und sah auf die Uhr. »Ich hab gehört, sie ist nach Cork abgehaun«, fügte er noch an.

»Und woher wissen Sie das?«, fragte ich.

»Na, weil sie doch Postkarten an ihre Ma und ihre Schwester Claire geschickt hat. Ich mein, wer haut schon nach Cork ab, verdammt? So eine blöde kleine Kuh. Wenn du schon nen Braten in der Röhre hast, dann fährst du doch ins verfickte London und lässt es dir wegmachen.«

»Ich hätte gedacht, Sie würden sauer sein, dass sie schwanger wurde, während Sie hier einsitzen?«

»Ist mir doch scheißegal. Wir waren geschieden. Meinetwegen kann sie den beschissenen Prince Charles heiraten.«

»Sie haben also seit Weihnachten nichts von ihr gehört?«

»Nein«, erklärte er mit dünnlippiger Entschlossenheit.

»Haben Sie sie jemals bedroht, Seamus?«

»Einen Scheiß hab ich. Seit letztem Jahr habe ich keine zwei Sekunden daran verschwendet, an sie zu denken.«

»Sie hätten also nichts dagegen gehabt, wenn sie sich mit jemand anderem eingelassen hätte?«

»Bist du taub, Bulle? Ich hab doch schon gesagt, ist mir scheißegal.«

Ich rieb mir das Kinn und sah Matty an, aber der hatte auch keine Fragen mehr.

»Kann ich eine Zigarette schnorren?«, fragte ich.

»Nur zu«, sagte er.

Ich zündete mir eine Benson & Hedges an und gab Matty auch eine.

»Wie kommt ein Mann darauf, sich zu Tode zu hungern?«, fragte ich.

»Für Irland!«, verkündete Seamus lautstark.

»Wissen Sie, was mein Friseur gesagt hat?«

»Und was hat der verdammte Friseur gesagt?«

»Er sagte, Nationalismus ist ein überholtes Konzept. Es handelt sich nur um ein Werkzeug der Kapitalisten, um die Arbeiter zu spalten und sie zu unterdrücken.«

Seamus schüttelte den Kopf. »In einem freien Irland werden Katholiken und Protestanten, reich und arm, vereint sein!«, sagte er.

»Und das glauben Sie wirklich? Das also ist in der Republik auch eingetreten?«

Er stand auf. »Ich hab genug, Bulle. Ich hab mit wichtigen Leuten zu reden.«

»Seamus, setzen Sie sich. Sie haben gesagt, Sie geben mir fünf Minuten. Also. Is neamhbhuan cogadh na gcarad; má bhíonn sé crua, ní bhíonn sé fada«, sagte ich in dem irischen Dialekt, mit dem ich aufgewachsen war.

Das Gälisch verdutzte ihn, er blinzelte ein paarmal, setzte sich aber wieder.

»Können Sie sich vorstellen, warum jemand Ihre Frau lieber tot sehen wollte?«, fragte ich.

»Jemand hat sie umgebracht?«, fragte er, anscheinend wirklich überrascht.

»Wir warten noch das Urteil des Untersuchungsrichters ab. Es sieht zwar aus wie Selbstmord, aber man kann nie wissen. Ich fragte mich nur gerade, ob jemand ihr den Tod wünschte.«

Seamus schüttelte den Kopf, aber ich sah, dass er Zweifel hatte. »Ich glaube nicht«, meinte er schließlich.

»Aber …?«, hakte ich nach.

»Na ja«, sagte er, sah sich um und sprach leiser. »Die Konservativen unter uns nehmen es vielleicht nicht auf die leichte Schulter, dass sie sich ein Kind andrehen lässt, während ich einsitze.«

»Trotz der Scheidung?«, fragte ich.

Seamus lachte. »Vor den Augen der Kirche gibt es keine Scheidung, oder?«

Ich wollte gerade nachsetzen, doch in diesem Augenblick brüllte uns jemand von der anderen Seite des Besucherraums an. »Was ist denn hier los?«

Ich drehte mich um und sah den Präsidenten von Sinn Fein, Gerry Adams, und einen anderen großen Mann, den ich nicht kannte, auf uns zumarschieren. Matty und ich standen auf.

Adams tobte. »Sind Sie Polizist? Sind Sie ein Bulle? Wer hat Ihnen erlaubt, mit einem der Märtyrer zu sprechen?«, wollte Adams wissen.

»Sollten Sie mit dem Ehrentitel Märtyrer nicht warten, bis sie tot sind?«, erwiderte ich.

Falsche Reaktion. Adams sträubte sich der Bart.

»Wer hat Ihnen erlaubt, mit einem unserer Kameraden zu sprechen?«

»Ich untersuche den Tod seiner geschiedenen Frau.«

Der andere Mann baute sich vor mir auf. »Es ist Ihnen nicht gestattet, ohne Anwesenheit eines Anwalts mit irgendeinem der Inhaftierten in unserem Flügel von Long Kesh zu sprechen«, stellte er in einem weichen Internatsakzent fest, der fast Englisch war.

»Seamus macht es nichts aus«, beharrte ich.

Der andere Mann ging gar nicht darauf ein. »Seamus, geh in deinen Abschnitt zurück. Denk dran, du wartest auf einen Anruf aus Amerika!«

»Okay, Freddie«, lenkte Seamus ein, nickte mir leicht zu und verschwand schnell in Richtung Ausgang.

»Und nun sollten Sie Ihrer Wege gehen, Polizist«, sagte ›Freddie‹. Er war ein großer Bursche, eins neunzig, kräftig gebaut, aber er wirkte völlig gelassen. Er hatte einen dunkleren Teint, trug einen maßgeschneiderten Anzug und eine grüne Seidenkrawatte. Sein schwarzes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Auf einem kleinen Schild am Revers stand »PRESS OFFICER«. Adams trug seinen üblichen weißen Aran-Pullover und wirkte neben seinem Begleiter ein wenig abgerissen. Das war noch nicht alles. Freddie hatte dunkelbraune – fast schwarze – Augen und eine lange, europäisch wirkende Nase; ein gut aussehender Kerl, der das auch wusste. Adams wirkte mit seinem Vollbart, der dicken Brille und den ungekämmten braunen Haaren mit den grauen Strähnchen ganz wie ein verschwiemelter linker Geschichtslehrer.

»Sie sind nicht zufällig Freddie Scavanni, oder?«, fragte ich den anderen Mann.

»Und wenn?«, fragte er sichtlich betroffen.

»Ich habe versucht, auch mit Ihnen ein kleines Gespräch zu führen«, erklärte ich. »Ich habe gestern zwei Mal bei Sinn Fein angerufen, bin aber nicht weitergekommen.«

»Wir führen keine kleinen Gespräche mit der Polizei«, sagte Freddie. Adams und Freddie drehten sich um und wollten gehen.

