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FREUNDE VON TOMMY LITTLE

Der Himmel war blau, eine Concorde brannte auf ihrem Transatlantikflug einen breiten Streifen über unsere Köpfe. Wir schauten einen Augenblick zu, dann stiegen wir in den BMW und fuhren zum Tor hinaus. Vor dem Revier sang eine Gruppe von ältlichen Jesus-Freaks irgendwas über Homosexuelle und die Wiederkehr Jesu und verkündete, dass wir Bullen Handlanger des Antichrist seien.

Die Menge war durchaus beachtlich, etwas weiter parkte sogar schon ein Imbisswagen und verkaufte Fritten und Doughnuts.

»Doughnut?«, fragte ich Crabbie.

»Sag ich nicht nein.«

Wir holten uns ein halbes Dutzend und fuhren hinaus aufs Land.

New Line Lane lag an der New Line Road eine Meile außerhalb der Ortschaft Ballycarry. Jede Menge Schlaglöcher und Brombeergestrüpp, das von beiden Seiten derart weit auf die Fahrspur wucherte, dass ich mir schon Sorgen um den Lack machte.

Schließlich kamen wir am Landhaus an: klein, eingeschossig, weiß getünchter Stein, winzige Fensterchen und Schilfdach. Touristen würden bei diesem Anblick zweifellos völlig ausflippen, und der Bewohner klagte zweifellos über undichte Stellen und Feuchtigkeit. Aus dem Kamin kringelte bläulicher Torfqualm.

Ich stellte den Wagen ab und stieg aus. Ich blickte hinter mich die Gasse entlang bis zur grauen Zunge des Belfast Lough und zu den gelben Kränen der Schiffswerften in Harland und Wolff dahinter. Die Stadt wirkte friedlich, wie immer von hier oben. Es brannte nichts, aber man konnte an der Anzahl der Hubschrauber über Ardoyne erkennen, dass es ernst war: zwei Gazelles, eine Sea King, eine Wessex.

Die Sonne zeigte sich, also ließ ich meinen Regenmantel im Wagen. Es wirkte nicht sehr professionell, die Polizeiarbeit in einem Deep-Purple-T-Shirt zu erledigen, aber was sollte ich machen?

Wir klopften an die kleine, in passendem Grün gestrichene Holztür.

»Mr Hays?«, fragte Crabbie.

Die Tür ging auf. Hays war groß und dürr, etwa fünfundzwanzig. Er trug weiße Jeans zu weißem Hemd, eine John-Lennon-Brille mit blauen Gläsern und hatte sich die blonden Haare gegelt. An der Wange hatte er einen blauen Fleck, die Lippe war aufgeplatzt und noch nicht verheilt, seit – und da gab es keinen Zweifel – die IRA ihn wegen Tommys Tod befragt hatte. Er richtete eine doppelläufige Schrotflinte Kaliber 12 auf uns.

»Kann ich behilflich sein?«, fragte er in einem gepflegten »South Belfast«-Akzent.

»Wir sind von der Polizei. Wir ermitteln im Fall des Todes von Tommy Little«, sagte ich und zeigte ihm meinen Ausweis.

»Ich habe nichts zu sagen«, erwiderte Hays und studierte den Ausweis sorgfältig.

»Haben Sie bis vor kurzem mit Tommy Little im Haus 33 Falls Court gewohnt?«

»Bis gestern«, murmelte er.

»Bis die IRA Sie rausgeschmissen hat?«

»Kein Kommentar.«

»Vielleicht könnten Sie die Flinte von meinen Eiern weghalten, ich werde bald Vater«, sagte Crabbie.

Hays senkte die Waffe.

»Mit wem haben Sie gerechnet?«, fragte ich und deutete auf die Flinte.

»Ach, man kann ja nie wissen?«, meinte Hays nur.

»Gehört das Haus Ihnen?«, fragte ich.

»Hat meinem Vater gehört. Wir sind ab und zu hergekommen, um mal aus Belfast rauszukommen.«

»Sie und Tommy Little?«

»Kein Kommentar.«

»Womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt, Mr Hays?«

»Ich arbeite für die Forstverwaltung.«

»Ah, das ist sicher eine interessante Arbeit. Ich hab gehört, noch um 1800 konnte ein Eichhörnchen von einer Seite Irlands zur anderen von Ast zu Ast spazieren.«

»Kommt ungefähr hin«, brummelte er und kniff die Augen zusammen.