»Einen Moment, die Herren, es dauert nur zwei Sekunden«, sagte ich.

»Wir haben heute Morgen viel zu tun und müssen ins Hauptquartier zurück«, entgegnete Adams.

»Ich brauche nur eine Sekunde Ihrer Zeit«, beharrte ich und stellte mich ihnen in den Weg.

Man ging allgemein davon aus, dass Gerry Adams im Militärrat der IRA saß und deshalb so gut wie jeden in Irland jederzeit töten lassen konnte, wenn ihm danach war. Aus seinem Mund den Satz: »Gehen Sie uns aus dem Weg, Constable, sonst werden Sie das noch bedauern«, zu hören, war also eine solide Anzahlung auf ein gutes Jahr voller Alpträume.

»Aye, lass uns frische Luft schnuppern, Gerry«, sagte Freddie.

»Einen Augenblick! Sie werden sich das sicher anhören wollen. Ich denke, wir können uns gegenseitig helfen«, sagte ich.

»Wie das?«, wollte Adams wissen.

»Wir haben gestern miteinander telefoniert, Mr Adams. Ich bin der leitende Ermittler im Fall Tommy Little, und ich muss mit Mr Scavanni über Tommy reden. Tommy war auf dem Weg zu Mr Scavanni, bevor er verschwand.«

Ich hatte gehofft, Adams mit dieser Information vielleicht zu überraschen, aber offenbar wusste er es bereits. Das ergab Sinn. Scavanni würde nicht mehr für Sinn Fein arbeiten, wenn er nicht von der IRA überprüft und entlastet worden wäre.

»Es geht hier augenscheinlich um einen Serienmörder, der es auf Homosexuelle abgesehen hat, Mr Adams. Das ist eine ziemlich sensationelle Story, und sobald der Ripper-Prozess in England vorüber ist, werden die britischen Schundblätter sich verzweifelt auf so etwas stürzen, bis es mit der Royal Wedding endlich so weit ist. Hier treffen sich unsere Interessen. Sie möchten, dass sich die Presse weiter auf die Hungerstreiks konzentriert. Wenn aber diese Mörderstory Fahrt aufnimmt, sind das schlechte Neuigkeiten für Sie und Ihre Jungs. Stellen Sie sich mal vor, die sterben für Irland, aber niemanden kümmert’s, weil der neue Irish Ripper die Schlagzeilen beherrscht. Das wird Ihnen gar nicht gefallen, richtig?«

Adams schüttelte wegwerfend den Kopf. »Mir gefällt Ihr flapsiger Ton nicht, junger Mann. Sie ziehen eine wichtige Sache in den Schmutz. Also, wenn es Ihnen nichts ausmacht …«

»Ein Mann der IRA wird in einem Atemzug mit einem Schwulenkiller genannt? Ist das tatsächlich die Art von Ablenkung, die Sie sich diesen Sommer leisten können? Wäre es Ihnen nicht lieber, Mr Scavanni hier würde mit uns kooperieren, mir sagen, was er weiß, mir behilflich sein, diesen Irren zu schnappen? Schwuppdiwupp: Ablenkung vorüber, der Hungerstreik ist erneut die Hauptstory, und der mutige Kampf Ihrer Freiwilligen kann wieder den ihm gebührenden Platz auf den Titelseiten einnehmen.«

Adams sah Scavanni an, der nur mit den Schultern zuckte. Ich merkte, dass dies beiden sinnvoll erschien.

»Wie gesagt, mir gefällt Ihr Ton nicht, aber in diesem Fall denke ich, haben wir tatsächlich gemeinsame Interessen. Wir, ähm, wir haben noch keine großen Fortschritte darin erzielt, herauszufinden, wer Tommy Little umgebracht hat«, erklärte Adams.

»Mr Scavanni?«, fragte ich.

»Ich bin mir nicht sicher, wie ich Ihnen behilflich sein kann. Tommy war nie bei mir, aber wenn Sie darüber reden wollen, dann kommen Sie heute Mittag in mein Büro. Bradbury House Nummer 11«, sagte Scavanni. »Ich gebe Ihnen eine Viertelstunde.«

»Sehen Sie, ich wusste doch, wir werden ganz schnell Freunde«, meinte ich und zwinkerte Matty zu.

»Wir könnten ja mal zusammen ins Kino gehen«, sagte Matty, ohne eine Miene zu verziehen.

»Aye, wenn nur diese frechen Kerle endlich mal aufhören würden, alle Kinos in die Luft zu jagen.«

Adams und Scavanni wendeten sich angewidert ab und gingen.

Als sie verschwunden waren, erlaubten sich Matty und ich ein kleines Lachen.

Ich war recht zufrieden mit unserer Arbeit, und als wir wieder im Land Rover saßen, legte ich eine Kassette von Stiff Little Fingers auf. Es goss in Strömen, und der Regen kam seitlich von Lough Neagh herein. Matty war kein Fan von Stiff Little Fingers und das, was wir erreicht hatten, beeindruckte ihn auch nicht besonders. »Reine Zeitverschwendung«, murmelte er.

»Wir haben einen Termin mit Scavanni.«

»Na und, noch so eine lausige Fahrt nach Belfast. Noch so ein sinnloses Gespräch. Er ist IRA, er wird uns gar nichts sagen. Und wenn, welchen Unterschied macht das? Er sagt, Tommy Little sei nie bei ihm aufgetaucht, und wenn das gelogen ist, hätte die IRA das herausgefunden, und er würde nicht direkt neben dem verdammten Gerry Adams stehen, oder?«

Da hatte er recht, aber mir gefiel Mattys negative Einstellung nicht. Wenn McCrabban mal anderer Meinung war, saß er einfach da und sagte nichts. Und wenn er derselben Meinung war, saß er auch da und sagte nichts.

»Ich verstehe einfach nicht, wie uns das in unseren Untersuchungen weiterbringen soll«, fuhr Matty fort.

»Wir haben Fortschritte gemacht! Ich glaube nicht, dass der Ex Lucy hat umbringen lassen«, erwiderte ich, drehte lauter und stellte die Scheibenwischer auf schnell.

»Das haben wir vorher auch geglaubt. Wir haben geglaubt, dass niemand sie umgebracht hat«, protestierte Matty.

Wir fuhren zum Tor hinaus an einer langen Reihe von Demonstranten, Presseleuten und anderem Gesocks vorbei, das vor dem Zaun wartete.

»Diese verdammten Hungerstreikenden, die werden nie gewinnen«, meinte Matty säuerlich.

»Was ist denn mit dir los? Stehst du nicht auf Seiten der Unterdrückten? Du würdest wohl auch für den Sheriff von Nottingham einstehen.«

»Wir sind der Sheriff von Nottingham, Sean.«

Ich hielt den Land Rover auf einem Hügel, auf dem sich die Kameraleute um die beste Position stritten, um einen Blick auf die H-Blocks zu erhaschen.