Ich hatte schon viele gesehen, die keine Aussage machen wollten, aber dieser Kerl war noch mürrischer als so manch anderer. Unter normalen Umständen würde er schwer zu befragen sein, doch zu unserem Glück war er mit den Nerven am Ende, gedemütigt und vor allem wütend.

»Wer hat Ihnen gesagt, dass Sie nicht mit uns reden sollen, Mr Hays?«

»Was glauben Sie?«

»Die IRA?«

»Die und mein gesunder Menschenverstand.«

»Dürfen wir hereinkommen, Mr Hays?«

Er schüttelte den Kopf.

»Hören Sie, Mr Hays, ich bin Detective Sergeant bei der Carrickfergus RUC. Ich untersuche Tommys Tod. Anders als Ihre Freunde bei der IRA, die den ganzen Fall am liebsten unter den Teppich kehren würden, will ich den Mörder finden. Ich will herausfinden, wer es war.«

»Tommy ist an dem Abend ausgegangen, mehr weiß ich nicht«, sagte Hays und wollte die Tür zumachen.

Ich schob meinen Schuh in den Spalt. »Wohin wollte er?«

»Ich sag nichts weiter.«

»Wohin wollte er?«, setzte Crabbie nach.

»Ich weiß gar nichts.«

»Na kommen Sie schon, wir versuchen herauszufinden, wer ihn umgebracht hat«, beharrte ich.

Seine Augen wurden feucht, aber noch immer schüttelte er den Kopf. »Ich kann Ihnen nichts sagen. Das hat man mir unmissverständlich klargemacht. Die haben mich an einen verdammten Stuhl gefesselt. Sie haben mir eine Waffe an den Kopf gehalten. Man hat mir gesagt, ich kann von Glück reden, dass ich noch lebe!«

Ich holte tief Luft und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Sagen Sie uns nur, wohin er gegangen ist«, flüsterte ich.

Hays starrte mich wütend an, hielt aber den Mund.

Ich sah zu Crabbie rüber. Natürlich konnten wir ihn mit aufs Revier nehmen, aber mit einem Anwalt der Sinn Fein im Zimmer würden wir bloß gegen eine Wand anrennen … Außerdem konnten wir sehen, dass der Mann einknickte.

Er fing an zu zittern, kein einzelnes Ereignis, sondern eine Reihe kleiner Wellen, die sich zu einem Höhepunkt aufschaukelten, wie bei Menschen im Bus auf dem Weg zum Knock-Schrein. Echter Kummer.

»Wir müssen wissen, wohin Tommy gegangen ist«, sagte Crabbie sanft.

»Wen hat er besucht, Walter?«, fragte ich.

Hays schüttelte den Kopf. »Ich lese Zeitung. Das hat nichts mit Tommys Job zu tun, oder? Das war ein Irrer, der einfach wahllos Leute umbringt! Schwule!«

Er sagte es ganz verächtlich – so wie er wohl dachte, dass wir das Wort ›Schwule‹ aussprachen.

Aber es war zu spät. Er hatte uns eine wichtige Information gegeben. Tommys Job.

»Was hat Tommy denn für die IRA gemacht, Walter?«

»Selbst das wisst ihr nicht mal?«, meinte Hays voller Verachtung. »Ihr habt nicht den leisesten Schimmer, verdammt.«

Crabbie und ich sahen uns aufgeregt an.

»Was hat er gemacht, Walter?«

»Ich sag nichts mehr!«, blaffte Hays.

Anderes Tempo. Schritt für Schritt.

»Ist Tommys Wagen schon aufgetaucht?«, fragte ich. Walter schüttelte den Kopf.

»Was für einen Wagen fuhr er denn?«, fragte Crabbie.

»Einen blauen Ford Granada, Baujahr 78, BXI 1263.«

Ich schrieb das Kennzeichen in mein Notizbuch.

»Wie lange waren Sie und Tommy zusammen?«, fragte ich.

»Vier Jahre.«

»Vier Jahre. Er muss Ihnen sehr viel bedeutet haben. Na, kommen Sie schon, Walter. Wollen Sie denn nicht, dass wir Tommys Mörder finden?«

»Aus mir kriegen Sie nichts raus. Nichts«, schluchzte er. »Verschwinden Sie jetzt endlich!«

Ich griff in die Tasche, um ihm eine von meinen Karten zu geben, doch er wollte sie nicht nehmen.