»Hallo, mein Freund, ich gebe Ihnen zwanzig Pfund, wenn ich mal vom Dach Ihres Fahrzeugs aus ein paar Bilder machen kann«, sagte ein amerikanischer Fotograf zu mir, als ich zur Beifahrerseite ging.

»Also, das ist ja wohl die Höhe. Wir sind doch nicht in Bongo-Bongo-Land. Wir sind die unbestechlichen Vertreter der Regierung Ihrer Majestät der Queen. Allerdings könnte ich eine Spende von hundert Pfund an die Witwenkasse der Polizei akzeptieren, wenn Sie schnell machen.«

Der Mann kletterte auf die Motorhaube, machte ein paar hübsche Bilder und drückte mir zwei frische Fünfziger in die Hand. Ich gab Matty einen Schein und steckte den anderen selbst ein.

Matty legte einen Gang ein und fuhr zur M2. »Wohin?«, fragte er.

»Zu Betty Dennis, dem Blumenladen auf der Scotch Quarter in Carrick.«

Wir entgingen der Rushhour und waren in einer Viertelstunde wieder in Carrickfergus. Die Dockarbeiter hatten zum Streik aufgerufen, deshalb hatten sich vor dem Supermarkt und dem Gemüsehändler aus lauter Panik Schlangen gebildet, aber niemand wollte seine paar Kröten für Blumen vergeuden, also hatte ich bei Betty Dennis keinerlei Probleme. Ich kaufte einen Strauß Nelken, eine nette, neutrale Blumenart. Langweilig, aber neutral.

»Carrick Hospital«, sagte ich zu Matty.

Wir stellten den Rover ab und gingen mit den Blumen zur Aufnahme. Hattie Jacques bemühte sich nicht um ein Lächeln. Ich gab ihr die Blumen.

»Die sind für Dr. Cathcart«, erklärte ich.

»Ich werde sie ihr geben«, erklärte Hattie.

»Ist sie da?«

Hattie sah mich streng an. »Dr. Cathcart hat mir ausdrücklich aufgetragen, weder Sie noch sonst irgendeinen Polizisten in die Chirurgie vorzulassen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich habe zu arbeiten.«

Matty grinste, klopfte mir auf die Schulter und führte mich hinaus in den Regen. »Das ist heftig, Mann, die Frau Doktor ist kein Fan von dir. Sie hat dich abgeschossen! Wie den Roten Baron«, führte er aus.

»Der Rote Baron hat die anderen abgeschossen.«

»Aber nicht am Ende, Sean. Nicht am Ende!«

»Ach, halt den Mund! Halt den Mund und fahr uns zu Lucy Moores Haus. Ich hab die Adresse auf die Straßenkarte geschrieben.«

»Wird gemacht, Chef, wird gemacht«, sagte er und lachte wieder.

Lucys Eltern wohnten auf einer großen Farm unweit von Carrickfergus. Ihr Vater, Edward O’Neill, war ein Nationalist der alten Schule, einer der wenigen katholischen Parlamentsabgeordneten in der Stormont Assembly, und genoss in republikanischen Kreisen noch immer einen guten Ruf. Die O’Neills hatten drei Kinder, zwei Mädchen, Lucy und Claire, und einen Sohn, Thomas. Claire war Vertragsanwältin mit Sitz in Dublin und London, Thomas war Rechtsanwalt in London. Lucy musste wohl das schwarze Schaf gewesen sein, das einen Nichtsnutz wie Seamus Moore geheiratet hatte.

Wir stellten den Wagen ab und wurden von Daphne O’Neill, einer vorzeitig gealterten, grauhaarigen Dame, in den Wintergarten geführt.

Edward saß mit einer Decke über den Knien am Fenster. Er war ein großer Mann, der tief gefallen war, ein König oder Politiker im Exil.

Wir tranken Tee und unterhielten uns.

Lucys Eltern hatten nichts mehr hinzuzufügen. Sie trauerten um ihr verlorenes Kind. Das Schlimmste, was auf der Welt geschehen konnte, war eingetreten. Chief Inspector Brennan hatte sie bereits informiert.

Sie waren um ein Kind beraubt worden, trieben ziellos auf dem Meer des Kummers. Sie zeigten uns die Postkarten und Briefe, die Lucy aus der Republik Irland geschickt hatte. Wir hatten Fotokopien davon in den Akten, und die Originale verrieten auch nicht mehr.

»Hat Lucy einem von Ihnen, oder vielleicht Claire, einen irgendwie gearteten Hinweis darauf gegeben, dass sie schwanger war?«

Lucys Mutter schüttelte den Kopf. Sie hatte hohe gewölbte Wangenknochen und einen würdevollen weißen Dutt. Ihr Gesicht war von Tränen benetzt, und in all diesem Schmerz wirkte sie ungeheuer schön.

»Keinen Piepser, man konnte auch nichts sehen, sonst hätte ich das schon zu Weihnachten bemerkt.«

»Traf sie sich mit jemandem? Hatte sie einen Freund oder eine neue Bekanntschaft?«

»Nein! Nicht, dass wir wüssten. Nach der Scheidung von Seamus? Nein. Sie hatte viele Freunde rings um Sinn Fein, aber wir alle fanden, es wäre besser, sich eine Weile bedeckt zu halten. Ach Lucy, mein liebes, liebes Mädchen. Ich begreife das nicht, ich begreife das einfach nicht!«

»Lebt das Baby noch?«, wollte Mr O’Neill wissen.

Ich bekam kein Wort heraus und sah Matty hilfesuchend an.

»Wir haben allen Grund zu der Annahme, dass dies im Bereich des Möglichen ist«, antwortete er zögernd. »Wir haben keinerlei Spuren im Woodburn Forest gefunden. In den Krankenhäusern und Missionen wurden in der letzten Woche fast zwei Dutzend Neugeborene abgegeben.«

Es wurde ganz still im Raum. Mr O’Neill räusperte sich und sah zum Fenster hinaus. Die langen Sekunden dehnten sich zu einer Minute.

»Ich weiß, was manche Leute sagen: Das sei eine irische Tradition. Ein ironischer Seitenhieb auf die Hungersnot. Ich finde daran nichts Ironisches. Sie vielleicht, Sergeant?«

Ich war vollkommen verwirrt. »Sir?«

»In Indien haben sich die Jin zu Tode gehungert, um Reinheit im nächsten Leben zu erlangen. Der Philosoph Atticus hat sich in Rom zu Tode gehungert, weil er krank geworden war und ein schnelleres Ende herbeiführen wollte. In Irland wurde ein solches Handeln noch nie als ehrenhaft angesehen. Ich weiß überhaupt nicht, wie diese so genannte Tradition in unser Land eindringen konnte.«

Darauf wusste ich keine Antwort. Offenkundig warf er den Hungerstreikenden vor, bei Lucy derart große Schuldgefühle hervorgerufen zu haben, dass sie sich selbst umgebracht hatte.

»Mr O’Neill, wenn wir herausfinden könnten, wo sie die letzten sechs Monate gewesen ist, würde uns das sehr dabei helfen, die Puzzleteile …«

»Wir wissen es nicht!«, fauchte Mr O’Neill. »Ich wünschte, wir hätten es gewusst.«

»Vielleicht weiß einer von Lucys Bekannten etwas?«, fragte ich.

»Wir haben alle immer und immer wieder danach gefragt!«, sagte Mr O’Neill und schlug mit der Faust in die flache Hand, um seine Worte zu unterstreichen.

»Wir möchten trotzdem gern mit ihnen reden«, beharrte ich.

Mrs O’Neill beruhigte ihren Mann, und die beiden nannten uns ein halbes Dutzend Namen, alles Personen, die das CID – also Matty und Crabbie – bereits befragt hatten.

Trotzdem fuhren wir zurück aufs Revier und telefonierten. Keiner hatte nach ihrem Verschwinden etwas von Lucy gehört, keiner wusste etwas von Freunden oder gar einer Schwangerschaft. Die Freunde waren Katholiken, wir waren die Polizei … Eine Mauer des Schweigens.

»Und was jetzt?«, fragte Matty.

Ich sah auf die Uhr. »Schätze, wir werden mal unseren neuen Freund Freddie Scavanni besuchen.«

Wir fuhren über die M5 nach Belfast. Ausgebrannte Busse. Ein zerstörter Saracen. Ein brennender Postwagen. Soldaten im Gänsemarsch. Den Land Rover stellten wir am RUC-Revier Queen’s Street ab.

Wegen der Brandbomben, Sprengsätze und Bombendrohungen waren die Straßen in die Innenstadt hinein gesperrt worden. Im Herzen Belfasts waren keine Autos erlaubt, und alle Kauflustigen und Zivilisten wurden an einem Dutzend hastig errichteter Kontrollpunkte durchsucht. Uniformierte Zivilkontrollbeamte klopften einen ab, sahen in die Taschen und winkten einen an Spürhunden vorbei. Hatte man den Kontrollpunkt hinter sich gebracht, konnte man sich in der Gegend um City Hall frei bewegen.

Der innere Bereich wurde zudem von Polizei und Armee bewacht, so dass die Quadratmeile der Belfaster Innenstadt eine der sichersten Einkaufszonen der Welt war. Bombenleger konnten nicht hinein, Räuber, Vergewaltiger und Ladendiebe nicht hinaus. Dennoch waren die Kontrollpunkte ein ziemliches Ärgernis, und manchmal dauerte es eine Viertelstunde, bis man hindurch war.

Natürlich konnten Kriminalbeamte in Zivil einfach ihre Ausweise vorzeigen und sich vordrängeln. Das brachte uns ein paar »verfluchte Schweine« und »SS RUC« ein.

Die Zivilkontrollbeamten waren vorwiegend Frauen, meist sogar recht attraktive junge Frauen – es brachte also nicht nur Vorteile, die Kontrolle umgehen zu können. Der Grund, warum sie allgemein als Zivilkontrollbeamte bezeichnet wurden, lag darin, dass man sie so von den Handlangern des britischen Imperialismus unterscheiden wollte: Polizei, Armee und Gefängniswärter. Es bestand die Hoffnung, dass die IRA kein Communiqué herausgeben würde, in welchem sie als »legitime Ziele« bezeichnet wurden, und bislang war das auch noch nicht geschehen. Anders sah es natürlich bei Matty und mir aus, wir konnten ungestraft ermordet werden.

Wir kamen zum Bradbury Place und fanden Bradbury House in einer gepflasterten Straße in der Nähe von Pottinger’s Entry. Es handelte sich um einen frisch renovierten Altbau, der in mehrere Ladenlokale aufgeteilt worden war: Optiker, Reisebüro, Friseur.

Suite 11 lag im zweiten Stock.

Das Büro war voller Schreiner und Maler und Männer in weißen Overalls, die Telefonleitungen verlegten.

Scavanni begutachtete mit einem der Elektriker zusammen einen verbauten Sicherungskasten, der wohl kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eingebaut worden sein musste. Er sah uns und kam mit ausgestreckter Hand auf uns zu, wirkte aber leicht gereizt, so als habe er eigentlich nicht damit gerechnet, dass wir tatsächlich auftauchen würden. Ich gab ihm die Hand.

»Mr Scavanni, wenn wir Sie für einen Augenblick entführen können«, sagte ich.

Er seufzte. »Also gut, Sergeant Dougherty, hier entlang.«

»Der Penner hat deinen Namen vergessen«, murmelte Matty, während wir ihm einen pastellfarben gestrichenen Flur entlang folgten.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, hat er nicht.«

Scavannis Büro war neu und leer, bis auf ein Telefon, einen Schreibtisch und ein paar Plastikstühle.

Er setzte sich hinter den Tisch, nahm seine Uhr ab und legte sie auf die Tischplatte. »Sie haben eine Viertelstunde«, sagte er.

Hinter ihm konnte man auf den Cornmarket hinausschauen, dort hatten sie Henry Joy McCracken und die anderen führenden Köpfe der nördlichen Sektion der United Irishman während der Rebellion von 1798 hingerichtet. Das war der letzte Aufstand, in dem Protestanten und Katholiken auf ein und derselben Seite gestanden hatten, seitdem hieß es nur noch divide et impera.

»Die Zeit läuft«, meinte Scavanni.

»Was wird das alles?«, fragte ich und wies auf die Büroräume.

»Ein zusätzliches Pressebüro für Sinn Fein. Wir erhalten am Tag tausend Anfragen für Interviews und Kommentare. Das ließ sich in der Falls Road einfach nicht mehr bewerkstelligen.«

»Und was genau tun Sie für Sinn Fein, Mr Scavanni?«

»Ich bin nur ein schlecht bezahlter Mitarbeiter.«

»Und was tun Sie für die IRA?«

Er verdrehte die Augen. »Sergeant, ich habe absolut nichts mit der IRA zu tun.«

»Was wollte Tommy Little in der Nacht seines Verschwindens bei Ihnen?«

»Verwaltungskram. Nichts sonderlich Interessantes.«

»Nun, etwas Interessantes muss daran schon gewesen sein. Er änderte schließlich seine Pläne dafür. Man hat uns gesagt, dass Tommy auf dem Weg zu einem gewissen Billy White war, dass er einen Anruf erhalten und gesagt habe, er wolle nun auch zu Ihnen.«

Freddie zuckte nicht zusammen. »Ach, Sie haben mit Walter gesprochen? Ja. Ich habe ihn angerufen. Ich wollte nur kurz mit ihm darüber reden, dass wir mehr Fahrzeuge brauchten. Tommy war einer unserer Fahrer, und wir mussten die Anzahl der Fahrzeuge für die amerikanischen Pressevertreter verdoppeln und verdreifachen.«

»Sie haben ihn angerufen, um über Autos zu reden?«

»Ja. Kontrollieren Sie die Telefonkontakte.«

»Machen wir«, sagte Matty.