»Wenn sie die im Haus finden, bringen die mich hundertprozentig um«, sagte er. Jetzt flossen richtige Tränen.

»Schon gut, Mann«, sagte ich. Ich drückte ihm die Schulter. »Schon gut«, sagte ich, »schon gut.«

Die Tränen flossen.

Eine Minute verging.

Walter schniefte und riss sich zusammen. Ich sah ihm in die Augen.

»Wen wollte er besuchen, Walter? Nennen Sie uns einen Namen.«

Wieder schniefte er. Sein Gesichtsausdruck nahm eine Spur von Härte an. Er hatte einen Entschluss gefasst.

»Zwei Namen«, flüsterte er.

»Sagen Sie sie.«

»Sie werden ihnen nichts nützen.«

»Warum nicht?«

»Keiner von den beiden ist der Mörder. Die IRA hat schon eine interne Untersuchung durchgeführt, und beide leben noch.«

»Nennen Sie sie mir trotzdem. Sagen Sie mir alles.«

Er putzte sich die Nase. »Also gut. Wenn ich Sie damit loswerde.«

»Wir verschwinden, versprochen.«

Walter seufzte und holte tief Luft. »Okay. Also, es war halb sieben abends, auf BBC2 lief Snooker, Alex Higgins, Tommy liebt es, Alex zuzuschauen, eigentlich, aber er zieht sich eine Jacke an, und ich frage ihn, wohin er will, und er sagt, er müsse mal bei Billy White vorbei, wegen der Unruhen. Ich hab mir nichts dabei gedacht, er geht eh alle vierzehn Tage oder so bei Billy vorbei. Ich hab ihm auch nicht richtig zugehört. Tommy ist schon halb zur Tür raus, da klingelt das Telefon, er geht ran und telefoniert vielleicht eine Minute, aber ich hab mich nicht darum gekümmert, weil ich auch gern Snooker gucke, dann legt er auf, und ich frag ihn, wer dran war. Er sagt nichts. Also dreh ich mich zu ihm um und frag ihn, was los ist. Und er murmelt was von Geschäften, um die er sich kümmern muss, und danach muss er zu Freddie Scavannis Haus. Und dann ist er gegangen. Das war … da hab ich ihn zum letzten Mal gesehen.«

»Was war denn bei Scavannis Haus?«, fragte ich und notierte alles.

Walter machte den Mund auf, schloss ihn, wendete den Blick ab.

»Da ist doch noch was, na los, Walter, raus damit.«

»Nein. Nicht mehr viel. In derselben Nacht rief einer der Hochrangigen an und suchte nach Tommy – etwa eine Stunde nachdem er fortgegangen war –, und ich sagte ihm, was Tommy gesagt hatte.«

»Was meinen Sie mit ›hochrangig‹?«

»Einer der großen Bosse. Aber den Namen kriegen Sie niemals aus mir raus.«

»Einer der großen Bosse der IRA, meinen Sie?«

»Ja.«

»Wie groß?«

»Oben. Ganz oben. Mehr sag ich nicht.«

Wieder warf ich Crabbie einen Blick zu. Er konnte ebenfalls nicht fassen, was er da zu hören bekam.

»Okay, Walter, und was genau haben Sie diesem hohen Tier gesagt?«

»Dass Tommy schon fort ist. Dass er zu Billy White und Freddie Scavanni wollte.«

Ich schrieb mit. »Und was ist dann passiert?«

»Na ja, Tommy ist nicht zurückgekommen, die Bosse haben gegen Mitternacht wieder angerufen, und ich sagte, dass ich ihn noch nicht gesehen hatte. Andauernd bleibt Tommy für die Jungs über Nacht weg, da habe ich mir noch keine Sorgen gemacht. Aber am Morgen haben die Bosse wieder angerufen und dann den ganzen Nachmittag lang. Dann fing ich an, mir richtig Sorgen zu machen, und am Abend klopften ein paar Kerle mit Sturmhauben an die Tür, schleppten mich fort und verhörten mich …«

Er zögerte, unterbrach sich, so als habe er sich gerade dabei ertappt, wie er einen fürchterlichen Fehler gemacht hatte. »Informant« war in Irland schon immer ein vergiftetes Wort gewesen, und heutzutage war ein »Informant« jeder, der in Anwesenheit eines Polizisten auch nur den Mund aufmachte.