»Und wie lange ging das Gespräch?«

»Soweit ich mich erinnere, haben wir die ganze Sache in etwa einer Minute abgehakt. Ich habe ihn gefragt, ob er für die US-Medien mehr Wagen zur Verfügung stellen kann, und er hat geantwortet, er würde sich darum kümmern.«

»Wenn also alles geklärt war, was wollte er dann bei Ihnen?«

»Ich habe keine Ahnung, warum Walter Ihnen erzählt hat, dass er zu mir wollte, aber ich weiß, dass er nicht bei mir war.«

»Haben Sie ihn Dienstagnacht überhaupt gesehen?«

»Nein.«

»Finden Sie es nicht ein wenig merkwürdig, dass er gesagt hat, er wolle zu Ihnen, dann aber nie aufgetaucht ist?«

»Ja, das wäre es schon, wenn er nicht irgendwo zwischen Belfast und meinem Haus eine Kugel in den Kopf bekommen hätte.«

»Wo leben Sie, Mr Scavanni?«

»In Straid.«

»Wo ist das?«

»Bei Ballynure«, erläuterte Matty.

»Und Sie haben keine Ahnung, warum Tommy das dringende Bedürfnis hatte, Sie persönlich aufzusuchen?«

»Nicht die leiseste. Ich habe ihn gefragt, ob er noch ein paar Wagen mehr für die amerikanischen Schreiberlinge auftreiben könne, und er hat gesagt, er würde sich darum kümmern. Ich dachte, damit wäre die Sache erledigt.«

»Was hat Tommy denn für die IRA gemacht?«, fragte ich ihn.

»Ich habe keine Ahnung. Ich weiß sehr wenig über die IRA. Ich bin Presseoffizier für Sinn Fein«, erklärte Scavanni.

»Werden Sie zu Tommys Beerdigung gehen?«

Scavanni zuckte mit den Schultern. »Ich bin sehr beschäftigt. Und so gut kannte ich ihn auch nicht.«

»Man hat uns mitgeteilt, dass Tommys Tod eine peinliche Sache ist. Keine militärischen Ehren, keine Ehrensalven, nichts dergleichen«, sagte ich.

»Mich können Sie das nicht fragen, ich weiß nichts darüber.«

Ich kam mit diesem Kerl nicht weiter. Ich sah Matty an und gab ihm unterm Tisch einen Tritt.

»Ihr Vater stammt aus Italien?«, wollte Matty wissen.

»Ja.«

Das war alles. Keine weiteren Fragen. Himmel, Matty.

»Was denken Sie über Schwule, Mr Scavanni?«

»Ich finde sie toll. Bleiben für uns andere mehr Frauen übrig«, meinte er sarkastisch.

»Was denkt Sinn Fein über Schwule?«

Er lachte. »Wir haben keine politische Position dazu.«

»Wo waren Sie am Abend des 12. Mai?«

»Zu Hause.«

»Allein?«

»Allein.«

»Wann sind Sie zu Bett gegangen?«

»Keine Ahnung. Um elf?«

»Was haben Sie den ganzen Abend gemacht?«

»Fern gesehen.«

»Und Sie sind direkt zu Bett gegangen?«

»Ja.«

»Und eingeschlafen?«

»Fast sofort.«

Ich runzelte die Stirn und biss mir auf die Lippen.

»Frankie Hughes ist am 12. Mai gestorben. Opfer Nummer zwei. Ganz Sinn Fein muss doch vor Aufregung aus dem Häuschen gewesen sein, und Sie sind ins Bett gegangen?«

»Ich konnte für Frankie nichts tun. Und ich wusste, dass der Mittwoch ein aufwühlender, anstrengender Tag werden würde. Und das war er auch, das kann ich Ihnen sagen.«

Freddie deutete auf die Uhr.

»Hören Sie, tut mir leid, aber … Zeit, meine Herren, bitte.«

Wir standen auf. Im Hinausgehen warf ich ihm, ganz Columbo, noch eine Frage hin: »Sie kannten nicht zufällig Lucy Moore, oder?«

»Welche Lucy?«, entgegnete er mit leerem Gesichtsausdruck.

»Seamus’ Frau.«

»Die Kleine, die sich aufgehängt hat?«

»Aye.«

»Leider nicht. Was hat die denn mit alldem zu tun?«

»Rein gar nichts, wie’s aussieht«, grummelte Matty.

»Sprechen Sie Italienisch, Mr Scavanni?«

»Natürlich.«

»Che gelida manina … Wissen Sie, was das heißt?«

»Na ja, offenbar ein Dialekt … Irgendwas mit Händen?«

»Ja.«

Er zeigte erneut auf die Uhr. »Meine Herren, bitte, die fünfzehn Minuten sind um.« Er deutete mit einem Gesichtsausdruck auf die Tür, der besagte, falls wir noch weitere Fragen hätten, sollten wir nicht zögern, uns zu verpissen.

Ich ging mit Matty in die Crown Bar, wir hatten ein fantastisches Pork Rib Stew und ein Guinness zu Mittag. Ein paar junge Frauen sägten eifrig auf Fiedeln und Gitarren herum und spendierten uns die irischen Klassiker über die Hungersnot, Pferde, die bösen Briten …

»Was denkst du, Chef?«, fragte Matty.

»Wegen Scavanni?«

»Aye.«

Ich trank einen Schluck. »Ich glaube, er verheimlicht was.«

»Denke ich auch.«

»Hast du die Schreibmaschinen gesehen? Alles elektrisch.«

»Aye. Hast du gehört, was er über Tommy gesagt hat? ›Ich habe keine Ahnung, warum Tommy zu Walter gesagt hat, dass er zu mir wollte.‹ Was hat das zu bedeuten?«

»Dass Walter lügt?«

»Oder dass Tommy Walter angelogen hat? Und was sollte die Ahnungslosigkeit wegen Lucy, wo er doch wusste, dass sie der Grund war, warum wir heute Morgen im Maze waren? War er so sehr damit beschäftigt, etwas Wichtiges zu verheimlichen, dass er beschlossen hat, alles zu verheimlichen?«

»Da komm ich nicht mit«, räumte Matty ein.