»Okay, Sergeant Duffy, das war’s. Sie wissen, was ich weiß. Jetzt gehen Sie und kommen Sie nie wieder«, sagte Walter müde.

Er drängte mich auf die Veranda hinaus.

»Einen Moment, Walter, ich …«

Bevor ich noch etwas sagen konnte, hatte er die Tür zugeknallt. Ich stand eine Weile da und drehte mich dann zu Crabbie um.

»Klingelt was bei den Namen?«

»Keine Ahnung, wer Freddie Scavanni ist, aber Billy White ist ein protestantischer Para in Newtownabbey. UVF Divisional Commander für East Antrim.«

»Warum sollte ein IRA-Mann sich mit einem Divisional Commander der UVF treffen?«

»Da gibt’s viele Gründe.«

»Drogen?«

»Aye, das Territorium für den Drogenhandel und die Schutzgelder aufteilen, Waffenstillstände schließen, so was alles. Aber die Sache ist doch die, Sean, die Frage, die wir uns stellen müssen, warum trifft sich Billy White mit irgendeinem IRA-Menschen aus den unteren Rängen?«

»Und die Antwort darauf kennen wir schon, richtig? Weil Tommy Little eben nicht irgendein niederer Rang bei der IRA war, richtig?«

»Nein. Schätze, das war er nicht«, pflichtete mir Crabbie bei.

Wir fuhren zurück aufs Revier, und während Crabbie Matty auf den neuesten Stand brachte, ging ich die Akte zu Billy White durch:

1947 in Belfast geboren. Kluges Kerlchen. Methodist College. Mittlere Reife in zehn Fächern. In zwei Fächern bis zur Hochschulreife. 1966-71 in Rhodesien, wo er zur Polizei geht. 1971 aus unbekannten Gründen aus Rhodesien ausgewiesen. 1972 wegen Hehlerei verhaftet. 1972-74 an wechselnden Orten im Gewahrsam Ihrer Majestät. Kehrt 1974 nach Belfast zurück. Schließt sich der UVF an, Verhaftung wegen versuchten Mordes. Augenzeuge verschwindet. Wird nie wieder verhaftet. Verdächtig des Auftragsmords, der Geldeintreiberei, des Drogenhandels. Gegenwärtiger Rang in der UVF: Senior Commander und Quartiermeister.

Aus der Akte ging nicht hervor, was Billy im Augenblick für die UVF trieb, aber wenn er Verbindungsoffizier zu anderen Paras war, dann war er nahezu unangreifbar.

Dann sah ich mir die Akte zu Freddie Scavanni an: 1948 geboren in Ravenna, Italien. 1950 nach Cork, 1951 nach Belfast umgesiedelt. Vater einer der vielen italienischen Immigranten, die nach dem Krieg nach Irland kamen. Schulstipendium für die Portora Royal School, Enniskillen. Mittelschulabschluss in 12 Fächern. Hochschulabschluss in drei Fächern. Noch so ein kluges Kerlchen. Haftstrafe wegen IRA-Mitgliedschaft 1972, Freilassung 1973. Bachelor in Journalismus an der Queen’s University Belfast 1976. Gegenwärtig Presseoffizier der Sinn Fein. Gegenwärtiger Rang in der IRA: unbekannt.

Ich klappte die beiden Akten zu und legte sie auf meinen Schreibtisch. Dann rief ich das Hauptquartier der Sinn Fein an und bat darum, mit Scavanni zu sprechen, doch mir wurde gesagt, ich solle einen langen, spirituell erfüllenden Spaziergang ins nächstgelegene Moor machen.

»He, Crabbie, weißt du noch, als der Chef sagte, wie toll das doch sei, zur Abwechslung mal einen hübschen kleinen, ganz normalen Mordfall zu haben, der nichts mit den Paras oder religiösen Auseinandersetzungen zu tun hätte?«

»Ja«, meinte er säuerlich und sah auf die Uhr.

»Ich bin mir nicht mehr so sicher, dass das so stimmt.«

Ich wickelte die beiden Akten mit einem Gummiband zusammen und warf sie ihm zu. Er las sie und pfiff.