Wir aßen zu Ende, quatschten noch eine Weile mit den Kollegen auf dem Revier Queen’s Street, kontrollierten zwanzig Minuten lang die Unterlagen bei British Telecom (Scavanni hatte tatsächlich in der Nacht des 12. Mai bei Tommy angerufen) und arrangierten ein Treffen mit Billy White.

Dann holten wir den Land Rover ab und fuhren ins Rathcoole Estate in Nord-Belfast, ein protestantisches Ghetto aus nichtssagenden, düsteren Wohntürmen und Straßen voller heruntergekommener Reihenhäuser. Kaum Läden, viel Beton, viele Graffiti, keine Arbeit, nichts, was die Kinder tun konnten, außer sich einer Bande anzuschließen.

Sie bewarfen uns zwar nicht mit Molotowcocktails, als wir in die Siedlung fuhren, aber von den vier Türmen herab regnete es eine ordentliche Ladung Eier und Milchkartons.

Wir kamen in die Einkaufsmeile und fanden recht schnell Billy Whites Bude, eingeklemmt zwischen einem Wettbüro und einem Spirituosengeschäft. Das Ladenschild verkündete großspurig: »Rathcoole Loyalistischer Pool-, Snooker- und Billardsalon«.

Die Graffiti an den Wänden ringsum verkündeten, dies sei das Territorium der UVF, der RHC (Red Hand Commando, eine weitere illegale protestantische Miliz) und Rathcoole KAI, einer Gruppe, von der ich noch nie gehört hatte.

Der Eingang war mit einem kugelsicheren Gitter versehen, auf der Straße gab es Bremsschwellen, und ein halbes Dutzend Burschen in Jeans und Jeansjacken hockten draußen herum. Matty und ich stellten den Rover ab, passierten das Gesocks und betraten den Laden.

Es gab ein paar Pooltische, und weitere Männer in Jeans spielten Darts und Snooker.

»Seid ihr die Bullen, die zu Billy wollen?«, fragte einer von ihnen, ein Riese, dessen kahlrasierter Schädel an der nikotindurchtränkten Decke kratzte.

»Aye«, antwortete ich.

»Lass mal einen Ausweis sehen«, verlangte er.

Wir zeigten unsere Dienstmarken vor und wurden in ein Hinterzimmer geführt.

Ein alter Knacker hockte in einem Angst einflößenden, klaustrophobischen Zimmerchen, das es locker mit dem Führerbunker hätte aufnehmen können, hinter einem unbehandelten Fichtentisch. UVF-Poster an den Wänden, daneben eine, sagen wir mal, naive Darstellung der Queen auf einem Pferd. Hinter dem Alten standen kartonweise Zigaretten jeder nur erdenklichen Sorte. Er schaute sich auf einem großen Fernseher eine Gärtnersendung an.

»Sind Sie Billy?«, fragte ich.

Der Alte erwiderte nichts darauf.

Ich sah Matty an. Der zuckte mit den Schultern. Wir setzten uns auf zwei Plastikstühle.

Der Alte glotze mich misstrauisch an. »Kommt ihr vom Finanzamt?«, wollte er wissen.

»Nein.«

»Zoll?«

»Wir sind von der Polizei und möchten zu Billy.«

»Und ihr kommt auch nicht von den Missionaren der Apostasie?«

»Ich weiß noch nicht mal, was das heißen soll. Ist Billy da?«

»Kommt in fünf Minuten zurück. Er holt nur Benzin für den Generator. Wir hatten letzte Nacht keinen Strom.«

»Niemand hatte welchen«, sagte Matty.

»Möchten Sie Tee?«, fragte der Alte.

»Ich hätte nichts dagegen«, antwortete Matty.

Der Alte ging zur Tür hinaus und kam ein paar Minuten später mit drei Bechern Tee, einer Flasche Milch, Würfelzucker und einer Packung McVitie’s Schokoladenvollkornkeksen zurück. Er gab Milch und Zucker in unsere beiden Becher und rührte mit seinem nikotingelben Zeigefinger um.

»Danke«, sagte ich, als er mir einen Becher reichte.

Der Alte fing an zu quatschen, erst über Busse und über Fußball, schließlich aber über die Schützengräben und den Ersten Weltkrieg, aus dem er, wie er sagte, am ersten Tag der Schlacht an der Somme als einziger Überlebender einer Einheit der Ulster Volunteers herausgekommen war. Ich sah auf die Uhr. Ziemlich lange fünf Minuten.

»Ich geh mal kurz raus«, sagte ich, ging durch den Spielsaal, öffnete die Tür und füllte mir die Lungen mit Gottes kostenloser frischer Luft. Es regnete, die Jeansmänner hockten drinnen und warteten darauf, dass sie an den Snookertischen an die Reihe kamen.

Ein schwarzer Mercedes 450 SL hielt an. Das klassische Verkehrsmittel von Terroristen, Zuhältern und afrikanischen Diktatoren.

Zwei Mann stiegen aus. Einer von ihnen hob einen großen Kanister aus dem Kofferraum und schleppte ihn zur Rückseite des Clubs. Er war ein junger Kerl, blond, etwa zweiundzwanzig. Gut aussehender Bursche in brauner Hose und scharzem T-Shirt.

Der andere Typ zündete sich eine Zigarette an und nickte mir zu. Das war Billy, ich wusste es. Er hatte schwarze Haare, mit einer Susan-Sontag-Strähne vorn. Die blaugrauen Augen saßen tief in den Höhlen, die Falten um seinen Mund waren noch tiefer. Er hatte ein kantiges Keltengesicht, das mich an Fred Feuerstein oder Ian McKellen erinnerte.

»Sind Sie der Bulle, der angerufen und nach mir gefragt hat?«, wollte er wissen.

»Detective Sergeant Sean Duffy, Carrickfergus RUC«, bestätigte ich.

»Katholisch?«

»Ja.«

Er lachte kurz und hässlich. »Okay, also worum geht’s?«

»Tommy Little.«

»Lassen Sie mich raten, Sie haben Walter Hays befragt, und er hat gesagt, Tommy wollte zu mir? Richtig?«, sagte er mit animalischer Verschlagenheit.

»Richtig.«

»Wollen Sie wissen, woher ich das weiß?«

»Sie verfügen über telepathische Fähigkeiten.«

»Weil die IRA mich bereits angerufen und gefragt hat, wann ich Tommy das letzte Mal gesehen habe. Und das sehr höflich.«

Natürlich waren IRA und UVF Todfeinde, die rein theoretisch bei jeder sich bietenden Gelegenheit versuchten, sich gegenseitig umzubringen. In der Praxis gab es allerdings zahlreiche Kontakte zwischen den beiden Organisationen. Sie kooperierten, um Reibungen zu verringern und die Verteilung und das Eintreiben von Schutzgeldern zu sichern.