Es war siebzehn Uhr. »Morgen wird ein anstrengender Tag, Mann«, sagte ich. »Geh lieber nach Hause.«

»Anstrengender als heute?«

»Aye. Wir werden Lucy Moores Eltern und ihren Ex im Maze befragen, damit wir die Untersuchung abschließen können. Dann werden wir unsere zwei neuen besten Freunde interviewen müssen, Freddie und Billy.«

»Ich komme erst später, Sean. Ich muss morgen nach Derry zur Beerdigung meines Onkels Terry«, sagte Crabbie.

»Also gut, dann hat eben Matty einen anstrengenden Tag.«

»Ich schreib noch die beiden Namen auf«, sagte Crabbie und notierte FREDDIE SCAVANNI und BILLY WHITE auf dem Whiteboard. Dann zog er seinen Mantel an. »Ist es echt okay, wenn ich nach Hause gehe?«

»Aye.«

»Und was ist mit mir?«, fragte Matty.

»Himmel, bist du immer noch hier? Wo steckst du überhaupt?«

»Ich liege vor der Heizung auf dem Boden.«

»Warum?«

»Mein Rücken bringt mich noch um. Ich muss mir was gezerrt haben. Ich konnte gestern nur mit Mühe den Zehnpfünder an Land ziehen. Ich sollte mich krankmelden.«

»Nein! Hast du herausgefunden, wo die Schwulen sich treffen?«

»Nein.«

»Hast du herausgefunden, wo sich Lucy Moore seit Weihnachten versteckt gehalten hat?«

»Nein.«

»Hast du herausgefunden, ob es eine Verbindung zwischen Tommy Little und Andrew Young gab?«

»Nein.«

»Hast du herausgefunden, was Tommy Little eigentlich gemacht hat?«

»Nein.«

»Ist ja toll. Also gut, geh nach Hause.«

Matty grinste und bedankte sich. Als die beiden verschwunden waren, schaltete ich den tragbaren Fernseher ein, die »Northern Ireland News« um 18 Uhr. Unsere Story kam erst an fünfter Stelle, nach einer Busbombe, der Royal Wedding, den Hungerstreiks und einem Angriff auf einen Armeehelikopter. Die BBC interviewte in ihrer Weisheit den Belfaster Stadtrat George Seawright von der DUP, der als verantwortlicher gewählter Repräsentant Homosexualität verurteilte als ein »verabscheuungswürdiges Laster vor Gott, das die schlimmsten Strafen der Hölle verdient«.

Ich schaltete den Ton ab, rief Special Branch an und bat um die neuesten Akten zum Oberkommando und Militärrat der IRA. Dann rief ich die Gefängnisverwaltung für Nordirland an und fragte nach, was notwendig war, um einen Gefangenen im Hungerstreik zu befragen.

Bis zum Ende von Heather Fitzgeralds Schicht hatte ich noch ein wenig Zeit totzuschlagen, also bearbeitete ich noch einmal das psychologische Profil des Mörders, aber sonderlich viel hatte ich nicht in der Hand. Männlich, 25 bis 50 Jahre alt. Intelligent. Kennt sich mit klassischer Musik aus und mit Mythologie. Kann womöglich Altgriechisch? Das schränkte die Zahl der potenziellen Verdächtigen nicht sonderlich ein, denn wie die meisten Kinder, die auf eine katholische Schule oder ein protestantisches Gymnasium gegangen waren, hatte auch ich Latein und Griechisch gelernt.

Gegen sieben Uhr gingen Heather und ich ins Taj Mahal Indian Restaurant auf der North Street. Wir waren die einzigen Gäste.

Heather war jetzt in Zivil gekleidet: schwarzer Pullover, langer, brauner Rock und Stiefel mit kurzen Absätzen. Sie hatte ihren Teil der Abmachung eingehalten, und sie sah gut aus.

Ich bestellte sechs verschiedene Gerichte von der Karte; stattdessen brachte man uns, was eben gerade da war. Der Kellner wurde merkwürdig ausweichend, als ich genauer nachfragte, also bedrängte ich ihn nicht weiter. Heather pickte an ihrem Essen herum wie ein Vögelchen und aß praktisch nichts. Ich hatte seit Tagen nicht vernünftig gegessen und verschlang auch noch ihre Reste.

Wir hatten beide je drei Kingfisher intus, als wir händchenhaltend zum Dobbins auf der West Street gingen. Heather wollte einen Gin Tonic, ich ein Pint Bass.

Nach zwei weiteren Drinks kamen wir glänzend miteinander aus.