»Wann haben Sie Tommy das letzte Mal gesehen?«

»Tommy tauchte an dem Tag, als er erschossen wurde, etwa um acht Uhr abends hier auf. Dienstag.«

»Warum?«

»Wir hatten Geschäftliches zu klären.«

»Was für Geschäfte?«

»Ist nicht relevant, Bulle«, sagte Billy drohend.

Genau wie bei Gerry Adams und Freddie Scavanni wusste ich auch in diesem Fall, wer hier die Spielregeln vorgab. Ich musste mich ganz, ganz vorsichtig herantasten. Er konnte das Gespräch jederzeit beenden, und ich würde nie wieder die Chance haben, mit ihm zu reden.

»Ging es um Drogen?«, fragte ich.

Er zuckte mit den Schultern.

»Ich bin von der Mordkommission, nicht von der Drogenfahndung«, beharrte ich.

»Also ganz unter uns?«

»Ganz unter uns.«

»Schwören Sie es beim Leben des beschissenen Papstes.«

»Ich schwöre beim Leben des Papstes.«

»Na gut. Ich merke schon, Sie kommen fast um vor Neugier, also werde ich Sie von Ihrem Elend befreien. Ein paar ganz böse Jungs haben einen aufstrebenden jungen Mann in Andersonstown umgelegt, wir hatten ihm sicheres Geleit gewährt. Ich habe mir deswegen durchaus Sorgen gemacht – und ich habe mich gefragt, was aus den drei Beuteln braunem Heroin geworden ist, die der junge Mann bei sich hatte.«

Mir schoss es nur so durch den Kopf. Braunes Heroin? Sicheres Geleit? Was hatte Tommy Little mit alldem zu tun?

»Und was hat Tommy dazu gesagt?«, fragte ich ruhig.

»Nicht besonders viel. Er kam in mein Büro, gab mir zwei der drei Beutel und fragte, ob ich damit zufrieden sei, was ich bejahte.«

»Und wann genau war das?«

»Wie ich schon sagte, um acht.«

»Wie lange hat Ihr Treffen gedauert?«

»Zwei Minuten.«

»Und dann war er verschwunden?«

»Ja, dann war er verschwunden.«

»Und Sie haben ihn niemals wiedergesehen?«

Billy schüttelte den Kopf, sagte aber nichts.

»Sie haben Tommy nicht wiedergesehen?«

»Nein.«

Billy trug einen roten Trainingsanzug, Adidas-Sportschuhe und eine Goldkette um den Hals. Am Hals hatte er auf der einen Seite ein Spinnennetz, auf der anderen die rote Hand von Ulster tätowiert. Ganz das Erscheinungsbild eines protestantischen Paras auf mittlerer Ebene; dennoch war da etwas, das nicht ganz dazu passte.

Das hier war das Außenbild, das Image, das er vermitteln wollte. Darunter ging noch etwas anderes vor sich. Billy war clever, und sein Akzent klang so gar nicht nach Rathcoole. Mehr als nur ein Hauch südliches Afrika war noch immer zu hören.

»Sie waren doch auch mal Polizist, oder nicht, Billy? In Rhodesien?«

»Polizist? Steht das in Ihren Akten? Ein bisschen mehr Anerkennung, wenn ich bitten darf. Wir haben das Land praktisch geführt. Wir waren die Einzigen, die alles zusammengehalten haben. Das waren Zeiten. Tolle Zeiten! Das hätte ein Paradies sein können. Und schauen Sie es sich jetzt mal an! Wir hätten Mugabe ermorden sollen, als wir die Gelegenheit dazu hatten, und die hatten wir, können Sie mir glauben.«

Ich konnte mir ausmalen, was für tolle Zeiten das waren: Gefängnisprügeleien, Überfälle auf Mosambik, Dörfer niederbrennen, Ernten vernichten …

»Wie viele Menschen haben Sie in Rhodesien umgebracht, Billy?«

»Mehr als genug, Bulle. Mehr als genug«, sagte er eiskalt.

Ich rieb mir das Kinn. War irgendetwas davon wichtig? Er war ein eiskalter Killer, aber das wusste ich ja schon.

»Haben Sie jemals von Lucy Moore gehört?«

»Von wem?«

»Wissen Sie, wer Orpheus ist?«

»Was?«

»Lieben Sie Musik, Billy?«

»Natürlich.«

»Mögen Sie Oper?«

»Was?«

»Oper. Wagner. Puccini.«

»Mach ich mir nichts draus.«

»Nicht Ihr Ding?«

»Nicht mein Ding.«

Billy zündete sich eine Zigarette an und hielt mir das Päckchen hin. Ich nahm eine. Dann schaute ich zu, wie ein Flugzeug entlang der Küste des Belfast Lough zur Landung ansetzte.

»Noch mal zusammengefasst. Tommy Little kam Dienstag gegen acht Uhr vorbei, um Sie zu sehen. Er entschärfte einen potenziell ernsthaften Streit über das Heroin eines toten Drogendealers. Er blieb fünf Minuten, dann verschwand er, und Sie haben ihn nie wiedergesehen.«

»Kommt ungefähr hin«, bestätigte Billy, und wieder war da dieser Blick, der mir nicht gefiel. Wenn das die Wahrheit war, so war es nicht die ganze Wahrheit.

»Was taten Sie dann, als Tommy fort war?«

»Ich hab so bis zwölf Snooker gespielt und bin dann nach Hause.«

»Zeugen?«

»Alle im Club.«

»Die würden auch schwören, dass Sie der Schah von Persien sind.«

»Ja, das würden sie«, lachte Billy.

»Was denken Sie über Schwule, Billy?«

»Ich persönlich?«

»Ja.«

»Ist mir scheißegal. Wen kümmert’s, was die Leute in ihrem eigenen Zuhause so treiben.«

»Sehr aufgeklärt. Was würden Sie tun, wenn Sie herausfänden, dass einer Ihrer Jungs schwul ist?«

»Das wissen Sie doch.«

»Sie würden ihn umbringen?«

»Müssen wir. Die Oberen würden das verlangen.«

Der Niesel wich Regen.

»Noch weitere Fragen?«, sagte Billy.

»Ein oder zwei«, meinte ich

»Dann gehen wir besser rein.«

Wir gingen in das vollgestopfte Hinterzimmer. Billy schaltete den Fernseher aus und schmiss den Alten raus. Dann setzte er sich hinter den Tisch.

»Shane, komm mal her!«, rief er, und sein junger, blonder Assistent kam herein. Shane setzte sich neben Billy uns gegenüber. Er war reizend, hübsch, irritierend, und vielleicht lag sogar eine Spur Jupiter und Ganymed in ihm. Vielleicht.

»Und Sie sind?«, fragte ich Shane.

»Shane Davidson. Davidson mit D.«

»Sergeant Duffy möchte wissen, ob Dienstagnacht das letzte Mal war, dass wir Tommy Little gesehen haben«, erklärte Billy.

Shane drückte die Augen zusammen. »Natürlich«, sagte er und sah Billy mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte. Auch Matty bemerkte ihn und nickte mir ganz, ganz leicht zu.

»Verdammte Scheiße, Sie haben sich doch wohl nicht mit Tommy zerstritten und ihn umgelegt, oder?«

»Lesen Sie keine Zeitung, Mann? Tommy ist von einem Irren umgenietet worden, der es auf Schwuchteln abgesehen hat. Ich sage zwar Irrer, aber in Wahrheit denken wohl die meisten Menschen, dass er allen einen Gefallen getan hat, könnte ich wetten«, meinte Billy.

»Außerdem würden wir den Teufel tun und uns mit Tommy Little anlegen!«, fügte Shane hinzu.

»Aye. Die großen weißen Häuptlinge würden uns umlegen, bevor es die IRA täte«, sagte Billy.

»Und was genau hat Tommy für die IRA gemacht? Welche Position hatte er inne?«, wollte ich endlich wissen.

Billy lachte und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Der Bursche ist seit vier Tagen tot, und ihr wisst nicht, wer er war? Himmel, seid ihr die Keystone Cops oder so?«

»Was war Tommy Littles Job bei der IRA?«, beharrte ich.

»Sie wissen es wirklich nicht?«, wiederholte Shane, und sein Boss lachte schallend.

»Nein.«

»Tommy Little war der Kopf der FRU«, erklärte er.

»Tommy Little war der Kopf der militärischen Innenrevision der IRA?«, sagte ich ungläubig.

»Genau.«

»Das heißt, ein Posten im Armeerat.« Matty schnappte nach Luft.

»Sie sehen also, warum derjenige, der Tommy umbrachte, nur ein Irrer sein kann, oder?«, fragte Billy.

Ja, das sah ich auch so.

Alle anderen Annahmen waren damit hinfällig.

Tommy Little war der Kopf der FRU – der inneren Sicherheitstruppe der IRA. Die FRU war dafür verantwortlich, Polizeispitzel und MI5-Maulwürfe innerhalb der Organisation zu enttarnen. Die am meisten gefürchtete Truppe auf der ganzen Insel. Furchteinflößender als die sonstigen Paras, die Sondereinheiten oder gar das SAS.

Erwischte dich die IRA, schossen sie dir in die Kniescheibe oder gleich in den Kopf. Erwischte einen die FRU und hatte sie den Verdacht, dass du Spitzel oder Doppelagent warst, dann konnte der Spaß eine Woche dauern. Folter mit Schweißgerät, Hammer, Bohrer, Säure, Elektroschocks. Kastration. Blenden. Amputation. Das waren so die Methoden der FRU, um die Wahrheit herauszufinden.

Nur ein Irrer würde sich jemals mit dem Oberboss der FRU anlegen. Der Gegenschlag würde schnell und furchtbar werden. Dazu musste man verrückt sein.

Ich stand auf. Matty auch.

»Hier, die Herren, bedienen Sie sich.« Billy bot jedem von uns ein halbes Dutzend Stangen Zigaretten an.

Ich schüttelte den Kopf.

»Na los, es wird einen Dockarbeiterstreik geben. Bis morgen sind alle Zigaretten aus den Läden verschwunden«, sagte Billy.

»Ach, scheiß drauf«, meinte ich und nahm mir eine Stange Marlboro. Matty nahm eine Stange Benson & Hedges, und wir nahmen eine Dose Virginia-Pfeifentabak für Crabbie mit. Dann verließen wir das Büro und traten hinaus in den schlachtschiffgrauen Nachmittag von Rathcoole.

»Zurück zum Rover?«, fragte Matty.

»Lass uns noch ein Stück zu Fuß gehen und einen klaren Gedanken fassen.«

Wir gingen zwischen den verwohnten Häusern und den bröckelnden Wohntürmen aus den Sechzigern hindurch. Alles wirkte farblos und schien keine zwanzig Jahre nach Errichtung in Trümmern zu liegen. Ein riesiges, entsetzlich schiefgelaufenes Experiment im sozialen Wohnungsbau.

»Was glaubst du, wo die Frauen sind, Matty?«, fragte ich ihn. »Hier sind nur Männer. Keine Frauen, keine Kinder.«

»Die sind im Haus, waschen Wäsche, schlagen die Kleinen, brutzeln Fritten.«

Vor einem sechs Meter hohen Graffito blieb ich stehen: »Dreht euch nicht um, Rathcoole KAI geht um.«

»Was soll denn KAI heißen?«

»Kill All Irish.«

»Kill All Irish. Wie nett. Rathcoole kommt vom irischen Rath Cuile, das heißt: ›im Inneren der Ringfestung‹. Früher war das mal der Palast der Könige von Ulaidh. Jetzt schau dir das mal an. Betonburgen und Zeile um Zeile seelenlose Reihenhäuser.«

»Und selbst wenn das ein Palast wäre, hätten diese Drecksäcke den auch komplett ruiniert, glaub mir«, meint Matty abfällig.

Ich sah auf die Uhr. Schon vier. Wo war nur der Tag geblieben?

»Wir sollten nach Hause fahren«, schlug Matty vor. »Wenn Tommy Little wirklich der Kopf der FRU war, dann würde sich selbst der Todesengel ihm auf keine hundert Schritte nähern. Das ist offenkundig der falsche Ansatz. Die Jungs sind ja so blöd auch wieder nicht.«

»Aye, ich weiß. Na gut. Na gut, ab zum Rover. Wir fahren los, aber ich möchte, dass du mich hinter der nächsten Ecke rauslässt, damit mich die argwöhnischen Blicke aus den Türmen nicht mehr sehen.«

»Was hast du vor?«

»Ich werde mich zur Rückseite dieser verlassenen Häuser dort schleichen, mich in einem davon verstecken und darauf warten, dass unser Bursche auftaucht.«

»Billy?«

»Nein, Billys kleiner Freund Shane. Ich glaube, er weiß etwas, das er uns nicht sagt.«

»Jeder in Belfast weiß etwas, das er uns nicht sagt.«

Wir stiegen in den Wagen. Matty fuhr mich zu einem völlig zerstörten Basketballplatz, der nun als Müllkippe für Container, Einkaufswagen, Kinderwagen und einen ausgebrannten, geklauten Wagen diente. Ich stieg aus und steckte meine Waffe in die Tasche meines Regenmantels.

»Sei vorsichtig, okay?«, mahnte Matty.

»Vorsicht ist mein zweiter Vorname. Das und Aloysius, aber das musst du ja nicht jedem auf die Nase binden.«

Matty grinste, und ich ging durch die Spirale aus Abfall zu den verlassenen Reihenhäusern.