Sie verschwand auf der Toilette, und ich stand am Kamin und betrachtete die knisternden Torfbriketts.

»Hab mir schon gedacht, dass ich dich hier finde«, sagte jemand.

Ich drehte mich um. Laura.

»Ich habe nach dir gesucht«, fuhr sie fort. »Ich wollte dich fragen, ob du diese Woche mit mir ins Kino gehst.«

»Ich dachte, die IRA hätte alle Kinos in die Luft gejagt.«

»Nicht alle«, meinte sie lachend.

»Was läuft denn?«

»Die Stunde des Siegers. Hast du davon gehört?«

»So eine Art Neuauflage von Ben Hur?«

»Es geht um die Olympischen Spiele.«

In diesem Augenblick kam Heather zurück. Sie sah, wie ich mich mit Laura unterhielt, hakte sich sofort bei mir ein und gab mir einen Kuss auf die Wange.

Laura blinzelte ein paarmal.

»Laura, meine Freundin Heather. Heather, das ist Laura«, stellte ich die beiden einander vor.

Die beiden Frauen sahen sich an und sagten kein Wort. Heather legte mir eine Hand auf die Wange, kam ganz nah heran und gab mir einen Kuss auf den Mund. Als sie fertig war, war Laura natürlich bereits verschwunden.

»Lass uns austrinken und von hier verschwinden«, sagte Heather.

Wir gingen nach draußen und hielten ein Taxi an. Es fuhr uns zu ihrem Haus in der Wildnis von Greenisland. Das Haus war erstaunlich groß für einen jungen Reserve-Constable. Wenn ich sie nicht heute im RUC-Dienstwagen gesehen hätte, hätte ich jetzt gedacht: O Scheiße, IRA-Honigfalle.

Heather zog sich aus und enthüllte Netzstrumpfhose und schwarzes Mieder.

Was zum Teufel ist hier los?, dachte ich, als sie meinen Schwanz durch die Hose hindurch packte.

»Wir sind heute fast ums Leben gekommen«, sagte Heather.

»Eigentlich nicht.«

»Macht dich das nicht an?«, fragte sie.

»Du machst mich an«, erwiderte ich und küsste sie. Sie schmeckte nach Gin und besseren Zeiten.

Ich küsste ihre Brüste und ihren Bauch und legte sie aufs Bett.

»Fick mich, du Tier!«, stöhnte sie.

Ich brauchte keine weitere Aufforderung. Wir hatten harten, animalischen Sex, dann stieg sie auf mich, und wir taten es noch mal.

Ich schlief ein, bis sie mich gegen halb zwei kräftig schüttelte. »Mein Mann kommt um zwei von der Nachtschicht«, sagte sie. »Zieh dich an und verschwinde.«

»Machst du Witze?«

»Er ist Schweißer, er bricht dich in zwei Teile, kleiner Mann, und jetzt verschwinde.«

Ich musste fünf Meilen im Regen nach Hause laufen.

Als ich in der Coronation Road ankam, war ich erledigt. Ich riss mir die nassen Sachen vom Leib, zündete den Petroleumofen an und legte Velvet Underground and Nico auf. Ich schob den Tonarm bis zu »Venus in Furs« vor und drückte auf Repeat. Als John Cages verrückte Viola und Lou Reeds Ostrich Guitar losdroschen, ging ich ans Bücherregal, zog die Britannica Encyclopedia of Art heraus und blätterte durch die Jahrhunderte, bis ich zu Orpheus in der Unterwelt von Jan Brueghel dem Älteren kam. Ich lag vor der Heizung, der Regen nahm zu, die Badezimmerfenster klapperten im Wind. Ich betrachtete Brueghels Hölle: fliegende Dämonen, Feuer, gequälte Seelen und im Vordergrund eine Dame in recht hübschen Kleidern mit entblößter Brust.

Ich lag da und ließ die Minuten vergehen. Minuten. Stunden. Die ganze Ewigkeit. Ich dachte an Orpheus, wie er im Reich des Hades nach seiner Geliebten sucht. Ich dachte an Laura und Heather. Ich dachte an Tommy und Walter. Ich suchte nach einem Sinn. Aber da war nichts. Alles Unsinn. Alles. Das Ganze hatte Methode, aber keinen Schlüssel. Die spielen alle nur mit uns, dachte ich.

Pünktlich um drei Uhr früh gingen die Lichter aus.